Jahresendfiguren-Karussell

Seit vielen Jahren gehört eine große Pyramide zu jedem Döbelner Weihnachtsmarkt dazu.

Döbelner Weihnachtspyramide 2023 auf dem Niedermarkt

Für jüngere Leserinnen und Leser sowie für Nicht-Döbelner vorab eine kurze Erklärung, was es mit dem Wortungeheuer „Jahresendfiguren-Karussell“ auf sich hat: Gemeint ist schlicht und einfach die Weihnachtspyramide – jene, die sich in der heimischen Stube zur Weihnachtszeit im warmen Luftstrom brennender Kerzen dreht. Es gibt sie auch in Großausführung, dann allerdings motorbetrieben, auf den Weihnachtsmärkten unserer Region. Auf den übereinander angeordneten Drehscheiben finden sich stets die besagten Jahresendfiguren: Weihnachtsmänner, Nussknacker, Engel – um nur einige Vertreter dieser Spezies zu nennen, die sich gemächlich im Lichterglanz drehen.

Ich bin überzeugt, dass die Bezeichnung „Jahresendfiguren-Karussell“ nur in Döbeln gebräuchlich war. Sie entstammt der sozialistischen Ideologie in der DDR vor rund 30 Jahren. Die Staatsmacht zeigte keinerlei Bereitschaft, religiös-kirchliche Motive und deren christlichen Hintergrund zuzulassen. Stattdessen war man eher geneigt, das fremd anmutende Brauchtum des „großen Bruders“ in Moskau zu übernehmen: Dort brachte Väterchen Frost die Geschenke, gefeiert wurde das Fest des Tannenbaums. Die meisten DDR-Bürger kümmerten sich jedoch wenig um diese Vorgaben und hielten am traditionellen deutschen Weihnachtsbrauchtum fest. In dieser ideologischen Zwickmühle versuchte man, den religiösen Ursprung durch neue Begriffe zu verschleiern – dilettantischer ging es kaum. Dass man sich dabei immerhin des deutschen Wortschatzes bediente, war kein Trost; es wirkte schlicht würdelos.

Konstruktions- und Sozialgebäude der Entwicklungsstelle Döbeln Bau der Fertigungshalle an der Zschepplitzer Straße (2. Bauabschnitt 1972)

Die Wiege der Döbelner Pyramide

Zu Weihnachten denken wir vor allem an die Krippe mit dem Christuskind im Stall von Bethlehem. Daraus ergibt sich die Frage: Wo stand die Wiege der Döbelner Pyramide? Darüber könnte ich einen ganzen Roman schreiben. Alles begann in einer großen Werkhalle an der Zschepplitzer Straße, wo sie gebaut und erstmals zusammengesetzt wurde. Die Halle, nahe der Autobahnauffahrt zur A14 in Döbeln-Nord, existiert noch heute – nur die Väter der Pyramide arbeiten längst nicht mehr dort.

Vor der Wiedervereinigung gab es in Döbeln 56 volkseigene Betriebe. Einer davon entstand 1955 und trug zunächst den Namen VEB Zentrale Entwicklung-Konstruktion (ZEK) Mustermaschinenbau Döbeln. Die Produktion befand sich damals in einem größeren Gebäude des Döbelner Beschläge- und Metallwerkes 1 (DBM) an der Schillerstraße – dort, wo sich heute der ebenerdige Parkplatz unter den Verkaufsräumen von Kaufland befindet. Jahrelang wurden hier Maschinen gebaut, deren Konstruktionszeichnungen aus der betriebseigenen Entwicklungsabteilung stammten. Diese war im Werk DBM 2 untergebracht, an der Grimmaischen Straße, wo heute nur noch der markante Rundbau steht.

In den vier Jahrzehnten seines Bestehens wechselte der Betrieb mehrfach den Namen. Letzte Bezeichnung vor der Wende: VEB Haushaltsgeräte Karl-Marx-Stadt, Werk Döbeln. Wenige Jahre später kam das Aus – Mitte der 1990er Jahre schloss der Betrieb unter der Leitung des Münchner Fabrikanten Brunner als Döbelner Maschinen- und Anlagenbau GmbH. Ich selbst stand von 1957 bis 1992 am Reißbrett, damals bereits unter dem Kürzel „Ratio“. Anfang der 1970er Jahre entstand an der Zschepplitzer Straße ein eigener Werkskomplex: eine große Halle mit Laufkränen, Lagergebäude, Garagen, Heizhaus und ein Wohnhaus für zwei Heizer. Später kam als letztes Bauwerk der dreistöckige Sozialbau hinzu, in dem Küche, Speisesaal, Verwaltung, Technologieabteilung und – ganz oben – die großen Konstruktionssäle untergebracht waren.

Weihnachtspyramide (Prinzipskizze)

Legende zur Skizze
1. Brunnen Außenmaße 3100 x 4100 x 630 mm
2. Getriebemotor 0,55 kW, 100 min-1
3. Schneckengetriebe i = 38
4. 2 x 2 Gewindespreizen
5. erster Rahmen 2600 x 2600 mm
6. erster Figurenteller mit 6 Figuren Durchmesser 2200 mm
7. je Sektion vier zylindrische Rohrstreben
8. mittig an den vier Rahmenseiten der Rahmen 2, 3 und 4 eine Kerzenleuchte
9. zweiter Rahmen 2200 x 2200 mm
10. zweiter Figurenteller mit 5 Figuren Durchmesser 1800 mm
11. dritter Rahmen 1800 x 1800 mm
12. dritter Figurenteller mit 3 Figuren Durchmesser 1400 mm
13. je Sektion ein Drehachsenrohr mit Kupplungsflanschen
14. vierter Rahmen 1400 x 1400 mm
15. vierter Figurenteller mit 2 Figuren Durchmesser 1000 mm
16. Kopfrahmen 1000 x 1000 mm
17. Pyramidenspitze
18. Flügelrad mit 12 Flügeln Durchmesser 2700 mm

Besondere Projekte verpflichten

Zu Beginn fertigten wir Pressen und Stanzautomaten. Später kamen Einzelmaschinen und Anlagen für Schleif- und Poliertechnik, Schweißtechnik und Montagearbeiten hinzu. Mit dem Aufkommen der Mikroelektronik hielten schließlich auch „eiserne Handlanger“ Einzug in unsere Fertigung – Industrieroboter, die Maschinen bedienten.

Unsere Kunden saßen zwischen den Hängen des Erzgebirges und dem Berliner Raum. Wir waren gefragt, erfolgreich – und es hätte wohl noch lange so weitergehen können. Doch mit der Wende zeichnete sich das Ende ab. Werkzeugmaschinen standen still, Montageplätze verwaisten. Der Hauptgrund: Viele unserer Kundenbetriebe wurden abgewickelt. Arbeiter und Angestellte landeten im Altersübergang, in der Frührente oder in der Arbeitslosigkeit. In die Freude über die Wiedervereinigung mischten sich in solchen Fällen Traurigkeit und Ratlosigkeit.

Doch wie kam die Pyramide überhaupt in unser Produktionsprogramm? Normalerweise belieferten wir die Haushaltsgeräteindustrie – mit allem von Bestecken, Kochtöpfen und Küchengeräten bis hin zu Kühlschränken, Waschmaschinen, Gasheizkörpern und Herden. Daneben gab es Sonderaufträge im Rahmen der sogenannten territorialen Rationalisierung, oft von Betrieben aus Döbeln und dem Altkreis – und nicht selten völlig außerhalb unseres üblichen Erzeugungsspektrums.

Ein Beispiel: Anfang 1981 beauftragte uns die Stadt, für die Feierlichkeiten zum 1000-jährigen Bestehen Döbelns Stadttore zu entwerfen. Sie sollten an der Ober- und Niederbrücke sowie an der Staupitzmühle stehen – dort, wo bis ins frühe 19. Jahrhundert die Originaltore gestanden hatten. Wir konstruierten Gerüste aus stählernen Vierkanthohlprofilen, leicht zu verarbeiten und gut handhabbar. Würfelförmige Elemente ermöglichten eine einfache Montage. Nach dem Aufbau vor Ort gestalteten Manfred Decker vom Döbelner Stadttheater und seine Bühnenarbeiter die Kulissenteile so, dass es fast mittelalterlich echt wirkte.

Nach den Festlichkeiten wurden die Würfelrahmen weiterverwendet, nun als Unterbauten für Tribünen. Dafür entwickelten wir zusätzlich Treppen, Geländer und Fußbodentafeln, verkleideten den Grundsockel mit Fahnentuch und ließen die Statik sicherheitshalber von Spezialisten prüfen. Schließlich wollte niemand riskieren, dass bei einer Havarie ausgerechnet die lokale Politprominenz zu Schaden kam – und wir anschließend auf Staatskosten hinter „schwedischen Gardinen“ landeten. Doch alles blieb über Jahre stabil.

Auf den Geschmack gekommen, bestellte das Döbelner Rathaus als Nächstes eine Pyramide für den Weihnachtsmarkt – oder, wie es offiziell hieß, ein „Jahresendfiguren-Karussell“. Mein Chef übertrug mir die Konstruktion: Dem Ingenieur ist nichts zu schwer! – und so nahm ich die Herausforderung an. Erfahrung mit solchen Objekten hatten wir nicht, doch im Erzgebirge bewunderten wir im Winter oft die kunstvollen Holzpyramiden auf den Weihnachtsmärkten. Da Holz in der DDR jedoch Mangelware war, beschloss ich, unsere Pyramide aus montierbaren Stahl-Hauptgruppen zu entwerfen, basierend auf den bewährten Vierkanthohlprofilen – ganz nach dem Motto: Quadratisch, praktisch, gut!

24.11.1983 - Die unterste Sektion sitzt auf dem Brunnenrand.
Stück für Stück wächst die Pyramide in die Höhe.

Konstruktion und Premiere 1983

Aufgestellt wurde sie in der Südostecke des Niedermarktes (damals Thälmannplatz) vor dem Thallwitzhaus, in dem einst der Spielwarenladen „Bummi“ war. Dort befand sich ein rechteckiger Brunnen (3 x 4 x 0,6 Meter), mit Granitrand und zwei wasserspeienden Betonfröschen. Die Pyramide lag auf zwei gegenüberliegenden Brunnenseiten auf und wurde innen mit vier Spreizspindeln verankert – ein geeigneter Standort für einen über sechs Meter hohen Weihnachtsschmuck.
Das Konstruktionsprinzip: fünf übereinander angeordnete quadratische Rohrrahmen, Basismaß 2600 Millimeter, pro Etage um 400 Millimeter kleiner. In der Mitte liefen Antriebsrohr und Figurendrehteller vom Motor im untersten Rahmen bis zum Flügelrad ganz oben. Zwölf Kerzenattrappen mit Kugelleuchten säumten die Außenseiten. Verblendbretter mit Tannenzweigen und Girlanden gaben der Pyramide ein tannenbaumähnliches Profil. Der Motor sorgte für festlichen Lichterglanz und eine gemächliche Drehzahl von etwa 2,5 U/min. Selbst der Baumschmuck – Sterne, Tannenzapfen, Brezeln – war aus bemaltem Blech.

Unser Betriebs-Elektromonteur verkabelt die Pyramiden-Leuchten.
Die oberste Sektion mit Flügelrad und Stützstreben wird angefädelt.

Am 24. November 1983 wurde die Pyramide erstmals montiert und angeschoben. Ein LKW mit Hänger brachte die Teile. Zudem waren ein Multicar mit Hubkorb, ein Autokran, drei Monteure, ein Elektriker, der „Pyramidenvater“ Gerhard Heruth, Kollegen der Stadtgärtnerei und sogar ein Volkspolizist im Einsatz. Viele Döbelner verfolgten den Aufbau – bis am Nachmittag die Pyramide im Lichterglanz strahlte. Der Brunnen war mit Jägerzaun, Tannenbäumchen und Märchenfiguren geschmückt – ein rundum festlicher Anblick.

Eine windige Sache

Die 90 cm hohen Jahresendfiguren aus Holz fertigte ein Drechslermeister aus Meißen: Nussknacker, Bergmänner, Lichterengel, Nachtwächter, Räuchermann, Sternsinger – und der legendäre Döbelner Fleischermeister mit Salami in der Hand. Insgesamt 16 Figuren drehten ihre Runden. Die erste Nacht nach dem Aufbau schlief ich unruhig – der Wind pfiff über den Markt –, doch am Morgen war die ganze Mannschaft noch an Deck.

Montage fertig, es fehlen noch die Figuren des 3. und 4. Figurentellers und der Tannenzweigschmuck an den Rahmenkanten und Stützstreben
Weihnachtspyramide auf dem Obermarkt

Tradition wurde, dass das Montageteam anschließend in der „Bauernschänke“ anstieß – auf eine pannenfreie Weihnachtszeit. Eine Rechnung stellte unser Betrieb der Stadt nicht; schließlich war damals fast alles „volkseigen“.

Nach der Wende übernahm ein anderes Team Pflege und Aufbau. Mitte der 1990er wurde der Niedermarkt wieder zur „guten Stube“ der Stadt, der Brunnen wich dem Stiefelbrunnen (2001), und die Pyramide bekam einen neuen Fundamentrahmen. Sie wuchs auf über sieben Meter, erhielt vier zusätzliche Kerzenlampen und Flammenleuchten statt Kugellampen.
Heute steht sie meist vor dem Rathaus auf dem Obermarkt, neben dem Schlegelbrunnen, und wetteifert mit dem Weihnachtsbaum um die Blicke der Besucher – unter ihnen, inzwischen 30 Jahre älter, auch die einstigen Erbauer von „Ratio“. Bei guter Pflege wird sie noch viele Jahre Freude bereiten.

Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 45
Dezember 2013