Von der Firma Kupferwaren- und Centralheizungs-Fabrik Zilling & Voigt zum VEB Heizungsbau Döbeln
Dampf im Kessel: Kartoffelschnaps als Erfolgsrezept
Im Jahr 1838 erhielt Johann Gottlob Voigt die Erlaubnis, sich in Döbeln als Kupferschmied niederzulassen. Viele Großbauern der Umgebung hatten Interesse daran, ihre landwirtschaftlichen Produkte selbst weiterzuverarbeiten, um auf diese Art und Weise eine höhere Wertschöpfung zu erreichen. So gab es eine starke Nachfrage nach Kartoffelspiritusanlagen. Kartoffeln waren ein günstiger Rohstoff für die Alkoholproduktion und dienten oft zur Versorgung der Landbevölkerung oder als Einnahmequelle für Gutsbesitzer.
Die Spirituosenherstellung war zu dieser Zeit ein zentraler Pfeiler der ländlichen Ökonomie, da sie die Haltbarkeit und den Wert der Ernte massiv steigerte. Johann Gottlob Voigt traf mit seinen Anlagen den Nerv der Zeit – eine Relevanz, die das Thema Destillation heute in Form von spezialisierten Manufakturen und hochwertigen Spirituosen wiedererlangt hat. Damals bildete diese Technik für Voigt das Fundament, um seine Werkstatt zu einer bedeutenden Kesselschmiede auszubauen. Voigt erkannte seine Chance und stellte in seiner Werkstatt am Niedermarkt Nr.14 diese Apparaturen her. Zur Produktpalette seiner Kesselschmiede gehörten auch Dampfkessel und Brauereianlagen.
Badeluxus und Patente: Der Sprung in die Moderne
1865 verkaufte er das Geschäft an Heinrich Zilling aus Schlesien, der das Unternehmen 25 Jahre lang erfolgreich weiterführte. Dessen Schwiegersohn, Karl Richard Voigt, trat 1888 in das Geschäft ein und übernahm es 1891.
Unter seiner Leitung wurde die Firma Zilling & Voigt neu ausgerichtet und begann mit dem Bau von Zentralheizungen und gesundheitstechnischen Anlagen wie Badeeinrichtungen sowie Klosett- und Lüftungsanlagen, teilweise nach eigenen Patenten und Musterschutz. Auch die Herstellung von kupfernen Rohrleitungen und Apparaten gehörte zum Fertigungsprogramm.
Die Firma war geschäftlich im gesamten Königreich Sachsen und darüber hinaus tätig. Im Sommer 1913, zum 75. Geschäftsjahr, gab sie ein umfangreiches Verzeichnis ihrer Produkte heraus.
(1) Niederlassung der Firma Zilling & Voigt im Haus Niedermarkt 14. Werkstatt und Produktionsgebäude befanden sich dahinter und erstreckten sich bis an die heutige Rudolf-Breitscheid-Straße.
(2) Aktuelle Ansicht Niedermarkt 14 (2023)
Ein Herz für Döbeln: Vom Stadtrat zur Selma-und-Richard-Voigt-Stiftung
Voigt, seit 1894 Stadtverordneter und von 1902 bis 1919 Stadtrat, spendete Geld für die Armen Döbelns. 1919 übergab er dem Stadtrat 5000 Mark zur Errichtung einer „Selma-und-Richard-Voigt-Stiftung“, deren Zinsen alljährlich an seinem Geburtstag, dem 22. Dezember, an höchstens fünf bedürftige Hinterbliebene von Beamten, Angestellten oder Arbeitern der städtischen Verwaltung oder an Bedürftige des Bürgerheims auszuzahlen waren. 1921 wurde das Stiftungskapital um weitere 5000 Mark erhöht.
Karl Richard Voigt starb 1933. Es gelang eine Fortführung des Unternehmens, das 1938 sein 100-jähriges Bestehen feierte. In den darauffolgenden Jahren des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion zunehmend durch die Kriegswirtschaft und Materialkontingentierung bestimmt. Auch die erste Nachkriegszeit war von Improvisation und dem Erhalt der Substanz geprägt, bevor der Betrieb in der jungen DDR eine neue Perspektive erhielt. Im Zuge des Generationswechsels und der wirtschaftlichen Neuordnung übernahm schließlich 1954 Alfred Klingner die Leitung.
Mit der Übernahme durch Klingner und der späteren staatlichen Beteiligung ab 1959 begann eine Phase des Übergangs. Man versuchte, die private Tradition und den renommierten Namen Zilling & Voigt so weit wie möglich mit den wachsenden Anforderungen der staatlichen Planwirtschaft in Einklang zu bringen.
Zwischen Tradition und Planwirtschaft: Der Weg zum VEB Heizungsbau
1972 wurde die Firma verstaatlicht und firmierte bis 1977 als volkseigener Betrieb unter dem Namen VEB Heizungsbau Döbeln. 1978 wurde sie in den VEB Ingenieurhochbau Leipzig – Betriebsteil Ost in Roßwein integriert. Fortan erfolgte die Materialbeschaffung über Roßwein, während in Döbeln der Betriebsteil Heizungsbau mit etwa 25 Mitarbeitern bestehen blieb. Ab dem 1. Januar 1981 gehörte der Betrieb zum VEB Bau- und Montagekombinat Süd - Kombinatsbetrieb Ingenieurhochbau Leipzig mit dem Produktionsbereich II in Roßwein.
Das Ende einer Ära: Vom Heizungsrohr zum Bankschalter
Nach der Wende erhielt das Unternehmen den Namen Leipziger Ausbau GmbH. Am 31. Oktober 1990 wurde der Heizungsbau aufgelöst, womit über 150 Jahre Firmengeschichte endeten. Das Ende der Produktion bedeutete auch eine städtebauliche Zäsur für das Döbelner Zentrum. Wo über anderthalb Jahrhunderte Kupferschmiede hämmerten und Heizkessel montiert wurden, machte die alte Industriesubstanz Platz für die moderne Dienstleistungswirtschaft. 1992 erfolgte der Abriss zahlreicher Gebäude zwischen Niedermarkt und Rudolf-Breitscheid-Straße. An ihrer Stelle errichtete die Sparkasse eine neue Geschäftsstelle.
(1) und (2) Ansicht von der Rudolf-Breitscheid-Straße (1990er Jahre) vor dem Abriss der Werkstätten und Produktionsgebäude
(3) Ansichten, die aus ähnlicher Perspektive heute mit dem neu erbauten Sparkassengebäude aufgenommen wurden (Fotos 2024).
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 87
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 77ff.
Friedel, Günter: Zilling-&-Voigt-Heizkessel immer gefragt. Döbelner Allgemeine Zeitung, 14. Dezember 1999
Bildnachweis:
Porträt Karl Richard Voigt - Festausgabe des Döbelner Anzeigers und Tageblatt zur Grundsteinlegung des neuen Rathauses 30.05.1910
Fotos 1990er Jahre – Stadtarchiv Döbeln
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt generiert
Grafische Darstellung zur Kupferschmiede-Werkstatt KI-generiert
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