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Von der Döbelner Wagenfabrik Emil Zander zur RKB Karosseriewerk GmbH

Werbekarte Wagenfabrik Emil Zander

Von Luxuskarossen und Leichenwagen: Die Ära Zander

Emil Zander kam 1882 aus Großenhain nach Döbeln, wo sein Vater bereits eine Wagenbauanstalt betrieb. In der Ritterstraße 15 übernahm er die um 1840 von Lippert gegründete und später von Moritz Ihle weitergeführte Wagenbaufirma. Aus der kleinen Manufaktur mit zunächst nur vier Arbeitern entwickelte sich später in der Bismarckstraße 1 (heute Rosa-Luxemburg-Straße) die „Döbelner Wagenfabrik Emil Zander“, die 1893 bereits 25 Arbeiter beschäftigte. Das Unternehmen spezialisierte sich zunehmend auf Luxus- und Leichenwagen, die ab 1907 vor allem in größere Städte wie Chemnitz verkauft wurden.

Genau in dieser Blütezeit des Unternehmens, um das Jahr 1900, erlebte der Wagenbau einen tiefgreifenden Wendepunkt, als das traditionelle Handwerk auf die Anfänge der industriellen Fertigung traf. Der Entstehungsprozess dieser eleganten Fahrzeuge begann stets mit der Konstruktion auf dem Reißbrett, bei der Entwürfe im Maßstab 1:1 als exakte Schablonen dienten. Anschließend fertigte der Stellmacher aus elastischen Hölzern wie Esche oder Eiche das Fahrgestell und die komplexen Räder. Hand in Hand arbeitete er dabei mit dem Wagenschmied, der die passgenauen Metallteile, Achsen und Blattfedern beisteuerte. Ein zentraler und hochpräziser Schritt war das Aufziehen der eisernen Radreifen: Diese wurden glühend heiß auf das Holzrad gelegt und abrupt mit Wasser abgekühlt, sodass sie sich beim Zusammenziehen unlösbar mit dem Holz verbanden.

Auf das fertige Fahrgestell wurde schließlich der Wagenkasten aufgesetzt – bei klassischen Kutschen ganz aus Holz, bei den ersten Automobilen dieser Zeit zunehmend als stabiles Holzgerippe mit einer leichten Blechverkleidung. Den anspruchsvollen Abschluss dieser Fertigungskette bildeten die Sattler und Lackierer. Während der Sattler die Sitze aufwendig polsterte und mit feinstem Leder bezog, war die Lackierung eine Wochen andauernde Geduldsprobe. Zahlreiche Farb- und Lackschichten mussten aufgetragen, von Hand nass geschliffen und abschließend mit glänzendem Kopallack versiegelt werden. Durch diese Verbindung aus meisterhafter Handwerkskunst und moderner Organisation entstanden die eleganten, langlebigen Fahrzeuge der Döbelner Fabrik, deren Erbauer kurz darauf zu den gefragtesten Karosseriespezialisten der aufkommenden Automobilära wurden.

Blick in den Hof der Wagenfabrik von Emil Zander in der Bismarkstraße (heute Rosa-Luxemburg-Straße).
Werbeanzeige aus dem Jahr 1910
Ansicht des historischen Gebäudes von der Rückseite, aufgenommen von der Brücke der Bahnhofstraße über die Mulde. (Fotos 2023)
Wagenmodell Karosserie-Werk Zander um 1910

1917 schied Emil Zander laut Handelsregister aus der „Döbelner Wagenfabrik“ aus; neuer Inhaber wurde der Kaufmann Hermann Sobe. Die Firma firmierte ab 1921 unter dem Namen „Karosseriewerk Zander Döbeln“ und wurde 1923 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1929 musste das Unternehmen Konkurs anmelden.

Der Firmenstandort in der Bismarckstraße wurde von Paul Blaszczyk und Georg Weber übernommen, die hier eine Auto-Reparaturwerkstatt eröffneten. Dieses Nutzungsprofil hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Das heute dort befindliche VW-Autohaus verkauft nicht nur Autos, sondern repariert sie auch.

Während am alten Standort die reine Fahrzeuginstandsetzung Einzug hielt, blieb das Wissen um den individuellen Karosseriebau in den Köpfen der Belegschaft lebendig. Das Ende der Ära Zander bedeutete somit keinen Stillstand für das Döbelner Handwerk, sondern bildete die personelle Keimzelle für eine Neugründung unter anderer Flagge.

Modell des Döbelner Karosseriewerks Fritsche & Brause (1930er Jahre)

Aufstieg aus der Krise: Spezialaufbauten und Kriegsproduktion

Inmitten der Weltwirtschaftskrise wagten zwei ehemalige Zander-Mitarbeiter den Schritt in die Selbstständigkeit: Die Herren Fritsche und Brause nutzten ihre langjährige Erfahrung im Luxus- und Leichenwagenbau und gründeten 1930 in der Greinerstraße 2 das Döbelner Karosseriewerk. Damit retteten sie die Tradition der Spezialaufbauten in das neue Jahrzehnt. Mit sechs Mitarbeitern fertigten sie Kutschwagen und Spezialaufbauten und führten zudem Reparaturen aus. Bereits 1933 arbeiteten dort 33 Beschäftigte; das Unternehmen stellte nun Aufbauten für Fahrgestelle von Krupp und Opel sowie Pritschen unterschiedlichster Art her.

1934 begann der Bau einer größeren Produktionsstätte in Döbeln-Zschackwitz an der Dresdener Straße 30b. Der spätere Saal des dortigen Hotels Zschackwitz diente als Maschinenraum der Stellmacher. Die Belegschaft wuchs auf 60 Mitarbeiter. Das Produktionsspektrum umfasste Kasten-, Möbel-, Vieh- und Fleischtransportaufbauten; darüber hinaus fertigte der Betrieb Omnibusse und Bestattungsaufbauten für Opel-Blitz-Fahrgestelle.

1939 schloss das Unternehmen Verträge mit der Firma Opel zur Serienfertigung von Kastenaufbauten. Während des Zweiten Weltkrieges montierte man Sanitätskraftwagenaufbauten (Sankra) auf Steyr-Fahrzeuge und produzierte somit Sanitätsfahrzeuge für die Wehrmacht. 1940 wurde der erste Vomag-Bus in Stahlrippenbauweise ausgeliefert.

Nach Kriegsende wurde der Betrieb als Rüstungsunternehmen eingestuft, unter sowjetische Kontrolle gestellt und 1946 im Zuge eines Volksentscheids enteignet. Er ging in Volkseigentum über und unterstand fortan der Landesregierung Sachsen. In dieser Phase wurden zweirädrige Holzkarren gefertigt und vielfältige Reparaturen durchgeführt. Die Räume in Zschackwitz wurden dem Betrieb entzogen, da dort eine MAS (Maschinenausleihstation für die Landwirtschaft) eingerichtet werden sollte. Nach einer Beschwerde des Betriebsleiters erhielt die Firma neue Räumlichkeiten im ehemaligen Wehrmachtslager in der Stockhausener Straße. Von den ehemals 64 Mitarbeitern konnten 50 weiterbeschäftigt werden.

Briefkopf des Unternehmens aus dem Jahr 1949

Im Takt der Planwirtschaft: Barkas-Koffer und Ikarus-Dienst

Der Betrieb nannte sich nun Kommunal-Wirtschafts-Unternehmen des Kreises Döbeln – Döbelner Karosseriewerk, später VEB Döbelner Karosseriewerk. Man führte Reparaturen für die Bevölkerung aus und fertigte Fahrerhausneubauten für verschiedene Kfz-Typen wie Opel, Büssing, Steyr, Vomag und Framo. Es war klar, dass man die gute Qualität des Betriebes nur würde erhalten können, wenn man den Nachwuchs entsprechend ausbildet. Aus diesem Grund begann man mit einer kontinuierlichen Lehrlingsausbildung in den Berufen Klempner, Autosattler, Stellmacher und Lackierer.

Zwischen 1950 und 1969 unterstand der Betrieb der BDK (Bezirksdirektion Kraftverkehr) Leipzig. Von 1951 bis 1964 wurden neben Fahrerhausneubauten Karosserieaufbauten für Pritschenfahrzeuge sowie individuelle Omnibusaufbauten für private Fuhrunternehmen produziert.

Barkas 1000 mit Kofferaufbau

1966 begann die Serienfertigung verschiedener B 1000-Kleintransporter-Kofferaufbauten für Barkas Hainichen. Gleichzeitig führte der Betrieb serienmäßig die Karosseriegrundinstandsetzung von Ikarus-Bussen durch.

Mit der Gründung des Verkehrskombinats Leipzig am 1. Januar 1970, zu dem vier Verkehrsbetriebe und sechs Kraftfahrzeuginstandhaltungsbetriebe (KIB) gehörten, verlor der VEB Karosseriewerk Döbeln seine juristische Selbstständigkeit. 1974 erfolgte eine weitere strukturelle Veränderung: Es entstand der VEB Kraftfahrzeuginstandhaltung Döbeln, zu dem nun der Döbelner Betrieb und der VEB Karosseriebau Waldheim gehörten. Die neue Struktur des VEB Kraftfahrzeuginstandhaltung war durch eine strenge Spezialisierung geprägt, die weit über die Stadtgrenzen hinausreichte. Die Aufgaben wurden auf insgesamt zehn Meisterbereiche (MB) verteilt, wobei Döbeln zum Zentrum der B-1000-Fertigung avancierte, während Waldheim wichtige Zuliefer- und Lackierfunktionen übernahm:
MB 1: Döbeln B 1000 Ersatzkarossenfertigung (2000 Stück jährlich)
MB 2: Döbeln B 1000 Kofferfertigung (Leichtbau- und Isolierkoffer)
MB 3: Döbeln Reparaturabteilung für PKW und Omnibusse
MB 4: Döbeln Lackiererei
MB 5: Döbeln (Leipziger Straße) Zylinderschleiferei, ehemals Fa. Weber (1972 enteignet)
MB 6: Döbeln B 1000 Karossenendmontage und Ersatzteiltürenfertigung
MB 7: Waldheim Karosseriebau
MB 8: Waldheim Montage und Sattlerei
MB 9: Waldheim Lackiererei
MB 10: Waldheim Kurbelwellenfertigung, ehemals Fa. Möbius Bahnhofstraße

1984 beschäftigte diese Einheit 278 Mitarbeiter. Durch Spezialisierung und technologische Verbesserungen konnte die Fertigungszeit für eine B-1000-Ersatzkarosse von 84 Stunden (1967) auf 27 Stunden (1989) gesenkt werden. Mit dem Ende der Planwirtschaft stand der hochspezialisierte Betrieb vor der Herausforderung, sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb neu zu behaupten. Der Wegfall der zentralen Zuweisungen erforderte eine Rückbesinnung auf die Flexibilität der Gründertage.

Überleben im Umbruch: Management-Buy-out und neue Nischen

1990 wurde der Betrieb in eine GmbH umgewandelt und trug nun den Namen RKB Reparatur- und Karosseriebau GmbH Döbeln. Das Unternehmen fertigte Karossen für Verkaufs-, Grill- und Imbissfahrzeuge, Werttransporter, Paketdienst-Verteilerfahrzeuge sowie Krankenfahrzeuge mit modernster medizinischer Ausrüstung.

Am 1. Mai 1992 übernahmen die Herren Hoffmann, Nitzsche und Schultz den Betrieb im Rahmen eines Management-Buy-outs (MBO) von der Treuhandanstalt. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen 85 Mitarbeiter.

Der Sonderfahrzeugbau stand im Vordergrund. Zusätzlich führte man aber auch viele Karosseriereparaturen von Privatkunden durch, baute Boote und Treppen. Diese Aktivitäten konnten oft nicht kostendeckend erledigt werden. Die Firma geriet in eine finanzielle Schieflage und befand sich von 2013-2017 in der Insolvenz.

Firmenareal in der Stockhausener Straße aus der Vogelperspektive (2026)

Dirk Hartmann im Gespräch mit OBM Sven Liebhauser

Hightech für Film und Feuerwehr: Sonderfahrzeugbau auf europäischem Niveau

Im Jahr 2017 übernahm der Unternehmer Dirk Hartmann die RKB Karosseriewerk GmbH und richtete den Betrieb nach einer erfolgreichen Sanierung zukunftssicher aus. Mit einem starken Team von 75 Mitarbeitern fokussierte sich das Unternehmen fortan kompromisslos auf sein Kerngeschäft, den Sonderfahrzeugbau. Heute verlassen täglich zwei hochmoderne Spezialfahrzeuge den Betrieb an der Stockhausener Straße, was einer beeindruckenden Jahreskapazität von 300 bis 400 Einheiten entspricht. Das vielseitige Portfolio umfasst maßgeschneiderte Lösungen wie Film-, Rettungs- und Testmobile, Einsatz- und Geldtransporter sowie Paketdienst- und Verkaufsfahrzeuge. Ein besonderer Meilenstein dieser Entwicklung war die feierliche Übergabe des 8.000sten Fahrzeugs seit der Wiedervereinigung im November 2018.

Verschiedene Sonderfahrzeuge, die von der RKB Karosseriewerk GmbH gefertigt wurden.

Durch den strategischen Zusammenschluss mit GAMO zur RKBGamo Gruppe im Februar 2019 entwickelte sich das Unternehmen zu einem der führenden Anbieter für Sonderfahrzeuge in Europa. Unter dem Motto „Doppelt stark“ baute RKB seine Marktposition in den Folgejahren durch stetige Innovationen weiter aus: 2020 wurde die Produktpalette gezielt um Food-Trucks und mobile Tierarztpraxen erweitert. Höchste Qualitätsstandards werden dabei durch die Zertifizierung nach DIN ISO 9001:2015 garantiert. Die dynamische Wachstumsgeschichte spiegelte sich 2022 in der Übergabe des mittlerweile 12.000sten Fahrzeugs und der Einweihung einer neuen Produktionshalle am Partnerstandort in Altenburg wider. Zukunftsweisende Investitionen in eine vollautomatisierte Sandwichklebeanlage im Jahr 2023 sowie in modernste CNC-Technik im Jahr 2024 untermauern eindrucksvoll den technologischen Führungsanspruch und die Innovationskraft von RKB im modernen Sonderfahrzeugbau. Mit dem 50-jährigen Jubiläum der GAMO Fahrzeugwerke im Jahr 2025 wurde ein bedeutender Meilenstein der gemeinsamen Unternehmensgeschichte gefeiert. Bereits heute richtet sich der Blick auf das nächste große Jubiläum: Im Jahr 2029 erinnert die RKBGamo Gruppe an 100 Jahre Karosseriebau in Döbeln und verbindet damit die traditionsreichen Wurzeln des Standorts mit modernster Fertigungstechnologie und innovativem Sonderfahrzeugbau.

Einblicke in die Produktion: Klebeanlage

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910, S. 87f.
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 91f.
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 96ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Enzmann Karlheinz: Industriegeschichte im Landkreis Döbeln – Döbelner Karosseriewerk Fritsche & Brause – RKB Reparatur- und Karosseriebau GmbH Döbeln. 1999 In: Sammelband Der neue Döbelner Erzähler. 2004, S. 149-150

Bildnachweis:
* Foto KI-gestützt restauriert
** Darstellung KI-generiert

Blick in den Hof der Wagenfabrik von Emil Zander – Hermann Schneider privat
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Modell des Döbelner Karosseriewerks Fritsche & Brause – Stadtarchiv Döbeln
Fotos zur jüngeren Geschichte des Unternehmens mit freundlicher Genehmigung der RKB Karosseriewerk GmbH.
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.