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Von der rheinischen Moderne zur sozialistischen Planwirtschaft: Die pharmazeutische Odyssee der Firma Weiss

Werbeanzeige der Troponwerke aus dem Jahr 1941

Jugendstil und Eiweiß-Pioniere: Die rheinischen Wurzeln

Am 14. September 1897 gründete Eberhard von Bodenhausen gemeinsam mit Hugo Sholto Oskar Georg von Douglas in Mülheim am Rhein die Proton GmbH. Bereits ein Jahr später wurde das Unternehmen in Tropon GmbH umbenannt. Es stellte ein gleichnamiges Eiweißprodukt her, das der damalige Direktor des Hygienischen Instituts und des Hospitals der Universität Bonn, Dittmar Finkler, entwickelt hatte. Ziel war es, auf der Grundlage von Proteinen und künstlichen Eiweißstoffen ein preisgünstiges „Volksnahrungsmittel“ zur Hebung der Volksgesundheit zu produzieren. Das Produkt Tropon wurde unter anderem aus Fleischabfällen des nahegelegenen Schlachthofs gewonnen.

Eberhard von Bodenhausen beauftragte den Künstler Henry van de Velde mit der Gestaltung von Plakaten und Verpackungen für die Tropon-Erzeugnisse. Diese Entwürfe gelten heute als herausragende Beispiele der Werbegrafik des Jugendstils. Wirtschaftlich blieb Tropon jedoch ohne den erhofften Erfolg. Die inzwischen in Köln ansässige Firma stellte ihre Produktion daher um. Fortan wurden Nahrungsmittel mit Tropon angereichert oder mit chemischen Substanzen kombiniert.

Fluchtpunkt Döbeln: Pharma-Produktion im Schatten des Krieges

Während des Zweiten Weltkriegs musste die Produktion aufgrund der Bombardierung Kölns ausgelagert werden. Ein Teil der Tablettenfabrikation wurde zunächst nach Dresden verlegt. Als auch dort Luftangriffe stattfanden, erfolgte eine weitere Verlagerung nach Döbeln. In den Räumen der Süßwarenfabrik Schönfeld in der Feldstraße lagerte man die wertvollen chemischen Rohstoffe. Zugleich ließ sich der Handelsvertreter der Tropon-Werke, Reinhold Weiss, der für die Gebiete Sachsen und Böhmen zuständig gewesen war, in Döbeln nieder.

Firmengründer Reinhold Weiss*

Reinhold Weiss war in dieser Zeit weit mehr als ein bloßer Gebietsvertreter. Er kannte nicht nur die Absatzmärkte, sondern auch den immensen Wert der Rezepturen und Rohstoffe. Indem er die Bestände der Tropon-Werke in der Döbelner Provinz sicherte, rettete er das pharmazeutische Erbe der Firma vor der totalen Vernichtung im Rheinland und legte unbewusst den Grundstein für einen Neuanfang fernab der Heimat.

Zwischen Rüstungserbe und Rotes-Kreuz-Fahne

Nach dem Ende des Krieges übernahm der umtriebige Reinhold Weiss ein Produktionsgebäude der Firma Tümmler in der Muldenstraße. Das Gebäude war ursprünglich für die Belieferung der Automobilindustrie errichtet worden, hatte jedoch während des Krieges der Rüstungsproduktion gedient. Da die Firma Tümmler enteignet worden war und der nahezu gesamte Maschinenpark demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht wurde, stand das Gebäude leer. Weiss konnte durch geschickte Verhandlungen mit dem sowjetischen Militärkommandeur verhindern, dass die ehemalige Rüstungsschmiede gesprengt wurde. Stattdessen erhielt er die Genehmigung, dort das Knochenaufbaumittel Calcipot herzustellen, ein Kalkpräparat, das auf Grundlage einer Lizenz der Kölner Tropon-Werke produziert wurde.

Das 1939 neu errichtete Produktionsgebäude sollte die Rolle der Firma als Zulieferer der Automobilindustrie stärken.*

Von der Tümmler-Nachfolgefirma TEWA erhielt Weiss einen Mietvertrag für seine 1946 gegründete Firma „Weiss & Co. KG Fabrik pharm. Präparate“. Zeitgleich zog auch die Fleischfabrik Lindner in das Gebäude ein, die nach der weitgehenden Zerstörung Dresdens ebenfalls auf der Suche nach nutzbaren Produktionsräumen gewesen war. Weiss erwies sich als einfallsreich und versah sein kleines Pharmaunternehmen mit einer Fahne des Roten Kreuzes, in der Hoffnung, Plünderer abzuschrecken. Zu diesem Zeitpunkt glaubte er noch an eine Wiedervereinigung Deutschlands und an die Rückkehr marktwirtschaftlicher Verhältnisse.

Sackgasse Planwirtschaft: Ein Unternehmer im Osten

Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Die Teilung Deutschlands und die Einführung der sozialistischen Planwirtschaft in der DDR machten eine Rückkehr in den Westen unmöglich. Weiss hatte sich verkalkuliert, saß nun im Osten fest, wollte seine Firma jedoch nicht aufgeben. Er löste sich von der westdeutschen Mutterfirma und ging eigene geschäftliche Wege.

Einblicke in die Produktion*
  • Leistungsschau anlässlich der Eröffnung des Fünfjahresplanes in Döbeln

  • Chemisches Versuchslaboratorium

  • Teilansicht des Versuchslaboratoriums

  • Analytisches Versuchslaboratorium

  • Verkaufsabteilung

  • Besprechung mit dem Direktor

  • Automatische Rollenpackmaschine

  • Automatische Pulverabfüllmaschine

  • Drageeabzählmaschine

Eisenpräparat der Firma Weiss & Co.

Dieser Schritt war aus der Not geboren: In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Ost und West immer undurchlässiger wurden, waren Lizenzzahlungen oder technischer Austausch mit Köln kaum mehr möglich. Aus dem einstigen Lizenzprodukt „Calcipot“ wurde so eine Döbelner Eigenentwicklung. Weiss musste improvisieren und sein Labor darauf trimmen, westdeutsches Know-how mit den begrenzten Ressourcen der frühen DDR zu verknüpfen.

Im firmeneigenen Entwicklungslabor entstanden neue Erzeugnisse in Tabletten-, Dragee-, Pulver- und Tropfenform. Die Produktpalette wurde kontinuierlich erweitert und umfasste bald blutbildende Mittel, Vitamin-Aufbaupräparate, Arzneien gegen Herzrhythmusstörungen sowie Mittel gegen Schwermetallvergiftungen, die insbesondere für die Wismut-Bergleute und andere Berufsgruppen mit entsprechender Belastung bestimmt waren. Später kam eine Ampullier-Abteilung hinzu, in der verschiedene Calciumlösungen zur Behandlung von Allergien abgefüllt wurden.

Dass der kleine Betrieb trotz der Rohstoffknappheit expandieren konnte, lag auch an seiner strategischen Bedeutung: Die Entwicklung von Präparaten gegen Schwermetallvergiftungen machte die Firma für die DDR-Führung unverzichtbar – insbesondere für die gesundheitliche Absicherung der Bergleute im Uranbergbau der Wismut. Diese Systemrelevanz sicherte Weiss über Jahre hinweg Spielräume, die anderen Privatunternehmern längst verwehrt blieben.

Schon bald beschäftigte das Unternehmen zwischen 60 und 95 Mitarbeiter in der Produktion, überwiegend Frauen, sowie weiteres Personal in Forschung, Verwaltung und Vertrieb. Die Erzeugnisse fanden sowohl im Inland als auch im Ausland guten Absatz. Exportiert wurde unter anderem nach Ägypten, in den Libanon, in die Mongolei, nach Korea, Ungarn und Bulgarien.

  • Tablettenzähl- und Einwickelmaschinen

  • Maschinensaal

  • Nutschen- und Destillieranlage

  • Exzenterpressen

  • Kocherei

  • Tropfenabfüllung

  • Rohstofflager

  • Sirupabfüllung

  • Verpackungsabteilung

Arbeitsalltag 1950er Jahre

Werbeaufdruck mit dem Logo der Firma - Briefumschlag 1954

Tabletten versus Fleischsalat: Der Kampf um die Muldenstraße

Hinter den Mauern in der Muldenstraße entwickelte sich eine bizarre Koexistenz. Während in der einen Etage unter sterilen Bedingungen an hochempfindlichen Arzneien gearbeitet wurde, dampften in der anderen die Kessel der Fleischverarbeitung. Dieser permanente Kampf zwischen hygienischer Präzision und grober Lebensmittelproduktion sollte über Jahre das Schicksal der Firma Weiss bestimmen.

Die TEWA, später VEB DBM, beanspruchte das Produktionsgebäude für eine eigene Betriebserweiterung, und auch die Fleisch- und Wurstwarenfabrik, die später zum VEB „Pikant“ wurde, wollte das Gebäude allein nutzen. Der Streit wurde schließlich per Parteibeschluss entschieden: Der VEB „Pikant“ erhielt das gesamte Gebäude zugesprochen. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln hatte in der DDR erste Priorität. Die Firma Weiss durfte zwar noch als Untermieter verbleiben, doch war absehbar, dass ihr Standort langfristig nicht gesichert war. Pläne für ein neues Betriebsgebäude existierten zwar, wurden jedoch nicht umgesetzt.

Im Jahr 1967 starb Firmengründer Reinhold Weiss plötzlich und unerwartet. Seine Ehefrau Charlotte Weiss führte das pharmazeutische Unternehmen zunächst weiter. Bereits ein Jahr später erfolgte jedoch die Halbverstaatlichung des Betriebes, und ein staatlich eingesetzter Leiter übernahm die Führung.

Werbung der Firma Weiss & Co. (Quelle: Sammlung Sven Ettrich)

Von der Enteignungswelle bis zum Aus der Pharma-Produktion

Im Jahr 1972 wurde der Betrieb im Zuge einer DDR-weiten Enteignungswelle vollständig verstaatlicht und in VEB Pharma Döbeln umbenannt. Wichtiger Kooperationspartner wurden die Arzneimittelwerke Dresden, später kam das Forschungsinstitut Meinsberg unter der Leitung von Professor Kurt Schwabe hinzu. Für dieses Institut füllte die Ampullier-Abteilung des Betriebes unter anderem Pufferlösungen für pH-Messgeräte ab.

Präparate des VEB Pharma Döbeln

Trotz dieser Neuausrichtung stand der Betrieb immer wieder zur Disposition, da der VEB Pikant die Räumlichkeiten weiterhin für eigene Zwecke benötigte. Am 30. April 1977 wurde die Auflösung des VEB Pharma Döbeln beschlossen und wenige Tage später vollzogen, mit Ausnahme der Ampullier-Abteilung. Die übrige Produktion wurde auf verschiedene Betriebe in der DDR verteilt. Da aus volkswirtschaftlichen Gründen auf die Ampullierung nicht verzichtet werden konnte, nahm diese am 24. Oktober 1977 auf einer verbliebenen Restfläche von rund 700 Quadratmetern in der zweiten Etage erneut den Betrieb auf.

Im Februar 1982 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Die letzten verbliebenen Räumlichkeiten gingen anschließend vollständig an den VEB Pikant über.

Nachtrag zu den Tropon-Werken

Während die pharmazeutische Tradition in Döbeln im Jahr 1982 ein jähes Ende fand und die Räume endgültig der Fleischproduktion zugeschlagen wurden, schlug die Geburtsstätte der Idee im Westen einen anderen Weg ein. Ein Blick auf die weitere Geschichte der Kölner Tropon-Werke zeigt, welche Dimensionen das Unternehmen hätte erreichen können, wäre es nicht durch den Eisernen Vorhang von seinen sächsischen Wurzeln getrennt worden

Die Tropon-Werke gehörten von 1969 bis 1999 zur Bayer AG und feierten 1997 in Köln-Mülheim ihr 100-jähriges Bestehen. Im Jahr 2006 wurde Tropon in MEDA umbenannt und befand sich im Eigentum eines schwedischen Arzneimittelkonzerns. In der Folgezeit wurde das Unternehmen zur Zweigstelle eines weltweit tätigen Biotechnologie- und Biomedizinunternehmens mit Sitz in Bergisch Gladbach.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Friedel, Günter: Fa. Weiss & Co. führte Weg erfolgreich fort. In: Döbelner Allgemeine Zeitung, 11. Mai 1999, S. 16
Deutsches Ärzteblatt (Hrsg.): Tropon. URL: https://www.aerzteblatt.de/archiv/tropon-7d621006-0bca-41fa-987c-da62f1e70af9 (12.02.2025)

Bildnachweis:
Fotos Arbeitsalltag 1950er Jahre (Quelle: Sammlung Sven Ettrich)
Werbung Calipot (untere Reihe 2.v.l.) CC BY-NC-SA @ Stadtmuseum / Kleine Galerie Döbeln URL: https://nat.museum-digital.de/object/1464129 (20.01.2024)
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert