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Industriegeschichte in Großbauchlitz: Der Aufstieg der Döbelner Drahtnagelfabrikation

Nagelschmied (Zeichnung von 1529)

Die Ära der Nagelschmiede

Ursprünglich wurden Nägel von Hand geschmiedet. Schmiede erhitzten Eisenstäbe, zogen sie in Form und hämmerten daraus einzelne Nägel. Jeder Nagel war ein Unikat – die Produktion war langsam und arbeitsintensiv. In vielen Regionen gab es spezialisierte „Nagelschmiede“, die ganze Dörfer wirtschaftlich prägten.

Drahtziehen als technologischer Wendepunkt

Mit Fortschritten in der Metallverarbeitung begann man im 17. und 18. Jahrhundert, Eisen zu Draht zu ziehen. Dieses Verfahren – das sogenannte Drahtziehen – ermöglichte es, gleichmäßig dünne Metallstränge herzustellen. Daraus entstand die Idee, Nägel nicht mehr aus Stäben zu schmieden, sondern aus Draht zu schneiden und zu formen.

Um 1790–1810 wurden in Europa die ersten Maschinen entwickelt. Diese konnten Draht automatisch zuschneiden, anspitzen und einen Kopf formen. Ein wichtiger Fortschritt war die Nutzung von Wasser- und später Dampfkraft, wodurch die Produktion stark gesteigert wurde.

Pioniere in der Graupenmühle: Die Döbelner Anfänge

In Döbeln nahm die Drahtnagelfabrikation im Jahre 1847 ihren Anfang, als der Schlosser Rößler gemeinsam mit Herrn C. L. Bärensprung ein entsprechendes Unternehmen gründete. Zunächst arbeitete man mit zwei Maschinen, die in der Graupenmühle von Moritz Gaitzsch in Großbauchlitz untergebracht waren. Als Rößler 1849 ausschied, trat Herr Traugott Mark in das Unternehmen ein, das fortan unter dem Namen Mark und Bärensprung firmierte.

Erzgebirgisches Erbe: Die Brüder Wapler übernehmen das Ruder

Im Jahr 1855 erwarben die Brüder Wapler die Drahtnagelfabrik. Alexander Heinrich verantwortete den kaufmännischen Bereich und Leopold Heinrich war für den technischen Betrieb zuständig. Die Brüder stammten aus einem alten erzgebirgischen Handelshaus in Bärwalde, wo traditionell eine große Zahl von Nagelschmieden tätig gewesen war. In Niederursel bei Frankfurt am Main hatte einer der Brüder bereits eine Drahtstiftfabrik geleitet, bevor sie gemeinsam nach Großbauchlitz kamen.

Zeitgenössische Lithographie der Großbauchlitzer Mühle von Moritz Gaitzsch und der Drahtnagelfabrik der Gebrüder Wapler (2. Hälfte 19. Jh.)
Kundeninformation der Gebr. Wapler

Nägel für die neue Welt: Motor der Industrialisierung

Da der Bedarf an Drahtnägeln stetig wuchs, errichtete man an der Mühle ein separates Gebäude, das ausschließlich der Drahtnagelproduktion diente. 1859 wurde die Fabrik erneut erweitert. An elf Maschinen, die durch ein Wasserrad angetrieben wurden, stellte man täglich rund zwei Tonnen Drahtnägel in Größen von ¼ bis 6½ Zoll her. Absatz fanden diese im östlichen Sachsen, im Vogtland, im Erzgebirge, in Böhmen sowie im benachbarten Preußen.

In den folgenden Jahrzehnten des Kaiserreichs wuchs der Betrieb stetig weiter. Die Industrialisierung in Deutschland sorgte für einen Hunger nach Baumaterialien, den die Firma Wapler durch kontinuierliche Modernisierungen bediente. Aus dem einstigen Familienbetrieb der Brüder entwickelte sich im Zuge der wirtschaftlichen Konsolidierung schließlich die Wapler GmbH, die fest in der regionalen Wirtschaft verankert blieb. Auch die Zahl der Mitarbeiter wuchs. Zum Personal gehörten ein Expedient, ein Werkführer, ein Schlosser, fünf an den Maschinen beschäftigte Arbeiter sowie sechs Packerinnen.

Packschein einer Lieferung des Unternehmens aus dem Jahr 1938

Vom Direktor zum Eigentümer: Arthur Meier und der Aufstieg zum Marktführer

1917 erwarb der bisherige Direktor Arthur Meier die Wapler GmbH und erweiterte die Produktion. Zwei Jahre später, 1919, bewies Arthur Meier seinen Unternehmergeist auch jenseits der Metallbranche: Die Firma Arthur Meier Drahtstiftfabrik Großbauchlitz übernahm zudem die Unionbrauerei. Diese Diversifizierung war in der Nachkriegszeit nicht ungewöhnlich, um das Kapital des expandierenden Unternehmens breit aufzustellen.

Mitte der 1920er Jahre produzierte man in der Drahtstiftfabrik bereits rund 4000 Tonnen Drahtstifte jährlich und galt damit als der größte mitteldeutsche Hersteller in diesem Bereich.

Rückblickend betrachtet war die Entwicklung in Großbauchlitz – von den ersten zwei Maschinen in der Graupenmühle bis hin zur Massenproduktion unter Meier – beispielhaft für den gesamten Wirtschaftszweig: Die Drahtnagelfabrikation war ein wichtiger Baustein der Industrialisierung: Sie ermöglichte günstigere Bauweisen (z. B. im Hausbau), reduzierte den Bedarf an qualifizierter Handarbeit und trug zur Massenproduktion von Metallwaren bei.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 63ff.

Bildnachweis:
Nagelschmied - unbekannter Künstler, Public domain, via Wikimedia Commons
Zeitgenössische Lithographie - Album der Sächsischen Industrie, Zweiter Band, Druck und Verlag von Louis Oeser in Neusalza, 1856
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.