Gießereitradition an der Schlachthofstraße: Das Erbe von Walther & Jäger
Die Wurzeln der industriellen Graugussproduktion an der Schlachthofstraße reichen bis in das Jahr 1876 zurück. Damals begründete F. Kyll an diesem Standort einen Gießereibetrieb. Nachdem das Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten war, übernahm zunächst die benachbarte Firma Julius Müller das Areal. Ein neues Kapitel begann 1909 mit der Ankunft von Hugo Walther und seinem Schwager Jäger. Beide kamen aus Chemnitz, wo Walther als Direktor und Jäger als Ingenieur bei einer in Konkurs geratenen Gießereigesellschaft tätig gewesen waren. In Döbeln wagten sie den Schritt in die Selbstständigkeit und fanden in der bestehenden Anlage an der Schlachthofstraße günstige Voraussetzungen. Unter dem Namen Walther & Jäger modernisierten sie die traditionsreiche Gießerei grundlegend und bauten sie zu einem bedeutenden Großbetrieb aus.
Der rasche Aufstieg des Unternehmens verdeutlicht die damalige Anziehungskraft des Industriestandorts Döbeln. Die verkehrsgünstige Lage der Stadt und das dichte Netz ansässiger Maschinenbaubetriebe boten einen aufnahmefähigen Absatzmarkt für hochwertigen Grauguss. Gefragt waren vor allem robuste Bauteile, die in Maschinen, Anlagen und zahlreichen gewerblichen Erzeugnissen Verwendung fanden.
Vom Holzmodell zum fertigen Gussteil
Die Herstellung dieser Werkstücke erforderte um 1900 ein präzises Zusammenspiel von handwerklichem Können und schwerer Industriearbeit. Am Anfang stand die Modell- und Formvorbereitung. Modellschreiner fertigten passgenaue Holzmodelle des späteren Werkstücks an. Für vorgesehene Hohlräume entstanden zusätzlich besondere Kerne.
Währenddessen begann im Kupolofen der Schmelzprozess. Unter fortlaufender Zugabe von Koks und künstlich eingeblasener Verbrennungsluft wurden Roheisen und Schrott bis zur Weißglut erhitzt und verflüssigt. Parallel dazu bereiteten die Former die Gussformen vor. Sie betteten die Holzmodelle in feuchten Formsand ein, verdichteten diesen in geteilten Formkästen und hoben die Modelle anschließend vorsichtig heraus. Danach legten sie die getrockneten Sandkerne ein, schnitten die erforderlichen Gusskanäle und verschlossen die Formkästen sorgfältig.
Den gefährlichsten Abschnitt des Arbeitsprozesses bildete das Abgießen. Mithilfe von Hand- oder Krangießpfannen transportierten die Gießer das rotglühende, flüssige Eisen zu den vorbereiteten Sandformen und füllten es zügig durch die Eingusstrichter ein. Dabei verlangten die enorme Hitze und das hohe Gewicht der Gießpfannen größte Konzentration und Erfahrung.
Nach dem Erkalten wurden die erstarrten Werkstücke aus den Formkästen geschlagen und vom anhaftenden Sand befreit. Auch die im Inneren verbliebenen Kerne mussten entfernt werden. In der Putzerei schlugen die Arbeiter anschließend Eingüsse und Steiger ab und beseitigten Gussgrate mit Meißeln, Schleifsteinen und Metallfeilen. Erst wenn das Werkstück die geforderten Maße und eine saubere Oberfläche aufwies, war der aufwendige Herstellungsprozess abgeschlossen.
Mehr als ein Jahrhundert Grauguss aus Döbeln
Auch während der DDR-Zeit blieb die Gießerei an der Schlachthofstraße ein wichtiger Industriestandort. Als Graugusswerk des VEB Döbelner Beschlag- und Metallwerk erinnerte der Betrieb 1976 mit einem eigens gefertigten Guss-Flaschenöffner an das Jubiläum „100 Jahre Graugußerzeugnisse Döbeln 1876–1976“. Damit bezog man sich ausdrücklich auf die Gründung der ersten Gießerei an diesem Standort.
Bis zu seiner Schließung im Jahr 1990 gehörte das Werk zur Döbelner Industrielandschaft. Mit seinem Ende erlosch an der Schlachthofstraße eine über 114 Jahre währende Gießereitradition.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 87
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 43ff.
Bildnachweis:
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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