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Von der Gießerei bis zur Vergoldung: Die Kunst des Vogelkäfigbaus in Döbeln

Arbeiter der Firma Döring & Winkelmann, die in der Schießhausstraße 9 ihren Sitz hatte.*

Seit 1891 widmete sich die Erste Sächsische Vogelkäfigfabrik von Döring & Winkelmann ausschließlich der Herstellung von Vogelkäfigen. Der Betrieb befand sich von Beginn an auf dem Gelände des ehemaligen Naumannschen Dampfsägewerks eines Zimmermeisters an der Schießhausstraße. In dieser spezialisierten Fabrik waren zahlreiche Gewerbezweige vereint, die gemeinsam zur Fertigung eleganter Vogelhäuser beitrugen, darunter Nadlerei, Klempnerei, Verzinnerei, Gießerei, Holzdreherei, Lackiererei und Vergolderei. Darüber hinaus entstanden dort zahlreiche weitere Artikel für die Zucht und Pflege von Vögeln. Die Leitung lag bei Bernhard Winkelmann und Walter Päßler, nachdem der Mitbegründer Oskar Döring im Jahr 1910 aus dem Unternehmen ausgeschieden war.

Was heute wie eine enge Nische erscheint, war damals ein hochgradig vertikal integrierter Produktionsprozess. Die Firma Döring & Winkelmann zeigt eindrucksvoll, dass die Döbelner Industriestruktur selbst für vermeintliche Luxusartikel wie elegante Vogelkäfige eine vollständige Fertigungskette – von der eigenen Gießerei bis zur Vergoldung – unter einem Dach vereinte.

Die Herstellung der Metallkäfige erfolgte um 1900 überwiegend in Handarbeit. Verwendet wurden vor allem Eisen-, Stahl- oder Messingdraht, die zunächst auf die gewünschte Länge zugeschnitten und mit Zangen sowie einfachen Spannvorrichtungen gerichtet wurden. Anschließend ordnete man die Drähte in gleichmäßigen Abständen an und verband sie mit Metallringen oder stabilen Rahmenkonstruktionen. Viele Verbindungen entstanden durch Löten oder das Umbiegen der Drahtenden. Runde Käfige besaßen meist einen oberen und unteren Metallring, zwischen denen die senkrechten Stäbe eingespannt wurden, während rechteckige Modelle stabile Eckrahmen aus Metallleisten erhielten. Türen, Sitzstangenhalter und Verschlüsse wurden ebenfalls von Hand gefertigt und montiert. Hochwertige Käfige bestanden häufig aus Messing und wurden nach dem Zusammenbau sorgfältig poliert oder vergoldet, während einfachere Ausführungen aus Eisen einen Schutzanstrich gegen Rost erhielten.

Exkurs: Ziervogelhaltung in Deutschland um 1900

In bürgerlichen Kreisen Deutschlands hielt man um 1900 vor allem Ziervögel, die als angenehm singend, dekorativ oder exotisch galten. Die Vogelhaltung war weit verbreitet und gehörte besonders im städtischen Bürgertum zur Wohnkultur. Viele Wohnungen besaßen kunstvoll gestaltete Vogelkäfige oder kleine Volieren im Salon.

Besonders beliebt waren Kanarienvögel. Sie galten wegen ihres Gesangs als ideale Stubenvögel und wurden in großer Zahl gezüchtet. Daneben hielt man häufig verschiedene Finkenarten wie Stieglitze, Zeisige oder Gimpel. Auch Nachtigallen und Lerchen wurden vereinzelt wegen ihres Gesangs geschätzt, obwohl ihre Haltung anspruchsvoller war.

Seit dem späten 19. Jahrhundert nahm zudem die Begeisterung für exotische Vögel zu. Wellensittiche gelangten aus Australien nach Europa und wurden zunehmend in wohlhabenderen Haushalten gehalten. Ebenso waren Papageien, insbesondere Graupapageien oder Amazonen, begehrte Statussymbole, da sie teuer waren und als besonders intelligent galten.

Die Haltung der Tiere war eng mit der damaligen Wohn- und Freizeitkultur verbunden. Vogelgesang galt als Ausdruck von Häuslichkeit, Bildung und Naturverbundenheit. In vielen Städten entstanden Vogelzüchtervereine und Vogelausstellungen, bei denen seltene oder besonders schön singende Tiere präsentiert wurden. Gleichzeitig entwickelte sich ein großer Markt für Käfige, Futtermittel und Zubehör, von dem spezialisierte Betriebe wie die Döbelner Vogelkäfigfabriken profitierten.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 90
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 43ff.


Bildnachweis:
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert