Zwischen Tradition und Transformation: Die 130-jährige Geschichte der Döbelner Seifenfabrik
Vorgeschichte - Von Pößnecker Kesseln zum Meininger Hof
Hans Christian Schmidt (1690–1738) war der erste Seifensieder der Familie Schmidt in Pößneck. Seit seiner Zeit wurde die Seifensiedekunst von Generation zu Generation innerhalb der Familie weitergegeben. Die Herstellung von Seife war damals mühsam, da nur wenige Öle und Fettarten zur Verfügung standen und die Selbstherstellung mit Lauge, Holzasche und Ätzkalk große Schwierigkeiten bereitete. Entsprechend begrenzt war die Vielfalt der hergestellten Seifen.
Carl Hermann Schmidt (1812–1891), der Vater von Hermann Otto Schmidt, veredelte als Erster die Familienprodukte durch den Einsatz von importiertem Kokosöl. Für diese Neuerung erhielt er auf der Pariser Weltausstellung 1855 eine Preismedaille. In Anerkennung dieser Qualität ernannte ihn der herzogliche Hof in Meiningen zum Hoflieferanten.
Hermann Otto Schmidt wurde am 22. Dezember 1847 in Pößneck geboren. Schon früh half er im Geschäft seines Vaters mit. Um ihm dies zu ermöglichen, ließ der Vater eigens kleines Handwerkszeug für seinen Sohn anfertigen. Hermann Otto Schmidt lernte früh, dass es nicht ausreichte, gute Seife herzustellen, sondern dass man diese auch erfolgreich verkaufen musste. Diese Erkenntnis gewann er insbesondere beim Besuch der bekannten Jahrmärkte in Altenburg, wo die Produkte der Familie Schmidt guten Absatz fanden.
Lehrjahre, Wanderschaft und ein mutiger Neuanfang
Nach seiner Schulzeit begann Hermann Otto Schmidt eine Seifensiederlehre sowie eine kaufmännische Ausbildung in Plauen im Vogtland. Anschließend begab er sich auf Wanderschaft. Im Jahr 1873 kehrte er nach Pößneck zurück und arbeitete einige Jahre im väterlichen Betrieb. Er heiratete Johanna Braun, die Tochter von Eduard Braun, der in Chemnitz eine Seifensiederei betrieb und dort sogar Stadtrat war.
Die Krise der Tuch- und Lederbranche in Pößneck wirkte sich auch auf die Seifensiederei Schmidt aus, sodass der Familienbetrieb schließlich aufgegeben wurde. Hermann Otto Schmidt wechselte daraufhin zu seinem Schwiegervater nach Chemnitz, der in der Inneren Johannisstraße eine kleine Seifenfabrik führte. Trotz der freundlichen Aufnahme des Schwiegersohns hegte dieser schon bald den Traum von einem eigenen Unternehmen.
Künstliche Intelligenz und Heimatforschung bringt man nicht spontan in einen Zusammenhang. Völlig zu Unrecht. Bei der attraktiven Präsentation regionalgeschichtlicher Beiträge sind KI-Tools hilfreich.
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1876 übernahm Hermann Otto Schmidt die Seifensiederei von Eduard Lippmann am Niedermarkt 2 in Döbeln. Die Arbeitsbedingungen waren anfangs schwierig: Es standen lediglich zwei Siedekessel mit direkter Feuerung zur Verfügung, und als Kraftquelle diente ein Gasmotor. Schmidt verkaufte seine Erzeugnisse zunächst im eigenen Ladengeschäft sowie auf regionalen Märkten. Tatkräftig unterstützt von seiner Frau baute er den Betrieb kontinuierlich aus, stellte Arbeiter ein und übergab den Vertrieb einem jungen Kaufmann.
Zur Produktpalette gehörten die „Döbelner weiße Schmierseife“ aus Lein- und Hanföl sowie die sogenannten „Eschweger Seifen“ aus tierischen Fetten, Kokos- und Palmöl. In Kenntnis der reinigenden Wirkung von Terpentinöl und Salmiak entwickelte Schmidt die „Döbelner Salmiak-Terpentin-Schmierseife“, die sich rasch zu einem Verkaufsbestseller entwickelte.
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Etwas Seifensieder-Poesie gefällig? Lesen Sie das Gedicht "Der Seifensud zu Döbeln" (Abb.: ‘Der Seifensieder’, altkolorierte Lithographie b. Schreiber in Esslingen, 1855) |
Am 7. Oktober 1890 wurde die Döbelner Seifenfabrik ins Handelsregister eingetragen. Die beengten Verhältnisse am Niedermarkt behinderten jedoch zunehmend das Wachstum des Unternehmens. Irrationale Ängste vor angeblich gesundheitsschädlichen Dämpfen der Seifenproduktion sowie daraus resultierende Forderungen der Gewerbe- und Baupolizei verzögerten den Neubau einer Fabrik erheblich, sodass dieser erst mit über zehn Jahren Verspätung realisiert werden konnte.
Ein Denkmal aus Seife und der Preis des Wachstums
Zur Gewerbe- und Industrieausstellung 1893 präsentierte die Firma Schmidt ein außergewöhnliches Ausstellungsstück: Das Kriegerdenkmal vom Döbelner Schlossberg, das an die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 erinnerte, wurde in Originalgröße vollständig aus Seife gefertigt. Dieses monumentale Seifendenkmal wurde prämiert und erregte großes Aufsehen.
Hermann Otto Schmidt hatte zwei Söhne und zwei Töchter. Der älteste Sohn, Eduard Hans Schmidt (1874–1894), verunglückte im Alter von nur zwanzig Jahren tödlich im väterlichen Betrieb, als er schwer beladen ausrutschte und in einen kochenden Siedekessel fiel. Seitdem lastete auf dem jüngeren Sohn Otto Fritz Schmidt (1878–1937) das Bewusstsein, den Betrieb später allein übernehmen zu müssen. Er eignete sich daher im In- und Ausland umfassende Kenntnisse über moderne industrielle Seifenproduktion sowie kaufmännische Grundlagen an. Tochter Grete heiratete einen Postbeamten Krüger in Dresden, Tochter Lotte in Döbeln den Afrika-Kolonisten Berger.
Ein schweres Hochwasser im Jahr 1897 setzte die Produktionsräume am Niedermarkt unter Wasser, führte zu monatelangem Produktionsausfall und verursachte erhebliche Verluste. Dennoch ließ sich der Firmengründer nicht entmutigen, und das Unternehmen erholte sich rasch.
Aufbruch in die Moderne: Seife als Industrieprodukt, Sport und Autos
In den Jahren 1902 und 1903 wurde schließlich eine modern ausgestattete Fabrik in der Rößchengrundstraße errichtet, in der die neuesten chemischen Erkenntnisse berücksichtigt wurden und die Voraussetzungen für eine industrielle Seifenproduktion geschaffen waren. 1903 beschäftigte die Firma 25 Mitarbeiter, 1910 bereits 40. Im selben Jahr wurde Otto Fritz Schmidt Teilhaber des väterlichen Betriebs, den er 1921 allein übernahm. Hermann Otto Schmidt unterstützte seinen Sohn bis ins hohe Alter durch tägliche Kontrollgänge im Betrieb.
Otto Fritz Schmidt hielt sich wegen seiner angegriffenen Lunge ab und zu im Schweizer Luftkurort Davos auf. Wenn immer es ging, war er hier auch sportlich aktiv. Beim Skifahren lernte er hier die 12 Jahre jüngere Fanny Müller kennen, die er 1913 in Döbeln heiratete. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: Hermann Hans (geboren 04.04.1914) und Otto Werner (geboren 08.05.1918). Der junge Unternehmer und seine Schweizer Frau führten eine moderne Ehe. Fanny kümmerte sich nicht nur um den heimischen Herd und die Kinder, sondern übernahm an drei bis vier Vormittagen entsprechend ihrer Ausbildung die Finanzbuchhaltung der Firma, kümmerte sich um Kredit- und Bankangelegenheiten. Gleich nach der Hochzeit kauften sie sich gemeinsam ein Auto der Chemnitzer Presto-Werke, machten den Führerschein und unternahmen gemeinsame Ausfahrten. Dass sich der Chef der Seifenfabrik auch gern von seiner Frau chauffieren ließ, erstaunte viele Döbelner. Otto Fritz Schmidt war nicht nur auto-, sondern auch sportbegeistert. In Döbeln kannte man ihn auch deshalb gut, weil er den Schwimmverein 05 und den Tennisclub 05 mitgegründet hatte.
Krisenjahre: Zwischen Weltbrand und Schicksalsschlägen
Der Erste Weltkrieg brachte erhebliche Schwierigkeiten für die Seifenfabrik mit sich, da viele männliche Arbeiter zum Militär eingezogen wurden. Mit Hilfe weiblicher Arbeitskräfte konnte jedoch ein Teil der Produktion aufrechterhalten werden. Das Kriegsende von vielen Unternehmern herbeigesehnt brachte noch lange keine Entspannung. Erst nach durchgestandener Inflation normalisierte sich die Lage, und das Unternehmen wuchs erneut.
Festschrift (li.) und Annonce zum 50-jährigen Firmenjubiläum 1926
1926 feierte die Firma ihr 50-jähriges Bestehen. Unter der Leitung von Otto Fritz Schmidt entwickelte sie sich zu einem Konsumseifenproduzenten, der alle für den Alltag notwenigen und nützlichen Seifenerzeugnisse herstellt. Waschpulver, Schmierseife gehören genauso dazu wie Haushalt- und Toilettenseifen.
Am 26. Oktober 1927 zerstörte ein Großbrand die Pack-, Press- und Plierräume der Fabrik. Mehrere Feuerwehren kämpften in der Nacht gegen die Flammen, Menschen kamen dabei jedoch nicht zu Schaden. Im firmeneigenen Laboratorium wurden weiterhin neue Produkte entwickelt, etwa für das Waschen mit künstlichem, weichem Regenwasser. In den 1920er Jahren waren Produkte wie die Döbelner weiße Terpentin-Schmierseife, die Döbelner Kernseife, Benzin- und Terpentinseifen, Waschpulver, Wasserenthärtungsmittel sowie verschiedene Toilettenseifen besonders beliebt. Als Schutzmarke diente der Ambos.
Dieses Foto zeigt die männliche Linie der Familie Schmidt und wurde kurz vorm Tod des Firmengründers Hermann Otto Schmidt aufgenommen. Rechts im Bild ist sein Sohn und Nachfolger Otto Fritz Schmidt zu sehen. Links im Bild lächelt dessen ältester Sohn Hermann Hans Schmidt in die Kamera, zwischen Vater und Großvater steht der jüngste Sohn Otto Werner Schmidt. Das Originalfoto wurde in einer zweiten Fassung mit einem KI-Tool der Genealogie-Plattform MyHeritage nachkoloriert.
Am 5. Dezember 1927 starb Firmengründer Hermann Otto Schmidt kurz vor seinem 80. Geburtstag. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit hatte er sich viele Jahre als Stadtverordneter, Mitglied des Kirchenvorstands und Kassierer des Gustav-Adolf-Zweigvereins engagiert.
1929 errichtete das Unternehmen neue Fabrikgebäude mit Kühlkeller, Versand- und Büroräumen, Laboratorium und Packlager. Drei firmeneigene Lastwagen belieferten Kunden weit über Sachsen hinaus, nunmehr auch mit Fein- und Spezialseifen. Die Weltwirtschaftskrise 1929 führte allerdings dazu, dass sich die wirtschaftliche Lage wieder eintrübte. Auch in Döbeln gewann die NSDAP Anhänger. Sie bot scheinbar einfache Antworten auf die Massenarbeitslosigkeit und die politische Instabilität. Anfangs begrüßte Fanny Schmidt diese Initiativen, führte ab 1929 die Döbelner NS-Frauenschaft. Schon 1933 legte sie allerdings nach Auseinandersetzungen mit dem örtlichen Kreisleiter der NSDAP ihr Amt nieder.
Fotos vom Arbeitsalltag in der Döbelner Seifenfabrik in den 1920er und 1930er Jahren. Nachfolgend sieht man mit Hilfe eines KI-Tools nachkolorierte Fassungen der Fotos.
Am 17. März 1937 verstarb Otto Fritz Schmidt an den Folgen eines Autounfalles. In seinen letzten Lebensstunden hatte er noch ein ausführliches Testament diktiert. Seine Frau Fanny sowie die Söhne Hans und Werner sollten das Unternehmen weiterführen.
Das schwere Erbe: Die Katastrophe von 1938 und der Überlebenskampf
Am 7. April 1938 kam es zu einer folgenschweren Explosion eines 3.000-Liter-Autoklaven, wodurch das Siedehaus einstürzte. Bei dem Unfall kamen vier Menschen ums Leben, von den sechs Schwerverletzten starben noch zwei. Zu Ehren der tödlich Verunglückten führte man am 09. April 1938 auf dem Hindenburgplatz (heute Obermarkt) eine Gedenkkundgebung durch. Die Trauerfeier fand in der Exerzierhalle (heute Turnhalle Burgstraße) unter großer Anteilnahme der Belegschaft und der Bevölkerung statt. Die Werksführung, Oberbürgermeister Dr. Gottschalk sowie weitere Vertreter aus Politik und Wirtschaft hielten Trauerreden. Der Werkschar-Musikzug der Firma Tümmler spielte Chopins Trauermarsch. Kondolenzbesucher aus dem ganzen Land legten Kränze und Blumengebinde nieder. Ein langer Trauerzug setzte sich von der Burgstraße Richtung Niederfriedhof in Bewegung. Eine Gedenktafel erinnert hier an die sechs Opfer des Unfalls.
Fotos, die die Folgen der Explosion am 07.04.1938 zeigen.
"Im großen Siedehaus kam anscheinend ein etwa 3 000 Ltr. fassender, mit flüssiger Fettmasse gefüllter Behälter, der unter sechs Atmosphären Druck stand, zur Explosion. Die Folgen waren furchtbar. Ein Großteil der über dem Behälter entlanglaufenden massiven Galerie, auf der sich außerdem noch schwere Behälter befanden, stürzt auf den Boden des Siedehauses und die dort befindlichen Kessel, Behälter und Maschinen hinab. Diesem Zusammenbruch war die Kellerdecke nicht gewachsen und alles brach in den mehrere Meter tiefen Siedekeller hinab, ein einziges, unentwirrbares Chaos von verbogenen Eisenträgern, Kesseln, Röhren und Maschinenteilen bildend In den Kellerräumen befanden sich mehrere Männer und Frauen an ihren Arbeitsplätzen. Sie wurden von den herabstürzenden Massen begraben. Die Bergungsarbeiten wurden durch die auslaufende Lauge erschwert, die bald fußhoch im Kellergeschoss stand Sie zerfraß Schuhe und Stiefel und fügte den opferbereiten Helfern schmerzhafte Verätzungen zu. Großer Schaden entstand auch an den angrenzenden Gebäudeteilen. Tiefes Mitgefühl für die Hinterbliebenen der Opfer und die Verletzten wurde zum Ausdruck gebracht, es war wohl das schwerste Unglück seit langen Zeiten in unserer Heimatstadt."
Noch im selben Jahr begann der Wiederaufbau der zerstörten Anlagenteile, der bis 1943 andauerte. Ebenfalls 1938 wurde der Name „Decenta Döbeln“ als geschützter Markenname für Feinseifen eingetragen.
Der Zweite Weltkrieg brachte erneut große Belastungen. Beide Söhne wurden eingezogen, und Fanny Schmidt versuchte unter schwierigsten Bedingungen, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Materialknappheit und Notverordnungen bestimmten die Produktion, die unter anderem Tonseife (17% Fettsäure statt 80%) und das Läusemittel „Suculex“ umfasste. Da viele Mitarbeiter des Unternehmens im Krieg waren, setzte man zwischen 1939 und 1945 acht Personen zur Zwangsarbeit ein.
Im März 1945 erhielt die Familie die Nachricht, dass Hans an der Ostfront vermisst wird. Seitdem gab es von ihm kein Lebenszeichen mehr.
Enteignung und politisches Unrecht
Nach Kriegsende stellte die Firma vor allem chemisch-technische Produkte wie das Läusemittel "Suculex" her. Weil es nach dem Krieg ständig Stromabschaltungen gab, und Petroleum und Kerzen rationiert waren, galt "Suculex" bald als Wundermittel. Es war brennbar und eignete sich für den Notbetrieb von Petroleumlampen. Bald hatte man auch eine Lösung für die stark rußende Flamme - etwas Kochsalz in die Lösung und eine geschickte Dochtregulierung erzeugten eine brauchbare Flamme.
Die Jahre nach dem verheerenden Unglück und während des Zweiten Weltkriegs forderten von der Familie alles ab. Fanny Schmidt, die einst als moderne Mitstreiterin an der Seite ihres Mannes begonnen hatte, stand nun allein in der Verantwortung. Doch mit dem Ende des Krieges wandelte sich nicht nur die politische Landkarte, sondern auch die Bewertung ihrer Person: Ihre frühere Rolle in der NS-Frauenschaft, die sie bereits 1933 nach internen Konflikten aufgegeben hatte, wurde ihr nun im neuen politischen System zum Verhängnis. Nach dem Krieg wurde Fanny Schmidt von kommunistischen Funktionären drangsaliert und erniedrigt. Im Mai 1945 verwehrte man ihr der Zutritt zu ihrer eigenen Firma. Sie wurde zu „gemeinnütziger Arbeit dienstverpflichtet und musste den Obermarkt kehren. Da ohne sie als Geschäftsführerin allerdings die Abläufe in der Seifenfabrik nicht mehr funktionierten, durfte sie Anfang Juni 1945 mit dem Auftrag, für Ordnung zu sorgen, den Betrieb wieder betreten. Als sie die Belegschaft freudig mit Blumen empfing, deutet man das als unerwünschte Solidarisierungsbekundung. Der Betriebsrat drohte jeden sofort zu entlassen, der sich weiterhin demonstrativ hinter die frühere Besitzerin stellen wurde. Zudem meldete man den Vorgang an die sowjetische Stadtkommandantur. Major Janusarkow intervenierte sofort. Er musste gerade wieder ein neues Kontingent an örtlichen „Nazi- und Kriegsverbrechern“ zusammenstellen. Ohne Verhandlung und Verurteilung brachte man Fanny Schmidt als politischen Häftling ins Zuchthaus Bautzen, später ins berüchtigte sowjetische Speziallager Mühlberg/Elbe.
Im September 1945 kehrte Werner Schmidt aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Vom Betriebsrat wurde ihm der Zutritt zu seinem Unternehmen verwehrt. Am 30. Juni 1946 enteignet man das Unternehmen durch einen Volksentscheid. Es ging in das Eigentum des Landes Sachsen über. Unerwartet erhielten die Mitinhaber Hans und Werner Schmidt im Oktober 1946 ihre Geschäftsanteile vom Land Sachsen zurück.
Ab 01. Dezember 1946 durfte Werner Schmidt wieder in der Abteilung Absatz arbeiten. Er hatte vor dem Krieg eine kaufmännische Ausbildung absolviert. 1948 wurden die Geschäftsanteile der beiden Brüder dann jedoch durch einen Verwaltungsbescheid im Grundbuch und Handelsregister widerrechtlich gelöscht. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Werner Schmidt wurde vom Inhaber zum Angestellten.
Fanny Schmidt entließ man am 15. Juli 1948 aus dem Internierungslager Mühlberg. Die Haft hatte ihr stark zugesetzt, ihre Gesundheit war angeschlagen. Über das, was sie erlebt hatte, sprach sie nie. 1949 wurde sie rehabilitiert. Sie starb 1956 im Alter von 66 Jahren.
Die Ära Decenta: Seifen für den Osten
Das Unternehmen nannte sich anfangs VVB Sapotex, seit 1948 VEB Decenta Döbeln. Den Namen Decenta hatte sich die Firma H. O. Schmidt 1933 als Schutznamen für Feinseifen gesichert.
Sapotex stellte in der Nachkriegszeit neben Seifen (z.B. AntiX und DEO-Seife) auch andere chemisch-technische (Suculex-Läusemittel, Desinfektionsmittel, Arbeitsschutzsalben, Scheuerblitz, Einweichmittel, Handwaschpaste) und kosmetische Produkte (Parfüm, Kölnisch-, Rasier- Gesichts- und Haarwasser, Haut- und Rasiercreme) her.
li.: Werbeanzeige des VEB Decenta im "Magazin", einer Zeitschrift mit den Schwerpunkten Kultur und Lebensart (1960er Jahre) / re.: In dieser Werbeanzeige werden die zahlreichen Kosmetikprodukte aufgezählt, die Decenta anfangs herstellte. Interessant ist auch das Logo, ein Vorläufer des späteren Decenta-Logos.
Werbeplakate das VEB Decenta Döbeln aus den 1950er und 1960er Jahren - Anfangs produzierte man in Döbeln noch zahlreiche Kosmetikartikel, u. a. Parfüms. Später beschränkte man sich auf Stückseife und feste Rasierseife.
Immer mehr konzentrierte man sich auf die Seifenherstellung. Bereits 1950 wurden 1500 Tonnen Feinseife produziert. Seit 1964 modernisierte man die Produktionsanlagen. Automatische Seifenpressen und Verpackungsautomaten aus DDR-Produktion wurden gekauft. 1978, nach einer weiteren Modernisierung der Produktion, benötigte man für die Herstellung von 50 000 Stück Seife nur noch 5-6 Arbeitskräfte.
Drei Verkaufsschlager: Decenta-Seifennadeln waren klein geraspelte Seifenstücke. Man setzte sie als sanftes Waschmittel, Wäsche- oder Badezusatz ein. / Hautcreme gehörte anfangs auch zum Produktportfolio. Der Betrieb firmierte noch unter VVB Sapotex, die Creme schon unter der Markenbezeichnung "Decenta". / Die feste Rasierseife Decentas war nachhaltig und umweltfreundlich. / Geschmackvoll arrangiert - Geschenkpackungen gab es u. a. mit drei Feinseifen der Duftrichtung Lavendel.
Decenta-Seifenblättchen eigneten sich für die schnelle Handhygiene auf Reisen.
Desodorierende Seife Anti-X und die Seife "Kölnisch herb" des VEB Decenta Döbeln (1960er und 1970er Jahre)
Liebevoll aufgearbeitet wurde die Geschichte der Döbelner Seifenfabrik auf der Webseite "DDR-Duftmuseum 1949-1989". Ein Besuch lohnt sich.
Fusion mit Florena – Döbeln wird zum Betriebsteil
Im Jahr 1981 endete die Eigenständigkeit des VEB Decenta endgültig. Der Betrieb wurde mit dem VEB Florena Waldheim (ehemals Rosodont) zum VEB Florena Waldheim-Döbeln zusammengeschlossen und dem Kosmetikkombinat Berlin unterstellt. Mit weiteren Betriebsteilen in Geringswalde und Colditz entstand so der größte Kosmetikhersteller der DDR mit insgesamt 700 Mitarbeitern.
Seifen made in Döbeln - Anti-X, Deo-2, Nora, Kölnisch herb (1980er Jahre)
Made in Döbeln - Seife "Lindenblüte" und Superluxusseife "Superb" (1980er Jahre)
Döbeln blieb innerhalb dieses Verbundes zwar der spezialisierte Standort für die Entwicklung und Herstellung von Fein- und Rasierseifen, verlor jedoch zunehmend an strategischem Gewicht. Während in Waldheim bereits Ende der 1980er Jahre moderne Lizenz-Produktionen für Nivea-Creme aufgebaut wurden, blieb Döbeln auf das schrumpfende Kernsegment der Stückseife beschränkt – eine Spezialisierung, die sich in der späteren Marktwirtschaft als riskant erweisen sollte.
1991 hatten die Alteigentümern nach dem Einigungsvertrag das Vorkaufsrecht an ihrer alten Firma. Werner Schmidt nahm es nicht in Anspruch, weil der Kaufpreis zu hoch und die Altlasten nicht abzuschätzen wären. Sicher spielte auch die Erkenntnis eine Rolle, dass man mit einer Fabrik, die auf die Herstellung von Stückseife ausgelegt war, am Markt nicht würde bestehen können.
Marktwirtschaftlicher Sturm und das Ende einer Tradition
1990 genehmigt die Treuhand den Antrag auf Fortführung des Unternehmens unter marktwirtschaftlichen Bedingungen in der DDR als VEB Florena Waldheim/Döbeln. Im Juni 1990 wurde aus dem VEB Florena Waldheim/Döbeln die Florena Cosmetic GmbH. Einer der drei Gesellschafter war der ehemalige Kombinatsleiter Heiner Hellfritzsch. Zum 1. Januar 1992 erfolgte die Unterzeichnung des Gesellschaftervertrages mit der Treuhand und die rückwirkende Wirksamkeit ohne Beteiligung der früheren Gründerfamilie. Die Familie Schmidt verlor damit endgültig ihr ehemaliges Unternehmen. Die dankbare Erinnerung an den Gründer der Seifenfabrik allerdings blieb. Am 7. Dezember 1992 benannte man zu Ehren von Hermann Otto Schmidt im Gewerbegebiet Döbeln Ost eine Straße nach ihm.
Dass der raue Wind der Marktwirtschaft Folgen für die Mitarbeiter der neuen GmbH haben würde, wussten alle. Dass sie dann doch so gravierend waren, schockierte viele. Rund 530 Mitarbeiter verloren Anfang der 1990er Jahre ihren Arbeitsplatz bei Florena, 170 Mitarbeiter konnten weiterbeschäftigt werden.
Zwei der drei Döbelner Betriebsgebäude wurden verkauft und die Seifensiederei eingestellt; die benötigten Seifenspäne kaufte man fortan ein. Da in Deutschlands Bädern zunehmend Flüssigseife und Duschgel Einzug hielten, wurde Stückseife immer mehr zum Auslaufmodell. Ein echter Verkaufsschlager blieb hingegen die Rasiercreme: Täglich wurden 25.000 bis 30.000 Tuben in fünf verschiedenen Sorten produziert, wobei sich die Variante „Kamille“ zum absoluten Renner entwickelte.
Im April 1998 übernahm Florena das Areal des ehemaligen SÜGRO-Verwaltungs- und Logistikzentrums im Gewerbegebiet Döbeln-Ost. Von hier aus wickelten acht Angestellte das gesamte Exportgeschäft ab. Florena arbeitete erfolgreich am Wiederaufstieg und beschäftigte im Jahr 2000 bereits wieder 224 Mitarbeiter.
2002 verkauften die drei Gesellschafter die Florena Cosmetic GmbH an die Beiersdorf AG. Der Umsatz in diesem Jahr belief sich auf 50,4 Millionen Euro. 2006 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 88,8 Millionen Euro und hatte 350 Beschäftigte.
Der Erfolg der Florena Cosmetic GmbH war auch möglich, weil man konsequent auf die Bereiche setzte, die profitabel waren. Gut für die Firma, schlecht für den Standort Döbeln. Am 17. März 2006 schloss man das Döbelner Werk, weil sich die Produktion fester Seifen nicht mehr lohnte. Nach 130 Jahren endet damit eine lange Tradition der kosmetischen Industrie in Döbeln.
Auch in Waldheim gingen schon bald die Lichter aus. Das Stammwerk mit rund 250 Mitarbeitern wurde 2022 geschlossen. Der Beiersdorf-Konzern baute ein neues Produktionszentrum für Aerosole in Leipzig-Seehausen, das im September 2023 mit dem Betrieb startete. Das alte Florena-Werk in Waldheim gab man auf, um die Produktion zu modernisieren und zentraler am logistischen Knotenpunkt Leipzig anzusiedeln. Neben Florena werden im neuen Leipziger Werk auch andere Beiersdorf-Produkte wie Nivea, 8x4 und Hidrofugal hergestellt.
Die Gebäude der ehemaligen Seifenfabrik in Döbeln stehen heute teilweise leer. Von der einst bedeutenden Tradition der Seifen- und Kosmetikherstellung in Döbeln ist nichts geblieben.
Der in der Gründerzeit des Unternehmens an der Fabrikfassade angebrachte Schillerspruch „Aus der Kräfte schön vereintem Streben / erhebt sich wirkend erst das wahre Leben“ ist noch immer gut lesbar, wirkt im Angesicht des industriellen Niedergangs dann doch etwas pathetisch.
Wo einst der Schillerspruch an der Fassade das ‚wahre Leben‘ durch vereintes Streben pries, hat heute die Verwaltung Einzug gehalten. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet in den Räumen, in denen über Generationen Arbeit geschaffen wurde, heute das Jobcenter Mittelsachsen untergebracht ist.
Geblieben ist die Erinnerung. Im Gewerbegebiet Döbeln-Ost wurde eine Straße nach Hermann Otto Schmidt benannt und vor der ersten Niederlassung auf dem Niedermarkt erinnert heute ein Seifenstiefel an die lange Tradition der Seifenherstellung in Döbeln.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 92f.
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 131ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
"Döbelner Anzeiger" vom 08.04.1938
Rösler, Sieglinde: Seifenfabrik Hermann Otto Schmidt – seit 125 Jahren in Döbeln. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 9 Sept. 2001, S. 10-11 (Teil 1) und In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 10 Okt. 2001, S. 10 (Teil 2)
Rösler, Sieglinde, Enzmann, Karlheinz: Von der Seifenfabrik Hermann Otto Schmidt bis zur Florena Cosmetic GmbH, Waldheim Betriebsteil Döbeln. In: Sächsische Heimatblätter 4/5 2002 Dresden 2002, S. 307-313
"Osterland" G.m.b.H. (Hg.): ddr-Duftmuseum. URL: https://www.ddr-duftmuseum-1949-1989.de/osterland-gera (01.01.2023)
Florena Cosmetic GmbH (Hg.): 150 Jahre Pflegekompetenz 1852-2002 – Eine Waldheimer Erfolgsgeschichte. Mainburg 2001
STIEFEL-Redaktion: Florena Cosmetic. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 7/8 Juli 2001, S. 10
Wolf, Matthias: 150 Jahre Florena. In: Döbelner Anzeiger, 5. Januar 2002, S. 26
Doms-Berger, Dagmar: Schönheit aus der Dose. In: Döbelner Anzeiger, 19. Januar 2002, S. 13
Bildnachweis:
Porträt Hermann Otto Schmidt – Stadtarchiv Döbeln
Erstes Geschäftshaus am Niedermarkt und Abb. Der Fabrik in der Rößchengrundstraße in den Anfangsjahren - Rösler, Sieglinde: Seifenfabrik Hermann Otto Schmidt – seit 125 Jahren in Döbeln. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 9 Sept. 2001, S. 10-11 (Teil 1)
Werbeanzeige 1914 - Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Werbeanzeigen 1925 – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Fabrikgelände der Döbelner Seifenfabrik an der Rößchengrundstraße (20er Jahre) - Rösler, Sieglinde privat
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
Grafische Darstellung Seifenherstellung KI-generiert STIEFEL-Redaktion: Florena Cosmetic. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 7/8 Juli 2001, S. 10
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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Döbeln und seine Industriegeschichte
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Döbeln und seine Industriepioniere































