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Der Wächter des guten Geschmacks: Wie Döbelner Emaillepech den Biergenuss revolutionierte

Das Geheimnis des „Auspichens“: Versiegelung für den reinen Biergenuss

Brauerpech ist eine gelblichbraune, geschmacksneutrale und geruchsfreie Masse aus Erdfarben, Harzölen, Kolophonium, Pech und Paraffinen, auf die keine Brauerei verzichten kann. Sie dient dem Abdichten von Holzfässern, dem sogenannten „Auspichen“. Da der direkte Kontakt von Bier mit Eichenholz den Geschmack beeinträchtigt, wird die Innenflächen der Fässer mit Brauerpech überzogen. Das Neue und Besondere am sogenannten Emaillepech bestand darin, dass es das Holz nicht nur oberflächlich versiegelte, sondern vollständig imprägnierte und damit besonders widerstandsfähig machte.

Diese unsichtbare, aber essenzielle Schutzschicht im Inneren der Fässer garantierte die Reinheit des Bieres – eine technische Notwendigkeit, in der Döbelner Bernhard Schwerdtfeger früh das Potenzial für ein lebensfähiges Geschäftsmodell erkannte.

Staupitzstraße 20 (2023)

Pioniergeist in der Pechhütte: Die Ära der Firmengründer

Schwerdtfeger lernte während seiner Tätigkeit als Angestellter der Faßfabrik Voigt & Co. auf seinen Reisen den Erfinder des Brauerpechs, Gustav Engelrath, kennen. Diese Begegnung erwies sich als wegweisend. Engelrath inspirierte Schwerdtfeger im Jahr 1889 zum Bau einer ersten Pechhütte an einem Standort nahe dem heutigen Döbelner Amtsgericht in der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße.

Gesellschafter waren Louis Otto senior, Bernhard Schwerdtfeger und Gustav Engelrath, der sich als stiller Teilhaber beteiligte. Nach dem Tod Engelraths im Jahr 1896 und dem Ausscheiden von Louis Otto im Jahr 1899 trat Ernst Böttger an ihre Stelle und wurde neuer Teilhaber des Unternehmens.

Werbeanzeige von 1910

Umzug an den Stadtrand – Gleisanschluss erhöht Effizienz

Der rasche Erfolg zwang das junge Unternehmen zu einer stetigen Suche nach Raum zur Entfaltung. Was in bescheidenen Verhältnissen in der Staupitzstraße 20 und den Klostergärten begann, stieß bald an seine Grenzen – nicht zuletzt, weil die intensive Geruchsentwicklung der Siederäume in der dichten Bebauung zunehmend für Konflikte sorgte und einen Umzug an den Stadtrand unumgänglich machte.

Bernhard Schwerdtfeger erwarb ein Grundstück an der Ecke Reichensteinstraße/Am Burgstadel. Dort entstanden für die Döbelner Emaillepech-Fabrik Schwerdtfeger & Böttger umfangreiche Neubauten, darunter Lagerhallen sowie Gebäude für Siederäume, eine Klempnerei, das Labor und Büroräume. Ein entscheidender Standortvorteil ergab sich durch die Nähe zur Chemischen Fabrik Greiners, die seit 1896 die Mitbenutzung eines Industriegleises ermöglichte. Dieses Gleis führte bis zum Döbelner Hauptbahnhof und erlaubte einen effizienten Warentransport.

Fabrikansicht 1911 (Vergrößerung der Abb. aus der Werbeanzeige)*

Zur Optimierung der Transportkosten unterhielt das Unternehmen acht Kommissionslager in Deutschland, die regelmäßig mit größeren Mengen beliefert wurden. Die Abnehmer waren vor allem Brauereien im gesamten Reichsgebiet, insbesondere in Bayern, aber auch im europäischen Ausland.

Harz aus Übersee: Ein globaler Kreislauf in Döbelner Kesseln

Der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Emaillepech war Harz. Dieses wurde aus den Vereinigten Staaten importiert, von Hamburg über die Elbe bis Riesa verschifft und von dort mit der Eisenbahn zum Döbelner Hauptbahnhof transportiert. Über das Greinersche Industriegleis konnten die Waggons direkt bis an das Fabriktor der Emaillepech-Fabrik heranfahren. In großen Siedekesseln wurde das Harz unter Zugabe weiterer Rohstoffe aufbereitet und anschließend in Holzfässer abgefüllt, die an die Brauereien ausgeliefert wurden.

Holzfässer werden Auslaufmodell: Das Ende einer großen Tradition

Vor dem Ersten Weltkrieg nahm die Döbelner Emaillepech-Fabrik eine führende Stellung innerhalb der Branche ein. Nach dem Krieg ging die Nachfrage jedoch deutlich zurück. Immer häufiger wurde Bier nun in Fässern aus Stahl, Aluminium oder Beton gelagert, sodass Holzfässer und damit auch Brauerpech zunehmend an Bedeutung verloren. Der Niedergang des Unternehmens in den 1920er Jahren verlief parallel zum Niedergang der Döbelner Faßfabrik in der Feldstraße.

Für Antwortschreiben hatte man ein entsprechendes Kuvert vordrucken lassen. Noch musste man am 4. August 1945 die alten Briefmarken mit dem Konterfei Hitlers verwenden. Selbiges wurde natürlich überdruckt.
Grabstelle der Familien Schwerdtfeger und Görne auf dem Döbelner Niederfriedhof

1936 starb Bernhard Schwerdtfeger. Die Leitung des Unternehmens übernahm sein Schwiegersohn Horst Görne, der bereits seit 1928 im Betrieb tätig gewesen war. Während des Zweiten Weltkriegs war der Geschäftsbetrieb stark eingeschränkt, nicht zuletzt deshalb, weil der Import von Harz aus den Vereinigten Staaten nicht mehr möglich war. In dieser Ära der Isolation wurde aus der Not eine frühe Form der Kreislaufwirtschaft geboren: Da der lebenswichtige Rohstoffnachschub aus Übersee fehlte, begannen die Brauereien, ihr gebrauchtes Pech zurück nach Döbeln zu schicken. In den Kesseln am Burgstadel wurde dieses „Altpech“ gereinigt und regeneriert, um die Produktion unter schwierigsten Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Spurensuche auf dem Burgstadel

Nach dem Tod Horst Görnes im Jahr 1955 führte seine Ehefrau Elisabeth Görne das Unternehmen noch bis 1962 weiter. Nach dem Verkauf der Firma wurden die Gebäude anderweitig genutzt, überwiegend als Lager. Einige Räume stellte man der „Volkssolidarität“ zur Verfügung.

Heute, wo auf dem Gelände Autoteile gehandelt werden, ist der charakteristische Duft der Pechsiederei längst verflogen. Doch in der Geschichte der Stadt bleibt der Burgstadel ein Ort, an dem Döbelner Pioniergeist einst den globalen Kreislauf zwischen den Harzwäldern Amerikas und den Braukellern Europas am Laufen hielt

Noch heute gibt es die Gebäude der ehemaligen Fabrik. Man findet sie am Ende der Reichensteinstraße rechts. Das vordere, an der Straße befindliche Gebäude ist nur noch einstöckig. Gut zu sehen sind heute noch die oben abgerundeten Fensterleibungen der früheren Fabrikhalle. Links der Straße befand sich die Chemische Fabrik Oswald Greiners. Das Betriebsgleis wurde bis zur Emaillepech-Fabrik Schwerdtfeger & Böttger weitergeführt.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 93
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 127f.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)

Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellung Herstellung Brauerpech KI-generiert