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Süße Träume ohne Schokolade: Die bewegte Geschichte der Firma Arno Schönfeld

Das Logo der Firma nutzte die Initialen Arno Schönfelds.*

Marzipan aus Meisterhand: Von geschälten Mandeln zur feinen Spezialität

Am 21. März 1911 nahm die Firma Arno Schönfeld in der Schillerstraße 46 ihre Geschäftstätigkeit auf. Im Handelsregister war das Unternehmen zunächst in der Rubrik „Handel mit Bäckerei- und Konditoreiwaren“ eingetragen. Schon bald entwickelte sich der Betrieb weiter und firmierte unter der Bezeichnung „Arno Schönfeld – Zuckerwaren-, Marzipan- und Mandelpräparate-Fabrik“.

In dieser Zeit wurde Marzipan noch weitgehend in handwerklicher Tradition hergestellt. Die Grundlage bildeten geschälte Mandeln, die zunächst in heißem Wasser gebrüht wurden, um ihre braune Haut leichter entfernen zu können. Nach dem Trocknen mahlte man die Mandeln auf schweren Steinmühlen zu einer feinen Masse. Dieser Arbeitsschritt erforderte Erfahrung, da die Mandeln nicht zu warm werden durften, um ihr feines Aroma zu bewahren.

Anschließend wurde die Mandelmasse mit Zucker vermischt, meist im Verhältnis eins zu eins oder je nach gewünschter Qualität mit einem höheren Mandelanteil. Die Mischung wurde dann über offenem Feuer oder in dampfbeheizten Kesseln vorsichtig erwärmt und ständig gerührt, bis eine geschmeidige, formbare Masse entstand. Diese sogenannte Rohmasse ließ man ruhen, damit sich Geschmack und Konsistenz voll entfalten konnten.

In kleinen Manufakturen formte man das Marzipan anschließend von Hand zu Broten, Figuren oder einfachen Süßwaren. Oft wurden die Stücke noch leicht getrocknet oder mit Zucker bestäubt. Trotz beginnender Industrialisierung blieb die Herstellung vielerorts ein kunstvolles Handwerk, bei dem Sorgfalt und Erfahrung entscheidend für die Qualität des Marzipans waren.

Bis zum Jahr 1925 hatte sich die räumliche Aufteilung gefestigt: Während die Produktion nun primär im Gebäude der Schillerstraße 45 stattfand, diente das benachbarte Haus Nr. 46 der Familie Schönfeld als privater Rückzugsort.

(1) Historische Aufnahme der Schillerstraße, Blick Richtung Körnerplatz. Links sieht man noch das Haus Schillerstr. 45. Es ist deutlich niedriger als die Nachbarhäuser und beherbergt anfangs die Produktion der Firma.
(2) Das Haus Schillerstraße 45 wurde abgerissen. Heute klafft hier eine Baulücke. Erhalten ist das Haus Nr. 46, in dem die Schönfelds wohnten. (Foto 2023)

(3) Gesamtansicht der Schillerstraße im entsprechenden Bereich (Foto 2023)

Belegschaft der Firma um 1920, damals noch in der Schillerstraße. Nach dem Umzug in die Feldstraße wächst die Zahl der Mitarbeiter.

Expansion in die Feldstraße: Neue Räume für süße Träume

Um 1920 beschäftigte die Firma bereits eine kleine Belegschaft, die damals noch in der Schillerstraße arbeitete. Mit der Zeit erwies sich dieser Standort jedoch als zu klein für eine weitere Expansion. Daher verlegte das Unternehmen im Jahr 1929 seinen Sitz in die Döbelner Feldstraße 17. Dort hatte zuvor die Fassfabrik Haupt ihren Geschäftsbetrieb aufgegeben, sodass geeignete Produktionsräume zur Verfügung standen. Gleichzeitig verlegte auch die Familie Schönfeld ihren privaten Wohnsitz in die Feldstraße. Nach dem Umzug wuchs die Zahl der Beschäftigten deutlich an.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1927

Die Kunst des Fondants: Genuss ohne Schokolade

Während das edle Marzipan weiterhin das Aushängeschild für höchste Handwerkskunst blieb, suchte das Unternehmen nach Wegen, den Genuss für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich zu machen. So ergänzte man das Sortiment um eine raffinierte Alternative: Fondant-Spezialitäten, die auch ohne den Einsatz kostspieliger Importwaren wie Kakao oder großer Mandelmengen auskamen.

Die Herstellung von Fondant basierte auf einer präzisen Komposition aus Zucker und Wasser, verfeinert mit Glucosesirup. Durch das gezielte Aufkochen und anschließende intensive Kneten während der Abkühlphase entstand die charakteristische, schneeweiße und geschmeidige Paste. Erst im letzten Schritt verliehen ausgewählte Aromen und zarte Farben der Masse ihre individuelle Note.

Entwürfe Walter Eckhards für Produktverpackungen der Firma (Stadtmuseum Döbeln)

Vom Familienbetrieb zum VEB: Eine Idee überdauert die Enteignung

Im Jahr 1972 wurde das Unternehmen im Zuge der wirtschaftspolitischen Maßnahmen der DDR zwangsverstaatlicht.

Obwohl die Enteignung einen tiefen Einschnitt in der Familiengeschichte markierte, blieb das produktionstechnische Know-how am Standort Döbeln erhalten. 1984 fanden die lebten die Produktideen Arno Schönfelds im VEB Süßwarenfabrik Döbeln erneut auf.

Naschkätzchen statt Zigarren: Der süße Wandel in der Industriestraße

In den 1980er Jahren wird aus der Zigarren- eine Süßwarenfabrik. (Foto: 2023)

Von Tabak zu Zucker: Die Geburtsstunde des VEB

In den 1980er Jahren wandelte sich die frühere Zigarrenfabrik in der Industriestraße zu einer Süßwarenfabrik. Bereits 1981 stellte man das Gelände der ehemaligen Döbelner Zigarrenfabrik dem VEB Süßwarenkombinat Halle zur Verfügung. Drei Jahre später, 1984, begann der neu gegründete VEB Süßwarenfabrik Döbeln mit der Produktion.

Das Reich der Naschkätzchen: Massenproduktion für den Gabentisch

Als Keimzelle des neuen Betriebes galt die frühere Firma Arno Schönfeld, die in der Feldstraße unter anderem Marzipan hergestellt hatte. Der Schwerpunkt der Produktion lag nun vor allem auf sogenannten Fondants – einer weichen Zuckermasse, die häufig mit einer dünnen Schokoladenschicht überzogen wurde. Zu den hergestellten Produkten gehörten unter anderem Marzipanbrote, Streuselkugeln, Rumkugeln, Kokosriegel sowie Marzipanersatz, der aus speziell gezüchteten Erbsen hergestellt wurde. Außerdem fertigte der Betrieb Weihnachts- und Osterpräsente. Durch diese Produktionsweise war es möglich, Süßwaren herzustellen, ohne große Mengen der knappen Schokolade zu verbrauchen.

Einblicke in die Produktion: v. li.n.re. Drageekessel, Schokoladenriegellinie Kurventransportband-Schokoladenüberzugmaschine, Verpackungsanlage*

"Naschkätzchen"-Palinen aus Döbeln waren in der ganzen DDR bekannt. Auch hier fand sich eine preiswerte Füllung unter einer dünnen Schokoladenschicht.
Verpackungen zu Produkten der Süßwarenfabrik*
Beliebt beiJung und Alt - der Märchenriegel*

Besonders bekannt wurden in der DDR die „Naschkätzchen“-Pralinen aus Döbeln. Auch hier verbarg sich unter einer dünnen Schokoladenhülle eine preiswerte Füllung. Die Produktion erreichte beachtliche Größenordnungen: So stellte der Betrieb im Jahr 1987 allein für den Döbelner Weihnachtsmarkt etwa 100 Tonnen figürliche Fondants her. Zusätzlich liefen täglich rund 4,5 Tonnen Riegel in insgesamt 27 Sorten vom Band. Diese trugen phantasievoll Namen, einer nannte sich zum Beispiel „Märchenriegel“.

Zwischen Restitution und Neuanfang: Die Ära Götz

Nach der politischen Wende wurde der volkseigene Betrieb in eine private Gesellschaft umgewandelt und firmierte fortan als Süßwaren GmbH Döbeln. Da jedoch die Dannemann Cigarrenfabrik Rückübertragungsansprüche auf das Grundstück in der Industriestraße geltend machte, musste die Gesellschaft bereits 1992 liquidiert werden.

Anschließend gründete die Götz Gebäck GmbH aus Darmstadt eine Niederlassung in Döbeln. Man betrieb eine Anlage zur Herstellung von Schokoladenhohlfiguren sowie eine sogenannte Schminkstrecke, auf der diese Figuren dekoriert wurden.

Relikt aus vergangenen Zeiten - das Firmenschild des VEB Süßwarenfabrik Döbeln
Werbeanzeige Döbelner Süßwarenmanufaktur GmbH aus dem Jahr 1999

Nachdem die Firma Götz im Jahr 1996 in Konkurs gegangen war, wurde die Döbelner Niederlassung 1997 in einen eigenständigen Betrieb umgewandelt. Unter dem Namen Döbelner Süßwarenmanufaktur GmbH setzte das Unternehmen die Produktion fort.

Jährlich verarbeitete man rund 300 000 Kilogramm Schokolade, aus denen etwa zwei Millionen Hohlkörper hergestellt wurden. Im Geschäftsjahr 1998/99 erzielte der Betrieb einen Umsatz von 8,6 Millionen D-Mark.

Neustart an der Burgstraße – Keksfertigung ergänzt die Produktion

1998 verlegte die Firma ihre Produktion von der Industriestraße in die Burgstraße. Gleichzeitig erwarb man Maschinen sowie Markennamen der ehemaligen Firma Götz und erweiterte das Produktionsprogramm um eine zusätzliche Keksfertigung. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen 72 feste Mitarbeiter sowie rund 80 Saisonarbeitskräfte.

Werbeanzeige aus dem Jahr 1992

Die Döbelner Süßwarenmanufaktur GmbH war der letzte Nutzer des Werks V (Druckgußgebäude), das einst für den VEB DBM gebaut wurde. (2023)

Das bittere Ende einer süßen Tradition

Trotz dieser Bemühungen konnte sich der Betrieb langfristig nicht halten. Im Jahr 2004 wurde die Produktion in Döbeln eingestellt. Die Firma geriet in die Insolvenz, und den verbliebenen 50 Mitarbeitern musste gekündigt werden. Damit endete die jahrzehntelange Tradition der Döbelner Süßwarenproduktion, deren Ursprung in der Schokoladenfabrik Clemen & Sohn zu sehen ist und die durch die Marzipan- und Zuckerwarenfabrik von Arno Schönfeld neue Impulse erhalten hatte.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 96
Enzmann, Karlheinz: Die Döbelner Süßwarenfabrik. Industriegeschichte im Landkreis Döbeln. Reihe Der Neue Döbelner Erzähler. In: Stadt Döbeln (Hrsg.) STIEFEL. Das Stadt-Magazin für Döbeln. Heft 12/2001, S. 12f.

Bildnachweis:
Belegschaftsfotos Arno Schönfeld – Stadtarchiv Döbeln
Werbeanzeige Döbelner Süßwarenmanufaktur GmbH - Stadtverwaltung Döbeln (Hg.): Die Fundamente für die Zukunft sind gesetzt. Stadtentwicklung Döbeln 1994-1999. Delitzsch 1999, S. 54
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt optimiert
Grafische Darstellung Marzipanherstellung KI-generiert