Farbenstreit und Filterkunst: Die ungewöhnliche Wandlung der Chemischen Fabrik Eduard Saupe
Kommerz oder gesundheitliche Unbedenklichkeit– zwei Unternehmer im Clinch
Eduard Saupe kam in den 1870er Jahren nach Döbeln und arbeitete zunächst mit Oswald Greiner zusammen. Zwischen beiden entwickelte sich jedoch eine grundlegende Meinungsverschiedenheit über die zukünftige Ausrichtung der Produktion. Es ging um die Frage, ob auch giftfreie Farben zum Färben von Nahrungs- und Genussmitteln – etwa für Konditorei- und Zuckerwaren, Konserven, Limonaden, Liköre, Essenzen, Essig, Nudeln und Eier – sowie für Seifen, kosmetische Artikel, Fette, Öle, Wachs und Parfum hergestellt werden sollten.
Infolgedessen gründete Eduard Saupe im Jahr 1879 in der Nähe der Greinerschen Chemiefabrik sein eigenes Unternehmen. Er stand damit vor der gewaltigen Herausforderung, seine ethischen Ansprüche chemisch Realität werden zu lassen. Als Grundstoff für seine ‚reinen‘ Farben diente ironischerweise der dunkle, schwere Steinkohlenteer, den er in komplizierten Verfahren so weit veredeln musste, dass er selbst für empfindliche Lebensmittel unbedenklich wurde. Schon bald zeigte sich jedoch, dass diese spezialisierte Produktionsausrichtung wirtschaftlich nicht trug, da die Großbetriebe der Teerfarbenindustrie die benötigten Grundfarben erheblich kostengünstiger herstellen konnten.
Von der Silberwäsche zum Filter-Spezialisten
Als das Farben-Geschäft in Döbeln am massiven Preisdruck der Teerfarben-Giganten zu scheitern drohte, bewies Saupe die Flexibilität eines wahren Erfinders. Er suchte nach einem neuen Betätigungsfeld, in dem absolute Reinheit wichtiger war als der billigste Massenpreis, und verließ 1891 das gewohnte Umfeld, um in Nieder-Reinsberg bei Nossen einen radikalen Neuanfang zu wagen. Dort erwarb er die kleine Silberwäsche eines stillgelegten Bergwerks sowie eine im selben Jahr errichtete Filtriermasse-Fabrik. Dort nutzte er die bestehende Infrastruktur der ehemaligen Silberwäsche – die ursprünglich zur Reinigung von Erzen diente – geschickt um, um ein völlig neues Produkt zu perfektionieren. In den ehemaligen Bergbauanlagen entstand nun eine Filtriermasse, die durch ihre chemische Reinheit neue Maßstäbe setzte. Das neue Produkt zeichnete sich durch absolute Reinheit, hohe Durchlässigkeit und lange Haltbarkeit aus und wurde vor allem bei der Herstellung von Bier, Likör, Wein und Trinkwasser eingesetzt.
Mit dem Aufschwung der Brauindustrie um 1900 stieg der Bedarf an chemisch reiner sowie geschmacks- und geruchloser Filtermasse stark an. Eduard Saupe belieferte daraufhin weite Teile Deutschlands und exportierte seine Erzeugnisse auch nach Österreich und Nordamerika.
Was als moralischer Disput über die Giftigkeit von Farben begonnen hatte, mündete so in einer internationalen Erfolgsgeschichte der Sauberkeit. Eduard Saupe hatte seinen Platz gefunden – nicht als Konkurrent der Farbgroßindustrie, sondern als unverzichtbarer Spezialist für die Reinheit im Glas von Brauern und Winzern weltweit.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 93f.
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 128ff.
Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910, S. 11f.
Werbeanzeige 1938 - "100 Jahre Döbelner Anzeiger - 1838-1938". Döbeln 1938
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
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