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Albert Polenz: Ein Jahrhundert Präzision – Von der Döbelner Niedermühle zum Hightech-Standort Mockritz

Grabstelle der Familie Polenz auf dem Niederfriedhof

Lehrjahre und der Weg zum Obermeister

Albert Polenz, am 21. Dezember 1861 geboren, verbrachte seine Lehrzeit in Heiligenbeil in Ostpreußen und kam 1880 nach Döbeln. Bis 1881 war er hier in der Werkzeugschlosserei von Paul Zehrfeld in der Leipziger Straße beschäftigt und musste dann in Dresden seinen Militärdienst absolvieren. Nach seiner Rückkehr war er von 1885 bis 1900 bei der Firma Robert Tümmler als Meister und Obermeister tätig.

Der Sprung in die Freiheit: Gründung in der Niedermühle

Am 1. Oktober 1900 machte er sich im Anbau der Niedermühle selbstständig und betrieb mit zunächst zwei Mann eine mechanische Werkstatt. Im Jahr 1907 zog er mit seinem Unternehmen auf ein von ihm in der Sörmitzer Straße 4 gekauftes Grundstück um. Durch zweimalige Anbauten wurde dort der Betrieb vergrößert und feierte 1925 sein 25-jähriges Firmenjubiläum. Neben dem Firmengründer blickten auch zwei Werkmeister, Richard Wunderlich und Paul Müller, auf eine 25-jährige Betriebszugehörigkeit zurück. Albert Polenz starb noch im selben Jahr im Alter von 64 Jahren.

Pioniere des Kunststoffs: Zwischen Innovation und Weltmarkt

Nach seinem Tod führten seine Witwe Alma Polenz und sein Sohn den Betrieb weiter. Rudolf Polenz setzte ganz auf Innovation. Bereits 1928 gehörte das Unternehmen zu den ersten in Deutschland, die sich mit der Technologie von Presswerkzeugen für Kunststoffteile aus Duroplast beschäftigten.

Werbeanzeige 1940

1926 beschäftigte die Firma 50 Arbeiter. Hergestellt wurden Schnitte und Prägewerkzeuge für die gesamte Metallwarenindustrie. Besonders auf die kompletten Werkzeugeinrichtungen für Besteck- und Möbelbeschlagfabriken war man spezialisiert. Die Produkte der Firma wurden in alle wichtigen Länder Europas exportiert.

Auch wenn die detaillierten Aufzeichnungen über die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs lückenhaft sind, lässt die technologische Ausrichtung darauf schließen, dass der Werkzeugbauer tief in die damalige Rüstungs- und Versorgungswirtschaft eingebunden war. Trotz der schwierigen Materiallage und der Wirren der Nachkriegszeit gelang es Rudolf Polenz, den Betrieb durch die erste Phase des Wiederaufbaus zu steuern, bis sein Tod im Jahr 1949 eine Zäsur für die Familie und das Unternehmen markierte.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1954
Produktionsstandort in der Sörmitzer Straße im Jahr 2006

Vom Privatbesitz zum „VEB Formbau“

In den 1950er Jahren konsolidierte sich der Betrieb unter schwierigen Bedingungen für Privatunternehmen in der jungen DDR. Dass die Firma 1965 bereits Spritzgießwerkzeuge für Thermoplaste fertigte, zeugt davon, dass das Know-how der Gründerzeit trotz des Mangels an Investitionsgütern bewahrt und stetig an die neuen Kunststofftechnologien angepasst wurde. Dieser Innovationsgeist machte das Unternehmen schließlich zu einem attraktiven Kandidaten für die staatliche Zugriffnahme.

Sieben Jahre später, 1972, wurde die Firma durch die DDR-Regierung zwangsverstaatlicht. In den Jahren von 1972 bis 1980 firmierte das Unternehmen unter dem Namen VEB Formbau Döbeln und wurde anschließend dem VE-Kombinat Wohn- und Freizeitbedarf Leipzig angegliedert.

Neuanfang im vereinten Deutschland

Nach der Wende, 1992, wurde der Betrieb als Albert Polenz KG reprivatisiert. Dieser Neustart glich einer Neugründung: Während der Betrieb als Teil eines großen Kombinats über Jahrzehnte in starre Strukturen eingebunden war, musste sich die Albert Polenz KG nun als kleiner, aber flexibler Dienstleister auf dem freien Markt behaupten. Mit nur 14 Mitarbeitern begann der mühsame Prozess, die veraltete Technik der Planwirtschaft gegen moderne Fertigungsverfahren auszutauschen und das Vertrauen westdeutscher Auftraggeber zu gewinnen.

Schnell gelang es aber, einen neuen Kundenstamm aufzubauen und die Produktion auf Werkzeuge für die Automobilindustrie, die Medizin- und Elektrotechnik sowie die Konsumgüterproduktion auszurichten. Im Jahr 2000 konnte das Unternehmen sein 100-jähriges Firmenjubiläum feiern. Hergestellt wurden weiterhin Werkzeuge für die Kunststoffverarbeitung, 85% der Aufträge kamen aus der Fahrzeugzulieferindustrie. Mit Werkzeugen aus Döbeln wurden Plastikteile für Mercedes, Porsche, BMW und VW hergestellt. Der Erfolg der Firma basierte auf erfahrenen Mitarbeitern, 2011 waren es immerhin schon 35, sowie hochmodernen CNC-Fräs- und Drehmaschinen. Auch Senk- und Drahterodiermaschinen gehörten zur Ausstattung des Unternehmens.

Neuer Produktionsstandort der Firma Polenz im Gewerbegebiet Mockritz. (Foto 2023)

Ein neues Kapitel in Mockritz

Durch verheerende Hochwasser der Mulde erlitt die Firma 2002 und erneut 2013 große Schäden. Nach der Katastrophe von 2013 war klar, dass eine dauerhafte Lösung gefunden werden musste. Man verließ den Standort an der Sörmitzer Straße. Im Gewerbegebiet Mockritz entstand eine etwa 2000 Quadratmeter große, doppelschiffige Produktionshalle mit einem zweistöckigen Bürogebäude. Rund drei Millionen Euro investierte das Unternehmen in den Neubau, davon etwa ein Fünftel als EU-Fördergeld. 2015 erfolgte der Umzug in die neuen Räumlichkeiten, die moderne Produktionsbedingungen und größere Sicherheit vor Hochwasser boten.

Der Abschied vom traditionsreichen Stammsitz in der Sörmitzer Straße war somit mehr als nur eine Flucht vor dem Wasser; er markierte den endgültigen Schritt vom innerstädtischen Handwerksursprung hin zu einem hochmodernen Industriestandort im Gewerbegebiet. Damit sicherte das Unternehmen nicht nur seine Maschinen, sondern auch die Fortführung einer über 120-jährigen Tradition unter zeitgemäßen Sicherheitsaspekten.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Albert Polenz GmbH & Co.KG Döbeln (Hrsg.): Homepage der Firma URL: https://www.polenz-doebeln.de/AP/ (12.02.2025)

Bildnachweis:
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.