Im Strom der Zeit: Die Spezialfabrik Otto & Geyer zwischen Fortschritt und Stillstand
Bruno Otto – Pionierarbeit für die Nutzung der Elektrizität
Im Jahr 1896 siedelte Bruno Otto von Leisnig nach Döbeln über und gründete eine Spezialfabrik für elektrotechnische Bedarfsartikel und Anlagen, die zunächst unter Otto & Rüdiger firmierte. Sein umfangreiches Fachwissen auf dem Gebiet der Elektrotechnik hatte er zuvor bei der Firma Schuckert in Nürnberg sowie in Chemnitz erworben.
Im Takt der Überlandzentrale: Isolatoren für die Region
Mit der fortschreitenden Elektrifizierung der Region um die Jahrhundertwende, die insbesondere von der Überlandzentrale Gröba bei Riesa ausging, entstand ein stark wachsender Bedarf an Isolatorenstützen und weiteren elektrotechnischen Erzeugnissen. Bruno Otto erkannte diese Entwicklung frühzeitig und errichtete in der Chemnitzer Straße 2, der heutigen Eichbergstraße, eine entsprechend ausgerichtete Fabrik.
Glanz und Galvanik: Massenproduktion dank Gleisanschluss
Mit dem rasanten Erfolg wuchs auch der Kapitalbedarf, was zu Veränderungen in der Geschäftsführung führte. Nachdem der Mitbegründer Rüdiger ausgeschieden war, trat Max Geyer in das Unternehmen ein. Unter der neuen Firmierung „Otto & Geyer“ wandelte sich der Betrieb endgültig von der elektrotechnischen Werkstatt zur spezialisierten Fabrik für Massenartikel.
In dem Werk arbeiteten zeitweise mehr als 200 Beschäftigte. Hergestellt wurden Beleuchtungskörper für Gas und elektrisches Licht sowie vielfältige Bedarfsartikel für elektrische Anlagen und Drahtwaren. Der Betrieb verfügte über eine moderne technische Ausstattung mit eigener Verzinnerei und Verzinkerei sowie Abteilungen für Vernickelung, Verkupferung und Versilberung. Ein vorhandener Gleisanschluss trug wesentlich zur Optimierung der Logistik und des Warentransports bei.
Wenn das Licht ausgeht: Vom Elektropionier zur Korsettfabrik
Nachdem die Elektrifizierung der Region weitgehend abgeschlossen war, geriet das Unternehmen jedoch zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Pioniergeist der Firma wurde ihr paradoxerweise zum Verhängnis: Da Otto & Geyer fast ausschließlich auf die Erstausrüstung der Infrastruktur spezialisiert war, fehlten nach der flächendeckenden Versorgung der Region die Anschlussaufträge. Die hochmoderne Galvanik, die einst für glänzende Isolatoren gesorgt hatte, war für den reinen Ersatzbedarf schlichtweg überdimensioniert.
Die alleinige Produktion von Beleuchtungskörpern erwies sich als nicht mehr ausreichend, um den Betrieb dauerhaft zu sichern. Schließlich wurde das Grundstück der Firma Otto & Geyer im Jahr 1926 von Willy Jehmlich erworben, dem Inhaber der benachbarten Döbelner Reform-Corset-Fabrik.
Der Verkauf des Areals markierte schließlich einen radikalen Epochenwechsel in der Eichbergstraße. Wo Bruno Otto einst mit Hochspannung experimentierte und Metalle veredelte, hielten fortan Textilien und Miederwaren Einzug – ein bezeichnendes Beispiel für den flexiblen Wandel der Döbelner Industrielandschaft in den krisengeschüttelten 1920er Jahren.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 88
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 67f.
Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Foto von 1916 – Stadtarchiv Döbeln
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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