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Beständigkeit über fünf Generationen: Die Erfolgsgeschichte der Firma Rudolph Neider

Von der Pleiße an die Mulde: Startschuss in der Niedermühle

1897 gründete man in Leipzig die Firma Neider & Colberg, die sich auf die Herstellung automatischer Schmierapparate für Dampfmaschinen wie Tropföler, Fettbüchsen und Dampfzylinderschmierapparate sowie auf kleine Dampfarmaturen spezialisierte. Nach dem Tod von Colberg im Jahr 1898 verlegte Rudolph Neider 1901 das Geschäft in seine Heimatstadt Döbeln. In der Niedermühle stellte ihm sein Vater, der Eigentümer der Mühle war, Räume zu günstigen Konditionen zur Verfügung. Für den Antrieb der Maschinen, mit denen Armaturen für Maschinen und Dampfkessel gefertigt wurden, nutzte man die Wasserkraft der Mühle. Zusätzlich waren die Lohnkosten in Döbeln niedriger als in Leipzig.

Gründung der Firma durch Rudolph Neider (links im Bild)
Anmeldung eines Gewerbes zur Fabrikation von Metall und Eisenwaren durch Herrn Alfred Neider 1906

Expansion im Brauerei-Areal: Armaturen für die Welt

Nach dem Tod Rudolph Neiders übernahm sein Bruder Alfred Neider die Firma. 1906 meldete er ein Gewerbe zur Fabrikation von Metall- und Eisenwaren an. Zu dieser Zeit waren 20 Arbeiter beschäftigt. 1921 erwarben Alfred Neider und Willy Schmidt, der Ehemann von Dorothea Neider, die Metallgießerei Teichmann & Co. in Döbeln. Das Unternehmen verlegte seinen Hauptsitz von der Schillerstraße 30 bzw. Uferstraße 5 (ehemalige Lederfabrik Guido Becks) in die Leipziger Straße 143 nach Großbauchlitz, wo 1937 auch eine Stanzerei eingerichtet wurde. In dem staatlichen Gebäudekomplex der ehemaligen Unionsbrauerei hatte man nun hinreichend Platz für die Weiterentwicklung der Firma.

Neben Schmierarmaturen und Armaturen für Dampfkessel stellte die Firma Kleinarmaturen und Beschläge für Motorräder, Autos, Flugzeuge, Motorboote, Segeljachten und Motorpflüge her. Die Produkte wurden in Deutschland verkauft und in zahlreiche Länder exportiert, darunter England, Spanien, Russland, Italien, Rumänien, Österreich, Finnland, Schweden und Norwegen.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1925 (Quelle: Stadtarchiv Döbeln)
Werbekarte des Unternehmens (1927)

Demontage und Neuanfang: Überleben zwischen den Systemen

Zwischen 1939 und 1945 mussten 36 Personen in der Firma Zwangsarbeit leisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierte man ab Mitte Mai 1945 die Maschinen der Fabrik zur Erfüllung der Reparationsleistungen. Ein Jahr später erhielt das Unternehmen von der sowjetischen Militäradministration eine Wiederanlaufgenehmigung und durfte Armaturen, Bohr- und Stanzerzeugnisse sowie Metalldüsen fertigen.

Wiederanlaufgenehmigung der Sowjetischen Militäradministration des Bundeslandes Sachsen an die Fa. Rudolph Neider KG zur „Anfertigung von Armaturen, Bohr- und Stanzerzeugnissen und Metalldüsen" (1946)

Firmensitz des Unternehmens in Döbeln-Großbauchlitz (1948)

Der Standort an der Leipziger Straße gehört derzeit noch immer der Neider KG, ist aber größtenteils ungenutzt. (Fotos 2023)

Werbung für eine Viehselbsttränke (1948)

Im Räderwerk der Planwirtschaft: Vom Privatbesitz zum Betriebsteil 4

1960 wurde eine staatliche Beteiligung am Unternehmen aufgenommen. 1968 entstand in Döbeln auf der Leipziger Straße 148 eine kleine Gießereihalle, die sich auf Messingguss aus getrockneten Sandgussformen spezialisiert hatte. 1972 erfolgte dann die vollständige Verstaatlichung und wenig später der Anschluss an den VEB Metallverarbeitung Roßwein als Betriebsteil 4. Trotz des Verlusts der unternehmerischen Freiheit blieb der Standort unter dem Dach des VEB Metallverarbeitung Roßwein als spezialisierter Produktionszweig erhalten. In diesen zwei Jahrzehnten der Planwirtschaft wurde das fachliche Know-how im Gussbereich zwar konserviert, doch mangelnde Investitionen und starre Vorgaben ließen kaum Raum für technische Erneuerungen – eine Herausforderung, der sich die Familie nach der politischen Wende stellen musste.

Werbeanzeigen und -plakate der Firma (1960er Jahre)

Reprivatisierung und Aluminium-Guss als Erfolgsrezept

1990 stellte Benno Schmidt, Sohn von Willy Schmidt und Dorothea Neider, bei der Treuhand einen Antrag auf Rückübertragung der Firma Rudolph Neider KG. Sein Sohn Jonny Schmidt hatte 1988 die Metallgießerei Gierisch in Dresden, die auf Aluminium-Kokillenguss spezialisiert war, gekauft. Diese wurde 1992 in die Rudolph Neider KG integriert.

Mit der Reprivatisierung stand das Unternehmen vor einer strategischen Richtungsentscheidung: Die klassische Fertigung von Dampfarmaturen war in einer modernisierten Industriewelt kaum noch konkurrenzfähig. Durch die Integration der Gießerei Gierisch vollzog die Firma daher eine radikale, aber notwendige technologische Transformation. Man nutzte die jahrzehntelange Erfahrung im Metallguss, um sich auf den zukunftsträchtigen Aluminium-Kokillenguss zu spezialisieren, der völlig neue Abnehmerkreise eröffnete.

Als Aluminium-Kokillengießerei erwarb sich das neue alte Unternehmen schnell einen guten Namen. Das in modernen Elektroschmelzöfen verflüssigte Aluminium wird hierbei nicht mehr in Sandformen, sondern in Kokillen (metallische Dauerformen) gegossen. 1996 verarbeitete das Unternehmen bereits 120 Tonnen Aluminium. In Großserien wurden dabei unter anderem Zylinderkopfhauben für LKW, Lenksäulenhalter und vieles mehr gegossen. Die Firma arbeitete dabei unter anderem für Siemens, Zulieferfirmen der Fahrzeugindustrie und die Leipziger Leuchtenbau GmbH. Zu 90 % gingen die Aluminiumteile an Abnehmer in den westlichen Bundesländern. Das ist ein Zeichen dafür, dass es der Firma schnell gelang, sich neue Märkte zu erschließen. In einer Zeit, in der viele Ost-Firmen Konkurs anmelden mussten, schaffte die Rudolph Neider KG den Neustart unter marktwirtschaftlichen Bedingungen.

Dass die Firma zum 100. Jubiläum im Jahr 1997 lediglich 12 Mitarbeiter zählte, unterstreicht den Charakter dieses Neuanfangs. Nach der Auflösung der alten VEB-Strukturen startete die Familie Schmidt nahezu bei Null. Dieser bescheidene, aber solide Kern bildete das Fundament, um ohne die Last überdimensionierter Alt-Strukturen gesund und aus eigener Kraft wieder zu einem bedeutenden Arbeitgeber der Region heranzuwachsen.

Neuer Produktionsstandort der Firma im Gewerbegebiet Döbeln-Ost 1b.

Generationswechsel und Modernisierung: Auf Wachstumskurs im Gewerbegebiet

2005 erwarb das Unternehmen ein Grundstück im Gewerbegebiet Döbeln-Ost 1b und errichtete dort eine Halle für die Aluminium-Kokillengießerei inklusive zweier Wärmebehandlungsanlagen. Nunmehr hatte die Firma schon 36 Mitarbeiter.

2008 folgte auf demselben Areal der Bau einer weiteren Halle für die mechanische Bearbeitung. Auch der alte Firmensitz in Großbauchlitz war noch im Besitz der Firma. 2015 sanierte man hier das Wohn- und Bürogebäude. Zu dieser Zeit beschäftigte das Unternehmen 51 Mitarbeiter. Hannes Schmidt (Sohn von Ines und Jonny Schmidt) übernahm 2016 die Funktion des Prokuristen, was verdeutlicht, dass auch die jüngere Generation in der Familie Verantwortung für die Firma übernimmt. Eine ähnlich lange Tradition als Familienbetrieb kann in Döbeln nur noch die Max Knobloch Nachf. GmbH vorweisen.

2018 wurde in Döbeln-Ost eine weitere Halle für die Gießerei und die CNC-Bearbeitung gebaut, drei Jahre später ein Grundstück inkl. Industriehalle auf der Hermann-Otto-Schmidt-Straße 1 gekauft, um die Kapazitäten für die mechanische Bearbeitung erweitern zu können.

2022 feierte das Unternehmen mit seinen nunmehr 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das 125-jährige Firmenjubiläum.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 88f.
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 61ff.
Sparrer, Thomas: Produktionsbetrieb wird 100. DAZ 22.04.1997
Rudolf Neider KG (Hg.): Die Rudolph Neider KG im Wandel der Zeit. URL: https://www.rudolph-neider-kg.de/firmengeschichte.html (07.07.2023)

Bildnachweis:
Fotos Firmengründung, Gewerbeanmeldung, Wiederanlaufgenehmigung - Mit freundlicher Genehmigung der Rudolph Neider KG.
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.