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Im Takt der Drehmaschine: Wie Liebert & Gürtler ein Jahrhundert Döbelner Industriegeschichte prägte

Blick auf das erste Fabrikgrundstück in Eberbach (westliche Seite)

Chemnitzer Köpfe und Chemnitzer Modelle: Die mühsamen Anfänge

Die Chemnitzer Ingenieure Johannes Liebert und Arthur Gürtler, seit 1895 gemeinsam tätig, gründeten im Jahr 1919 in Ebersbach die Firma Liebert & Gürtler. Liebert übernahm die technische, Gürtler die kaufmännische Leitung. Beide waren an der Firma mit 50 % beteiligt. Das Unternehmen stellt anfangs Flachschleifmaschinen her. In den 1920er Jahren überließ die Drehmaschinenfabrik der Firma Bräuer aus Chemnitz wegen Aufgabe der Produktion Liebert & Gürtler ihren Modellbestand zur weiteren Verfügung. Mit diesen Modellen, Stufenscheiben-Drehbänken und Einscheibendrehbänken, nahm man die Produktion auf und war erfolgreich. Monatlich wurden durchschnittlich 16 Maschinen gebaut. Die Anfänge waren mühsam.

Die Firmengründer: Johannes Liebert und sein Schwager Arthur Gürtler

Karbidlicht und Gummireifen: Mit 50 Litern Sprit nach Leipzig

Bis 1926 mussten die Mitarbeiter fertiggestellte Maschinen noch mit dem Pferdefuhrwerk zum Ostbahnhof in Döbeln bringen. Der erste Presto-Lkw bringt Entlastung. Trotzdem brauchte das vollgummibereifte Gefährt mit Karbidbeleuchtung und Magnetzündung vier Stunden bis nach Leipzig und verbrauchte für 100 Kilometer 50 Liter Kraftstoff. Dennoch ging es voran und bereits 1929 waren 2.000 Maschinen verkauft worden, von denen man 90 % exportierte. Der Betrieb beschäftigte 80 Arbeiter. Für diese Anzahl an Mitarbeitern reichten die Räumlichkeiten in Ebersbach nicht mehr aus. Man suchte einen neuen Standort.

li.: Mit 2 PS wurden die Maschinen von Ebersbach zum Döbelner Ostbahnhof gebracht. re.: 1929 verläßt die 2000. Maschine den Betrieb

Werbeanzeige der Werkzeugmaschinenfabrik (Ansicht der Firma vom Mühlgraben/Lok-Stadion Richtung Alexanderstraße)

Fabrikansichten: li. Ecke Alexanderstraße, re. von der Mühlgrabenbrücke

Lehrwerkstatt

Gleisanschluss Großbauchlitz: Umzug in die Alexanderstraße

Der enorme Exporterfolg der späten 1920er Jahre brachte das Werk in Ebersbach schließlich an seine Kapazitätsgrenzen. Um den wachsenden Auftragsbüchern und dem Trend zu immer schwereren Maschinen gerecht zu werden, verlagerte die Firma ihren Sitz im Jahr 1933 in die Döbelner Alexanderstraße 6. Auf dem Grundstück der ehemaligen Drahtnagelfabrik Wapler im Ortsteil Großbauchlitz fand man genügend Platz und baute zu dem vorhandenen Gebäudebestand neue Produktionshallen. Besonders vorteilhaft war das Anschlussgleis, das man schon bis zur Großbauchlitzer Mühle verlegt hatte, die sich in unmittelbarer Nähe zur Fabrik befand. So konnten nun auch größere und schwerere Drehmaschinen gebaut werden. Der Umzug dauerte etwas, aber im Frühjahr 1934 lief der Betrieb wieder auf vollen Touren. Fünf Jahre später, 1939, richtete das Unternehmen eine betriebseigene Lehrwerkstatt ein. Die Firma hatte immer 14-15 Lehrlinge, von denen viele übernommen wurden. Gute Mitarbeiter, möglichst selbst ausgebildet, brauchte man, um moderne, leistungsfähige Drehmaschinen entwickeln und bauen zu können.

Die VDF-Einheitsdrehbank: Synergien im Schatten der Rüstung

Bis Anfang der 1940er Jahre hielt die Firma selbst Kontakte zu Großhandelsfirmen und organisierte so den eigenen Absatz. Um den Umsatz zu steigern und Synergieeffekte zu nutzen, vereinigten sich 1941 vier bedeutende deutsche Maschinenbaufirmen und schufen in gemeinschaftlicher Konstruktionsarbeit die VDF-Einheitsdrehbank – eine technische Höchstleistung. Diese gut durchkonstruierte Reihe von insgesamt sieben Einzelgruppen von 195 mm bis 480 mm Spitzenhöhe wurde unter den vier Mitgliederbetrieben zur Produktion aufgeteilt. Seit dieser Zeit war die Liebert & Gürtler nur noch Unterlieferant der Firma Böhringer in Göppingen. Von dort aus wurde die Produktion gelenkt und bestimmt.

Dieser Verzicht auf die eigene Typenvielfalt bedeutete jedoch keinen Prestigeverlust. Im Gegenteil: Durch die Konzentration auf die Produktion der legendären VDF-Einheitsdrehbank wurde Liebert & Gürtler zum unverzichtbaren Spezialisten innerhalb eines Netzwerks, das die technologische Spitzenklasse des deutschen Maschinenbaus repräsentierte. Auch deshalb wuchs die Belegschaft Anfang der 1940er Jahre auf 300 Mitarbeiter.

Werbeanzeigen aus den 1930er und 1940er Jahren

In dieser Zeit produzierte das Unternehmen auch für die Rüstungsindustrie. Schon 1939 wurde der Betrieb beauftragt, die Bearbeitung von 15-cm-Granaten aufzunehmen. Für die Rüstungsproduktion baute man extra einen langgestreckten Schuppen längs der Gleise und des Mühlgrabens. Doch schon bald wurde die Granatenproduktion von der Firma Tümmler übernommen. In der Alexanderstraße war man froh und den Döbelner NS-Funktionären dämmerte, dass die Betriebsleitung von Liebert & Gürtler kein gesteigertes Interesse an Rüstungsaufträgen hat. Das sollte sich nach dem Krieg als glücklicher Umstand erweisen.

Nur kurz genutzt - das Produktionsgebäude für die Rüstungsproduktion hinter der Liebert-Villa.

Menschlichkeit im Krieg: Zwangsarbeit ohne „Heil Hitler“

Durch Einberufungen zur Wehrmacht sank die Mitarbeiterzahl im Jahr 1943 auf 200. Der Betrieb zwischen 1939 und 1945 konnte nur aufrechterhalten werden, weil 10 – 12 tschechische Zwangsarbeiter und 6 – 7 französische Kriegsgefangene im Betrieb mitarbeiteten. Die Tschechen fuhren manchmal auf Heimaturlaub. Bis auf eine Ausnahme kehrten sie immer wieder zurück. Als Johannes Liebert nach dem Krieg wegen Förderung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft angeklagt wurde, hält man in der Urteilsbegründung fest: „Die Fremdarbeiter wurden von der Firma in einer ehemaligen Tanzdiele noch einigermaßen menschenwürdig untergebracht und bekamen das gleiche Werksküchenessen und den gleichen Lohn wie die deutschen Arbeiter. Die Kriegsgefangenen waren in einem Lager außerhalb der Firma untergebracht und [wurden] von der Werksküche gleichermäßen mitverpflegt.“ (Urteilsbegründung 19 KStKs 4/50, S. 2)

Johannes Lieberts Rückkehr: Ein Freispruch und der Verlust der eigenen Villa

Am 6. Mai 1945 marschierte die Rote Armee in Döbeln ein. Der Krieg war zu Ende. Alle Mitarbeiter und natürlich auch die Eigentümer fragten sich, wie es mit der Firma weitergeht. Schnell gab es Klarheit. Die Aussichten waren trübe. Johannes Liebert versuchte man, sofort aus dem Betrieb herauszudrängen. Aus Sorge um seine Frau und seine sechsjährige Tochter Evelyn war er im Mai 1945 nach Schneeberg zu einem Geschäftsfreund aufgebrochen. Das Erzgebirge schien ihm sicherer als Döbeln. Auf dem Rückweg gab es Probleme. Überall hinderten ihn Kontrollposten an der Weiterfahrt, ein Fahrrad, mit dem er notdürftig die Rückreise bewerkstelligen wollte, wurde ihm entwendet. Er kam nicht so schnell zurück, wie er wollte. In Döbeln legte man ihm das als Flucht aus. Er hätte, um seine Verflechtung mit dem NS-Regime wissend, sich der Verantwortung entziehen wollen und außerdem seine Belegschaft im Stich gelassen. Johannes Liebert durfte seinen eigenen Betrieb nicht mehr betreten und sein Haus in der Alexanderstraße konfiszierten die sowjetischen Besatzer. Man raubte ihm sein gesamtes Eigentum. Er fand eine Anstellung bei einem ehemaligen Geschäftspartner, konstruierte für ihn Sägen, bevor er sich mit einem eigenen Ingenieurbüro selbständig machte. Die Familie wurde von der befreundeten Familie Maus aufgenommen und lebte fortan zur Miete. Als die sowjetischen Offiziere aus der Liebert-Villa in der Alexanderstraße auszogen, nahmen sie das komplette Mobiliar mit. Einige Einzelstücke passten nicht mehr auf die Lkws und wurden zurückgelassen. Für die Tochter Johannes Lieberts sind es heute kostbarere Erinnerungsstücke an die ersten sechs Jahre ihres Lebens, in denen sie mit ihren Eltern im Haus der Familie eine glückliche Kindheit verlebte. Nach dem Auszug der Militärs wurde die Villa zum Kindergarten umfunktioniert.

Während die Familie so ihr Zuhause an die neue Zeit verlor, begann für Johannes Liebert zeitgleich der Kampf um seine berufliche und persönliche Integrität vor den neuen Justizbehörden. Er musste sich in der Nachkriegszeit mit einer Anklage wegen Verbrechens nach der Direktive 38 des Alliierten Kontrollrates in Verbindung mit dem Befehl 201 der SMAD auseinandersetzen. Der Prozess ging anders aus, als von den Anklägern erhofft. Neben dem schon erwähnten humanen Umgang mit den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen hielt man ihm auch andere Verhaltensweisen zugute. Er hätte eine Unterstützungskasse für die Werksangehörigen mit einer Einlage von 125 000 Reichsmark ins Leben gerufen, immer wieder verhindert, dass ein linientreuer Betriebsobmann kritische Arbeiter bei der Gestapo denunziert, und mit „Heil Hitler“ habe er auch nie gegrüßt. An all diesen Details würde man erkennen, dass Liebert die nationalsozialistische Gewaltherrschaft nicht gefördert hätte. Er wurde deshalb freigesprochen. Ein kleiner Triumph der Gerechtigkeit.

Ölmühlen, Tabakschneider und Familienpflicht: Wie die Nachfahren das Erbe retteten

Von den beiden Inhabern durfte nur noch Arthur Gürtler im Betrieb arbeiten. Man brauchte ihn. Aber es war auch klar, dass es zu gravierenden Veränderungen kommen würde. In den ersten Nachkriegsjahren war der einstige Glanz des Werkzeugmaschinenbaus weit entfernt. Was zählte, war das nackte Überleben und die Fähigkeit, aus den Trümmern Neues zu schaffen. Die Fabrik wurde zu einer Werkstatt für den Döbelner Alltag, in der Erfindergeist die fehlenden Rohstoffe ersetzte.

„Etwa eine Woche nach der Übernahme der städtischen Verwaltung durch die sowjetische Kommandantur wurden die Betriebsangehörigen aufgefordert, sich am nächsten Morgen zu einer Ansprache einzufinden. Ein Oberst mit seinem Stab und in Begleitung von Herrn Gürtler sen. als Vertreter der Belegschaft erschien vor den ziemlich zahlreich Erschienenen. Es wurde über einen Dolmetscher erklärt, daß der Betrieb ab sofort von der sowjetischen Montageleitung übernommen und ab dem nächsten Morgen 7.00 Uhr alle Maschinen abgebaut und die Lager geräumt werden. Jeder habe seiner Pflicht nachzukommen und zu seinem Teil zur Wiedergutmachung beizutragen. Bezahlung und ein warmes Mittagessen obliegen der Montageleitung.“ (Festschrift 50 Jahre Liebert & Gürtler, S. 14)

Wegen der Rüstungsproduktion sollte der Betrieb anfangs sofort enteignet werden und der Demontage anheimfallen. Inhaber Arthur Gürtler konnte das teilweise umgehen, indem er Produktionsmaschinen abbaute und in den Scheunen befreundeter Bauern verbarg. Trotzdem wurde ein großer Teil des Maschinenparks 1945 unter sowjetischer Aufsicht demontiert und in Nowosibirsk wieder aufgebaut. Dennoch arbeiteten bereits am 4. November 1945 wieder 40 Mitarbeiter in der Döbelner Firma. Die Nachkriegsjahre waren von Improvisation geprägt. Auch hier lohnt ein Blick in die Festschrift von 1969: „Jede Arbeit, die sich bot, war erstmal willkommen. Die Nachbarschaft brachte Töpfe zum Schweißen, Handwagen zum Streichen usw. Die Reichsbahn meldete, einige Loks stehen auf einem Nebengleis mit durchschossenen Feuerbuchsen zum Schweißen. Diese Schweißarbeit war etwas für Grundmann Otto.

Ein Kollege, es war wohl Wießner Oskar, brachte eine Tabakschneidemaschine zum Nachbauen. Nach Skizzen wurden einige angefertigt, doch als nicht lohnend wieder aufgegeben. Anders wurde es mit einer Ölmühle, die gingen wie geschmiert und lösten eine rege Tätigkeit aus.

Es tauchten größere ernsthafte Objekte auf. Den Konsum interessierte eine Gummischneidemaschine zur Verwertung alter Gummireifen zu Schuhsohlen und Fußabstreifern. Für beides war viel Altmaterial und großer Bedarf vorhanden. Ein Kollege vom Konsum und unser Konstrukteur mit Schilling Richard fuhren nach Dresden zur Besichtigung der Mustermaschine zum Skizzieren, Vermessen und Fotografieren. Die Maschine wurde gebaut, geliefert und in die Produktion genommen. Eine zweite wurde nachbestellt und arbeiten sicher beide heute noch.“ (Festschrift 50 Jahre Liebert & Gürtler, S. 15/16)

Werner Gürtler (1960er Jahre)

Von der Liste C zum Wiederaufbau: Der beschwerliche Neustart in der sowjetischen Besatzungszone

Beim Volksentscheid 1946 in Sachsen, der die Enteignung von Kriegsverbrechern und Nazis bestätigen sollte, setzte man alle Betriebe auf drei Listen. Auf Liste A sammelte man Unternehmen, deren Inhaber als Hauptschuldige und NS-Funktionäre ausgemacht wurden, auf Liste B kamen Mitläufer und geringfügig Belastete und auf Liste C kamen die Betriebe jener, die man als Entlastete bzw. Unbelastete sah. Deren Betriebe sollten vorerst nicht enteignet werden. Liebert & Gürtler fand sich auf der Liste C wieder, weil man ja die Rüstungsproduktion an Tümmler abgegeben hatte. Deshalb beteiligte sich Arthur Gürtler am Wiederaufbau und durfte pro forma Halbbesitzer seines eigenen Werkes bleiben. Er starb am 23. Dezember 1949. Nach seinem Tod leiteten seine beiden Söhne Heinz und Werner Gürtler die Firma. Oft suchten sie den Rat ihres Onkels Johannes Liebert. Sie selbst hatten nur wenig Berufserfahrung und mussten nach Schule und Studium sofort in den Krieg.

Der dritte Sohn der Gürtlers, Klaus, wurde 1943 mit 16 Jahren an die Ostfront eingezogen, war bis Anfang der 1950er Jahre in russischer Gefangenschaft und ging 1953 mit einem jungen Mädchen, das die Gürtlers aus dem zerbombten Hamburg aufgenommen hatten, in deren Heimatstadt, wo er 1987 verstarb.

li.: Heinz Gürtler / re.: sitzend Arthur und Martha (Schwester von Hans Liebert) Gürtler, dahinter v.li.n.re. ihre Söhne Heinz, Klaus und Werner Gürtler

Es ist erstaunlich, dass trotz der eigentümerfeindlichen Politik in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR die Nachfahren der Firmengründer dem Unternehmen treu blieben. Evelyn Liebert, Tochter Johannes Lieberts, begann hier 1953 mit 14 Jahren eine Ausbildung in einem kaufmännischen Beruf und blieb dem Betrieb bis 1990 erhalten. Auch ihr Mann Bernd arbeitete in der Firma. Die beiden Söhne Arthur Gürtlers leiteten das Unternehmen in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit. Der Familie gehörte nach einer staatlichen Zwangsbeteiligung zwar nur noch 3 % des Unternehmens, dennoch sahen sich die beiden Männer in der Pflicht, das Lebenswerk ihres Vaters und ihres Onkels weiterzuführen. Liebert & Gürtler war deutschlandweit einer der renommiertesten Produzenten von Drehmaschinen. Das sollte so bleiben. Auch die Enkelgeneration fühlte sich Liebert & Gürtler verpflichtet. Axel Gürtler, Sohn Werner Gürtlers, arbeitete genauso hier wie Dagmar Körner, geb. Gürtler. Letztere hält den Familienrekord. Sie begann am 1. September 1966 in der Alexanderstraße ihre Ausbildung und beendete hier am 31. Dezember 2012 ihr Berufsleben.

Pneumatik und „DRELOBA“: Technologische Pioniere der DDR

1950 ging eine selbst entwickelte Präzisions-Mechanikerdrehbank in Serie. Bis 1957 verfügte das Unternehmen über ein eigenes Konstruktionsbüro, eine eigene Lehrwerkstatt sowie eine Lackiererei und gehörte seit 1956 zu den 104 Betrieben der DDR, die mit staatlicher Beteiligung arbeiteten.

v. li. n. re.: Mechaniker-Drehbank Typ "MD", Leit- und Zugspindel-Präzisionsdrehmaschine Typ "DLZ 300", Mechaniker-Drehmaschine Typ "DMG/DMG-P"

Im Jahr 1959 trat die Berliner Werkzeugmaschinenfabrik mit dem Vorschlag an Liebert & Gürtler heran, den Weiterbau ihrer gut eingeführten Mechanikerdrehmaschinen zu übernehmen, weil sie andere Aufgaben wahrnehmen müssten. Die Döbelner Betriebsleitung stimmte zu und von September 1959 bis September 1963 baute man 435 dieser Drehmaschinen. 153 lieferte man in die Sowjetunion, 75 verblieben in der DDR und alle anderen exportierte man in die BRD, nach Rumänien, Ungarn, Polen, China und die Tschechoslowakei.

In Abstimmung mit dem wissenschaftlich-technischen Zentrum, der WB Werkzeugmaschinen Karl-Marx-Stadt, dem Institut für Werkzeugmaschinen Karl-Marx-Stadt und der damaligen Werksgruppe Drehmaschinen (später Erzeugnisgruppe Drehmaschinen) beschloss die Betriebsführung 1965, die Produktion von Leit- und Zugspindeldrehmaschinen und Mechanikerdrehmaschinen längerfristig zugunsten von Revolverdrehmaschinen für die Feinwerktechnik mit Ableitungen für Nachdrehmaschinen und Mechanikerdrehmaschinen einschließlich vorzusehender Automatisierungsbaugruppen abzugeben.

Große Montagehalle (nachträglich koloriert)
Prospekt zur Sternrevolver-Drehmaschine aus dem Jahr 1966

Die Entwicklung und Herstellung der automatisierten Sternrevolver-Drehmaschine DRSF 40a mit pneumatischer Steuerung erfolgte zusammen mit der Deutschen Akademie der Wissenschaften, dem VEB Reglerwerk Dresden und dem Institut für Werkzeugmaschinen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Trotz der zunehmenden staatlichen Reglementierung bewahrte sich der Betrieb seinen Innovationsdrang. Man suchte den Anschluss an die moderne Steuerungstechnik, um den Namen Liebert & Gürtler auch im Zeitalter der Automatisierung als Pionier zu positionieren: Besonders innovativ waren die pneumo-hydraulischen Antriebssysteme, die mit der Steuerung verknüpft werden konnten. Sie beruhten auf dem Prinzip der Dresdner Logikbausteine, kurz DRELOBA. Das war ein pneumatisches Steuerungssystem der 1960er bis 1980er Jahre. Die binäre Logik wurde mit Druckluft von 1,4 bar betrieben. Die aufkommende Mikroelektronik mit immer kleiner werdenden Schaltkreisen und die speicherprogrammierbare Steuerung lösten später pneumatische Steuerungssysteme ab.

Liebert & Gürtler kann für sich in Anspruch nehmen, dieses Steuerungssystem als erste Firma serienmäßig im Werkzeugmaschinenbau angewandt zu haben. Die Sternrevolver-Drehmaschine DRSF 40a mit pneumatischer Steuerung war nach der Übernahme in die Serienfertigung im Herbst 1966 ein Verkaufsschlager, auch im westlichen Ausland, zum Beispiel in Großbritannien. Anfängliche Schwierigkeiten, wie eine große Störanfälligkeit, konnten bis zum Herbst 1967 überwunden werden.

Automatisierte Sternrevolverdrehmaschine Typ "DRSF 40 a IV"

Im Gegensatz zu vielen Funktionären der DDR-Planwirtschaft hatte sich Heinz Gürtler den Instinkt fürs Geschäft erhalten. Er wusste, dass die neue automatisierte Drehmaschine auch im Westen begehrt sein würde. Er reiste nach England, empfing die Engländer in Döbeln und stellte die neue Maschine auf Messen in der BRD und in Österreich vor. Immer mit im Schlepptau – die Genossen des Ministeriums für Staatssicherheit. Dort sah man Kontakte mit dem „Klassenfeind“ ungern. Aber es lockten Devisen. Deshalb ließ man Heinz Gürtler machen. Dennoch ließ man ihn regelmäßig spüren, dass man ihm misstraute, und ging rüde mit ihm um. Eine Nervenschlacht. Er starb im März 1971 mit nur 51 Jahren.

Immer wieder war in dieser Zeit die Zukunft der Firma von Bränden bedroht. Am 17. August 1960 brannte es in der Firma selbst, am 13. Februar 1963 in der benachbarten Mühle, am 22. Oktober in einem zum Betrieb gehörenden Lagergebäude, das die Firma A. Reimer als Auslieferungslager für Porzellan- und Steingut nutzte, und am 19. April 1968 wieder in der benachbarten Mühle. Wenn die Betriebsfeuerwehr gemeinsam mit der Döbelner Feuerwehr die Produktionsgebäude nicht vor dem Übergreifen von Hitze und Funkenflug geschützt hätte, wäre für Liebert & Gürtler Schlimmes zu befürchten gewesen.

Im Jahr 1969 feierte der Betrieb sein 50-jähriges Bestehen. Anlässlich des Ereignisses gab man eine Festschrift heraus.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1971 (Quelle: Archiv Stadt Döbeln)

RASOMA: Zwischen Zwangsverstaatlichung und Kombinatsalltag

Im Jahr 1972 erfolgte die Zwangsverstaatlichung zum VEB Werkzeugmaschinenfabrik Döbeln. Werner Gürtler wird nach Berlin einbestellt und muss hier per Unterschrift der Verstaatlichung, die ja auch eine Enteignung war, zustimmen. Man bot ihm eine Stelle als Betriebsleiter des VEB Gerätebau (früher Max Knobloch) an. Fortan stand sein Schreibtisch in der Waldheimer Straße. Man wollte die Zwangsverstaatlichung auch für einen personellen Neuanfang in der Leitung des Betriebes nutzen. Bei Liebert & Gürtler gab es durchaus fähige Konstrukteure, die sich die technische und kaufmännische Leitung des Betriebs zutrauten. Der Wunschkandidat Heinz Gürtlers, so hatte er es vor seinem Tod geäußert, war Peter Kaiser. Der fähige Ingenieur wurde zum Garanten für den weiteren Erfolg. Als Konstruktionsleiter und später als Geschäftsführer prägte er das Unternehmen jahrzehntelang. Der Erfolg des nunmehr gänzlich volkseigenen Betriebes sollte auch durch Erweiterungsmöglichkeiten sichergestellt werden. Im Jahr 1979 kaufte man das Grundstück der Fa. Carl Günther KG samt Ruine der abgebrannten Mühle. So schuf man die Voraussetzungen für eine Expansion des Betriebs am Standort.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1972 (Quelle: Archiv Stadt Döbeln)
Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1983 (Quelle: Archiv Stadt Döbeln)

1980 wurde der Betrieb dem VEB Werkzeugmaschinenkombinat "7. Oktober" Berlin zugeordnet und firmierte fortan unter dem Namen VEB RASOMA Döbeln, wobei RASOMA für Rationalisierung und Sondermaschinen stand. Die Kombinatsbildung in der DDR in den 1980er Jahren war eine zentrale wirtschaftspolitische Maßnahme, um der schleppenden Wirtschaftsentwicklung entgegenzuwirken. Die wichtigsten Gründe waren die forcierte Intensivierung der Produktion, die Verbesserung der wirtschaftlichen Effizienz und die Stärkung der zentralen Planung. In dieser Zeit konzentrierte sich RASOMA vorwiegend auf den Bau von Sondermaschinen und Automatisierungsmitteln für unterschiedliche Branchen. So stellte man z. B. Maschinen zur Herstellung von Schleifkörpern her.

„Wenn’s Metall ist, machen wir’s!“: Rettung durch Management-Buy-out

Anfang der 1990er Jahre suchte die Treuhandanstalt erfolglos nach einem Investor. Der Betrieb hatte noch keine CNC-Maschinen und galt deshalb als veraltet. Als er liquidiert werden soll, entschließen sich 1993 die leitenden Mitarbeiter Jürgen Kamm und Peter Kaiser, das Unternehmen im MBO-Verfahren (Management-Buy-out) zu übernehmen. Beide arbeiteten seit den 1950er Jahren im Betrieb und wollten auch deshalb unbedingt die Schließung verhindern. Natürlich musste es gravierende Einschnitte beim Personal geben. Von den 160 Mitarbeitern mussten nach der Wende 80 entlassen werden. Der Tradition folgend nahm die neue RASOMA Werkzeugmaschinen GmbH zunächst wieder Automatisierungslösungen in Angriff, blieb aber auch für andere Aufträge offen. „Wenn’s Metall ist, machen wir’s!“ lautete das Motto der beiden Geschäftsführer.

Werbeanzeige 1996
Werbebroschüre für die Doppelspindel Sondermaschine DSP 360- 2

Nach dem plötzlichen Tod von Jürgen Kamm trat sein Sohn Marcus Kamm in die Firma ein. Zusammen mit Peter Kaiser wurde eine wichtige Entscheidung getroffen. Ohne ein eigenes Produkt bestand die Gefahr, zur verlängerten Werkbank zu werden. Aus dieser Erkenntnis heraus wurde die erste Vertikal-Drehmaschine der Doppel-Spindler-Baureihe entwickelt. Das war der Einstieg der Firma in die Automobilindustrie. Die Firma machte sich einen Namen mit ihren Maschinen, die in einer Aufspannung drehen und schleifen konnten. Sie stellte Maschinen für Getriebekomponenten für fast alle großen deutschen Automarken her, dazu solche, die Teile für Radlager und die Perforierung von Bremsscheiben erledigen konnten. Auch für die Endbearbeitung von wellenförmigen Werkstücken werden Maschinen entwickelt und für Kunden passgenaue Lösungen für Automatisierung erarbeitet.

Vom Hochwasser zum Weltkonzern: Das bittere Ende einer Ära

Das Jahrhunderthochwasser im August 2002 überschwemmte den gesamten Betrieb, der in der Nähe der Mulde gelegen ist. Der Verzweiflung folgten bald der Wille und die Einsatzbereitschaft der gesamten Belegschaft, den Betrieb wieder aufzubauen. Durch die Solidarität nicht betroffener Betriebe und finanzielle Hilfen des Freistaates Sachsen war schon bald wieder ein normaler Geschäftsbetrieb möglich. Mehr noch, in den folgenden Jahren baute man den Betrieb weiter aus. 2004 und 2009 weihte man neue, moderne Montagehallen ein, 2008 errichtete man zeitgemäße Räumlichkeiten für den Vertrieb, für Schulungen und Besucher.

Werbebroschüre für die DRSF 40aV

Im Jahr 2009 feierte die Firma ihr 90-jähriges Gründungsjubiläum. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten 80 Mitarbeiter im Betrieb, der einen Jahresumsatz von 8,3 Millionen Euro erzielte. Im Sommer 2016 verabschiedete sich Peter Kaiser nach 60 Jahren im Betrieb – zuletzt über 23 Jahre geschäftsführender Gesellschafter – in den Ruhestand. Zeitgleich übernimmt die Firmengruppe Niles-Simmons-Hegenscheidt (NSH) mit Sitz in Chemnitz die Mehrheit der Anteile. NSH baute Vertikaldrehmaschinen sowie sogenannte Endenbearbeitungszentren für die Massenproduktion, außerdem Automatisierungstechnik. Durch die Zugehörigkeit zu dieser Firmengruppe, die mit einem Umsatz von 410 Millionen Euro im Jahr 2019 zu den Großen der Branche zählte, erhielt auch RASOMA Zugang zu zahlreichen Märkten und produzierte unter anderem Fertigungslinien für die Eisenbahnindustrie. Rund ein Jahr brauchen sie für einen typischen Auftrag. NHS war zu diesem Zeitpunkt im Maschinenbau die Nummer zehn in Deutschland und die Nummer 29 in der Welt.

2019 beging das Unternehmen unter Teilnahme des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer sein 100-jähriges Gründungsjubiläum. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte der Betrieb 95 Mitarbeiter.

Im Jahr 2022 wurde die Firma mit der Wema Werkzeugmaschinenfabrik Glauchau GmbH und der Niles-Simmons Industrieanlagen GmbH in Chemnitz zur NSH Technology GmbH verschmolzen.

Fotos der Firma aus dem Jahr 2024

2025 informierte man die Mitarbeiter darüber, dass das Döbelner Werk im Jahr 2026 geschlossen werden soll. Als Gründe wurden die von Jahr zu Jahr steigenden Kosten in Kombination mit der zuletzt stark eingebrochenen Nachfrage nach RASOMA-Produkten genannt.

Damit endet im Jahr 2026 ein Kapitel, das weit mehr war als eine bloße Industriechronik. Von den mutigen Anfängen der Chemnitzer Ingenieure über die Standhaftigkeit in dunklen Zeiten bis hin zur hochmodernen Automatisierung markiert der Weg von Liebert & Gürtler und RASOMA ein Jahrhundert sächsischer Identität. Wenn die Spindeln in der Alexanderstraße verstummen, verliert Döbeln nicht nur einen Arbeitgeber, sondern ein lebendiges Denkmal unternehmerischer Ausdauer.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 73ff.
Liebert & Gürtler (Hrsg.): 50 Jahre Liebert & Gürtler Werkszeugmaschinenfabrik Döbeln 1919 – 1969. Festschrift. Döbeln 1969
ETRO-Verlag für Wirtschaftswerbung (Hrsg.): Döbeln mit ausführlicher Stadtchronik und wichtigen Informationen der Stadt Döbeln. Niesetal/Kassel 1992, S. 42
Rasoma (Hrsg.): Rasoma – Mit Tradition in die Zukunft. URL: https://www.rasoma.de/historie.php (02.04.2023)
Fink, Sebastian: Ein Jahrhundert besonderer Maschinen. In: Döbelner Allgemeine Zeitung, Nr. 118, 22.05.2019, S. 15

Bildnachweis:
Fotos Fam. Gürtler - Fam. Schulze privat
Werbeanzeige 1996 – Stadt Döbeln (Hg.): Heimatfestjahrbuch Stadt Döbeln 1996. Kissing 1996, S. 37
Liebert & Gürtler (Hrsg.): 50 Jahre Liebert & Gürtler Werkszeugmaschinenfabrik Döbeln 1919 – 1969. Festschrift. Döbeln 1969
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.