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Glanz und Niedergang einer Traditionsmarke: Die Silberwarenfabrik Gebr. Köberlin (1873–1965)

Logo der Firma - G und K stehen für Gebrüder Köberlin

Gründung und die Anfänge am Niedermarkt

Im Jahr 1873 übernahmen Johannes (Hans) Köberlin und (Alphons) Hugo Köberlin das Gold- und Silberwarengeschäft am Niedermarkt 15 in Döbeln. Dieses Geschäft war bereits 1828 von Carl Wilhelm Leyritz aus Chemnitz gegründet worden, der zunächst Ohrringe, Broschen und Ringe hergestellt hatte. Als um 1850 der Verkauf von Goldwaren zurückging, begann Leyritz mit der Produktion von Silberwaren. Die neuen Inhaber führten das Unternehmen unter dem Namen „Besteckfabrik Gebr. Köberlin Döbeln in Sachsen“ weiter. In den Werkstätten im Hinterhaus wurden silberne Tafelbestecke und kunstgewerbliche Gegenstände gefertigt, die anschließend im Vorderhaus verkauft wurden.

(1) In diesem Haus am Niedermarkt wurde nicht nur der berühmte expressionistische Maler Erich Heckel geboren, sondern hier liegen auch die Ursprünge der Silberwarenfabrikation durch die Gebr. Köberlin. Das Unternehmen bewirbt sich selbst als älteste Besteckfabrik Sachsens. Neben der kleinen Fabrik, die wohl eher als Manufaktur bezeichnet werden sollte, gab es ein Ladengeschäft, in dem man seine Waren verkaufte. Das existierte noch bis in der 1950er Jahre.
(2) und (3) Aufnahmen um 1900 - Das Geschäft firmiert unter "Silberwarenfabrik Gebr. Köberlin - Größtes Lager in Gold-, Silber- & Alfenidwaren" (Alfenide = weniger gebräuchliche Bezeichnung für eine Legierung aus Nickel, Kupfer und Zink).

Seit 1828 hängt über dem Haus Niedermarkt 15 das Goldschmiedewappen. Es ist davon auszugehen, dass seit dieser Zeit Gold- und Silberschmiede in Döbeln gearbeitet haben. Die alte Eingangstür gibt noch Zeugnis von der Silberwarenmanufaktur am Niedermarkt Nr. 15. 1913 waren die Räumlichkeiten hier endgültig zu klein und man bezog ein großzügiges Fabrikgelände an der äußeren Bahnhofstraße.

In den Werkstätten im Hinterhaus vollzog sich der gesamte Herstellungsprozess unter einem Dach: Aus reinem Silber, das vor Ort geschmolzen und zu Platten gewalzt wurde, schmiedeten die Handwerker die groben Formen der Besteckteile. Durch präzises Prägen, Härten und den anschließenden Feinschliff erhielten Löffel, Gabeln und Messer ihre endgültige Gestalt. Der typische Glanz, der die Waren der Gebrüder Köberlin im Vorderhaus so begehrt machte, entstand erst im letzten Schritt durch sorgfältiges Polieren und eine abschließende Veredelung der Oberflächen.

Werdegang eines silbernenen Löffels* - Besteck wurde damals oft aus 800er Silber hergestellt. Das heißt, dass man auf 800 Teile Silber 200 Teile Kupfer gab. Durch diese Legierung erhielt das Besteck die nötige Härte.

Inhaberwechsel und der Weg zur Industrie

1882 schied Hugo Köberlin aus der Firma aus, sodass Johannes Köberlin alleiniger Inhaber wurde. Nach dessen Tod 1884 übernahm der dritte Bruder, Richard Köberlin, auf Bitte der Witwe die Geschäftsführung.

Obwohl Richard den Betrieb erfolgreich durch diese Übergangsphase leitete und auf eine dauerhafte Übernahme hoffte, blieben die Familienverhältnisse gespannt. Ohne sein Wissen leitete Minna Köberlin schließlich den Verkauf ein. Am 18. Mai 1898 veräußerte sie den Betrieb hinter dem Rücken ihres Schwagers an Alfred Schmidt aus Dresden – ein Vertrauensbruch, der Richard Köberlin dazu veranlasste, der Firma den Rücken zu kehren und ein eigenes Konkurrenzunternehmen zu gründen.

Alfred Schmidt betraute ab 1899 seine Söhne Walther und Oskar mit der Leitung des Unternehmens Gebrüder Köberlin. Seit 1828 hing über dem Haus Niedermarkt 15 das Goldschmiedewappen, was darauf schließen ließ, dass seit dieser Zeit Gold- und Silberschmiede in Döbeln tätig gewesen waren. Die alte Eingangstür zeugte noch lange von der Silberwarenmanufaktur an diesem Standort. Da die Räumlichkeiten 1913 endgültig zu klein geworden waren, kaufte das Unternehmen ein Gewerbegrundstück an der äußeren Bahnhofstraße. Die Manufakturproduktion, die man am Niedermarkt betrieben hatte, konnte hier auf eine industrielle Fertigung umgestellt werden. Zwischen Bahnhof- und Burgstraße entstand wegen der steigenden Nachfrage eine Besteckfabrik.

Briefkopf mit Ansicht der Fabrik aus dem Jahr 1915 (Quelle: Stadtmuseum Döbeln)
Werbebriefmarke von der neuen Fabrik in der Bahnhofstraße 43

Expansion und die Krisen der Weltkriege

Es wurden weiterhin hochwertige Silberwaren produziert, gleichzeitig begann die Firma aber auch mit der Massenherstellung von Alpacca-Besteck. Alpacca war ein silberfarbenes Metall aus einer preisgünstigen Kupfer-Nickel-Zink-Legierung. Ende 1912 beschäftigte das Unternehmen 45 Arbeiter und stellte 1913 beim Stadtrat den Antrag, auch Arbeiterinnen einstellen zu dürfen.

Tortenheber massiv Silber gestempelt 800 - Die gekreuzten Flaggen und die Buchstaben „G“ und „K“ sind das Markenzeichen der Gebrüder Köberlin. Halbmond und Krone stehen für Silbererzeugnisse aus Deutschland, 800 steht für ein Silberfeingehalt von mindestens 800 / 1000 Anteilen.*

Kaffeelöffel 800 Silber Dekor: Spitzperl / Perlfries *

Katalog Versilberte Metallwaren (1920er/1930er Jahre)

Die Jahre des Ersten Weltkrieges überstand die Firma vor allem durch die Übernahme von Heeresaufträgen; dennoch wurden weiterhin Kleinsilberwaren und Bestecke hergestellt. Nach Kriegsende firmierte das Unternehmen unter dem Namen „Gebrüder Köberlin – Silberwaren-Fabrik und Kunstgewerbliche Werkstätten“. 1920 beschäftigte es 40 Mitarbeiter, darunter zwölf Frauen. 1924 schied Oskar Schmidt als Gesellschafter aus, woraufhin Lucia Schmidt, die Witwe Walther Schmidts, seine Stelle einnahm. In den späten 1920er Jahren profitierte die Firma vom zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung und entwickelte sich positiv; 1927 zählte sie bereits 135 Beschäftigte. 1935 trat der Döbelner Kaufmann Lothar Schmidt als Gesellschafter ein. Zwei Jahre später, 1937, kostete ein vierteiliges Besteckset mit Messer, Gabel, Löffel und Kaffeelöffel acht Mark – eine Summe, die weit über dem Tagesverdienst eines Arbeiters lag.

Rechnung der Firma vom 25. April 1930

(1) Postkarte von der neuen Silberwarenfabrik, 1920er Jahre
(2) Das alte Hauptgebäude der Silberwarenfabrik gehörte später zum VEB DBM und wurde für die Lehrlingsausbildung bzw. als Lehrlingswohnheim genutzt (Foto 70er Jahre).

(3) Das mehrstöckige Hauptgebäude der Silberwarenfabrik hat die Zeiten überdauert. Nach der Wende fand es als Haus E des Beruflichen Schulzentrums Döbeln-Mittweida Verwendung. Derzeit ist hier die Volkshochschule untergebracht (Foto 2023).
(4) Die angegliederten ebenerdigen Fabrikhallen sind nicht erhalten. Das Gelände gehört heute zur Veolia Wasser Deutschland GmbH (Foto 2023).

Werbeanzeige aus dem Jahr 1938

Während des Zweiten Weltkriegs wurden nahezu alle Metalle konfisziert, sodass die Produktion fast vollständig zum Erliegen kam. Ab 1941 übernahm das Unternehmen Rüstungsaufträge, um eine Stilllegung zu verhindern. 1945 hatte die Fabrik noch etwa 30 Beschäftigte. In der Nachkriegszeit produzierte sie sowohl versilberte als auch echte silberne Essbestecke sowie Kleinsilberwaren wie Zigarettenetuis, wobei Kunden häufig Altsilber als Materialgrundlage abgeben mussten.

Staatliche Repression und Enteignung

1948 wurde die Firma in eine Kommanditgesellschaft (KG) umgewandelt und gab 45 Mitarbeitern Arbeit. Die DDR führte eine hohe Akzise auf Silber ein: Zum Materialpreis von vier Pfennig pro Gramm kam eine Abgabe von 50 Pfennig hinzu. Aus der Belegschaft heraus wurden Meldungen über angebliche „Unregelmäßigkeiten“ erstattet. Eine Untersuchung in den Jahren 1951/52 wies einen Mehrbestand an Silber nach. Daraufhin wurden Lothar Schmidt und Prokurist Paul Ernst wegen angeblicher „Spekulationsverbrechen“ zu Freiheits- und Geldstrafen verurteilt.

In der Folge Gerichtsverfahrens wurde der private Betrieb unter Treuhandverwaltung gestellt und am 1. Oktober 1953 schließlich entschädigungslos enteignet.

Der VEB Sibefa: Export und das Aus durch Silbermangel

Mit der Enteignung im Herbst 1953 endete die Ära als Privatbetrieb endgültig. Im Folgejahr wurde das Unternehmen offiziell als „VEB Silberwarenfabrik“ – kurz Sibefa – neu organisiert. In den darauffolgenden Jahren wuchs der Betrieb durch den Zusammenschluss mit der ebenfalls verstaatlichten Firma „Doublina‘“ (1954) und der Angliederung der Besteckfabrik Lindenthal (1955) zu einem regional bedeutsamen Betrieb heran.

1958 exportierte das Unternehmen erstmals in größerem Umfang Bestecke: 50.000 Garnituren wurden nach Polen und in die Türkei geliefert. Aufgrund des in der DDR herrschenden Silbermangels wurde der Betrieb jedoch 1965 geschlossen. Die Gebäude wurden dem VEB DBM zur Nutzung übergeben. Das Hauptgebäude der Fabrik wurde zur DBM-Betriebsschule umfunktioniert, in der Berufsausbildung, berufliche Weiterbildung, Polytechnik und Erwachsenenqualifizierung stattfanden. Auch die Mitarbeiter wurden vom VEB DBM übernommen, da im Werk II an der Grimmaischen Straße – dem ehemaligen Grossfuss-Betrieb – Beschäftigte für die Waffenproduktion benötigt wurden. Dieser radikale Wechsel von der feinen Besteckschmiede hin zur Rüstungsfertigung verdeutlicht die wirtschaftspolitische Prioritätensetzung der DDR in jenen Jahren: Die traditionsreiche Konsumgüterproduktion musste der staatlich verordneten Stärkung der Schwer- und Verteidigungsindustrie weichen.

Kuchengabel Besteck Silber Sibefa 40*

Was bleibt: Von der Besteckschmiede zum Bildungsstandort

Nach 1990 übernahm der Landkreis das Hauptgebäude des früheren Unternehmens, das anschließend vom Berufsschulzentrum als Haus E genutzt wurde. Dort befand sich später die Volkshochschule. Die übrigen Fabrikgebäude wie die Presserei, die Galvanik und das Heizhaus wurden im Januar 1999 abgerissen. Auf dem Gelände befand sich schließlich die Niederlassung Döbeln der Veolia Wasser Deutschland GmbH.

Zwischen Echtsilber und Aluminium: Die wechselvolle Geschichte der Besteckfabrik Richard Köberlin (1899-1988)

Der verweigerte Thron: Richard Köberlins glanzvolle Rache

Die Silberwarenfabrik wurde von dem gebürtigen Leipziger Richard Köberlin (1849–1928) gegründet. Dieser war zuvor von 1884 bis 1899 als Prokurist im Betrieb Gebr. Köberlin tätig gewesen. Sein Ausscheiden aus dieser Firma war spektakulär, Ursache eine atemberaubende Ungerechtigkeit. Richard Köberlin, der dritte Bruder der beiden Inhaber Hugo und Johannes Köberlin, war eigentlich der Vater des Erfolgs der Firma Gebrüder Köberlin. Über viele Jahre hatte er in fleißiger Arbeit als Prokurist die Firma profitabel gemacht. Als die beiden Inhaber verstorben waren, machte er sich berechtigt Hoffnungen, deren Nachfolge antreten zu können. Es kam anders. Minna, die Witwe Johannes Köberlins, verkaufte den Betrieb am 18. Mai 1898 ohne Rücksprache an ihren Schwager Alfred Schmidt aus Dresden. Ab 1899 wurden dessen Söhne Walther und Oskar mit der Leitung des Unternehmens betraut. Richard Köberlin sah darin einen groben Vertrauensbruch. Ihm wäre, schreibt er in seinem Kündigungsschreiben vom 15. August 1899 an seinen Schwager Alfred Schmidt, „an der Stätte, wo ich mich so viele Jahre gemüht habe, der Stuhl vor die Tür gesetzt“ worden.

Richard Köberlin (li. - 11.10.1949-01.01.1928) gründete am 1. Oktober 1899 seine Silberwarenfabrik. Für das Logo nutzte er seine Initialen und zwei verschränkte Lanzen. Kurz nach der Gründung stieg auch sein Sohn Walter (re. - 09.03.1881 - 18.02.1957) in das Geschäft ein.*

Einjähriges Firmenjubiläum am 1. Oktober 1900
Besteckset der Firma Richard Köberlin, Ägyptisches Muster, 800er Silber - Links die gekreuzten Lanzen und die Buchstaben „R“ und „K“ sind das Markenzeichen Richard Köberlins. Halbmond und Krone stehen für Silbererzeugnisse aus Deutschland.

Es kam zum Showdown. Richard Köberlin kehrte nicht nur der Firma den Rücken, sondern gründete in derselben Stadt ein Konkurrenzunternehmen unter seinem Namen. Ein Affront der Extraklasse. Würden sich zwei Besteckproduzenten in einer Kleinstadt wie Döbeln halten können? Die Antwort ist ja. Beide Unternehmen spornen sich durch die Existenz einer Firma mit demselben Produktportfolio in unmittelbarer Nachbarschaft zu Höchstleistungen an. Döbeln wurde zur sächsischen Besteck-Hauptstadt.

Gründung und Aufstieg (1899–1928)

Am 1. Oktober 1899 legte Richard Köberlin in der Leisniger Straße 3 den Grundstein für sein eigenes Unternehmen. In der neuen Silber- und Alpaccabesteckfabrik startete er mit einer Belegschaft von zunächst 17 Mitarbeitern, darunter auch seine Kinder Walther und Elisabeth. Die Entwicklung verlief rasant: Bereits 1906 trat Walther als Gesellschafter in die Firma ein, und 1912 verstärkte der Dresdner Eugen Müller als weiterer Teilhaber die Leitung der Offenen Handelsgesellschaft. Dass Richard Köberlin bereits nach wenigen Jahren die Zahl der Beschäftigten vervielfachen konnte, war die handfeste Antwort auf den vorangegangenen Bruch mit seinem früheren Arbeitgeber.

Hinter dem Haus in der Leisniger Straße 3 (li.), der offiziellen Postadresse der Frima Richard Köberlin, befanden sich noch zwei Produktiongebäude (re.), in denen die Bestecke hergestellt wurden.

Als sich Richard Köberlin 1920 aus Altersgründen zurückzog, übernahm Walther die Leitung. Er führte gleich im ersten Jahr seiner Firmenleitung die gesetzlich geschützte Fabrikmarke „SAXONIN“ ein. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Herstellern wurde vertieft. So nutzte man bei einigen versilberten Modellen die Muster anderer namhafter Firmen, wie z. B. Wellner, Aue oder Koch & Bergfeld, Bremen. Sie wurden zur Sortimentserweiterung als sogenannte „Sekundärfabrikate“ von den Firmen bezogen und unter eigener Marke weiterverkauft.

Katalog der Firma (Auszug), 1920er Jahre

Der Firmengründer verstarb 1928 zu einem Zeitpunkt, als das Unternehmen bereits auf 60 Angestellte angewachsen war. Seine Lebensleistung ist beachtlich. Er hatte zwei Unternehmen zum Erfolg geführt und der deutschen Besteckindustrie neue Impulse verliehen. Sein Unternehmen brachte ca. 50 verschiedene Muster in Massivsilber, ca. 67 verschiedene versilberte Beckmuster und neun eigenständige Kaffeelöffelmuster hervor. Noch heute, knapp 100 Jahre nach seinem Tod, werden im Antikhandel und auf eBay Besteckkästen der Firma Richard Köberlin verkauft. Sie finden noch heute Liebhaber, die die Nachteile von Silberbesteck gern in Kauf nehmen, weil sie die Handwerkskunst und die Schönheit der Besteckmuster schätzen.

1. Presserei, 2. Galvanische Abteilung, Maschinenraum, 3. Schleiferei, 4. Lager und Versandraum

Briefkopf aus dem Jahr 1920
Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1933
Werbeanzeige aus dem Jahr 1925 Werbeanzeige aus dem Jahr 1938

Kriegsjahre und „Bombensilber“

Während des Zweiten Weltkriegs kam die Produktion fast vollständig zum Erliegen, da nahezu sämtliche Metallbestände konfisziert wurden. Nach dem Tod von Eugen Müller im Jahr 1942 wurde Walther Köberlin Alleininhaber. Aufgrund seiner Distanz zur NS-Ideologie und weil er kein Mitglied der NSDAP war, wurde die Firma bei der Zuweisung von Arbeitskräften benachteiligt, was die Belegschaft auf 20 Personen schrumpfen ließ.

Unmittelbar nach Kriegsende veranlasste der Döbelner Bürgermeister zunächst die Beschlagnahmung des Betriebs, die jedoch im Juni 1946 wieder aufgehoben wurde. Da Silber kaum zu beschaffen war, fertigte das Unternehmen nun vernickelte Eisenlöffel. In dieser Zeit verarbeitete man oft sogenanntes „Bombensilber“ – Besteckfragmente, die in den Feuerstürmen der Luftangriffe geschmolzen waren und nun als Rohstoffbasis für Neuanfertigungen dienten. Bis 1948 erholte sich die Mitarbeiterzahl wieder auf insgesamt 47 Personen.

Belegschaftsfoto aus dem Jahr 1949
Walther Köberlin, ca. 1950

Planwirtschaft und zaghafte Modernisierung

Im Jahr 1954 erschwerte eine staatliche Akzise auf Silber die Produktion drastisch, da der Preis pro Gramm von 4 auf 54 Pfennige anstieg. Die strikten Kontrollen der Bestände durch das Finanzamt führten im Konkurrenzbetrieb Gebrüder Köberlin zur Aufdeckung von Unregelmäßigkeiten, woraufhin dieser sofort enteignet wurde. Walther Köberlin hingegen agierte vorsichtiger und steuerte das Unternehmen sicher durch die Nachkriegszeit.

Die 12 Menü-Kaffeelöffel, Muster Liane/ 90 versilbert der Richard Köberlin KG kosteten 3,55 MDN pro Stück. Die Mark der Deutschen Notenbank war von August 1964 bis Dezember 1967 die offizielle Währung der Deutschen Demokratischen Republik.*
Messewerbung aus dem Jahr 1957

Nach seinem Tod am 18. Februar 1957 führten seine Witwe Frieda sowie die Töchter Marianne Günther und Elfriede Kemps die Firma als Kommanditgesellschaft fort. Unter dem Geschäftsführer Hermann Hirsekorn (1958–1964) begannen erste Modernisierungen. Diese Erneuerung war dringend notwendig, um die Effizienz unter den schwierigen Bedingungen der Mangelwirtschaft zu steigern. Der Maschinenpark wurde gezielt erweitert: So investierte man in gebrauchte Reibspindel- und Exzenterpressen sowie eine große Tafelschere. Auch die Oberflächenveredelung wurde durch neue Galvanikanlagen und Vibratoren zum Kugeldruckpolieren auf einen zeitgemäßen Stand gebracht.

Auch ein neuer Abzug für die Gelbbrenne wurde installiert. Hieran wird das Bemühen sichtbar, die teilweise gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen zu verbessern. Unter Gelbbrennen versteht man das Beizen von Buntmetallen, z. B. Messing, mit einer aus Schwefelsäure und Salpetersäure bestehenden Lösung. Dabei entstehen giftige Gase und schwer aufbereitbares Abwasser.

Trotz dieser Verbesserungen blieb die Arbeit körperlich schwer, was sich in steigenden Löhnen widerspiegelte: Während Produktionsarbeiter in den 1960ern etwa 2 Mark pro Stunde verdienten, stieg dieser Wert bis 1988 auf 6 Mark, während die Gehälter der Angestellten mit rund 500 Mark monatlich vergleichsweise niedrig blieben.

Silbermangel und staatliche Beteiligung

Die Investitionen ermöglichen eine staatliche Beteiligung: 1959 wurde die Deutsche Investbank Berlin Gesellschafterin, gefolgt vom VEB Sibefa Döbeln und schließlich dem VEB Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS). In den 1960er-Jahren verschärfte sich der Silbermangel in der DDR zusehends. Da Devisen für Importe fehlten und die staatliche Plankommission Rohstoffe bevorzugt der Elektronikindustrie zuteilte, musste die Herstellung von Silberbesteck 1962 weitgehend eingestellt werden. Echtsilber wurde nur noch bei Abgabe von Altsilber verarbeitet.

Das Hauptgeschäft verlagerte sich auf Alpakabestecke mit geringer Versilberung. Besonders erfolgreich war das Muster 3900 („Rosenmuster“). Der Vertrieb wandelte sich grundlegend: Waren vor dem Krieg noch Handelsreisende und Messeauftritte entscheidend, erfolgte der Absatz nun ausschließlich über starre Lieferverträge mit der Großhandelsgesellschaft (GHG). Die Preise stiegen. Musste man 1937 für ein vierteiliges Besteck-Set mit 90er Auflage 8 Mark einkalkulieren, waren 1965 19,36 Mark fällig.

Das Muster 3900 bestach durch kleine Miniaturrosen.*

Zwischen Design-Anspruch und Planwirtschaft

Die Bedingungen für das Unternehmen waren nicht wirklich günstig, als Christian Günther, der Urenkel Richard Köberlins, 1963 auf Drängen der Familie technischer Leiter wurde und ab dem 28. Mai 1964 die Geschäftsführung übernahm. Sein Lebensmotto „Nicht wie der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt. Darauf kommt es an.“ half ihm damals sicher bei der Bewältigung der Herausforderungen im Betrieb. Manchmal ergaben sich auch glückliche Fügungen. Nachdem die Sibefa, vormals Gebr. Köberlin, 1965 ihre Produktion einstellen musste, übernahm die Firma Richard Köberlin deren Werkzeuge und Aufträge. Dies erwies sich als vorteilhaft, weil sich die mitübernommenen Muster „Sinfonie“ und „Liane“ gut verkauften.

Qualitätskontrolle nach der Politur von Alu-Besteck in einem Vibarationsgerät. Links Betriebsleiter Christian Günther, der Urenkel Richard Köberlins.*
Das Modell 6000 von Formgestalter Erich John wurde auf einer Haushaltsmesse in Köln ausgezeichnet. Den Geschmack der Kunden traf es nicht.*

Doch während diese klassischen Entwürfe den konservativen Zeitgeist trafen, wagte das Unternehmen mit dem zum 60-jährigen Jubiläum in Auftrag gegebenen Muster 6000 einen radikalen Vorstoß in die Moderne. Man verpflichtete hierfür den renommierten Formgestalter Erich John. Doch das ästhetische Wagnis stieß an Grenzen: Während Johns ‚Urania-Weltzeituhr‘ in Ost-Berlin später zur Ikone wurde, blieb sein avantgardistisches Besteck für Köberlin ein kommerzieller Misserfolg. Für die staatliche Planung hatte es noch einen anderen entscheidenden Nachteil – die Messerklingen mussten aus Solingen importiert werden. Schon bald versuchte man, die Devisen hierfür einzusparen. Lieferant der geschmiedeten Kropfklingen war dann das Edelstahlwerk Freital, später der VEB Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS). Der Fertigschliff der Kropfklingen erfolgte bei der Firma Mohs in Dessau.

Trotz florierender Besteckproduktion nahm der Betrieb auch Lohnarbeiten an. So standen das Versilbern von Kontakten und das Gelbbrennen von Messingteilen und Kupferheizkörpern für den VEB Elektrowärme auf dem Programm. Dem VEB Metallveredlung half man beim Vernickeln.

Logo der Firma wurde vom Döbelner Grafiker Walter Eckhard entworfen. B und D stehen für Besteckfabrik Döbeln.*

Zu dieser Zeit wurden etwa 48 Personen beschäftigt. In den Folgejahren reduziert man die Arbeitskräftezahl durch "Planvorgaben seitens des Wirtschaftsrates Leipzig" rigoros entsprechend des natürlichen Abganges bis auf 30 Personen. Selbst der zu zahlende Lohn für alle Beschäftigten inkl. Komplementär wurde vorgegeben. Die Planwirtschaft nahm dem halbstaatlichen Betrieb schon in den 1960er Jahren jegliche unternehmerische Freiheit.

Das Ende der Privatwirtschaft: Silberverbot und Verstaatlichung

Zwei einschneidende Festlegungen prägten die Geschichte des Betriebs Anfang der 1970er Jahre. Ein staatliches Verwendungsverbot für Silber in der Besteckproduktion der DDR stellte auch die Produktion von Alpaka-Besteck in Frage, für das man ja Silber benötigte. Klar war nun, dass Bestecke in der DDR nun nur noch aus Aluminium gefertigt werden konnten. Des Weiteren beschloss man in der DDR 1972, alle noch existierenden Privatunternehmen zu verstaatlichen. Das betraf auch die Silber- und Alpaccabesteckfabrik Richard Köberlin KG. Die privaten Kapitalanteile wurden ausgezahlt und auf Sperrkonten mit einer jährlichen Verfügung über jährlich 3000 Mark verbucht. Fortan firmiert man unter VEB Besteckfabrik Döbeln.

Briefkopf der Firma aus der Zeit zwischen 1972 und 1980
1971 übernimmt der Betrieb das Muster 302 (Aluminium-Dessert- und Menübesteck von "Alekto" Freiberg.

Das Aluminium-Zeitalter und der Verlust der Eigenständigkeit

Hatte man 1971 noch 443 000 Mark mit Alpakabesteck umgesetzt, stellte man nun gänzlich auf Aluminiumbesteck um. Man übernahm das Aluminiumbesteck Modell 302 des VEB „Alekto“ Freiberg. Von hier erhielt man auch alle benötigten Werkzeuge. Bereits 1973 produziert der Betrieb 400.000 Besteckgarnituren sowie 174.000 Kaffeelöffel aus Aluminium und erzielt dabei einen Umsatz von 1,7 Millionen DDR-Mark. Bei der Aluminiumbesteckproduktion war man auf Kooperationen angewiesen. Die Blattklingen der Messer wurden im VEB Alume Glauchau aus Bandmaterial ausgeschnitten und vorgeschliffen. Der Fertigschliff erfolgte in Döbeln. Später wurde die Messerklingenproduktion von Glauchau in die Messerschmiede Leegebruch verlagert. Die Messerhefte aus Aluminium goss man in Freiberg. In Döbeln erfolgte das Anpressen der Klinge an das Heft.

Der einstige Glanz der Silberwarenfabrik war damit endgültig einer zweckmäßigen Massenproduktion gewichen. Wo Richard Köberlin einst auf individuelle Handwerkskunst setzte, regierte nun die Standardisierung des Modells 302 – ein Symbol für den tiefgreifenden Wandel von der Luxusmanufaktur zum planwirtschaftlichen Zulieferbetrieb.

Nach der Zwangsverstaatlichung folgte auch bald der Verlust der Selbständigkeit. Seit 1979 gehörte der Betrieb zum VEB Auer Besteck- und Silberwaren und führte die Bezeichnung VEB Auer Besteck- und Silberwarenwerke Werk Döbeln.

Abtransport der alten Pressen nach Schließung des Betriebs in der Leisniger Straße. (Fotos: Stadtarchiv Döbeln)

Die staatlich auferlegten Zwangsabgaben auf die erwirtschafteten Gewinne verhinderten eine angemessene Modernisierung der Produktion. Der Maschinenpark veraltete zunehmend, und auch die Belegschaft wurde immer älter. Aufgrund dieser Entwicklung forcierte der Betriebsleiter 1988 die Schließung des Unternehmens. Die damals noch 30 Beschäftigten versetzte man in den VEB Haushaltsgeräte Karl-Marx-Stadt, Werk Döbeln – früher VEB Rationalisierung – an der Zschepplitzer Straße. Fast alle älteren Maschinen wurden verschrottet.

Gedenkstein auf dem Niederfriedhof

Bei der Demontage zeigte sich ein teilweise bedrohlicher Verschleiß, der die Vermutung nahelegt, dass in den letzten Jahren der Fabrik die Arbeitssicherheit an einigen Maschinen nicht mehr gegeben war. Die Werkzeuge zur Herstellung von Aluminiumbesteck übernahm die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. Die zur Herstellung von silbernen oder versilberten Bestecken noch komplett (auch für alle alten Muster) vorhandenen Schnitt- und Prägewerkzeuge wurden verschrottet. Kurz vor der politischen Wende und der Wiedervereinigung ging ein kleiner Schatz verloren.

1993 wurde der Betrieb reprivatisiert. Der Neustart mit einer Besteckproduktion schien ein hoffnungsloses Unterfangen. Viele namhafte deutsche Besteckhersteller hatten wegen des Kostendrucks in Deutschland ihre Produktion in Länder mit geringeren Arbeits- und Energiekosten ausgelagert. In den ehemaligen Gebäuden der Fabrik richtet sich die Schilder- und Stempelfabrik Döbeln ein.

Zu Ehren von Richard Köberlin trägt heute eine Straße im Gewerbegebiet Döbeln-Ost seinen Namen und auf dem Niederfriedhof erinnert ein Gedenkstein an den Unternehmer.

Aufstieg, Wandel und Verstaatlichung der Silberwarenfabrik Hugo Lehn (1919-1954)

Grimmaische Straße 26

Gründerjahre - Die Anfänge in der Moltkestraße

Hugo Lehn, der zuvor als Werkmeister bei Richard Köberlin tätig gewesen war, gründete am 15. Januar 1919 sein eigenes Unternehmen. Dabei knüpfte er an eine bereits etablierte handwerkliche Tradition an. Die Werkstatt Friedrich Oswald Vetterleins war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein fester Bestandteil der Döbelner Metallindustrie, wie Erwähnungen in Festschriften bereits für das Jahr 1914 belegen. Lehn nutzte diese vorhandene Infrastruktur, um in einer wirtschaftlich unruhigen Nachkriegszeit den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. Die Produktion begann er in der Werkstatt Vetterleins in der Moltkestraße 1, die heute den Namen Rudolf-Breitscheid-Straße trägt. Im Jahr 1922 zog die Firma in die Grimmaische Straße 25 in Döbeln um. Das Sortiment der Fabrik umfasste fortan ein breites Spektrum an Alpacca- und Silberwaren, wobei der Fokus auf hochwertigem Tafelbesteck und Serviergeschirr lag. Durch die Veredelung von unedlen Metallen mit Silber (Versilberung) konnte Lehn Produkte anbieten, die den Glanz des Adels in die Haushalte des Bürgertums brachten und der Firma rasch einen stabilen Kundenstamm sicherten.

Werbeanzeige der Firma Hugo Lehn für die Leipziger Messe (1940)

Kuchengabel mit Jugendstil - Ornamentik in 800er Silber von Hugo Lehn – Döbeln – Doublina aus Sachsen - Die Fahne mit einem D ist das Firmensymbol von Hugo Lehn, Halbmond und Krone stehen für Silbererzeugnisse aus Deutschland, 800 steht für ein Silberfeingehalt von mindestens 800 / 1000 Anteilen.*

Generationenwechsel und die Herausforderungen der Kriegsjahre

Der Gründer übergab 1929 das Unternehmen an seine Söhne Walter und Fritz, die es fortan als Offene Handelsgesellschaft (OHG) führten. Während des Zweiten Weltkriegs kam der Betrieb nahezu zum Stillstand; 1942 waren nur noch elf Arbeiter beschäftigt. Nach Kriegsende hielt sich das Unternehmen mit Behelfsarbeiten über Wasser. 1948 waren jedoch bereits wieder 47 Beschäftigte tätig. Ob berechtigt oder nicht, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr genau klären: 1949 stellte die Steuerfahndung bei einer Überprüfung Steuerrückstände und Steuerhinterziehung fest. Nachdem die Inhaber in den Westen geflohen waren, wurde der Betrieb bereits 1952 unter staatliche Treuhandverwaltung gestellt. Diese vorläufige Beschlagnahmung mündete schließlich ein Jahr später in die endgültige Enteignung, die den Übergang in Volkseigentum formal abschloss. Damit markierte dieser Schritt keine Zäsur, sondern die staatlich forcierte Konsolidierung der Döbelner Metallwirtschaft.

Enteignung und Integration in den VEB Sibefa: Das Ende einer Ära

Auf Beschluss des Rates des Kreises vom 2. Juni 1953 erfolgte die Enteignung des Unternehmens, das anschließend unter der Bezeichnung VEB Silberwarenfabrik Döbeln weitergeführt wurde. 1954 kam es zur Zusammenlegung mit dem VEB Silberwaren und Besteckfabrik Döbeln (Sibefa, ehemals Gebrüder Köberlin).

Die Entwicklung verdeutlicht die enge Verflechtung der Döbelner Besteckindustrie. Dass Hugo Lehn als ehemaliger Werkmeister von Richard Köberlin den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, ist beispielhaft für die Dynamik dieser Branche, die in Döbeln durch Abspaltungen und Neugründungen stetig expandierte. Mit der späteren Zusammenführung des Unternehmens mit dem Köberlin-Nachfolger „Sibefa“ schloss sich die Firmenhistorie nach über drei Jahrzehnten wieder an ihrem geografischen und personellen Ursprung.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 90
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 43ff.
Materialsammlung Christian Günther (nicht veröffentlicht)
Priemer, Rudolf: Mit Köberlins Silberwarenfabrik begann dominierende Metallverarbeitung. SZ 30.10.1995
Enzmann Karlheinz: Industriegeschichte im Landkreis Döbeln – Die Firmen Köberlin in Döbeln, Besteckwarenfabriken. 1999 In: Sammelband Der neue Döbelner Erzähler. 2004, S. 142-144
Hoyer, Jens: Eine glänzende Karriere. DA 30.05.2017
Seiler, Elke/Kirchbrücher, Bernd: Besteckfabriken und Silberwarenhersteller Döbeln/Sachsen. Döbeln 2023

Bildnachweis:
Abbildungen (2) und (3) mit dem Haus am Niedermarkt – Sammlung Ettrich URL: www.döbeln.de (05.06.2022)
Messewerbung - Stadtarchiv Döbeln
Fotos Walther und Richard Köberlin, Produktionsstätten Richard Köberlin, Belegschaftsfotos - Privatsammlung Christian Günther
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Abb. Silberherstellung KI-generiert