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Zwischen Perlmuttglanz und Abrissbirne: Die Geschichte der Spezialfabrik Keßler & Herold

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Metall trifft Holz: Die Geburtsstunde der modernen Ladeneinrichtung

Die Spezialfabrik Keßler & Herold wurde im Jahr 1898 von Emil Keßler und Fritz Herold in der Mastener Straße gegründet. Bereits kurze Zeit nach der Firmengründung beschäftigte das Unternehmen 91 Angestellte, die Holz- und Metallwaren zu Möbeln sowie zu modernen und funktionalen Ladeneinrichtungen verarbeiteten.

Innerhalb des Betriebes bestanden spezialisierte Abteilungen. In einer fertigte man metallüberkleidete Holzkehlleisten, während die Kunstschlosserei unter anderem Aushängeschränke herstellte. Das Sortiment bediente die Ansprüche einer aufstrebenden Konsumwelt: Von eleganten Ausstellungsschränken über funktionale Ladentafeln bis hin zu kunstvollen Schaufenstereinrichtungen lieferten Keßler & Herold die ästhetische Kulisse für den modernen Einzelhandel der Jahrhundertwende.

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Luxusmöbel mit Perlmuttschimmer

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Herstellung von Luxusmöbeln mit Metallrundstäben. Ergänzt wurde das Sortiment durch Haus- und Küchengeräte, insbesondere durch feine Serviertabletts, die mit Nickelrahmen, Handmalerei und Perlmutteinlagen ausgestattet waren.

Die Erzeugnisse der Spezialfabrik fanden im gesamten Deutschen Reich Absatz. Darüber hinaus exportierte das Unternehmen seine Produkte in andere europäische Staaten sowie nach Nordamerika und verschaffte sich damit auch international einen angesehenen Ruf. Das Geschäft lief so gut, dass das Fabrikgebäude 1930 eine neue Etage erhielt.

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Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1934

Kriegsfolgen und der Wandel zur Handelszentrale

Mit dem herannahenden Zweiten Weltkrieg lag die Verantwortung für das Unternehmen in den Händen von Friedrich Herold, der die Firma durch die krisenhaften Jahre führte. Unter dem Druck der Kriegswirtschaft war die Produktion jedoch zunehmend rückläufig, während die Räumlichkeiten ab 1944 zwangsweise zur Unterbringung ausländischer Zivilarbeiter umfunktioniert wurden.

Nach dem Krieg verstummten die Maschinen für die Feinholzverarbeitung endgültig. Wo einst Luxusmöbel mit Perlmuttschimmer entstanden, zog nun die staatliche Logistik der jungen DDR ein. Das repräsentative Fabrikgebäude wandelte sich funktional zur Niederlassung der Deutschen Handelszentrale.1955 bekam das Haus Aufzüge und einen Kulturraum. Der Name lautete jetzt Großhandelskontor für Lebensmittel. Letzte Bautätigkeiten gab es 1970, als nochmals Büroräume ausgebaut wurden.

(1) Der Fotograf wollte hier sicher die stattliche Dampflok im Bild festhalten. Uns interessiert bei dem Blick vom Bahngelände Richtung Mastener Straße aus dem Jahr 1982 eher die Fabrik dahinter. Das mehrstöckige Produktionsgebäude war noch gut erhalten.
(2) Aufnahme der leerstehenden Fabrik 2009 (KI-gestützt restauriert)
(3) Blickt man 2023 von der Mastener Straße auf das ehemalige Gelände der Firma Kessler & Herold sieht man nur noch Trümmer und einen halb abgebrochenen Schornstein.

Stillstand und „Sterben auf Raten“

Nach der Wende verkaufte die Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG), Nachfolgerin der Treuhand, die Immobilie an eine Privatperson. Jahrelang passierte daraufhin nichts, das Gebäude verfiel immer mehr. 2010 wechselte der Besitzer. Seitdem wird die Ruine in kleinen Schritten Stück für Stück abgerissen. Sterben auf Raten.

Damit schließt sich die Chronik eines Standorts, der einst für sächsische Wertarbeit und internationalen Export stand. Wo Keßler & Herold mit ihren feinen Waren einst den Weltmarkt eroberten, bleibt heute nur noch das bröckelnde Mauerwerk als letzter, schwindender Zeuge einer versunkenen Döbelner Industriekultur.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 90
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 98f.
Büchel, Olaf: Platt machen, das Ding. In: Döbelner Allgemeine Zeitung, 25.03.2010
Sparrer, Thomas: Bröckelnde Sorgenkinder. In. Döbelner Allgemeine Zeitung, 30.11.2011
Stork, Antje: Abriss zu teuer für die Eigentümer. In: Döbelner Anzeiger, 10.05.2013
Wurzel, Dirk: Leben mit der Ruine. In Döbelner Allgemeine Zeitung. 14.08.2013



Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeige 1925 – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.