Katzschmann, Karstadt, Kultman - vom Gewächshaus-Pionier zum Kulturzentrum
Eine Idee erobert die Welt – Einblicke in die Geschichte des deutschen Gewächshausbaus
Die Anfänge des Gewächshausbaus in Deutschland lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Erste, einfache Glashäuser entstanden vor allem an Fürstenhöfen und in botanischen Gärten, um exotische Pflanzen wie Zitrus- oder Orchideenarten vor dem kalten Winter zu schützen. Die Konstruktionen waren zunächst klein, meist aus Holz und Glas gefertigt, und dienten vor allem wissenschaftlichen und repräsentativen Zwecken.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Gewächshausbau deutlich weiter: Mit der Industrialisierung und der verbesserten Glas- und Metallproduktion wurden größere und stabilere Glashäuser möglich. Besonders in Städten wie Berlin und Dresden entstanden imposante Treibhäuser, die sowohl der Forschung als auch der Nutzung in privaten und öffentlichen Parks dienten. Damit legte Deutschland den Grundstein für den modernen Gewächshausbau, wie er heute in Landwirtschaft und Gartenbau weit verbreitet ist.
Robert Katzschmann: Der Aufstieg zum Gewächshaus-Spezialisten
Die Entwicklungen im Gewächshausbau hatte der Döbelner Glasermeister Robert Katzschmann, der seit 1871 am Niedermarkt eine Werkstatt betrieb, genau verfolgt. Ab 1879 widmete er sich diesem wachsenden Markt und richtete dafür 1881 eine zusätzliche Schmiede ein, um die benötigten Eisenrahmen selbst herstellen zu können.
Beim frühen Gewächshausbau griffen mehrere Gewerke eng ineinander, da Konstruktion, Klima und Nutzung stark voneinander abhingen. Das Tragwerk bestand aus Holz oder Metall, das wiederum die Form und Teilung der Glasflächen vorgab. Das Glaserhandwerk setzte diese ein und beeinflusste durch Dichtigkeit und Lichtdurchlass direkt das Innenklima. Gleichzeitig sorgten Schlosserei und einfache Lüftungssysteme für regulierbare Öffnungen, während Heizsysteme die nötige Temperatur sicherten. Alle Bereiche mussten sorgfältig aufeinander abgestimmt sein, da bereits kleine Änderungen große Auswirkungen auf Funktion und Pflanzenwachstum haben könnten. Um ein Komplettangebot rund um das Gewächshaus absichern zu können, baute Katzschmann auch Wasser-, Dampf- und Niederdruck-Heizungsanlagen. Für seine Produktion nutzte er bald vier zusammenhängende Grundstücke am Niedermarkt 20 und 21 sowie in der Brauhausgasse 8 – 10. In den Katzschmannschen Werkstätten arbeiteten Glaser, Tischler, Schmiede und Schlosser. Neben Gewächshäusern und Heizungsanlagen stellte das Unternehmen auch Wintergärten, Pavillons, Frühbeetfenster sowie schmiedeeiserne Fenster und Oberlichte her.
Der Firmengründer war umtriebig und suchte immer wieder für Unwägbarkeiten des Alltags technische Lösungen. So hatte er zum Beispiel beobachtet, dass es im Winter bei den Mühlen der Stadt immer wieder zu Betriebsausfällen kam, weil im Mühlgraben vor dem Mühlrad das Gitter bzw. der Rechen, der das Einschwemmen von Holz und Unrat verhindern sollte, zufror. 1888 ließ sich Katzschmann vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin einen „Heizbaren Rechen für Mühlengerinne“ patentieren. Dass er das Patent für diesen ‚Heizbaren Rechen‘ ausgerechnet im geschichtsträchtigen Dreikaiserjahr 1888 erhielt, unterstrich den innovativen Geist, mit dem er sein Unternehmen weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt machte.
Fabrikneubau am Körnerplatz und das Ende einer Ära
1900 reicht der Platz im Zentrum der Stadt nicht mehr aus. Das Geschäft hatte sich so gut entwickelt, dass Katzschmann in der Waldheimer Straße 1 – 4 einen neuen Firmensitz bauen ließ. Gleich neben der neuen „Spezialfabrik für modernen Gewächshausbau“ errichtete er am Körnerplatz 17 ein repräsentatives Privathaus.
Werbeanzeige der Firma Katzschmann mit einer Ansicht der Fabrik / Vergrößerung der Fabrikansicht mit dem Wohnhaus am Körnerplatz*
Ansichten der Fabrik Robert Katzschmann (1-3) - Der erste Foto zeigt eine ähnliche Perspektive wie die Zeichnung aus dem Jahr 1912 (Blick vom Körnerplatz in die Waldheimer Straße rechts neben der Einfahrt in das Firmengelände). Die Fotos 3-4 zeigen das Privathaus Katzschmanns gleich links neben der Einfahrt. Gut zu sehen sind noch heute über der Haustür die Initialen des Firmengründers "R" und "K" (2026).
1909 starb Robert Katzschmann und sein gleichnamiger Sohn wurde Inhaber der Firma. Als der Erste Weltkrieg begann, wurde er zum Militär eingezogen und fiel 1915. Mit seinem Tod endet die Geschichte der Firma Robert Katzschmann.
Es folgten Jahre, in denen nicht klar war, wie es mit den Fabrikgebäuden an der Waldheimer Straße weitergeht. Vorerst wurde sie von G. Arthur Meier aus Großbauchlitz, dem Direktor der Drahtnagelfabrik Gebr. Wapler, übernommen. Anschließend gründete sich eine GmbH, deren Gesellschafter die Fabrikanten Fritzsche, Meißner, Rechtsanwalt Dr. Greif aus Mittweida sowie Friedrich Kraft aus Döbeln waren. Kraft leitete das Unternehmen.
Karstadt in Döbeln: Eigenproduktion für das Kaufhausimperium
In den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und dem Tod des Juniorchefs veränderte sich das Profil des Standorts. Unter der neuen Leitung der GmbH verlagerte sich der Schwerpunkt von der spezialisierten Glasarchitektur hin zur allgemeinen Metallverarbeitung. Als der Berliner Kaufhauskonzern Rudolf Karstadt das Werk 1922 übernahm, fand er somit bereits eine funktionsfähige Metallwarenfabrik vor, die ideal in seine Strategie der Eigenproduktion passte.
Das Unternehmen begann mit der Fertigung feiner Blechwaren, besonders für den Haushalt. In den 1920er‑Jahren baute die Einzelhandelsfirma Karstadt AG ihre Aktivitäten weit über den reinen Verkauf von Waren hinaus – sie betrieb auch mehrere eigene Produktionsstätten, um die Abhängigkeit von externen Zulieferern zu verringern und die Kosten zu senken.
Fotos der Metallwarenfabrik Rudolf Karstadt Döbeln aus dem Jahr 1925. Karstadt besaß in ganz Deutschland zehn Betriebe, die für den Kaufhauskonzern produzierten.
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte Karstadt begonnen, Stofflager und eigene Bekleidungsfabriken zu errichten. In der Berliner Niederlassung entstand 1911 ein großes Materiallager, gefolgt von einer Wäschefabrik 1912 und einer Herrenkleiderfabrik 1919 in Stettin.
Nach dem Zusammenschluss mit dem Einzelhandelsunternehmen Althoff und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1920 setzte das Unternehmen diesen Kurs fort: In den späten 1920er‑Jahren besaß Karstadt neben seinem weit verzweigten Filialnetz auch zahlreiche eigene Fabriken und Produktionsbetriebe in verschiedenen Regionen Deutschlands. Die Metallwarenfabrik Rudolf Karstadt in Döbeln reihte sich hier ein.
Von Zigarren zu Kunststoffen: Ein Standort im Wandel der Zeit
In den folgenden Jahrzehnten wechselten die Nutzer am Standort mehrfach. Nach Karstadt zog die Zigarrenfabrik Ernst Stockmann hier ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg, nunmehr verstaatlicht, als VEB Leisniger Zigarrenfabriken – Werk I Döbeln firmierte. Als die Zigarrenära in Döbeln endete, zog die Firma Döbelner Werkzeugbau hier ein und übergab nach der Wende an die Firma Stemke Kunststofftechnik. 2014 kam der Betrieb am Standort zum Erliegen, da die Firma Stemke in das Gewerbegebiet ‚Am Fuchsloch‘ umzog. Nach deren baldigem Konkurs blieb das Areal in der Waldheimer Straße als Teil der Insolvenzmasse zurück. Da zunächst kein Investor gefunden wurde, setzte ein schleichender Verfall der einst stolzen Fabrikgebäude ein.
„Kultman“: Neues Leben in der alten Industriebrache
Nach 10 Jahren Leerstand erwarben 2022 Matthias Schmidt und Carsten Wiede, die in Döbeln die „Steinschmiede“, einen Meisterbetrieb im Steinmetz- und Bildhauerhandwerk, betreiben, die Industriebrache. Sie wollen hier das Kulturzentrum „Kultman“ etablieren und gründeten einen gleichnamigen Verein. Die Vereinsmitglieder haben viele Ideen. So sollen regelmäßig Veranstaltungen und Workshops stattfinden. Auch einen Co-Working-Space will man etablieren.
Mit der Wiederbelebung durch den Verein ‚Kultman‘ schließt sich ein Kreis: Wo einst Robert Katzschmann mit Glas und Eisen den Grundstein für moderne Industriestrukturen legte, entsteht nun ein Raum für Kreativität und Gemeinschaft. Für die Stadtentwicklung Döbelns bedeutet die Rettung dieser Industriebrache nicht nur den Erhalt historischer Substanz, sondern auch einen mutigen Schritt in eine moderne kulturelle Zukunft.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 87f.
Engelmann-Bunk, Manuela: Döbelner Stemke-Brache soll Kultmans-Kulturzentrum werden. Döbelner Allgemeine Zeitung, 16. März 2024
Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeige 1911 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln und seine Umgebung. Döbeln 1911
Werbeanzeige 1914 - Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Fotos Metallwarenfabrik Rudolf Karstadt – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellungen Gewächshausbau KI-gestützt generiert
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