Vom Gürtler zum "Spritzen-Müller": Aufstieg und Welterfolg der Döbelner Feuerlöschgerätefabrik
Von Gürtlerwaren zum Gelbguss: Die Anfänge unter Julius Müller
Nach seiner Gesellenzeit, die ihn unter anderem nach Berlin geführt hatte, kehrte der Gürtlermeister Ernst Julius Gottlieb Müller 1849 in seine Heimatstadt Döbeln zurück und gründete dort eine eigene Firma. Gürtler – auch Metalldrücker genannt – bearbeiteten Eisen-, Blech- und Nichteisenmetalle. In seiner Werkstatt stellte Müller zunächst Beschläge und Bügel für Damenplüschtaschen, kleine metallene Schmuckwaren (Bijouteriewaren) und Pfeifenringe her.
Als Anfang der 1860er-Jahre der Kauf der Gelbgießerei des Kupferschmieds Voigt möglich wurde, verlagerte Müller den Schwerpunkt seines Unternehmens auf diese Produktionsrichtung. Das Handwerk des Gelbgießers gehörte damals zu den bedeutenden Metallhandwerken. Verarbeitet wurde vor allem Messing, eine Legierung aus Kupfer und Zink, die wegen ihres goldähnlichen Glanzes und ihrer Haltbarkeit geschätzt wurde. Zunächst schmolz der Gelbgießer das Metall im Ofen ein und goss es anschließend in vorbereitete Sandformen. Diese Formen entstanden mithilfe von Modellen, die in den Formsand gedrückt wurden. Nach dem Erkalten wurden die Werkstücke aus der Form gelöst, von Gussgraten befreit sowie gefeilt und geschliffen. Durch sorgfältiges Polieren erhielten die Gegenstände schließlich ihre glatte Oberfläche und den typischen Messingglanz.
Auf diese Weise entstanden zahlreiche Gebrauchs- und Ziergegenstände: Knöpfe, Schnallen, Leuchter, Figuren und Beschläge ebenso wie Glocken, Schellen und Hähne. Darüber hinaus fertigten Gelbgießer technische Bauteile wie Ventile für Brennereien und Brauereien sowie Armaturen für die Feuerwehr. Das Handwerk verlangte großes Geschick im Umgang mit Metall, Formenbau und Feuer und wurde meist in kleinen Werkstätten über Generationen weitergegeben.
Expansion und technologische Modernisierung
Ab 1862 war Julius Müller Obermeister der Gürtlerinnung, die rund zwanzig Jahre später aufgelöst wurde. 1868 mietete er für sechs Taler jährlich Räume in der Niedermühle und nutzte dort erstmals Kraftantrieb, etwa für Drehbänke. 1872 errichtete er in der Bahnhofstraße 71, am damals noch offenen Mühlgraben, ein neues Wohn- und Geschäftshaus (heute Blumen-ABC) und verlegte seinen Betrieb dorthin. Das gesamte Erdgeschoss diente – bis auf einen kleinen Wohnraum – der Produktion. In der Nähe entstand später ein Nebengebäude für Schmiede und Lackiererei. Erstmals in Döbeln kam hier zum Antrieb der Maschinen ein Gasmotor zum Einsatz.
(1) Abbildung der Gebäude in der Bahnhofstraße 71 aus der Festschift zum 75. Firmenjubiläum* - Hinter dem Haupthaus erkennt man das Nebengebäude für Schmiede und Lackiererei. Im Bereich der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße querte der Mühlgraben der Niedermühle damals die Bahnhofstraße. Er nahm sein Wasser unterhalb des Schlossbergs auf, führte es parallel zur Mulde bis zur Niedermühle und mündete im Bereich des heutigen VW-Autohauses wieder in die Mulde.
(2) In der Bahnhofstraße 71 wird seit vielen Jahren das Blumen-ABC betrieben. (Foto 2023)
Spezialisierung auf Feuerwehrtechnik: Der „Spritzen-Müller“
Der älteste Sohn des Firmengründers, Otto Julius Müller, erlernte das Gelbgießerhandwerk und ging auf Wanderschaft, um Erfahrungen in seinem Beruf zu sammeln. Er arbeitete in Hamburg, Dänemark und Schweden. 1875 kehrte er nach Döbeln zurück. Im selben Jahr gründete sich in der Stadt eine Ortsfeuerwehr. Die Firma Julius Müller engagierte sich früh und begann mit dem Bau von Feuerlöschspritzen. Das Unternehmen konzentrierte sich bald ganz auf diese Produktion und erweiterte den Betrieb um Abteilungen für Dreherei, Formerei und Klempnerei. Schon bald nannte man Julius Müller in Döbeln den „Spritzen-Müller“.
Patente und internationaler Erfolg
Am 4. Juli 1879 erfolgte die erste Eintragung ins Handelsregister. Im selben Jahr erhielt das Unternehmen ein Patent für eine von Müller konstruierte „einfachsaugende und doppeltdrückende Pumpe“. Die Verbindung zwischen der Firma und der Entwicklung der sächsischen Feuerwehr war eng: Auf dem sächsischen Feuerwehrtag 1879 gewann das Unternehmen einen ersten und einen zweiten Platz, auf dem XI. Deutschen Feuerwehrtag 1880 in Dresden einen Ehrenpreis. Müllers jüngerer Sohn war seit den 1880er Jahren als städtischer Brandmeister in Leipzig tätig.
In den 1880er-Jahren boomte das Geschäft. Julius Müller lieferte seine Feuerlöschspritzen weit über die königlich-sächsischen Grenzen hinaus nach Nord- und Südamerika, China, Russland und in den Orient. Vor Einführung von Zollschranken gehörten das zaristische Russland und die Donaumonarchie zu den Hauptabnehmern, später expandierte das Familienunternehmen nach Bulgarien und in die Türkei. 1889 wurde Otto Julius Müller Teilhaber, 1894 übernahm er schließlich das Unternehmen ganz. Er setzte auf Innovationen und galt als Erfinder des Equilibrium-Systems, mit dem Wasser bis zu 70 Meter in die Höhe gedrückt werden konnte. 1881 zog man zur Prüfung einer Handdruckspritze die Feuerwehrschläuche der Firma auf den Turm der Nicolaikirche – eine Aktion, die damals weithin Aufmerksamkeit erregte.
Werbemarken der Firma Julius Müller: Neben Motorspritzen zur Brandbekämpfung stellt die Firma auch Fäkalienabfuhrwagen her. Mit einer patentierten pneumatischen Grubenabsaugung sorgt man für eine geruchsarme Entleerung von Jauchegruben.
Standortwechsel und kontinuierliche Innovation
Seit Mitte der 1890er-Jahre stellte das Unternehmen neben Feuerspritzen auch erfolgreich Fäkalienabfuhrwagen nach einem besonderen Patent sowie Fahrgeräte für städtische und andere Behörden und zunehmend motorisierte Löschspritzen her. Die hohe Qualität der Produkte brachte dem Unternehmen 1897 auf der Leipziger Gewerbeausstellung die silberne Medaille der Stadt Leipzig ein. 1899 feierte die Firma ihr 50-jähriges Bestehen. Da sich der Standort in der Bahnhofstraße zunehmend als zu klein erwies und eine geplante Straße (heutige Rosa-Luxemburg-Straße) eine Erweiterung unmöglich machte, begann die Suche nach einem neuen Unternehmenssitz.
1900 lieferte die Spritzenfabrik eine komplette Ausrüstung für 36 Feuerwehrmänner – Technik, Uniformen und Helme – nach Südamerika. Der Uniformstoff kam aus der Döbelner Tuchfabrik Gebr. Glausnitzer. Angesichts des Wachstums kaufte Otto Julius Müller 1901 an der äußeren Bahnhofstraße/Ecke Schlachthofstraße die Maschinenfabrik Haase & Co. (vormals Kyll) mitsamt Maschinen und angeschlossener Eisengießerei.
Trotz des enormen wirtschaftlichen Wachstums und des internationalen Renommees blieb die Firmenführung ihrer Linie der Bodenständigkeit treu. Ein deutliches Zeichen dafür war die Entscheidung Otto Julius Müllers, keine repräsentative Fabrikantenvilla im Grünen zu errichten. Er wählte stattdessen eine Wohnung direkt auf dem neuen Firmengelände, um stets nah am Produktionsgeschehen und bei seiner Belegschaft zu sein – eine Haltung, die sein Ansehen in der Stadt nachhaltig festigte.
Führungswechsel und technische Pionierleistungen
1906 starb Firmengründer Ernst Julius Müller im Alter von 85 Jahren. Er gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den erfolgreichsten Döbelner Unternehmern. Seine Firma erhielt im Laufe der Jahre 40 Ehrenpreise, darunter sechs Staatspreise sowie zahlreiche goldene und silberne Medaillen. Seine Sorgen um die Zukunft waren unbegründet: Sohn Otto führte den Betrieb seit 1894 vielversprechend weiter. Enkel Max Otto Julius Müller wurde bewusst in einem Konkurrenzunternehmen ausgebildet, damit er so neue Impulse aufnehmen konnte. In diesem Zusammenhang verzichtete die Firma per Vertrag auf die Herstellung von Dampfspritzen, auf die sich der Ausbildungsbetrieb spezialisiert hatte.
Die Fotos zeigen den Arbeitsalltag in der Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller. Das letzte Foto muss nach 1922 aufgenommen worden sein, weil man im Hintergrund den 1922/23 errichteten Neubau der Schokoladenfabrik Clemen & Sohn erkennen kann (Quelle: Sammlung Sven Ettrich).
Preislisten der Firma für Feuerlösch- und Schlauchreinigungsmaschinen
(1) Motorkraftspritze aus dem Jahre 1924: Hersteller Julius Müller Döbeln, Viertaktmotor zum Antrieb der Löschwasserpumpe, Förderleistung ca. 800 Liter/min (Foto: Marko Sielaff - Feuerwehr Pulsnitz)
(2) Fäkalien-Kolonne mit einer Pumpe von Julius Müller in der Wappenhenschstraße, um 1900
(3) Stadtreinigungs-Wagen bei der Erprobung in der Schlachthofstraße direkt am Firmengelände, um 1920
Katalog der Firma aus dem Jahr 1935 * (Auszug)
Innovationen blieben charakteristisch für das Unternehmen – Werbeanzeigen warben unter anderem für kombinierte Motorspritzen für Wasser und Luftschaum. 1910 konstruierte und baute die Firma die erste deutsche Benzin-Motorspritze. 1913 folgte eine Elektromotorspritze mit Hochdruckzentrifugalpumpe, die im selben Jahr auf den Deutschen Feuerwehrtagen in Leipzig Bestnoten erhielt. Trotz einer bescheidenen Leistung von 400 Litern pro Minute überzeugte sie durch Überlastungsfähigkeit und ihre schnelle Einsatzbereitschaft: In nur 45 Sekunden war sie betriebsbereit, während Konkurrenzfahrzeuge zwei bis drei Minuten benötigten. Max Otto Julius Müller hatte kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein Studium absolviert, das sich besonders dem Pumpen- und Motorenbau widmete, wurde jedoch gleich zu Kriegsbeginn eingezogen.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kehrte Max Otto Julius Müller in das Unternehmen zurück. Seine im Studium erworbenen Kenntnisse im modernen Pumpenbau erwiesen sich in der Zeit der allgemeinen Motorisierung als unschätzbarer Vorteil. Gemeinsam mit seinem Vater navigierte er die Firma durch die wirtschaftlich turbulenten 1920er Jahre und sicherte den technologischen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz.
Kriegswirtschaft und die Feier zum 75-jährigen Jubiläum
Während des Ersten Weltkrieges stellte man die Produktion teilweise auf Rüstungsgüter um. Neben Handdruck- und Motorspritzen fertigte man 1000 Proviantwagen, 250 Maschinengewehrwagen und 500 weitere Heeresgerätewagen. In den Jahren 1919/20 entstand eine neue Motorspritzen-Konstruktion, zudem begann die Fertigung von Automobilspritzen. 1924 feierten die Mitarbeiter im festlich geschmückten Lackiersaal das 75-jährige Bestehen der „Fabrik für Feuerlöschgeräte und Stadtreinigungswagen Julius Müller“. Im selben Jahr entwickelte das Unternehmen eine neue Hochdruckzentrifugalpumpe und stattete Motorspritzen mit elektrischem Licht und Anlasser aus.
Als die Freiwillige Feuerwehr Döbeln ihr 50-jähriges Jubiläum am 16. August 1925 beging und auf dem Obermarkt zahlreiche Geräte und Fahrzeuge präsentierte, waren darunter auch viele aus dem Hause Julius Müller.
Als die Freiwillige Feuerwehr Döbeln ihr 50-jähriges Jubiläum am 16. August 1925 beging und auf dem Obermarkt zahlreiche Geräte und Fahrzeuge präsentierte, waren darunter auch viele aus dem Hause Julius Müller.
In den 1930er Jahren wurde die Produktion zunehmend durch die Anforderungen des staatlich organisierten Luftschutzes geprägt. Als Spezialist für mobile Löschtechnik war das Unternehmen auch während des Zweiten Weltkrieges ein unverzichtbarer Lieferant für den zivilen Bevölkerungsschutz. Doch die totale Ausrichtung auf die Kriegswirtschaft und die isolierte Lage am Ende des Konflikts läuteten schließlich das Ende der privaten Ära des Familienunternehmens ein.
Rückblick - Innovationen der Firma Julius Müller
Das Ende des Familienunternehmens nach 1945
Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestand die Firma als offene Handelsgesellschaft. Unmittelbar nach Kriegsende konzentrierte man sich auf die Herstellung von Handfeuerlöschern.
Wie viele andere Betriebe auch wurde das Unternehmen am 22. November 1945 auf Grundlage des SMAD-Befehls 124 in treuhänderische Verwaltung überführt, 1946 durch Volksentscheid landeseigen und schließlich am 15. Oktober 1948 aus dem Handelsregister gelöscht.
Auch wenn die private Ära der Familie Müller 1948 formal endete, blieb ihr technisches Erbe noch Jahrzehnte lebendig. Die Spezialisierung auf Guss- und Feuerlöschtechnik prägte das Werk IV bis zum Ende der DDR. Heute erinnert der Name Julius Müller an eine Zeit, in der Döbelner Ingenieurskunst weltweit Brände löschte und die Stadt zu einem international bedeutenden Zentrum für Feuerwehrtechnik machte.
Wollen Sie wissen, wie es mit der Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller weiterging?
Informieren Sie sich hier über die Geschichte des VEB Sächs. Feuerlöschgerätefabrik u. Eisengießerei.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 86f.
Fa. Julius Müller (Hg.): Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Firma Julius Müller Döbeln i. Sachsen 1849-1924. Döbeln 1924
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 79ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Neubauer, Wolfgang: Die Bahnhof- und die Burgstraße – Teil 2 Industrieanlagen Bahnhofstraße / Schlachthofstraße. STIEFEL1998 In: Sammelband Der neue Döbelner Erzähler. 2004, S. 126-127
Bildnachweis:
* Foto KI-gestützt restauriert
** Darstellung KI-generiert
Porträt Julius Müller - Fa. Julius Müller (Hg.): Festschrift zum 75jährigen Bestehen der Firma Julius Müller Döbeln i. Sachsen 1849-1924. Döbeln 1924
Werbeanzeigen 1925 – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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Döbeln und seine Industriegeschichte
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