Zwischen Wohltätigkeit und Waffenproduktion: Die Geschichte der Metallwarenfabrik H. W. Schmidt
Gründung und frühe Jahre am Niedermarkt
Heinrich Wilhelm Schmidt, 1836 in Roßwein geboren, eröffnete 1864 an der Ecke Niedermarkt/Johannisstraße ein Klempnereigeschäft. Gemeinsam mit Richard Handschuh gründete er später eine Blech- und Lackierwarenfabrik. Als Handschuh 1880 starb, erbte dessen Frau Selma Handschuh, geb. Knobloch, seine Anteile. Während Max Knobloch fortan die Geschicke der gemeinsamen Blechwarenfabrik leitete, konzentrierte sich H. W. Schmidt auf den Ausbau seines eigenen Unternehmens, für das er bald neue Wege einschlug.
Heinrich Wilhelm Schmidt (1864-1908) - li. Original, re. KI-gestützte, nachkolorierte Restauration
Expansion zwischen Bahnhof- und Burgstraße
Zwischen 1893 und 1895 ließ Schmidt auf dem schmalen Areal zwischen den Häusern der Friedrichstraße und dem Schlachthof zwei langgezogene Produktionsgebäude errichten. Dort wurden Anschlagteile aus Schwarzblech gefertigt, die zu Emaillegeschirr weiterverarbeitet werden konnten. Zu den Halbprodukten gehörten unter anderem Ausgüsse und Hohlgriffe für Kaffeekannen und Wasserkessel.
(1) Blick von der Bahnhofstraße, (2) Blick von der Burgstraße
Das 1895 erbaute Produktionsgebäude steht noch heute. Es erstreckt sich fast auf ganzer Länge parallel hinter den Häusern der Friedrichstraße von der Bahnhof- zur Burgstraße. Bis 1945 produziert hier die Firma H.W. Schmidt Nachf., später kommen in den Gebäuden andere Firmen unter (Reifen-Meng im Erdgeschoss, VEB Rationalisierung im Obergeschoss). Nach der Wende wird der Komplex u.a. von der Firma Möbel-Näther genutzt.
(3) Das ältere Produktionsgebäude im Bereich zwischen der Bahnhof- und der Burgstraße (erbaut 1893) wurde 2007 abgerissen.
(1) Das ehemalige Wohn- und Bürohaus von H.W. Schmidt an der Burgstraße zwischen der Friedrich- und der Schlachthofstraße wurde in unmittelbarer Nähe zu den Produktionsgebäuden des Unternehmens im Jahr 1893 errichtet. Das Foto stammt aus dem Jahr 2001. (2) Im Jahr 2023 klafft an der Stelle des Hauses eine Baulücke. Das Gebäude wurde abgerissen.
Im Jahr 1893 ließ Schmidt außerdem an der Burgstraße ein zweigeschossiges Wohnhaus bauen. Im Erdgeschoss befand sich das Büro seiner Firma, während die obere Etage als Wohnung des Gründers diente, der bewusst auf eine repräsentative Fabrikantenvilla verzichtete.
Vom Schwarzblech- zum Aluminiumspezialisten
1899 übernahm Otto Ferdinand Braun, der Schwiegersohn Schmidts, das Unternehmen, das fortan unter dem Namen „H. W. Schmidt Nachf.“ firmierte. 1905 entstand rechts der Burgstraße ein imposantes neues Fabrikgebäude. Das Unternehmen wandte sich nun verstärkt der Verarbeitung von Aluminium zu und erkannte das große Potenzial des Materials für die Produktion von Haushaltsgeräten. Zu dieser Zeit beschäftigte die Firma bereits 290 Arbeiter.
(1) Vorderansicht der ehemaligen Metallwarenfabrik von H.W. Schmidt. Nach Krieg und Enteignung hieß der Betrieb VEB Metallwarenfabrik (MEWA). 1956 wurde das Areal der Fertigungsbereich 3 des VEB DBM. Anfang der 90er Jahre wurden die Gebäude abgerissen. Auf der Industriebrache befindet sich derzeit u.a. ein Pflanzenmarkt.
(2) Rückansicht der Fabrik © Stadtmuseum Döbeln, Fotograf: Harry Heidl
(3) Das Areal, auf dem früher die Fabrik stand, wird heute als Pflanzenmarkt genutzt. Wo man früher durch Schmidts Park flanieren konnte, steht das neu gebaute Arbeitsamt.
H.W. Schmidt um 1900 (li. Original, re. KI-gestützte, nachkolorierte Restauration)
Ein Fabrikant mit sozialem Gewissen
Auch durch sein soziales Engagement prägte Schmidt die Stadt. 1907 stiftete er 6000 Mark für das Bürgerheim. Bereits zuvor hatte er für seine 1901 verstorbene Ehefrau mit einem Kapital von 5000 Mark die Marie-Schmidt-Stiftung gegründet, deren Zinsen den Döbelner Armen zugutekommen sollten. Zudem errichtete er die „Marie-und-H.-W.-Schmidt-Stiftung“ zugunsten seiner Arbeiter und Beamten, ausgestattet mit 10 000 Mark. 1918 erhöhten seine Nachfolger das Stiftungskapital um weitere 10 000 Mark.
Die Ära der Söhne: Blütezeit in der Zwischenkriegszeit
Als H. W. Schmidt 1908 starb, vererbte er die Fabrik seinen Söhnen Otto und Bernhard Schmidt. Sie bauten die Produktion weiter aus. Bis 1925 wuchs die Zahl der Beschäftigten auf etwa 400 an. Nach 1930 wurde die Fabrik durch einen Flachbau entlang der Mulde erweitert. Das zuvor ungenutzte Gelände in Richtung Reichensteinstraße gestalteten die Nachfolger des Gründers zu einem Park um, den man „Schmidts Park“ nannte.
Doch die wirtschaftliche Stabilität der frühen 1930er Jahre war untrennbar mit den politischen Umbrüchen im Deutschen Reich verwoben. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Priorität der industriellen Fertigung grundlegend – weg von zivilen Haushaltswaren, hin zur massiven Aufrüstung.
Werbeanzeigen der Firma aus dem Jahr 1936 (li.) und 1939 (re.) - Noch widmet sich die Firma auch der Produktion von Alltagsgütern.
Dass es geschäftlich gut lief, zeigt auch das von Otto Schmidt für seine Familie erbaute Haus in der Otto-Johnsen-Straße 2. Heute wird die Villa als Gästehaus "Residenz" genutzt.
Bernhard Schmidt baute sich seine Villa ganz in der Nähe des Bruders in der Adam-Ebert-Straße (heute Nordstraße).
Die dunkle Seite des Unternehmens: Rüstungsproduktion und völkerrechtlich geächtete Waffen
Trotz des durch den Versailler Vertrag ausgesprochenen Verbots begann das Unternehmen 1933 mit der Produktion von Rüstungsgütern. Ab 1937 fertigte es Tretminen, ab 1938 sogenannte S-Minen (Schrapnell-, Splitter- oder Springminen) für das Oberkommando des Heeres. Diese als S-Minen bekannten Waffen besaßen eine verheerende Wirkung: Nach der Auslösung wurden sie in die Luft geschleudert, um auf Kopf- oder Hüfthöhe zu detonieren.
Besonders kritisch zu bewerten ist die spätere Materialumstellung der Minen, von denen die Firma monatlich etwa 10.000 Stück herstellte. Während sie bis 1943 mit polierten Kugeln befüllt wurden, erfolgte danach die Umstellung auf scharfkantigen Schrott oder zerhackte Drahtstücke.
Diese Modifikation verlieh der Waffe eine Wirkung, die jener von Dum-Dum-Geschossen glich. Solche Deformationsgeschosse, die im späten 19. Jahrhundert in der indischen Stadt Dum Dum entwickelt wurden, dehnen sich beim Aufprall im Körper aus. Durch diese vergrößerte Wundwirkung verursachen sie massive, oft tödliche Verletzungen. Aufgrund ihrer grausamen Effekte wurden sie bereits 1907 durch die Haager Landkriegsordnung völkerrechtlich verboten.
Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit
Die Spezialisierung auf solch grausame Waffensysteme ging Hand in Hand mit einer radikalen Umstellung der gesamten Betriebsstruktur. Während des Zweiten Weltkriegs stellte man die zivile Produktion nahezu vollständig ein. 1944 waren 93,4 % der Fertigung direkte oder indirekte Heereslieferungen. Möglich wurde dies durch den Einsatz von mindestens 95 Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, überwiegend aus der Ukraine. Sie waren zunächst im Gasthof Neudorf, später im Barackenlager an der Leisniger Straße untergebracht. Zudem wurden 15 französische Kriegsgefangene zwangsverpflichtet.
Nachkriegszeit: Enteignung und Demontage
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs enteignete man, wie alle Rüstungsbetriebe, auch die Firma H. W. Schmidt. Ab Mitte Mai 1945 wurden zahlreiche Maschinen demontiert, um Reparationsleistungen zu erfüllen.
Das enteignete Unternehmen H.W.Schmidt Nachf. nannte man nach dem Krieg VEB MEWA. 1956 wurde dieser Nachfolgebetrieb schließlich zum Werk III des VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk (DBM).
Wollen Sie wissen, wie es mit der Metallwarenfabrik H.W. Schmidt weiterging?
Informieren Sie sich hier über die Geschichte des VEB Mewa.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 89
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 58f.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Neubauer, Wolfgang: Die Bahnhof- und die Burgstraße – Teil 4 Zwischen Jacobikirche und Friedrichstraße. STIEFEL1999 In: Sammelband Der neue Döbelner Erzähler. 2004, S. 153-154
Neubauer, Wolfgang: Der neue Döbelner Erzähler, Die Bahnhof- und die Burgstraße – Teil 14 Das Industriegelände zwischen Bahnhof- und Reichensteinstraße. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln 10/2001, S. 11-13
Treibhaus e.V. (Hg.): Döbeln im Nationalsozialismus - Eine Stadtkarte der AG Geschichte. 2017
Bildnachweis:
Foto vom jungen H.W. Schmidt und dem Wohnhaus 2001 – Stadtarchiv Döbeln
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
S-Mine 35 - MoserB, Copyrighted free use, via Wikimedia Commons, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:S-Mine_35.jpg (21.07.2024)
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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Döbeln und seine Industriegeschichte
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Döbeln und seine Industriepioniere










