Kein Einrollen, kein Stillstand: Die Döbelner Pioniere der Papierveredelung
Innovation in der Papierindustrie: Das Geheimnis des glatten Papiers
Im Jahr 1911 gründeten Hans Seidel und sein Bruder Rudolf Seidel eine Lackier- und Röllchenschneideanstalt zur Herstellung „nichtrollender gummierter Papiere in Bogen und Rollen“. Beide stammten aus Leipzig, wo sie zuvor in der Chromopapierfabrik ihres Vaters tätig gewesen waren. Als Unternehmenssitz übernahmen sie das Gebäude der Firma Friedrich Fiedler in der Sörmitzer Straße 3, in dem zuvor eine Sortieranstalt für Lumpen zur Papier- und Kunstwollfabrikation betrieben worden war.
Die Brüder Seidel hatten ein eigenes Verfahren entwickelt, das verhinderte, dass sich das Papier nach dem Gummieren einrollte. Mit diesem Spezialprodukt etablierten sie sich erfolgreich am Markt und belieferten vor allem Papiergroßhändler.
Während des Ersten Weltkriegs wurden beide Firmengründer zum Militärdienst eingezogen. In dieser Zeit übernahm ihr Vater Emil Seidel die Leitung des Unternehmens. Nach Kriegsende trat 1919 Bruder Walter Seidel als gleichberechtigter Partner in die Firma ein.
Neue Ideen – Hochhausbau, Pfefferminzgeschmack und Heißprägefolien
Bis 1925 wuchs der Betrieb auf 60 Beschäftigte an. Die steigende Nachfrage nach nichtrollenden gummierten Papieren, Fotoecken, Verschlussetiketten für ORWO Wolfen sowie Buntpapieren machte eine Erweiterung der Produktionsflächen erforderlich. Im hinteren Teil des Firmengeländes entstand 1925 das sogenannte „Hochhaus“. Zusätzlich wurde auf einem Areal an der Blumenstraße eine große Lagerhalle für Papier, Knochenleim, Dextrin, Folien und weitere Werkstoffe errichtet. Eine Brücke verband diese Halle mit dem Fahrstuhl im Hochhaus.
1930 wurde mit Friedrich Seidel ein weiterer Bruder als Mitinhaber aufgenommen. Das Unternehmen entwickelte sich zunehmend zu einem Spezialisten für Nassklebegummierung. Trotz Arbeitskräfte- und Materialknappheit konnte die Produktion während des Zweiten Weltkriegs aufrechterhalten werden. In den Jahren 1939 bis 1945 wurden im Betrieb zudem zwei Zwangsarbeiter eingesetzt.
Nach dem Krieg traten Hans-Friedrich Seidel, Sohn von Hans Seidel, sowie dessen Vetter Heinz Seidel als Gesellschafter in das Unternehmen ein. Die Firma wurde zunächst als Kommanditgesellschaft und später als Offene Handelsgesellschaft geführt.
1946 begann der Betrieb mit der Herstellung von Heißprägefolien in Gold-, Silber- und Bronzeausführung, die unter anderem für Bucheinbände und Glückwunschkarten verwendet wurden. Mit dieser Produktinnovation eröffnete sich dem Unternehmen eine neue wirtschaftliche Perspektive. Auch in den Folgejahren bewies der Betrieb Innovationskraft: Ab 1957 wurde bei der Gummierung von Papier Pfefferminzöl zugesetzt, um den unangenehmen Geschmack des Dextrins zu überdecken.
Ab 1960 nahm das Unternehmen die Produktion von Prägefolien auf Basis von Bronzepulver auf.
Nach dem Tod von Hans Seidel im Jahr 1964 übernahm sein Neffe Heinz Seidel die kaufmännische Leitung des Betriebes, während Hans-Friedrich Seidel die technische Führung innehatte.
Gräber der Familien Hans und Walter Seidel auf dem Döbelner Niederfriedhof.
Monopol im Staatsauftrag: Typofol und die Kooperation mit Manfred von Ardenne
Durch Ministerratsbeschluss vom 9. Februar 1972 wurde das Unternehmen in Volkseigentum überführt und firmierte fortan als VEB Papierveredelung Döbeln. Es war damit innerhalb der DDR und im gesamten RGW-Raum ein spezialisierter Hersteller von Heißprägefolien.
1974 wurde eine neue Heißprägefolienanlage in Betrieb genommen. Heinz Seidel und Hans-Friedrich Seidel blieben dem Unternehmen weiterhin verbunden und übten ihre Tätigkeiten bis zu ihrem jeweiligen Ruhestand in den Jahren 1976 beziehungsweise 1985 aus.
In den Jahren 1979/1980 erfolgte die Angliederung an den VEB Typodruck Döbeln, der insgesamt drei Werke in Döbeln, Wurzen und Taucha umfasste. 1980 erwarb der VEB Typodruck das Grundstück der ehemaligen Stellmacherei Altenkirch in der Sörmitzer Straße 6. Die Erweiterung des Firmengeländes ermöglichte den Bau einer neuen Fertigungshalle zur Produktionsausweitung. Insgesamt wurden rund fünf Millionen Mark der DDR in Gebäude, Anlagen und Maschinen investiert.
Gemeinsam mit dem Institut „Manfred von Ardenne“ in Dresden entwickelte der Betrieb zwischen 1980 und 1990 die Heißprägefolie „Typofol“. Dieses innovative Produkt diente der hochwertigen Oberflächenveredelung und trug dazu bei, kostenintensive Importe aus dem Westen zu ersetzen.
Nach der politischen Wende ging der volkseigene Betrieb in die Döbelner veredelte Papiere GmbH über, die jedoch bereits 1991 Insolvenz anmelden musste.
Der Sprung in die Marktwirtschaft: Neuanfang unter fränkischer Flagge
Zum 1. Januar 1991 erwarb die Leonhard Kurz OHG aus Fürth die Typofol Döbeln GmbH. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte der Standort 21 Mitarbeitende. In Döbeln wurden fortan Thermotransferfolien sowie Farbbänder für Etiketten- und Kartendrucker hergestellt, insbesondere für Barcodeanwendungen auf Verpackungen.
Zwischen 1995 und 1998 investierte das Unternehmen rund acht Millionen D-Mark in neue Maschinen, Anlagen und bauliche Maßnahmen. 1999 wurde die Produktionspalette um die Konfektionierung von Touchwood-Folien erweitert, mit denen beispielsweise MDF-Platten mit Holzdesigns veredelt werden konnten. In dieser Phase wuchs die Belegschaft auf 65 Mitarbeitende. Im Jahr 2001 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 13 Millionen D-Mark.
Das Jahrhunderthochwasser der Mulde im Jahr 2002 verursachte erhebliche Schäden, da der Betrieb vollständig überflutet wurde. Durch Spenden und den außerordentlichen Einsatz der Mitarbeitenden konnte das Unternehmen jedoch rasch stabilisiert werden.
Im Mai 2003 erfolgte die Umfirmierung in Kurz Typofol GmbH. 2005 wurde eine neue Lager- und Konfektionshalle errichtet.
Im Jahr 2013 kam es erneut zu einem Hochwasser der Mulde. Dank zwischenzeitlich installierter Schutzschotts blieben die Produktionsbereiche unversehrt; betroffen waren ausschließlich Lagerflächen.
2015 übernahm das Unternehmen das benachbarte Firmengelände der Albert Polenz GmbH & Co. KG, die ihren Sitz in das Gewerbegebiet Mockritz verlegte.
Seit 2021 wird der Standort kontinuierlich ausgebaut und gezielt zum Kernkompetenzzentrum für den Produktbereich Thermotransfer innerhalb der Kurz-Gruppe entwickelt – einschließlich Anwendungstechnik, internationaler Vertriebsstruktur sowie eigener Forschung und Entwicklung.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 137f.
Enzmann Karlheinz: Hans Seidel – Fabrik nichtrollender gummierter Papiere. In: Stadt Döbeln (Hg.). Döbelner Mosaik 2016. Beucha 2016. S. 140-148
Bildnachweis:
* Foto KI-gestützt restauriert
** Darstellung KI-generiert
Rohprodukthandel Fiedler, Foto Hans Seidel – Stadtarchiv Döbeln
Fotos Produktionsbereich innerhalb der Fabrik nichtrollender gummierter Papiere, innerhalb der Kurz Typofol GmbH (2026) und der Thermotransferbänder – Kurz Typofol GmbH
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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