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Döbelner Chemische Fabrik Oswald Greiner

Oswald Greiner (1850-1928) Quelle: Fotoarchiv Stadt Döbeln
  • Friedrich Oswald Greiner wurde am am 31.01.1850 in Mittweida geboren und kam 1874 als Dachdeckergeselle nach Döbeln.
  • Der 24jährige eröffnete ein Dachdecker-Geschäft im Eckhaus Breite Straße/Zwingerstraße und übernahm für seine Kunden die Eindeckung von Ziegel-, Schiefer-, Papp- und Zementdächern. Sehr hilfreich war für Greiners junge Firma 1883 der Auftrag, die Dachdeckung der neuen Zuckerfabrik vornehmen zu dürfen. Nebenbei betrieb er einen Großhandel für alle Materialien, die man als Dachdecker brauchte.
  • Greiner erkannte, dass mit dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung auch eine Konjunktur am Bau einsetzt. Mit der Herstellung von Dachpappe und Teerdestillation konnte man mehr Geld verdienen als mit dem Decken von Dächern. 1888 eröffnete er an der Chemnitzer Straße (später Greinerstraße, heute Eichbergstraße) die "Döbelner Chemische Fabrik Oswald Greiner".
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Dieses Foto Oswald Greiners wurde mit einem KI-Tool der Genealogie-Plattform MyHeritage nachkoloriert. Links sieht man das Original, rechts die Bearbeitung. Nachfolgend erwecken wir den Industriepionier Döbelns zum Leben. Durch eine Animation des Fotos hat man das Gefühl, Oswald Greiner würde uns zublinzeln.
  • In den frühen Jahren nutzt die Firma für die Besandung ihrer Dachpappe ausgesiebten Muldensand. Dieser wird unmittelbar unterhalb des Burgstadel gewonnen und in einer eigenen Sandaufbereitungsanlage getrocknet und gesiebt. Andere benötigte Rohstoffe wir Rohteer und Rohgaswasser bezog die Firma von umliegenden Gasanstalten. In der Fabrik Greiners wurden die Abfallrohprodukte weiterverarbeitet und veredelt. Doch eine Chemiefabrik ging damals wie auch heute mit Risiken einher. Am 21. Januar 1894 brannte ein Teil der Fabrik völlig nieder. Ein Benzolbehälter drohte zu explodieren.
  • 1896 wurde nach eingehender Prüfung ein Industriegleis von der Güterabfertigung des Hauptbahnhofs zur Fabrik Oswald Greiner freigegeben. Anfangs wurden als Zugmittel Pferde, später Lokomotoren (Rangierfahrzeuge mit Verbrennungsmotor ohne Überdachung) eingesetzt. Schwer beladen und mit viel Gebimmel querten die Waggons die Grimmaische Straße, würde heute mitten durch die dort angelegte Grünfläche fahren, um dann über die Bahnhofstraße zu einer Drehscheibe auf dem Bahnhofsgelände zu gelangen. Hier drehte man die schwarzen Kesselwagen manuell mit langen Holzknüppeln. Diese Arbeit forderte viel Umsicht, Kraft und Geschicklichkeit.
  • Das eigene Gleis ermöglichte es dem Unternehmen, Rohteerprodukte günstig heranzuschaffen und die Endprodukte wieder abzutransportieren. Es hatte eine beachtliche Länge von 995 Metern und reichte bis zur Emaillepechfabrik von Schwerdtfeger & Böttcher am Ende der Reichensteinstraße. Die Firma Greiner besaß 13 eigene Kesselwagen sowie einige Leihwagen bei der Sächsischen Staatsbahn (später bei der Deutschen Reichsbahn).
  • 40 Gasanstalten zählten zu den Rohstofflieferanten. Die Fabrik verarbeitete im Jahresdurchschnitt acht Millionen Kilogramm Rohteer, die Dachpappenproduktion betrug jährlich eine Millionen Quadratmeter.
  • Um 1900 erweiterte man die Anlagen der Fabrik, um die aus Steinkohlenteer gewonnenen Rohprodukte in Reinprodukte umwandeln zu können. So stellte man Benzol, Carbolsäure, Salmiakgeist und Motoren-Naphtalin her. Teerfreie Bitumpappe in allen Farben war eine Spezialität des Unternehmens. Zudem bot die Firma bei Brücken für Beton- und Eisenunterbauten wasserdichte Isolierungen an. Dacheindeckungen gab es in einfacher, doppelter oder dreifacher Ausführung mit der ohne Kiesschicht. Als besondere Spezialität empfahl man "Rotatin-Klebedächer mit einer warm eingewalzten Kiesschicht".
Werbeanzeige aus dem Jahr 1910
Werbeanzeige aus dem Jahr 1914
  • Die Gefahren bei den teilweise gefährlichen chemischen Reaktionen blieben erhalten. Am 04. April 1900 explodierte eine Benzolretorte. Die Haube dieser wurde durch das Dach geschleudert und verletzte einen Arbeiter.
  • 1907 wurde die Firma in eine Kommandit-Gesellschaft umgewandelt, Sohn Theodor Oswald leitete den technischen und Sohn Georg Albert den kaufmännischen Teil des Unternehmens. Im Jahre 1909 richtete man in Chemnitz eine Zweigstelle ein. Die Firma zählte zu den führenden der Branche, der Produktionsausstoß belief sich in guten Jahren auf 5000 Doppelwaggons. Absatzgebiete waren vorwiegend Sachsen und Thüringen. Die Firma brachte neben den Klassikern immer wieder neue Produkte auf den Markt, besaß deutsche, ungarische und österreichische Patente und wurde mehrfach auf Messen und Industrieausstellungen mit Silber- und Goldmedaillen ausgezeichnet.
Greinersteg kurz vor dem Abriss 2010
  • 1913 ließ Oswald Greiner den später nach ihm benannten Greiner-Steg bauen. Die Fußgängerbrücke hatte eine Länge von 134 Meter, eine Tragkraft von 5 Tonnen und kostete 70 000 Goldmark. Sie führte von der Heinitzwiese zu Schurichts "Neuer Welt" (später Greiners "Neue Welt") und ersparte den Arbeitern der Fabrik, die in der Greiner-Siedlung an der Leipziger Straße wohnten, das Überqueren der Mulde mit Booten.
  • Die 1915 gegründete "Friedrich-Oswald-Greiner-Stiftung" in Höhe von 10 000 Mark wird 1917 um nochmals 10 000 Mark erhöht. Mit den Zinsen sollen bedürftige Kriegsteilnehmer des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) und des Ersten Weltkrieges (1914-1917) unterstützt werden. Auch anderweitig engagiert sich Oswald Greiner für seine Heimatstadt, ist viele Jahr Mitglied im Döbelner Stadtrat. Das würdigt auch der sächsische Regent. Am 26. Februar 1918 besuchte König Friedrich August die Fabrik. Seinen Ausdruck findet die Wertschätzung für den Döbelner Pionier der Chemieproduktion auch darin, dass im Jahr 1926 die Chemnitzer Straße in Greinerstraße umbenannt wurde.
Hofansicht der Chemiefabrik Greiners, um 1910
Rechnung der Firma vom 9. September 1921
  • Am 20. Juli 1928 starb der Firmengründer Oswald Greiner 78jährig nach längerem Leiden.

Grabanlage Oswald Greiners auf dem Döbelner Niederfriedhof

  • Im Laufe der folgenden Jahrzehnte ging die Produktion aus unterschiedlichen Gründen stark zurück. Trotzdem ist die Produktpalette immer noch beeindruckend. Ein 1939 für Werbezwecke erstellte Kalender der Firma zählt auf: Dachpappen, Isolierpappen, Asphaltfilzplatten, Holzzement-Deckpapier, Holzzement, Klebemasse Greinert, Rotatin-Klebemasse, destillierten Steinkohlenteer, Dachlack in schwarz und rot, Rotatin-Dachlack, Natur-Asphalt, Aphalt-Isoliermasse, Goudron (französische Wort für Teer), Epuré (hochreine, natürliche Form von Asphalt), Faserkitt, Rotatinkitt, Pflasterkitt, Karbolineum (Steinkohlenteeröl), Eisenlack, Goudron-Emulsion gegen feuchtes Mauerwerk, diverse Sorten Nägel, Klebemasse für teerfreie Dächer, Silolack (gepriesen als bestes und billigstes Anstrichmittel für Futtersilos und Brennereien). Neben dem Vertrieb der genannten Produkte unterhielt man auch noch eine Abteilung, die mit Dachschiefern handelte.
  • Trotz der vielfältigen Produktpalette oder gerade wegen dieser, ging es der Firma Greiner geschäftlich nicht gut. Große Chemiestandorte wie das 1916 gegründete Leuna waren entstanden und hatten bald schon eine marktbeherrschende Macht. Die Konkurrenz wurde immer größer und kleine Einheiten, wie die Firma Greiner hatten es durch den entstehenden Kostendruck schwer, sich zu behaupten. Immer mehr Produktionsstätten baute an zurück oder riss sie ganz ab. Heute erinnern nur noch einige kleine Gebäude an die einst stolze Chemiefabrik.

Taschenkalender der Firma Greiner aus dem Jahr 1939 (mit div. Werbeseiten für die Produkte des Unternehmens)

Villa der Familie Greiner in der Grimmaischen Straße.
  • Am 05. März 1947 starb Fabrikbesitzer Theodor Oswald Greiner (geb. 27.12.1876).
  • 1965 wurde der Schienenanschluss vom Güterbahnhof zur früheren Greinerschen Fabrik aufgegeben.
  • 1968 stellte die Firma die Produktion ein. Das Gelände und die verbliebenen Gebäude teilten sich der Obst- und Gemüsehandel (VEAB), ein Getränkekontor mit Abfüllanlage und Auslieferungslager und der ehemalige VEB Elektrowärme Döbeln. Er nutzte die Greiner-Gebäude als Produktionsstätte für Rundrohrheizkörper und als Lehrlingsausbildungsstätte.
  • Am 28. Juni 2010 wurde mit dem Abriss des maroden Greinerstegs die letzte Erinnerung an die Chemiefabrik im Westen Döbelns getilgt. Pläne für einen Neubau der Fußgängerbrücke gab es. Sie waren jedoch zu teuer und wurden deshalb nicht verwirklicht.
Im hinteren Teil der Eichbergstraße (früher Greinerstraße, davor Chemnitzer Straße) hat sich ein kleiner Gebäudekomplex der ehemaligen Chemiefabrik erhalten. Der Giebel zur Straße, dezent mit Fassadenschmuck verziert, zeigt das Bemühen des Firmengründers, nicht nur funktional, sondern auch ansprechend zu bauen. Links auf der historischen Abbildung aus den 1930er Jahren ist auch das Anschlussgleis gut zu sehen, das vom Hauptbahnhof direkt zur Chemischen Fabrik Oswald Greiner gebaut wurde. Es führte auf der heutigen Eichbergstraße bis zur Fabrik und dann über das Fabrikgelände bis zur Emaillepech-Fabrik Schwerdtfeger & Böttger im hinteren Teil der Reichensteinstraße.
  • Am 28. Juni 2010 wurde mit dem Abriss des maroden Greinerstegs die letzte Erinnerung an die Chemiefabrik im Westen Döbelns getilgt. Pläne für einen Neubau der Fußgängerbrücke gab es. Sie waren jedoch zu teuer und wurden deshalb nicht verwirklicht.

Nachtrag

Wolf-Dieter Skibba verbrachte seine Kindheit und Jugend in Döbeln. In den Jahren 1964 und 1966, Skibba war Schüler der Lessing-EOS und wohnte in den Klostergärten, gestaltete er mehrere Aquarelle, die den Blick nach Westen, auf die Schornsteine der Chemiefabrik Oswald Greiners festhielten. Mit seiner freundlichen Genehmigung zeigen wir diese Aquarelle hier.

(1) W.-D.Skibba, Döbeln - Blick aus dem Wohnhaus in den Klostergärten 10 zur Chemiefabrik Greiner, Aquarell, 1964 / (2) und (3) 1966

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 93
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 124ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Hoyer, Jens: Der Stinker am Stadtrand. In: SZ 06.03.2019

Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeige 1914 - Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 93
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.