Laugentürme und Festumzüge: Die Döbelner Fassfabrik zwischen Tradition und Moderne
Vom Feierabend-Handwerk zum globalen Fass-Imperium
Die Döbelner Fassfabrik wurde im Jahr 1850 von Gustav Schauer in der Sörmitzer Straße gegründet, obwohl in Döbeln zu diesem Zeitpunkt bereits 14 Böttcherhandwerksmeister ansässig waren. Schauer stammte aus einem kleinen Dorf in der Nähe Döbelns und wuchs in armen Verhältnissen auf. Er erlernte das Böttcherhandwerk und gelangte durch Heirat in den Besitz einer kleinen Landwirtschaft, die ihn tagsüber in Anspruch nahm. Nach der Arbeit auf dem Feld widmete er sich dem Fassmacherhandwerk. Die hohe Qualität seiner Arbeit sprach sich rasch herum, sodass er immer mehr Aufträge zur Herstellung von Fässern, Kühlschiffen und Bottichen erhielt.
Der Ruf der Döbelner Handwerkskunst eilte der Fabrik bald voraus und schlug sich in einer beeindruckenden Liste internationaler Kunden nieder. Von Stockholm bis St. Petersburg und von Riga bis Mainz vertrauten namhafte Brauhäuser auf Schauers Fässer. Ob Großaufträge für die Berliner Aktienbrauerei oder Spezialanfertigungen für russische Betriebe – die Döbelner Dauben wurden zum Synonym für Qualität im europäischen Brauwesen.
Rekorde in Eichenholz: Das größte Fass der Geschichte
Während Schauer im Jahr 1854 noch mit 25 Gesellen arbeitete, stieg die Zahl der Beschäftigten 1856/57 auf 50 bis 60 und 1858/59 bereits auf etwa 150 Arbeiter. Aus der ursprünglichen Werkstatt entwickelte sich eine Manufaktur. Für seine Verdienste um das Gewerbe erhielt der Firmengründer 1859 eine Verdienstmedaille. Auf deren Vorderseite war der „Genius des Friedens“ mit der Inschrift „Unter dem Fittige des Friedens erblühen die Gewerbe“ dargestellt, während man auf der Rückseite von Eichenlaub umschlungen die Worte „Für den Verdienst um Gewerbe“ lesen konnte.
Die Produktionszahlen verdeutlichten die Leistungsfähigkeit des Betriebes: Im Jahr 1857 wurden Gefäße mit einem Gesamtvolumen von 210.000 Eimern gefertigt, 1858 waren es 160.000 Eimer und 1859 noch 120.000 Eimer, wobei ein Eimer 70 Litern entsprach. 1861 lieferte die Fassfabrik das größte Fass ihrer Geschichte an den Auerhammer bei Schneeberg. Es war für ein Gasometer bestimmt und fasste 4.733 Eimer, also rund 1.300 Eimer mehr als das berühmte Heidelberger Fass. Die Fertigstellung dieses außergewöhnlichen Werkes wurde mit einem Fest auf dem Obermarkt gefeiert.
Reifentanz und Böttcherstolz: Die Fabrik als Teil der Stadtkultur
Gustav Schauer verstand es, sein Unternehmen wirkungsvoll in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er führte sogenannte Böttcherumzüge ein, bei denen seine Gesellen einmal jährlich verkleidet von der Sörmitzer Straße zur Schießwiese, dem heutigen Steigerhausplatz, zogen. Dort führten sie Reifentänze auf und präsentierten ihre Erzeugnisse. Auf dem Festplatz stand ein großes Fass, in dem gespeist werden konnte, während Musikanten zum Tanz aufspielten.
Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es der Firma, einen eigenen Lagerschuppen am Bahnhof Bauchlitz zu errichten. Die Fabrik verfügte über fünf Nietmaschinen, die durch Menschenkraft betrieben wurden. Im Jahr 1861 beschäftigte das Unternehmen 65 Böttcher sowie 15 Zimmerleute, Stellmacher und weitere Handwerker. Die Löhne galten als gut; 1870 lagen sie zwischen acht und neun Talern pro Tag.
Zwischen wirtschaftlichem Aufschwung und sozialen Kämpfen
Nach dem Tod Gustav Schauers ging die Firma 1887 an Curt Adolf Voigt über und firmierte fortan als „Döbelner Fassfabrik von A. Voigt – Fabrik für Bottiche, Lager- und Transportfässer und Fassholzhandlung“. In den 1880er und 1890er Jahren spielte Bernhard Schwerdtfeger eine zentrale Rolle im Unternehmen. Als Prokurist war er zeichnungsberechtigt und maßgeblich für den wirtschaftlichen Erfolg verantwortlich.
Schwerdtfeger bewies dabei ein besonderes Gespür für technische Innovationen, die das Kerngeschäft der Fassherstellung ideal ergänzten. So erkannte er früh die Bedeutung des Brauerpechs für die Versiegelung der Eichenfässer. Sein unternehmerischer Ausflug in die Pech-Siederei war somit kein Zufall, sondern der Versuch, die Qualität und Haltbarkeit der Döbelner Fässer durch moderne Chemie weiter zu perfektionieren. Auf einer Geschäftsreise lernte er den Erfinder des Brauerpechs, Gustav Engelrath, kennen. Da Brauerpech notwendig war, um Eichenfässer abzudichten und Geschmacksbeeinträchtigungen des Bieres zu verhindern, erkannte Schwerdtfeger dessen Bedeutung für den Absatz. 1890 versuchte er sich mit der „Döbelner Patent-Siederei Otto & Schwerdtfeger“ selbst als Unternehmer in dieser Branche.
Aber es gab auch Rückschläge und Schwierigkeiten. Am 16. Dezember 1892 zerstörte ein Großfeuer in der Sörmitzer Straße rund 2.000 Fässer der Fabrik. Am 25. November 1899 begann ein mehrmonatiger Streik der Böttcher, der von der Gewerkschaft und der SPD unterstützt wurde. Die Arbeiter konnten schließlich eine Lohnerhöhung von 20 Prozent durchsetzen. Gutes Geld für gute Arbeit, war sicher das Motto der tariflichen Auseinandersetzung. Die Investition in die Mitarbeiter lohnte sich. Der Erfolg der Firma beruhte maßgeblich auch auf dem Fleiß seiner Arbeiter. Sicher auch deshalb konnte die Firma 1901 das 68.000. Lagerfass versenden.
Hoch hinaus: Laugentürme und industrielle Perfektion
In den Jahren 1902/03 übernahm der Achsenfabrikant Wilhelm Haupt das Unternehmen. Unter seiner Leitung erlebte die Fassfabrik einen Aufschwung. Neben großen Fässern und Bottichen fertigte man nun auch Kühlschiffe, Fässer für Photogenfabriken, Bassins für Gasbereitungsanstalten sowie – als erste Firma im Deutschen Reich – Laugentürme für die Zellulose- und Papierindustrie mit Höhen von 35 bis 40 Metern. Das Absatzgebiet erstreckte sich zunächst über ganz Sachsen, später über Deutschland hinaus bis in zahlreiche europäische Länder, darunter Belgien, Holland, Schweden, Russland, Polen, Österreich-Ungarn, Rumänien und die Schweiz.
Dieser radikale Wandel in der Fertigung wurde durch eine Katastrophe beschleunigt: Der verheerende Brand von 1904 vernichtete große Teile der alten Werkstätten. Wilhelm Haupt nutzte den Wiederaufbau konsequent für einen technologischen Quantensprung. Weg von der rein muskelbetriebenen Fertigung der Manufaktur, hin zum hochmodernen Maschinenpark in der Feldstraße 17.
Dadurch wurden nur noch wenige gelernte Böttcher benötigt; stattdessen übernahmen Arbeiter und hochqualifizierte Monteure, die die Maschinen bedienen und warten konnten, die Produktion. Aus der Manufaktur wurde endgültig eine Fabrik mit industriellen Fertigungsmethoden. Ein Vorteil des neuen Standorts war die Nähe zum Hauptbahnhof, da der Transport riesiger Fässer und Bottiche durch die Stadt zuvor zwar eine Attraktion, betriebswirtschaftlich jedoch ungünstig gewesen war.
Einige Gebäude der Fassfabrik existieren heute noch in der Feldstraße und werden zu Wohnzwecken genutzt (Foto: 2023).
1905 bestellte eine Zellulosefabrik in Mannheim, die heutige BASF, sieben Bottiche mit jeweils 5.000 Hektolitern Fassungsvermögen. Um diese gigantischen Dimensionen einzuordnen: Ein einziger dieser Bottiche fasste mehr als das Zehnfache jenes Gasometer-Fasses, das 1861 auf dem Obermarkt noch als architektonisches Weltwunder bestaunt worden war. Es war der Gipfelpunkt einer industriellen Perfektion, die Holz als Werkstoff an seine Grenzen brachte. Jeder Bottich war sieben Meter hoch, besaß unten eine lichte Weite von 9,20 Metern und oben von zehn Metern. Die gebogenen Dauben aus slawonischer Lärche waren 100 Millimeter stark, die Böden 162 Millimeter. Zehn eiserne Reifen hielten jeden Bottich zusammen. In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zählte die Döbelner Fassfabrik zu den bedeutendsten Unternehmen ihrer Branche.
Das Ende einer Ära: Wenn Stahl, Aluminium und Beton Holz verdrängen
1918 starb Wilhelm Haupt im Alter von 64 Jahren. Der Tod des Inhabers ging einher mit einer Krise in der Branche. Nach dem Ersten Weltkrieg ging die Nachfrage nach Holzfässern deutlich zurück. Bier wurde zunehmend in Fässern aus Stahl, Aluminium oder Beton gelagert. Kleinere Brauereien wurden von Großbrauereien übernommen, die meist über eigene Fasszulieferer verfügten. Die Lieferung von Fässern aus Döbeln nach Leipzig oder Dresden war wirtschaftlich nicht mehr rentabel.
In den Jahren 1928/29 wurde der Betrieb schließlich eingestellt. Nach 79 Jahren endete damit die Geschichte der Döbelner Fassfabrik, die in ihren besten Zeiten zu den größten ihrer Art in Deutschland gezählt hatte. Die Gebäude in der Feldstraße wurden von Arno Schönfeld übernommen, der mit seiner Zuckerwaren-, Marzipan- und Mandelpräparatefabrik expandieren wollte. Den alten Standort in der Sörmitzer Straße nutzte über viele Jahre der Stadtbauhof.
Nach der Schließung der Fassfabrik bestanden in Döbeln nur noch wenige Böttcherbetriebe, die meist in kleinen Werkstätten arbeiteten. In den 1930er Jahren gehörten dazu unter anderem Louis Geßner in der Dresdner Straße 48, Franz Herbst in der Marktstraße 11, Julius Ihle in der Schießhausstraße 20 sowie Robert Ueberschär am Viadukt, später Staupitzsteg 3. Der letzte Betrieb, der in Döbeln noch Fässer und Bottiche herstellte, war die Werkstatt von Max Hälßig in der Mastener Straße 32.
Mit dem Verstummen der letzten Böttcherwerkstätten endete ein Kapitel Döbelner Industriegeschichte, das von der Urkraft des Holzes und dem Stolz eines alten Handwerks erzählte. Wo einst riesige Bottiche als Symbole sächsischen Erfindergeistes hergestellt wurden, blieb die Erinnerung an eine Zeit, in der Döbelner Fässer den Takt in den Kellern der Region vorgaben.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 92
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 92ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Friedel, Günter: Nach Böttcherumzug schmausen im großen Fass. DAZ 18.09.2001
Wolf, Matthias: 5000 Hektoliter in einem Bottich. In: DA 23.03.2005
Bildnachweis:
Fassfabrik 1861 – Stadtarchiv Döbeln
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Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellung Fassherstellung KI-generiert
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