Sie sind hier: Startseite » Alte Ansichten

Vom Genossenschaftsgeist zum Back-Imperium: Ein Jahrhundert Döbelner Brotgeschichte

Diese Darstellung an der Döbelner Bäckerstraße machte viele Jahrzehnte deutlich, was man hier kaufen konnte.*

Vom Handwerk zur industriellen Herstellung: Der Siegeszug der Brotfabrik

Um das Jahr 1900 vollzog sich in vielen europäischen Ländern – insbesondere im Zuge der rasanten Industrialisierung – ein deutlicher Übergang von traditionellen Handwerksbäckereien hin zu großen Brotfabriken. Dieser Wandel hatte wirtschaftliche, technische und gesellschaftliche Ursachen.

Ein zentraler Faktor war die Industrialisierung selbst. Städte wie Berlin, Hamburg oder Wien wuchsen stark an, da immer mehr Menschen vom Land in die Städte zogen, um dort in Fabriken zu arbeiten. Diese rasch wachsende Stadtbevölkerung musste täglich mit Lebensmitteln versorgt werden, wobei Brot als wichtigstes Grundnahrungsmittel eine zentrale Rolle spielte. Die kleinen Handwerksbäckereien waren häufig nicht mehr in der Lage, die stetig steigende Nachfrage allein zu decken. Große Brotfabriken konnten dagegen innerhalb kurzer Zeit erheblich größere Mengen herstellen und dies zugleich zu niedrigeren Kosten.

Auch technische Innovationen trugen wesentlich zu dieser Entwicklung bei. Neue Maschinen wie Knetmaschinen, mechanische Teigteilmaschinen und industrielle Backöfen ermöglichten eine deutlich schnellere und gleichmäßigere Produktion. Der Einsatz von Dampfmaschinen und später Elektromotoren erhöhte die Effizienz zusätzlich. Während in traditionellen Bäckereien viele Arbeitsschritte noch von Hand ausgeführt wurden, führten Brotfabriken standardisierte Arbeitsabläufe ein, die Zeit und Arbeitskraft sparten.

Neben den technischen Fortschritten spielten wirtschaftliche Überlegungen eine wichtige Rolle. Große Betriebe konnten Rohstoffe wie Mehl in größeren Mengen und damit günstiger einkaufen. Auch der Transport ließ sich durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes effizienter organisieren. Dadurch sank der Preis pro Brot, was besonders für die wachsende lohnabhängige Arbeiterschaft von Bedeutung war. Brot entwickelte sich so zunehmend zu einem industriell hergestellten Massenprodukt.

Hinzu kamen neue hygienische und organisatorische Anforderungen. Im Zuge moderner Gesundheitsbewegungen sowie durch städtische Vorschriften wurde verstärkt auf Sauberkeit und kontrollierte Produktionsbedingungen geachtet. Fabrikartige Betriebe ließen sich leichter überwachen und standardisieren als viele kleine, oft beengte Handwerksbäckereien.

Dennoch bedeutete dieser Wandel nicht das vollständige Verschwinden der traditionellen Bäckereien. Vielmehr entstand eine Koexistenz: Während große Brotfabriken die Massenversorgung übernahmen, behaupteten sich kleinere Bäckereien weiterhin, indem sie auf Qualität, Frische und regionale Spezialitäten setzten.

Zusammenfassend spiegelte der Übergang von der Bäckerei zur Brotfabrik um 1900 den allgemeinen Wandel von handwerklicher zu industrieller Produktion wider. Industrialisierung, Urbanisierung, technische Innovationen und wirtschaftlicher Druck waren die wesentlichen Triebkräfte dieser Entwicklung.

Solidarität hilft Kosten sparen: Die Genossenschaftsbewegung

In der Region Döbeln verband sich dieser Übergang zur industriellen Brotproduktion mit der Genossenschaftsbewegung, die im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen der Industrialisierung entstanden war. Viele Handwerker, kleine Gewerbetreibende und Bauern gerieten durch den Aufstieg der Industrie, durch Preisschwankungen und fehlende Kreditmöglichkeiten in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Private Banken vergaben Darlehen meist nur an wohlhabende Kunden, während kleinere Betriebe oft auf teure Kredite angewiesen waren. In dieser Situation entwickelte sich die Idee der wirtschaftlichen Selbsthilfe durch gemeinschaftlichen Zusammenschluss.

Damit begann die Entwicklung der Kreditgenossenschaften, deren wichtigste Wegbereiter Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen waren. Schulze-Delitzsch gründete in den 1850er Jahren Kreditgenossenschaften für Handwerker und kleine Unternehmer in städtischen Regionen. Sein Modell beruhte auf den Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Raiffeisen entwickelte ein ähnliches System für ländliche Gebiete, um Bauern vor Überschuldung und Wucherzinsen zu schützen. Auch bei ihm stand der solidarische Gedanke im Mittelpunkt.

Hermann Schulze-Delitzsch (li., um 1879) und Friedrich Wilhelm Raiffeisen (re., um 1870)

Eine entscheidende Grundlage für die Verbreitung dieser Bewegung bildete das Genossenschaftsgesetz von 1867. Es schuf Rechtssicherheit und erleichterte die Gründung weiterer Genossenschaften. Bis um 1900 entstanden im Deutschen Kaiserreich tausende Kredit-, Konsum-, Produktions- und landwirtschaftliche Genossenschaften. Innerhalb dieser Entwicklung nahmen die Konsumgenossenschaften eine führende Rolle ein. Sie standen unter der Leitung der Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H. (GEG), die 1894 in Hamburg gegründet worden war.

Was in der Theorie nach einer großen Wirtschaftsreform klang, wurde für die Menschen in der Region Döbeln bald zu einer greifbaren Antwort auf die Versorgungsnot. Die genossenschaftliche Idee der Selbsthilfe bildete das Fundament, auf dem ab 1908 auch hier die ersten gemeinschaftlichen Backstuben entstanden, um Brot bezahlbar und qualitativ hochwertig für alle zu machen.

Konsumbäckereien erobern in der Region Döbeln den Markt

In der damaligen Amtshauptmannschaft Döbeln entstand um 1908 in Leisnig in der Eulenbergstraße 6 die erste Konsumbäckerei. Es folgte um 1913 die Konsumbäckerei in Hartha in der Goethestraße 13 und im Jahr 1928 die Konsumbäckerei Döbeln in der Moltkestraße 4, der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße.

Die Döbelner Konsumbäckerei entwickelte sich zunächst sehr erfolgreich. Doch während der Zeit des Nationalsozialismus geriet sie in ihrer Existenz in Gefahr, da die Konsumgenossenschaften gleichgeschaltet wurden. Es war glücklichen Umständen und dem Engagement der Beschäftigten zu verdanken, dass die Produktion auch in den Jahren von 1933 bis 1945 fortgesetzt werden konnte.

Das Gebäude der ehemaligen Konsumbäckerei in der Rudolf-Breitscheid-Straße (früher Moltkestraße) steht unter Denkmalschutz und wird seit 1993 von der VR-Bank genutzt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde am 8. Februar 1946 die Konsumgenossenschaft im Kreis Döbeln neu gegründet. Mit der langsamen wirtschaftlichen Normalisierung wurde es ab 1952 möglich, die Konsumbäckerei mit modernen Maschinen auszustatten. Dazu gehörten unter anderem eine Langrollmaschine sowie eine vollautomatische Teigteil- und Wirkmaschine (VATW). Außerdem richtete man Teillinien beispielsweise für die Herstellung von Brötchen ein. Diese Technik erleichterte die zuvor körperlich sehr schwere Arbeit erheblich. Qualität und Absatz der Produkte entwickelten sich sehr gut, sodass die Konsumbäckerei im Zwei- und Dreischichtbetrieb arbeitete.

Ab 1960 wurden die Konsumbäckereien auch im Kreis Döbeln wirtschaftlich selbständige Einheiten innerhalb der Konsumgenossenschaften. Im Jahr 1978 gründete man das Konsum-Backwarenkombinat Leipzig, in dem die Bäckereien in Altenburg, Borna, Döbeln, Eilenburg, Oschatz und Torgau zusammengeschlossen wurden. Dieses Kombinat war ein juristisch selbstständiges Unternehmen, dessen Leitung im Stammbetrieb Döbeln angesiedelt war.

Die abnehmende Zahl selbstständiger Bäckereien und der steigende Bedarf der Bevölkerung an Backwaren führten zur Planung neuer Großbetriebe in Döbeln und Altenburg. Gemeinsam mit der Kreisplankommission Döbeln legte man für den Neubau den Standort Döbeln-Masten fest, da dort zwischen Masten, Limmritz und Schweta ein Industriegebiet entstehen sollte.

Einblicke in die Produktion Konsumbäckerei Breitscheidstraße - v.li.n.re. oben: Abnahme der geformten Brötchen vom Band, Schokoladenspritzanlage zum Überziehen von Rührkuchen, Arbeit in der Ofenhalle / unten: Pfannkuchensieden, Fertigung von Ostertorten in der Handfließlinie (Sammlung Karlheinz Enzmann, Industriemuseum, Stadtarchiv Döbeln)*

Das Back-Imperium von Masten: Produktion „auf der grünen Wiese“

Im Jahr 1975 begann der Bau eines neuen Großbetriebes „auf der grünen Wiese“. Bis zur Inbetriebnahme am 17. März 1980 investierte man rund 35 Millionen Mark in den Konsum-Backwarenbetrieb Döbeln, der zugleich Stammbetrieb des Konsum-Backwarenkombinats Leipzig war. Der Betrieb entstand auf einer Fläche von etwa 17 000 Quadratmetern.

Hinter der Fassade verbarg sich eine Logistik, die für die damalige Zeit neue Maßstäbe setzte. Statt der mühsamen Handarbeit mit schweren Mehlsäcken setzte man nun auf vollautomatisierte Prozesse: Das Mehl wurde direkt aus Tankwagen in riesige Siloanlagen gepumpt und von dort über ein ausgeklügeltes elektronisches Steuerungssystem präzise dorthin geleitet, wo die Produktion es gerade benötigte.

Fotos vom Bau der Großbäckerei in Döbeln-Masten (Ende der 1970er Jahre) *

Im Jahr 1980 arbeiteten im Konsum-Backwarenkombinat Döbeln – einschließlich der damals zum Versorgungsbereich gehörenden eigenen Verkaufsstellen – rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Produktion lief von Sonntag 16 Uhr bis Samstag 10 Uhr durchgehend. Um den Schichtbetrieb personell abzusichern, richtete man einen betriebseigenen Busverkehr ein. Eine moderne Lagerhalle diente der Lagerung der fertigen Backwaren.

Die tägliche Produktionsleistung lag bei etwa 30 000 Broten, 300 000 Brötchen, 2 000 Weißbroten sowie rund fünf Tonnen Feinback- und Konditoreiwaren. Gemeinsam mit den noch vorhandenen kleineren Bäckereien reichte diese Menge aus, um den Bedarf der Region zu decken

Einblicke in die Produktion Großbäckerei Masten - v.li.n.re.: Brotlinie Backofeneinlauf, , Teilansicht der Brotlinie - Teigteileinrichtung, Torteneinstreichung von Hand (Sammlung Karlheinz Enzmann, Industriemuseum, Stadtarchiv Döbeln)*

Mit der Inbetriebnahme des neuen Standortes wurde die alte Konsumbäckerei in der Rudolf-Breitscheid-Straße 4 geschlossen. Die dort beschäftigten 35 Arbeitskräfte übernahm man in den neuen Betrieb. Die Konsumbäckerei in Hartha nutzte man mit etwa 20 Beschäftigten weiterhin für die Herstellung von Spezialbroten, während die Konsumbäckerei in Leisnig mit ebenfalls rund 20 Mitarbeitern vor allem als Ausbildungsstätte für Bäcker- und Konditorlehrlinge diente. Das Gebäude der ehemaligen Konsumbäckerei in der Rudolf-Breitscheid-Straße blieb erhalten und steht heute unter Denkmalschutz; seit 1993 wird es von der VR-Bank genutzt.

Damit schloss sich für das denkmalgeschützte Gebäude ein architektonischer Kreis: Das Haus, das einst als Zentrum der genossenschaftlichen Brotversorgung erbaut wurde, kehrte mit dem Einzug der genossenschaftlich organisierten VR-Bank im Jahr 1993 gewissermaßen zu seinen ideellen Wurzeln zurück.

Neben der Ausbildung kümmerte sich der Betrieb auch um soziale Belange seiner Mitarbeiter. So wurden verschiedene Urlaubsmöglichkeiten geschaffen. Seit 1985 standen zwei betriebseigene Bungalows in Blossin am Wolziger See nahe Berlin zur Verfügung. Hinzu kamen ein Mietobjekt in Theuma im Vogtland sowie ein Ferienaustausch mit dem Rat des Kreises Wittstock in Dranse in der Mecklenburger Seenplatte. Ab 1988 konnte zudem ein weiteres Mietobjekt auf der Insel Poel genutzt werden.

Areal der Döbelner Niederlassung des Konsum Backwarenkombinats Leipzig mit dem Verwaltungsgebäude für die Kombinatsleitung. Die Backtradition wurde nach der Wende von der Firma Erntebrot weitergeführt.

Marktdruck und Insolvenzwellen: Ein Riese gerät ins Wanken

Bis 2008 investierte Albrecht Großmann nochmals rund 30 Millionen Euro in das Unternehmen, um durch moderne Technik die Produktion an den drei Standorten wirtschaftlicher zu gestalten. Gleichzeitig zeigte sich jedoch immer deutlicher, dass das auf Massenproduktion ausgerichtete Konzept der früheren DDR-Kombinatsstruktur unter marktwirtschaftlichen Bedingungen zu unflexibel und damit nicht konkurrenzfähig war. Man versuchte, diese Probleme durch eine schnelle Expansion des Filialnetzes auszugleichen und betrieb zeitweise rund 150 Verkaufsstellen. Zudem gehörte das Unternehmen zu den ersten Bäckereien in den neuen Bundesländern, die konsequent das sogenannte Ladenbacken einführten.

Im Jahr 2013 übernahmen Elke Lehmann und Alexander Großmann, der Sohn des Firmengründers, die Leitung des Unternehmens. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich jedoch eine wirtschaftliche Schieflage ab. Überall entstanden neue Backshops, und auch Supermarktketten boten zunehmend Backwaren an. Während der Umsatz von Erntebrot im Jahr 2007 noch etwa 20 Millionen Euro betragen hatte, lag er 2015 nur noch bei 11,5 Millionen Euro.

Das Unternehmen versuchte es mit einer umfassenden Sanierung. Rund 40 unrentable Filialen sowie zwei der drei Produktionsstandorte wurden geschlossen. Die daraus entstehenden logistischen Probleme hatte man jedoch unterschätzt. Hinzu kamen gesellschaftsrechtliche Schwierigkeiten nach dem Tod von Albrecht Großmann im Jahr 2016. Im selben Jahr meldete Erntebrot beim Amtsgericht Insolvenz in Eigenverwaltung an. Ende April 2016 wurde ein Planinsolvenzverfahren eröffnet; zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen noch etwa 350 Mitarbeiter.

Ein externer Investor konnte nicht gefunden werden. Daher versuchte man einen Neustart in Eigenregie und wollte die Produktion stärker auf handwerkliche Verfahren und regionale Spezialitäten ausrichten, statt weiterhin auf Massenproduktion zu setzen. Am Ende des Restrukturierungsverfahrens sicherten noch 220 Mitarbeiter die Arbeit in Produktion und Verwaltung sowie in 39 Filialen. Seit Anfang 2017 arbeitete das Unternehmen wieder eigenständig weiter.

Die wirtschaftlichen Probleme kehrten jedoch bald zurück. Die Erntebrot GmbH in Döbeln geriet erneut mehrfach in Insolvenzverfahren, unter anderem in den Jahren 2019, 2021 und 2023. Ursachen waren vor allem Verluste im Filialgeschäft, stark gestiegene Kosten für Energie und Rohstoffe sowie ein zunehmender Fachkräftemangel. Trotz mehrerer Eigentümerwechsel konnten diese Schwierigkeiten langfristig nicht gelöst werden.

Zurück zum Kern: Neuanfang als reine Produktionsstätte

Im Jahr 2023 übernahm schließlich die Bakery Sales Saale GmbH aus Thüringen das Unternehmen. Der Produktionsstandort in Döbeln sowie etwa 25 Arbeitsplätze blieben erhalten. Der Betrieb konzentriert sich seither unter dem Namen „Bäckerei Erntebrot GmbH“ ausschließlich auf die Produktion, während das frühere Filialnetz vollständig aufgegeben wurde.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Bräutigam, Wolfgang / Enzmann, Karlheinz: Konsumbackwarenkombinat Döbeln-Masten (Reihe Industriegeschichte des Landkreises Döbeln) Stadtmagazin Stiefel, Heft 02 Februar 2000, S. 10-12
Braak, Heike van: Erntebrot vor der Wende. Auf dem Weg vom Kombinat zum wirtschaftlichen Großbäcker. Back Journal 8/2017, S. 16-19
Hoyer, Jens: Was die neuen Eigentümer mit Erntebrot in Döbeln vorhaben. Döbelner Anzeiger 14.02.2023

Bildnachweis:
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellung Brotherstellung KI-generiert