Döbeln auf der Schokoladenseite: Fabrikanten, Marken und süße Spezialitäten
Schokoladenfabrik Clemen & Sohn
Clemenburg in Surinam: Der abenteuerliche Weg zum Reichtum
Im Jahr 1747 begab sich Johann Gottfried Clemen, der zweite Sohn des Döbelner Tuchmachermeisters Johann Gottlieb Clemen, auf die traditionelle Wanderschaft. Wie seine Brüder hatte er das väterliche Handwerk erlernt und wollte nun außerhalb der Heimat neue Erfahrungen sammeln. Über Freiberg, Chemnitz und Zwickau gelangte er nach Erfurt. In Hildesheim ließ er sich von holländischen Werbern rekrutieren und trat als Soldat in die Dienste der Republik der Vereinigten Niederlande. In der Armee machte er rasch Karriere und erreichte den Rang eines Hauptmanns.
Im Jahr 1750 nahm er an einer militärischen Strafexpedition gegen die einheimische Bevölkerung in Surinam teil, das zur holländischen Kolonie Guyana gehörte. Dort lernte er den wohlhabenden deutschen Großgrundbesitzer Johannes Meys kennen, der ihn aus dem Militärdienst herauskaufte und zum Aufseher seiner Plantagen machte. Von 1756 bis 1763 wirkte Clemen als Direktor der Plantagen und lernte in dieser Zeit die verwitwete Plantagenbesitzerin Anna Juliën kennen, die er 1763 heiratete.
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Die Ölgemälde von Johann Gottfried Clemen (1728-1785) und Anna Juliën Clemen (1705-1779) werden um 1771 vom Meißner Porzellan-, Miniatur- und Porträtmaler Christian Lindner während des Aufenthalts von Johann Gottfried Clemen in Döbeln gemalt. Das Bild von Anna Juliën Clemen, die nicht mit nach Döbeln gereist war, wird nach einem Medaillon mit einem Miniatur-Bildnis gemalt, das sie als junge Frau zeigt. (Quelle: Geische, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Aus dem bettelarmen Döbelner Tuchmachergesellen war ein wohlhabender Plantagen- und Sklavenbesitzer geworden. Zwei neu erworbene Plantagen benannte er „Sachsen“ und „Clemenburg“, der Kauf einer dritten, die den Namen „Döbeln“ tragen sollte, war geplant. Trotz seines Erfolges hatte Johann Gottfried Clemen seine Heimat nie vergessen. Regelmäßig sandte er Briefe und Geld nach Sachsen. Schließlich wurde seine Sehnsucht so groß, dass er sich am 10. Mai 1771 in Paramaribo mit reichlich Proviant und kostbaren Geschenken einschiffte. Sechsundzwanzig Jahre nach seinem Aufbruch aus Döbeln kehrte er am 4. September 1771 mit einer Extrapost, begleitet von zwei Dienern, in die Muldestadt zurück. Die Diener erregten großes Aufsehen, da viele Döbelner noch nie Menschen mit dunkler Hautfarbe gesehen hatten.
Clemen wurde von seiner Familie herzlich empfangen, zumal er Vater und Brüder über Jahre hinweg großzügig unterstützt hatte. Dadurch war es der Familie möglich geworden, das Haus „Am Kornmarkt 5“ (heute Obermarkt), gegenüber dem Rathaus, zu erwerben. Dort wohnte der reiche Sohn und Bruder während seines Aufenthalts in Döbeln. Nach zweimonatiger Überfahrt kehrte Johann Gottfried Clemen am 10. August 1772 nach Paramaribo zurück, wo er 1785 im Alter von nur 57 Jahren verstarb.
Nach seiner Abreise gab einer seiner Brüder, Christian Gottlieb Clemen, das Tuchmacherhandwerk auf und eröffnete am 22. Juni 1781 im Haus Am Kornmarkt 5 einen Kramerladen. Aus der Tuchmacherfamilie wurde eine Kaufmannsfamilie. In dankbarer Erinnerung an den Besuch seines reichen Bruders ließ Christian Gottlieb Clemen zwei „Mohren“ an die Fassade des Hauses malen.
Quelle Foto Grabplatte: Geische, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Möchten Sie mehr über das abenteuerliche Leben des Johann Gottfried Clemen erfahren? Dann lesen Sie den in der Überschrift genannten Artikel von Ralph Gundram (Veröffentlicht in: Neues Archiv für sächsische Geschichte, Bd. 87 (2016), ab S. 235).
Online verfügbar ist der Artikel unter https://www.wikiwand.com/de/Johann_Gottfried_Clemen
Vom Kolonialwarenladen zur Schokoladen-Manufaktur am Obermarkt
Am 22. Oktober 1784 wurde Christian Gottlieb Clemen in die Döbelner Kramerinnung aufgenommen und erhielt die Berechtigung zum Handel mit Kolonialwaren. Am selben Tag eröffnete er die „Clemen’sche Kolonialwarenhandlung“. Einen Monat später erwarb sein Sohn August Friedrich Clemen das Haus Obermarkt Nr. 9, genau gegenüber dem väterlichen Geschäft.
Im Jahr 1823 trat dessen Sohn Carl Friedrich Clemen als Teilhaber in die Firma ein. Das Unternehmen firmierte nun als „Clemen & Sohn“ und stellte im Manufakturbetrieb Lacke (essbare Überzugsmittel), Firnis (natürliches Mittel z.B. aus Leinöl zur Pflege und zum Schutz von Holzoberflächen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen) und Schokolade her. 1880 ließ Carl Friedrich Clemen die sogenannten Mohrenbildnisse vom Haus auf Werbeblechtafeln übertragen, um sie dauerhaft zu erhalten.
Was aus heutiger Sicht als problematisches Zeugnis der Kolonialzeit betrachtet wird, galt im 18. und 19. Jahrhundert als weithin sichtbares Symbol für Exklusivität. Das Bild der Diener sollte den Döbelner Kunden signalisieren, dass man hier Waren aus erster Hand bezog – direkt von den fernen Plantagen, die der Familie zu Wohlstand verholfen hatten. Diese Tafeln wurden später lange Zeit im Döbelner Altertumsmuseum aufbewahrt, das Motiv entwickelte sich zur Schutzmarke der Firma. Auch ein Porträt Johann Gottfried Clemens, das während dessen Besuchs in Döbeln entstanden war, gelangte ins Museum.
(1) Am Obermarkt liegen die Ursprünge der Firma Clemen & Sohn. August Friedrich Clemen kauft 1784 das Haus am Obermarkt Nr. 9.
(2) Ansicht des Clemen-Hauses im Jahr 2015. Noch heute kann man den Namenszug am Giebel des Hauses lesen.
(3) Aus der Fronstraße heraus betrachtet, fällt besonders der Flaschenzug unter dem Dachgiebel ins Auge, der damals wie heute eine wichtige Funktion für den Transport der feinen Zutaten in die oberen Stockwerke der Manufaktur erfüllte. Dieses Detail zeugt von dem logistischen Geschick, mit dem die Schokolade hier einst hergestellt wurde.
Als Carl Friedrich Clemen 1880 verstarb, trat sein ältester Sohn August Julius Clemen die Nachfolge an. Der konzentrierte sich auf das Geschäft an der Einmündung der Königstraße, das noch heute als Clemenhaus bekannt ist. Das Haus auf der gegenüberliegenden Seite des Obermarktes verkaufte man. Im Jahr 1890 erwarb es der Bäckermeister C. Wolf und nannte sein Geschäft „Mohrenbäckerei“. So blieb die Erinnerung an den denkwürdigen Besuch Johann Gottfried Clemens samt seiner schwarzen Diener in Döbeln lebendig.
Der neue Chef der Firma „Clemen & Sohn“, August Julius Clemen, betrieb weiter emsig das Ladengeschäft, in dem er Kolonialwaren verkaufte. Verstärkt widmete er sich aber auch der Herstellung von Schokolade. Von seinem Vater hatte er Rezepte geerbt, die bis ins Jahr 1825 zurückreichten. Im Manufakturbetrieb stellt er im Hinterhof unter dem Namen „Solid“ Schokolade her.
Zinnformen und Kupferkessel: Das süße Handwerk im Hinterhof
Die Rohkakaobohnen gelangten über Amsterdam aus Afrika, Süd- und Mittelamerika sowie aus Surinam nach Döbeln. Sie wurden sorgfältig verlesen, geröstet, entschält und in eisernen Mörsern von Hand gemahlen. Die fettreiche Masse erwärmte man in Kupferkesseln und vermischte sie mit Rohzucker. Ein wichtiger Schritt war das sogenannte Conchieren, bei dem die Masse über Stunden hinweg gerührt und erwärmt wurde, um Geschmack und Konsistenz zu verfeinern. Zum Schluss wurde die fertige Schokoladenmasse in Formen gegossen, von Hand geglättet und zum Abkühlen gelagert. Beim Abfüllen der warmen Masse war Eile geboten, weshalb die gesamte Familie mithalf. Die zähflüssige Schokolade wurde in 150-Gramm-Portionen in mit einem Anker verzierten Zinnformen gegossen, die von Hand weitergereicht und immer wieder auf den Tisch geschlagen wurden, um eine gleichmäßige, bläschenfreie Masse zu erhalten. Zum Abkühlen brachte man die Formen in den Keller.
August Julius Clemen, Ehrenbürger der Stadt Döbeln, starb am 29. Mai 1902. Er hatte 32 Jahre als Stadtverordneter und Kirchenvorsteher gewirkt. Die Leitung der Firma übernahm sein Sohn Carl August Clemen. Während es der Verdienst des Vaters war, das Potenzial von Schokolade als wichtiges Genussmittel zu erkennen, blickte der Sohn noch weiter in die Zukunft. Er sah voraus, dass Schokolade kein Luxusprodukt für Gutbetuchte bleiben, sondern ein Massenprodukt für jedermann werden würde. Diese Entwicklung wurde durch eine Kombination aus technologischem Fortschritt, industrieller Massenproduktion und neuen Rezepturen ermöglicht. Gleichzeitig verbesserten sich der weltweite Handel und die Versorgung mit Kakao und Zucker, sodass Schokolade für immer mehr Menschen erschwinglich wurde. Darüber hinaus veränderten sich die Lebensgewohnheiten der Menschen. Mit der Urbanisierung und dem Entstehen einer arbeitenden Mittelschicht stieg die Nachfrage nach schnell verfügbaren, energiereichen Nahrungsmitteln. Schokolade erfüllte diese Anforderungen und wurde zudem durch geschickte Werbung als genussvolles und zugleich kräftigendes Lebensmittel vermarktet.
Aufgrund des stetig wachsenden Absatzes entschied Carl August Clemen, die Schokoladenherstellung zu mechanisieren. Im September 1908 begann mit 14 Arbeitern die fabrikmäßige Produktion von Kakao und Schokolade, wofür sämtliche Räume der Häuser Obermarkt 9 und Königstraße 1 genutzt wurden. Das Geschäft entwickelte sich äußerst erfolgreich.
Der Sprung auf den Burgstadel: Industrialisierung für den Massengeschmack
Da der Platz im Stadtzentrum bald nicht mehr ausreichte, verlegte man die Schokoladenfabrik an den Stadtrand. Auf dem Burgstadel an der Reichensteinstraße entstand 1911 eine neue Produktionsstätte. Zahlreiche Arbeiten wurden an Döbelner Firmen vergeben, darunter die Elektroinstallationen, die Zentralheizung und die Transmissionstechnik. Die Fabrik wurde mit modernsten Maschinen ausgestattet. Konsequent setzte man auf technische Innovation.
Effiziente Walzwerke ermöglichten eine schnellere und feinere Zerkleinerung der Kakaobohne. Eingebaut wurde eine hydraulische Kakaopresse, die es ermöglichte, den Fettgehalt (Kakaobutter) des Kakaos zu reduzieren. Dies führte zu feinerem Kakaopulver, das leichter zu verarbeiten und kostengünstiger war. Auch moderne Conchier-Maschinen gehörten zur Ausstattung. Sie konnten die Schokolade über Stunden rühren und walzen. Dies machte die Schokolade zartschmelzend, glatt und verhinderte das körnige Mundgefühl früherer Schokoladensorten.
Dabei profitierte Clemen & Sohn von einer technologischen Revolution, die den gesamten europäischen Markt veränderte: Seit der Erfindung der Milchschokolade durch Daniel Peter in der Schweiz im Jahr 1875 war es möglich, die herbe Kakaomasse zu einer milderen, cremigeren Variante zu veredeln. Clemen griff diese Rezeptur geschickt auf, um den neuen Massengeschmack der industriellen Ära punktgenau zu treffen.
Alle technischen Innovationen wären natürlich nichts ohne engagierte Mitarbeiter und geschäftstüchtige Vertreter. Sie sorgten bei der Döbelner Schokoladenfabrik von Anfang an für gute Umsätze. 1914 beschäftigte das Unternehmen 32 Arbeiterinnen und Arbeiter.
Kriegsnöte, Königsbesuch und der monumentale Neubau
Der Erste Weltkrieg hatte gravierende Auswirkungen auf die Firma, da die notwendigen Rohstoffe nicht mehr importiert werden konnten. Die Produktion kam nahezu zum Erliegen, und die Söhne des Inhabers, Julius Eduard und Carl Friedrich Clemen, wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Am 26. Februar 1918 besuchte König Friedrich August die Fabrik, um Mut zu machen und Wertschätzung auszudrücken. 1919 verlieh die Stadt Döbeln Carl August Clemen die Ehrenbürgerwürde.
Nach der Rückkehr der Söhne aus dem Krieg übergab Carl August Clemen das Unternehmen an Julius Eduard und Carl Friedrich Clemen. Ab 1919 normalisierten sich die Verhältnisse allmählich. Erste Importe von Kakaobohnen und Rohrzucker über Holland wurden wieder möglich. Im August traf nach jahrelanger Unterbrechung die erste Rohkakaolieferung am Döbelner Hauptbahnhof ein, weitere folgten rasch. Die Produktion wurde schrittweise hochgefahren, und die heimgekehrten Mitarbeiter wieder eingestellt.
Verpackung für „Schokolade-Pastillen“ von Clemen & Sohn, Döbeln (Vorder- und Rückansicht): Auf dem Deckel prangt das Porträt von Johann Gottfried Clemen (1728–1785). Seine Reise nach Suriname und die Rückkehr mit zwei dortigen Dienern bildeten die historische Grundlage für die spätere Bildwerbung und Schutzmarke des Traditionsbetriebs. (Fotos: Stadtmuseum Döbeln)
In den Jahren 1922 und 1923 entstand nach Entwürfen des Architekten Werner Retzlaff auf dem Betriebsgelände an der Reichensteinstraße ein monumentaler Fabrikneubau, der mit seinen hohen, dekorativen Giebeln die Umgebung dominierte. Die qualitativ hochwertige Milch- und Sahneschokolade entwickelte sich zum Verkaufsschlager. Täglich lieferten umliegende Güter frische Milch. In den 1920er Jahren wurde Schokolade zunehmend zum Genussmittel für breite Bevölkerungsschichten, was den Absatz weiter steigerte. Zusätzlich stellte man hochwertige Speiseschokolade und feine Desserts her.
1925 führte das Unternehmen die neue Firmenbezeichnung „Deutsche Schokoladen-, Kakao- u. Nährmittelfabrik Clemen & Sohn“ ein. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte man etwa 240 Mitarbeiter. Trotz des enormen Prestiges und des monumentalen Fabrikneubaus geriet das traditionsreiche Haus jedoch in den Sog der weltweiten Wirtschaftsturbulenzen. Die Expansion, die über Jahrzehnte so sicher schien, stieß in der krisengeschüttelten Zeit der 1930er Jahre an ihre finanziellen Grenzen. Die Firma musste Konkurs anmelden. So endete 1934 die stolze Ära der industriellen Schokoladenfertigung der Familie Clemen, auch wenn ihr Name im Döbelner Stadtbild bis heute unvergessen bleibt.
Carl August Clemen lebte als letztes Mitglied der Familie bis zu seinem Tod am 10. Oktober 1947 in Döbeln.
Fritz Pflug und der Weg von „Falken“ zu „Falkenpflug“
Wachstum im Vogtland und Neuanfang in Döbeln
Im Jahr 1921 gründete Fritz Pflug im vogtländischen Falkenstein die „Falken-Kakao- und Schokoladen-Werke“. Der Betrieb startete mit rund 80 Mitarbeitern und einer anfänglichen Tagesproduktion von 2,5 bis 3 Tonnen. Seine Erzeugnisse setzte das Unternehmen damals vor allem in Schlesien und Ostpreußen ab. Durch Fleiß und stetiges Wachstum verdoppelte sich die Produktion auf fünf bis sechs Tonnen täglich und die Belegschaft wuchs auf etwa 175 Personen. Trotz Erweiterungsbauten stießen die Fertigungsräume in Falkenstein schließlich an ihre Grenzen. Zudem erwies sich die dortige geographische Lage für den Transport der schweren Rohstofflasten als zunehmend ungünstig, sodass eine Verlegung des Werkes unausweichlich wurde.
Im August 1935 erwarb Fritz Pflug bei einer Zwangsversteigerung für 162.000 Reichsmark das Fabrikgrundstück der vormaligen Firma Clemen & Sohn in Döbeln. Der Umzug war eine logistische Herausforderung: Rund 40 Lastwagen brachten den Maschinenpark und das Inventar an den neuen Standort. Etwa 100 Fachkräfte aus dem Vogtland folgten ihrem Arbeitgeber nach Mittelsachsen. Um den verheirateten Mitarbeitern den Wechsel zu erleichtern, sorgte das Unternehmen durch Baudarlehen und die Zeichnung von Genossenschaftsanteilen für die Bereitstellung von rund 25 Wohnungen.
In Döbeln wurde die veraltete Technik der Vorgängerfirma durch moderne Hochleistungsmaschinen ersetzt, ergänzt durch die mitgebrachten Anlagen aus Falkenstein. Zugleich erfuhr das gesamte werkseigene Leitungsnetz für Wasser, Dampf und Strom eine grundlegende Sanierung und Erweiterung.
Soziales Vorzeigewerk und wirtschaftliche Blüte
Fritz Pflug etablierte sich rasch als sozial engagierter Arbeitgeber. Auf dem Fabrikgelände seiner Falken Kakao- und Schokoladenwerke entstanden gepflegte Grünflächen, Blumenrabatten und Sitzbänke. Für die Belegschaft ließ Pflug moderne Umkleiden, Wasch- und Duschräume, Frauenruheräume, einen Speisesaal mit werkseigener Großküche für ein verbilligtes Mittagessen (25 Pfennig) sowie einen Sanitätsbereich mit eigenem Betriebsarzt einrichten. Das soziale Programm umfasste kostenlose Arbeitskleidung, geförderte Urlaubs- und Erholungsreisen sowie werkseigene Sport- und Laienspielgruppen. Ergonomische Verbesserungen wie Fliesenwände, optimierte Beleuchtung und Stühle mit Federlehnen erleichterten die Arbeit zusätzlich.
Auch finanziell waren die Beschäftigten überdurchschnittlich abgesichert: Durch Sonderzuwendungen erhielten sie jeweils rund 5 Prozent ihres Jahresverdienstes zu Weihnachten und zum Urlaub. Eine betriebseigene Pensionskasse (Ende 1945 mit 200.000 RM dotiert) sicherte Jahresrenten von bis zu 25 Prozent des Einkommens für Mitarbeiter sowie Hinterbliebene, flankiert von zusätzlichen Lebensversicherungen. In den letzten sieben Jahren vor Kriegsende flossen insgesamt rund 650.000 RM in betriebliche Sozialaufwendungen.
Produziert wurde eine breite Palette hochwertiger Süßwaren: Tafelschokoladen, feine Pralinen, Trinkkakao, Konfekt, Riegel, Geleeartikel und Bonbons. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 stand das Werk auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit: Rund 350 bis 400 Beschäftigte erzielten eine Tagesleistung von 11 bis 12 Tonnen bei einem Jahresumsatz von 3,4 Millionen Reichsmark (1938).
Kriegsjahre, Rüstungsverweigerung und Mangelwirtschaft
Im Jahr 1940 wurde der Betrieb als nationalsozialistischer „Musterbetrieb“ anerkannt – eine Auszeichnung, die laut Pflug rein auf den beispielhaften Sozialleistungen beruhte und nicht auf parteipolitischer Linientreue. Von den rund 350 Mitarbeitern gehörten lediglich sechs der NSDAP an; auch der stille Teilhaber Heinrich Laprell (Regierungsjägermeister von Mainfranken) war kein Parteimitglied. Fritz Pflug selbst weigerte sich trotz Drucks, aus der Kirche auszutreten.
Während des Krieges widersetzte sich das Werk wiederholt den Aufforderungen des Rüstungskommandos zur Aufnahme einer Rüstungsfertigung. Da der Betrieb somit als nicht kriegswichtig eingestuft wurde, sank die Belegschaftsgröße infolge von Einberufungen drastisch auf rund 125 Personen ab. Pflug stellte bewusst politisch Verfolgte ein, darunter ehemals inhaftierte Funktionäre der KPD und SPD (wie Erich Kunze, Kurt Birkner und Oskar Kästner), die im Betrieb gleichberechtigt integriert wurden. Für die im Betrieb eingesetzten ukrainischen Arbeitskräfte ließ das Unternehmen eine gemauerte Ziegelbaracke mit fließendem Warm- und Kaltwasser im Werksgarten errichten; sie aßen gleichberechtigt im Speisesaal und nahmen an Betriebsveranstaltungen teil.
Kriegsbedingte Rohstoffengpässe zwangen zu drastischen Sortimentsumstellungen weg von reinen Kakaoerzeugnissen hin zu Zuckerwaren, insbesondere formgepressten Pulverzuckertabletten (Komprimaten). Ab 1944 wurde zusätzlich die Fertigung pharmazeutischer Tabletten aufgenommen. Obwohl der Jahresumsatz auf rund zwei Millionen Reichsmark sank, blieben die Reingewinne vergleichsweise stabil: Der Wegfall kostspieliger Investitionen, Messen und Musterkollektionen, die radikale Sortimentsstraffung sowie die Auflösung stiller Reserven – etwa durch den Aufbrauch zuvor abgeschriebener Verpackungsmaterialien – glätteten die kriegsbedingten Verluste.
Nachkriegswirren, Votum der Belegschaft und Enteignung
Zwar blieben die Fabrikgebäude von Bombenschäden verschont, doch erschwerten Demontagen und Plünderungen im Mai 1945 den Neubeginn nach dem Zusammenbruch massiv. Das bilanzierte Betriebsvermögen lag zum 31. Dezember 1945 bei 383.000 Reichsmark.
In der sowjetischen Besatzungszone geriet das Werk rasch in den Fokus der Verstaatlichungsbestrebungen. Am 19. September 1947 stimmte die Belegschaft in einer Abstimmung mehrheitlich gegen die Enteignung ihres Chefs – ein bemerkenswerter Beweis der Loyalität zwischen Arbeitern und Inhaber. In den ideologischen Mühlen der neuen Machthaber blieb dieser Arbeiterwille jedoch wirkungslos: Fritz Pflug wurde enteignet und die Firma in den volkseigenen Betrieb VEB Süßwarenfabrik Falken umgewandelt.
Werbepräsenz und Alltagsproduktion im VEB Süßwarenfabrik „Falken“ in Döbeln um 1950. Nach der Enteignung und Neufirmierung in der Nachkriegszeit lief die traditionsreiche Schokoladen- und Kakaoherstellung in der Reichensteinstraße unter sozialistischen Vorzeichen weiter, wie der Messestand (oben) und die Aufnahmen aus den Werkshallen (unten) dokumentieren.
Verpackungen und Etiketten der Döbelner „Falkenwerke“ aus der frühen Nachkriegszeit (um 1950). Neben Puddingpulver mit Aprikosen-Geschmack und „Feinem Dessert“ zeugen die gefüllten Eukalyptus-Bonbons mit dem HO-Logo vom beginnenden staatlich gelenkten Handel unter der Vereinigung volkseigener Betriebe (VVB Land Sachsen). (Fotos: Stadtmuseum Döbeln)
Immer mehr wurde der Betrieb auch ideologisch vereinnahmt. So gründet man zum Beispiel Betriebsgruppen der FDJ. Die neuen Machthaber lassen keinen Zweifel daran, dass das Unternehmen volkseigen bleiben soll. Unternehmer Pflug wird angefeindet.
Mangeljahre in der SBZ und Neubeginn als „Falkenpflug“ im Westen
Anstelle von Pralinen und Edelschokolade bestimmte nun die Sicherung des täglichen Grundbedarfs der Bevölkerung den Fabrikalltag der ostdeutschen Mangelwirtschaft: 1948 wurden in den Döbelner Werkshallen täglich rund 12.000 Kilogramm Kunsthonig und 15.000 Kilogramm Kaffeeersatz produziert.
Fritz Pflug arbeitete nach dem Verlust seines Lebenswerks zunächst als Angestellter im Großhandel. Als ihm am 11. Januar 1949 auch sein gesamtes Privatvermögen beschlagnahmt wurde, floh er aus der DDR in den Westen. Da der Markenname „Falken“ dort bereits geschützt war, verband er seinen Familiennamen mit dem traditionsreichen Sinnbild seiner vogtländischen Heimat und gründete die neue Marke „Falkenpflug“, unter der er seine unternehmerische Identität in der Bundesrepublik erfolgreich fortführte.
1950 gründete er gemeinsam mit dem Inhaber einer befreundeten Firma in Bruchsal ein neues Unternehmen, das sich auf die Herstellung kleiner, massiver Schokoladenstücke wie Napolitains, Rondellen, Täfelchen, Katzenzungen und Mokkabohnen spezialisierte. „Falkenpflug“ gehörte zu den ersten Herstellern zuckerfreier Schokolade und Kuvertüre. Um die Produktion auszuweiten, zog das Unternehmen 1953 nach Karlsruhe-Durlach um. Nach dem Tod Fritz Pflugs führten seine Nichte und sein Großneffe den Betrieb weiter. 1963 übernahmen sie die Anteile der Dresdner Firma Rüger und gründeten die Farüchoc Schokoladenfabrik. 1998 wurde das Unternehmen verkauft; die Farüchoc Schokoladenfabrik GmbH & Co. KG hat heute ihren Sitz in Osnabrück und ist für Private-Label-Schokoladenproduktionen bekannt.
1950 gründete er gemeinsam mit dem Inhaber einer befreundeten Firma in Bruchsal ein neues Unternehmen, das sich auf die Herstellung kleiner, massiver Schokoladenstücke wie Napolitains, Rondellen, Täfelchen, Katzenzungen und Mokkabohnen spezialisierte. „Falkenpflug“ gehörte zu den ersten Herstellern zuckerfreier Schokolade und Kuvertüre. Um die Produktion auszuweiten, zog das Unternehmen 1953 nach Karlsruhe-Durlach um. Nach dem Tod Fritz Pflugs führten seine Nichte und sein Großneffe den Betrieb weiter. 1963 übernahmen sie die Anteile der Dresdner Firma Rüger und gründeten die „Farüchoc“ Schokoladenfabrik. 1998 wurde das Unternehmen verkauft; die Farüchoc Schokoladenfabrik GmbH & Co. KG hat heute ihren Sitz in Osnabrück und ist für Private-Label-Schokoladenproduktionen bekannt.
Von „Frumi“ zu ELMO: Die Transformation einer Döbelner Schokoladenfabrik
Am 20. Dezember 1953 wurde der VEB Süßwarenfabrik Falken in den VEB (K) Süßwarenfabrik Frumi, kurz für Fruchtmilch, umgewandelt. Produziert wurden Vitaladetafeln mit und ohne Gebäck. Bereits 1955 verließen täglich 2.500 Geschenkpackungen mit Pralinen das Werk, außerdem stellte man Tannenzapfen, Schokoladenherzen und Schokoladennüsse her. 1957 präsentierte das Unternehmen auf der Leipziger Messe Stielbonbons, Zuckerstangen sowie eine mit Bonbons gefüllte „Wiener Hutschachtel“.
DDR-Werbeanzeige für „Frumi“-Bonbons (1959): Werbeblatt des VEB Bonbon-Spezial-Fabrik FRUMI aus Döbeln mit einer Auflistung der verwendeten Rohstoffe.
Frumi-Dosen aus den 1950er-Jahren: Nostalgisches Verpackungsdesign aus der Bonbon-Spezial-Fabrik FRUMI in Döbeln.
Süßwarendesign der 1950er-Jahre aus Döbeln: Verpackungsmotive des VEB Bonbon-Spezial-Fabrik Frumi für „Vollmilch-Drops“ (Einzelverkaufspreis: 0,20 DM) und die „Vollmilch-Dessert-Tafel mit Nüssen“ mit klassischem Alpen- und Almidyll.
Die Fotos zeigen einen Messestand, die Teilnahme an einer Demonstration zum 01. Mai und den Arbeitsalltag im VEB Süßwarenfabrik Frumi (Mitte/Ende der 1950er Jahre). Quelle: Sammlung Sven Ettrich
Doch mit dem Jahr 1962 endete die Geschichte des süßen Dufts auf dem Fabrikgelände endgültig. In einer radikalen Umstrukturierung wich die Lebensmittelproduktion der Feinmechanik. Wo jahrzehntelang Zucker und Kakao verarbeitet worden waren, hielten nun Werkbänke und Wickelmaschinen Einzug, um das Werk für die Bedürfnisse der aufstrebenden Elektroindustrie komplett umzurüsten. Der VEB Elektromotorenwerk Hartha übernahm die Fabrik als Werk IV. ELMO Hartha fertigte Kleinmotoren, unter anderem für Plattenspieler, Tonband- und Kassettengeräte. Das Unternehmen hatte bis zu 1200 Mitarbeiter. Nach der Wiedervereinigung ging der Betrieb in die Zwangsvollstreckung. Während es in Hartha bald wieder bergauf ging und die Pierburg GmbH das dortige Werk übernahm, blieb die Döbelner Niederlassung ungenutzt und verfiel. Niemand hatte Interesse an der ehemaligen Schokoladenfabrik.
Ein Industriedenkmal wird abgerissen – Gewerbeansiedlungen haben Vorfahrt
Während die Hauptwerke in Hartha den Sprung in die neue Wirtschaftsordnung schafften, blieb die Döbelner Niederlassung als stiller Zeuge der Vergangenheit zurück. Das monumentale Gebäude, das einst Stolz und Fortschritt symbolisierte, verlor ohne Nutzung schnell seinen Glanz und wurde zum Sanierungsfall in einer Zeit, in der schnelle Gewerbeansiedlungen Vorrang vor dem Denkmalschutz erhielten.
Am 6. November 2003 titelte der Döbelner Anzeiger „Wieder ein Denkmal weg“. Trotz intensiver Bemühungen des Denkmalschützers Jörg Liebig wurde der monumentale Industriebau schließlich abgerissen.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 95
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 116ff.
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Gundram, Ralph: Sächsische Kolonialherren in Übersee? Eine Spurensuche am Beispiel des Johann Gottfried Clemen aus Döbeln. In: Neues Archiv für sächsische Geschichte, Bd. 87, Dresden 2016. S. 235ff. – auch unter: URL: https://www.wikiwand.com/de/Johann_Gottfried_Clemen (23.12.2022)
Bildnachweis:
* Foto KI-gestützt restauriert
** Darstellung KI-generiert
Grabplatte Johann Gottfried Clemens - Geische, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Porträt Carl August Clemen - Festausgabe des Döbelner Anzeigers und Tageblatt zur Grundsteinlegung des neuen Rathauses 30.05.1910
Werbeanzeige 1914 - Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Besuch des Königs – Sammlung Ettrich URL: www.döbeln.de (05.06.2022)
Logo und Fabrikfoto Farüchoc mit freundlicher Genehmigung der Farüchoc Schokoladenfabrik GmbH & Co. KG
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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