Die Odyssee Ruth Glasbergs - neue Heimat Schweden
Ruths Auswanderung nach Schweden hat ihr das Leben gerettet. Hier erlebt sie das Kriegsende und bemüht sich sofort nach Deutschland zurückzukehren. Das stellte sich als ungeheuer schwierig heraus. Verzweifelt sitzt Ruth Glasberg in Schweden fest, lebt in bescheidensten Verhältnissen. Endlich erhält sie Post aus Berlin. Ihre Tante Marie Glasberg meldet sich. Sie hat schreckliche Neuigkeiten. Ruth Glasberg erfährt, dass ihr Bruder Karl und ihre Pflegeeltern nicht mehr am Leben sind. Am 16.06.1946 schreibt sie ihrer Tante aus Stockholm: „Natürlich habe ich mich gefreut, einen Brief von dir zu bekommen, aber der Inhalt ist so furchtbar, so entsetzlich, dass ich nicht weiß, was ich sagen oder womit ich dich trösten soll. Du weißt und ich weiß es auch, dass es für uns keinen Trost gibt. Zwar lebt man weiter, aber ob man wirklich lebt, weiß man nicht. Weinen kann ich nicht mehr, die Tränen sind eingetrocknet und geblieben ist eine unsagbare Härte.“ (4) Große Selbstzweifel belasten die junge Frau. Sie schreibt ihrer Tante: „Mich hat Hitler nicht getötet, auf mir liegt eine Schuld, die so schwer ist, warum habe ich euch verlassen, warum habe ich in Sicherheit gelebt, wo ihr alle dagegen täglich den Revolvern der Gestapo ausgesetzt gewesen seid.“ Die Einsamkeit in Schweden scheint für Ruth Glasberg unerträglich zu sein. Sie ist so verzweifelt, dass sie sich wünscht, sie hätte das Schicksal ihrer Familie teilen können, „denn wie ich hier ganz alleine lebe, ist ein sehr schmerzhafter, quälender und langsamer Selbstmord.“ Immer wieder stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn sie wieder in Deutschland sein könnte. Immerhin lebt sie schon sechs Jahre in Schweden. Am 29.07.1946 schreibt sie ihrer Tante: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das sein wird, nach Döbeln zu kommen. Mir ist solche Angst davor. Nein, Angst darf man nicht haben, das nützt nichts.“
Ihr ganzes Leben in Schweden hat nur noch ein Ziel - die Ausreise. So schnell wie möglich will sie zu ihrer Tante nach Berlin. Sie ist er einzige Mensch, der sie wirklich verstehen kann, sie ist die einzige Verbindung zu ihrem alten Leben.
Sie gibt in Schweden ihre Arbeit auf und schreibt der Tante am 02.08.1946, wie sie all die Jahre hier gelebt hat: „Ich war froh, arbeiten zu können, viel Arbeit zu haben, da brauchte ich zumindestens an nichts zu denken. Wenn ich dann nach Hause kam, war ich so müde, dass ich gleich in den Schlaf gefallen bin. Ja, so ungefähr sah mein Leben diese 6 Jahre in Schweden aus.“
Im Herbst des Jahres 1946 gelingt ihr die Ausreise. Ihr nächster Aufenthaltsort ist Prag – eine Zwischenstation. Hier lebt sie bei Freunden in der Buckova 47. Unendlich scheint ihr die Zeit, in der sie auf eine Einreisegenehmigung nach Deutschland wartet. Im Döbelner „Amt für Umsiedlung“ ist man kooperativ. Schon im Dezember 1946 hatte man ihr eine Aufenthaltsgenehmigung geschickt. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass ohne die Genehmigung der russischen Besatzungsmacht keine Einreise möglich ist. Am 04.06.1947 schickt das „Amt für Umsiedlung“ in Döbeln sogar eine russische Übersetzung der Aufenthaltserlaubnis. Man hofft, dass Ruth Glasberg so schneller die russische Genehmigung erhält. An den Briefen ihrer Tante aus Berlin merkt Ruth, dass diese langsam die Hoffnung verlässt, dass sie sich jemals wiedersehen. Ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich zunehmend. Ruth schreibt ihr am 15.03.1947 aus Prag: „Liebe Tante Marie, Du darfst nicht die Hoffnung verlieren, ich komme zu dir. Sobald ich die Genehmigung in der Hand habe, nehme ich den ersten Zug, der geht, das versichere ich dir […] Hat uns beide Hitler nicht vernichten können, haben wir so lange durchgehalten, dann müssen wir weitergehen und kämpfen, das sind wir allen unseren Lieben schuldig, die nicht zurückkehren durften.“ Aus Prag schreibt eine kämpferische junge Frau, die auch jene zur Rechenschaft ziehen will, die am Tod ihrer Verwandten mitschuldig sind. „Die Menschen brauchen nicht zu glauben, daß alles ungestraft vorübergeht.“
Doch vorerst kommt alles ganz anders. Ruth Glasberg erkrankt in Prag lebensbedrohlich an Diphterie. Bewusstlos wird sie in ein Prager Krankenhaus eingeliefert. Sechs Wochen verbringt sie hier, Wochen in denen die Ärzte um das Leben ihrer Patientin bangen. Kaum genesen, erkrankt sie erneut. Diesmal leidet sie unter einer Nervenentzündung. Sichtbar wird hier, dass das unstete Leben und die Ungewissheit der jungen Frau so zusetzten, dass sie körperlich zusammenbricht. Ruth Glasberg leidet besonders unter ihrer Hilflosigkeit. Kein Weg scheint für sie nach Deutschland zu führen, jahrelange Bemühungen haben zu keinem Ergebnis geführt. Gesundheitlich angeschlagen lebt sie immer noch in Prag - eine von vielen Durchgangsstationen, eine von vielen Übergangslösungen, die ihr Leben bisher bestimmten. Wenn sie ihrer Tante schreibt, dass sie sich nach einem kleinen Haus sehnt, in dem sie mit ihr leben kann, wird auch die große Sehnsucht nach Ankunft, nach einer verlässlichen Heimat deutlich. Jahrelang war Ruth Glasberg auf der Flucht, lebte im Gefühl, dass das eigentliche Leben später beginnt. Nun kann sie nicht mehr, will sie nicht mehr. Am 08.05.1948 schreibt sie aus Prag: „Jetzt ist es Sonnabend Abend, hier umher lachen die Leute in den anderen Wohnungen, sind froh und heiter, ich sitze hier und schreibe und weine.“ Ruth Glasberg hat in dieser Zeit große Sorgen. Ihre Aufenthaltsgenehmigung für die Tschechoslowakische Republik läuft ab und soll nicht verlängert werden. Sie weiß, dass sie Papiere für die Rückreise nach Schweden nicht so schnell besorgen kann, fürchtet sich vor einer Abschiebung nach Polen. Die Kinder der Familie Glasberg -alle in Deutschland geboren- hatten nie die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten. Automatisch war die polnische Staatsbürgerschaft ihrer Eltern auch auf sie übergegangen. Es ist eine besondere Tragik, dass nun Ruth Glasberg dieselbe Angst vor einer Abschiebung nach Polen hat, wie Ende der 30er Jahre ihre Brüder. „Liebe Tante Marie,“ schreibt sie, „haben wir wirklich so viel gesündigt, daß wir so viel leiden unter denen?“ Die Furcht vor einer Abschiebung ist so groß, dass sich Ruth Glasberg entscheidet, illegal nach Deutschland einzureisen. Am 11.09.1948 schreibt sie ihrer Tante aus einem Flüchtlingslager in Regensburg. Das Lager darf sie nicht verlassen. In Frankfurt a.M. stellt man ihr ein Visum aus und sie muss wieder nach Stockholm ausreisen. Der Krieg ist nun schon länger als drei Jahre vorbei und noch immer hat es Ruth Glasberg nicht geschafft, wieder nach Hause zu kommen. Für die Amerikaner in Regensburg ist sie eine von vielen DPs (displaced persons). Dieser Begriff umfasste alle Personen, die infolge des Zweiten Weltkrieges aus ihrer Heimat durch direkte oder indirekte Folgen des Krieges vertrieben, verschleppt oder geflohen waren. Von einer Einzelfallprüfung war man in den Flüchtlingslagern weit entfernt. Schon im August 1945 kam der Harrison-Bericht zu dem Schluss: "Wie die Dinge jetzt stehen, erscheint es, als ob wir die Juden so behandeln wie es die Nazis taten, wenn man davon absieht, daß wir sie nicht vernichten." Natürlich ist dieser Satz des Berichtes eine polemische Zuspitzung. Dennoch muss es für Ruth Glasberg eine schlimme Erfahrung gewesen sein, dass niemand die Tragödie ihrer Familie zu verstehen schien.
Am 10.10.1949 schreibt sie ihrer Tante wieder aus Stockholm. Über vier Monaten ist Ruth Glasberg schon wieder krank, leidet an den Spätfolgen der Diphterie und der Nervenentzündung und weiß nicht, wie sie das Krankenhaus und den Arzt bezahlen soll. Hilfe erhofft sie sich von der jüdischen Gemeinde in Stockholm. Hier erhält sie die Auskunft, wenn man „krank und arm ist und außerdem Ausländer, da solle man sterben“. Ruth Glasberg kommentiert: „Daran bin ich gewöhnt, solche Sachen zu hören, nachdem ich 10 Jahre so lebe.“
Als die Alliierten 1949 die Verwaltungshoheit auf die deutschen Behörden übertragen, wird die Einreise nach Deutschland leichter. Ruth Glasberg schafft jetzt das, was sie jahrelang vergeblich versucht hatte. Der Stadtrat zu Döbeln hat ihr am 08.03.1950 eine vierwöchige Aufenthaltsgenehmigung zur Klärung ihrer Familienangelegenheiten ausgestellt. Sofort macht sie sich auf den Weg, reist nach Deutschland, besucht zuerst ihre Tante Marie Glasberg in Berlin. Mehrfach reist sie dann von hier aus nach Döbeln. Sie sieht ihre Geburtsstadt distanziert, nicht mehr als Ort einer glücklichen Kindheit, sondern als Ausgangspunkt für ihr Unglück. Über die Menschen, die hier Zeugen antisemitischer Ausschreitungen wurden, spricht sie differenziert. Mit großer Zuneigung erinnert sie sich an die Familie Weidler, die sich auch in finsterster NS-Zeit loyal gegenüber den Glasbergs verhielt. Sie hatte in dieser Zeit Teile des Eigentums der Familie verwaltet, von ihr erhält Ruth Glasberg die Fotosammlung der Familie zurück. Für die junge Frau ist dies ein Schatz. Es sind Zeugnisse ihrer Vergangenheit, ihrer Kindheit und Jugend, von der ihr niemand mehr erzählen kann. Auch ihren Lehrer Curt Finsterbusch trifft sie nach dem Krieg wieder. Als sie mit ihm spricht, merkt sie, wie er sich unsicher umschaut. Noch heute ist sie erschüttert darüber, wie tief die Stigmatisierung der jüdischen Bürger ins Unterbewusstsein der Menschen eingedrungen ist. Viele Döbelner erkennen Ruth Glasberg wieder, als sie in diesen Tagen durch die Stadt geht, viele wissen von dem, was ihr widerfuhr. Nur ein einziger spricht sie daraufhin an, äußert Bedauern und Mitgefühl, die anderen schweigen, sie schauen weg, wenn sie der jungen Frau begegnen. Ruth Glasberg hält, das sagt sie ausdrücklich, nichts von einer Kollektivschuld der Deutschen, dennoch war es gerade die Mauer des Schweigens, die Sprachlosigkeit der Döbelner, die sie nach dem Krieg erschütterte.
In Döbeln begegnet Ruth Glasberg aber nicht nur die Vergangenheit. Sie schreibt am 27.07.1950 einen Brief an ihre Tante nach Berlin und erklärt, warum sie diesmal so lange in Döbeln geblieben ist und warum sie nicht wie geplant am 20.08.1950 wieder nach Schweden zurückkehren wird. Ruth Glasberg schreibt, dass sie in Döbeln einen Arzt getroffen habe, den sie heiraten will. Sie kündigt einen ersten gemeinsamen Besuch in Berlin an und trägt der Tante auf, sie möge „die roten Schuhe zum Schuhmacher“ geben, weil sie sonst nichts anzuziehen hätte. Die Hochzeit mit Joachim Grasshoff findet am 08.09.1950 statt.
Das junge Ehepaar verlässt gemeinsam Deutschland und baut sich in Schweden eine Existenz auf. Drei Jahre später wird Tochter Monica geboren. Das Leben Ruth Grasshoffs findet den lang ersehnten Halt, ihr Leben versinkt nicht in Verzweiflung und Trauer, sondern zeigt, dass ein Menschen alle Widerstände überwinden kann, wenn er an sich und seine Zukunft glaubt.
|