Industriegeschichte

Kontinuität und Wandel: Eine Zeitreise durch Döbelns Industriegeschichte

Lässt sich die Entwicklung der Döbelner Industrie von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute auf wenigen Seiten angemessen darstellen? Nur bedingt. Vollständigkeit ist nicht zu erreichen; wohl aber lassen sich zentrale Kontinuitäten und Brüche sichtbar machen. Wie begann die Industrialisierung in der Muldestadt? Welche Unternehmer und Branchen prägten sie? Wie veränderten Eisenbahn, Kriege, Planwirtschaft und deutsche Einheit die Betriebe der Stadt? Und welche Perspektiven besitzt der Wirtschaftsstandort heute? Der folgende Überblick zeichnet die wichtigsten Entwicklungslinien nach.

I. Der Weg zur Industriestadt (1820–1914)

Entdeckungen im tausendjährigen Döbeln

Daniel Wilhelm Beck und die Anfänge der industriellen Lederproduktion

Als erster Döbelner Unternehmer erkannte Daniel Wilhelm Beck die Chancen industrieller Produktionsweisen und nutzte sie konsequent. Der 1797 geborene Beck gründete 1820 in der Staupitzstraße eine Gerberei – zunächst eine von rund 25 in der Stadt. Von seinen Mitbewerbern unterschied er sich durch ausgeprägten Unternehmergeist und einen außergewöhnlichen Expansionsdrang. Entlang der Staupitzstraße erwarb und errichtete er zahlreiche Gebäude. Zur Lohgerberei kamen eine Lederlackiererei, eine Leimsiederei sowie eine Papier- und Pappenfabrik. Schließlich nutzte das Unternehmen 52 Gebäude; der Bereich nördlich der Staupitzstraße glich einer kleinen Stadt in der Stadt. Die einzelnen Produktionsschritte waren räumlich getrennt, zugleich aber eng aufeinander abgestimmt. Standardisierung und Arbeitsteilung ermöglichten es, neben ausgebildeten Gerbern zunehmend auch ungelernte Arbeitskräfte einzusetzen. Drei Dampfmaschinen unterstützten oder ersetzten menschliche und tierische Arbeitskraft. Damit vereinte Becks Betrieb bereits nahezu alle wesentlichen Merkmale moderner industrieller Produktion: Mechanisierung, Spezialisierung, arbeitsteilige Fertigung und die räumliche Konzentration zahlreicher Arbeitskräfte. Zugleich entstand mit der wachsenden Lohnarbeiterschaft eine neue soziale Gruppe, die das Industriezeitalter entscheidend prägen sollte.

Diese KI-generierte Collage vereint zwei historische Lithografien aus Louis Oesers Album der Sächsischen Industrie (erschienen 1856 in Neusalza). Zu sehen ist die Döbelner Staupitzstraße um 1850 mit der Leder-, Papier-, Pappen- und Pressspanfabrik von Daniel Beck. Im Hintergrund erhebt sich der zu dieser Zeit noch unbebaute Leipziger Berg (auch Staupitzberg).**
Um das 600-jährige Bestehen der Schuhmacherinnung gebührend zu feiern, fertigten die hiesigen Innungsmeister im Jahr 1925 den Döbelner Riesenstiefel an.

Die Lederfabrik Daniel Becks entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Unternehmen der Branche und war um 1870 die drittgrößte Lederfabrik Deutschlands. Dieser Erfolg erwies sich jedoch nicht als dauerhaft. Die Geschichte des Unternehmens zeigt zugleich eine Schattenseite des Industriezeitalters: die zunehmende Abhängigkeit der Realwirtschaft von Kapitalmärkten und Finanzstrukturen. Nach dem Gründerkrach von 1873 geriet das Unternehmen unter finanziellen Druck. Kredite und Zinslasten entwickelten sich zunehmend zu einer existenziellen Belastung, bis die Sächsische Lederindustrie-Gesellschaft, vormals Daniel Beck, 1894 liquidiert werden musste.

Das bleibende Verdienst Daniel Wilhelm Becks, der bereits 1860 verstorben war, liegt in seiner Pionierrolle für die Industrialisierung Döbelns. Er führte erstmals industrielle Produktionsmethoden im großen Maßstab ein und schuf damit wirtschaftliche Strukturen, an denen sich zahlreiche spätere Unternehmer orientierten. Beck begründete nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen, sondern prägte nachhaltig den wirtschaftlichen Entwicklungspfad der Stadt. Auch wenn die Lederindustrie nach der Jahrhundertwende in Döbeln an Bedeutung verlor, trug das Erbe des einstigen Lederbooms weiter Früchte. Der Niedergang der Lederindustrie bedeutete deshalb keinen Bruch, sondern vielmehr einen Strukturwandel innerhalb der lokalen Wirtschaft. Das Schuhmacherhandwerk blühte noch Jahrzehnte; um 1900 gab es in der Muldestadt schätzungsweise 150 Schuhmacher. Auch wenn das Leder nun seltener vor Ort gegerbt wurde, blieb Döbeln ein Zentrum der Lederverarbeitung. Der 1925 angefertigte Döbelner Riesenstiefel und der im Jahr 2001 eingeweihte Stiefelbrunnen zeugen bis heute davon. Mit Daniel Wilhelm Beck begann in Döbeln der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktion. Seine Fabrik markierte den Auftakt einer Entwicklung, die das wirtschaftliche Gesicht der Stadt für nahezu zwei Jahrhunderte prägen sollte.

Das „Sächsische Manchester“ – Vorbild der Industrialisierung

Die sächsische Industrialisierung verlief regional sehr unterschiedlich. Während einige Städte früh auf Mechanisierung und moderne Produktionsformen setzten, hielten andere länger an traditionellen Strukturen fest. Besonders deutlich zeigte sich dieser Gegensatz zwischen dem aufstrebenden Chemnitz und kleineren Städten wie Döbeln.

Zum Sinnbild des sächsischen Industriebooms wurde Chemnitz, das bald als „Sächsisches Manchester“ galt. Der Niedergang des traditionellen Bergbaus setzte Arbeitskräfte frei; Wasserläufe und nahe Kohlevorkommen lieferten Energie. Entscheidend war jedoch die frühe und konsequente Mechanisierung. Englische Spinnmaschinen wurden weiterentwickelt, und parallel entstand ein leistungsfähiger Maschinenbau. Die Verdichtung des Eisenbahnnetzes und der Abbau von Handelshemmnissen durch den Deutschen Zollverein erleichterten den Absatz sächsischer Textilien und Maschinen weit über die Region hinaus.

Maschinen-Fabrik von Richard Hartmann in Chemnitz, Druck und Verlag von Louis Oeser 1856 in Neusalza

Richard Hartmann, der „sächsische Lokomotivkönig“, gründete 1837 in Chemnitz eine kleine Werkstatt und entwickelte sie zu einer der größten Maschinenfabriken sowie zur ersten sächsischen Lokomotivfabrik. Bereits 1799/1800 hatten die Brüder Johann Matthias und Carl August Bernhard im heutigen Stadtteil Chemnitz-Harthau die erste mechanische Baumwollspinnerei Sachsens errichtet. Nur rund 40 Kilometer von Döbeln entfernt entstand so eines der wichtigsten deutschen Zentren der Industrialisierung.

Befeuert wurde die Dynamik des wirtschaftlichen Aufschwungs in Sachsen zudem durch die vorteilhafte geografische Lage mit ihren reichen Erzvorkommen sowie durch tiefgreifende politische Veränderungen: Die Gewerbefreiheit in Sachsen von 1861, die Gründung des Deutschen Reiches mit der Einführung des metrischen Systems und einer einheitlichen Währung sowie die französischen Reparationszahlungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg schufen günstige Rahmenbedingungen für diesen historischen Wirtschaftsaufschwung.

Tuchfabrik der Gebr. Glausnitzer im Bereich des heutigen Steigerhausplatzes (Ausschnitt aus Postkarte, 1906)*

Das Ende der Döbelner Tuchmacherei

Am Beispiel Döbelns zeigt sich die Kehrseite dieses Fortschritts. Neben dem Gerbereigewerbe spielte im vorindustriellen Döbeln die Tuchmacherei eine bedeutende Rolle. Während Chemnitz jedoch konsequent auf Mechanisierung und Massenproduktion setzte, hielt man in Döbeln lange an Handarbeit, kleinteiligem Verlagswesen, traditionellen Stoffen und starren Innungsstrukturen fest. Um 1800 gab es noch 100 selbstständige Tuchmachermeister; 1840 waren es 25, 1870 nur noch zwölf. Zwar gründeten einzelne Unternehmer Tuchfabriken – F. W. Barthel in Meyers Hof, August Schulze in der Zwingerstraße und die Gebrüder Glausnitzer auf dem Schießhausplatz –, doch reichten diese Ansätze nicht aus, um gegenüber den sächsischen Industriezentren zu bestehen. Barthels Fabrik schloss 1878, Schulze stellte in den 1880er-Jahren die Produktion ein, und mit der Schließung der Firma Glausnitzer im Jahr 1902 endete die traditionelle Döbelner Tuchmacherei.

Der Vergleich mit Chemnitz verdeutlicht, dass Industrialisierung kein zwangsläufiger Prozess war. Wirtschaftlicher Erfolg hing nicht allein von natürlichen Voraussetzungen ab, sondern ebenso von Investitionsbereitschaft, technischer Innovation und unternehmerischem Mut. Döbeln entwickelte sich später und auf anderen Wegen als Chemnitz, fand jedoch schließlich ein eigenes industrielles Profil.

Die Zigarrenindustrie – Vom Handwerk zur Fabrikproduktion

Während traditionelle Gewerbe zunehmend an Bedeutung verloren, entstanden gleichzeitig neue Industriezweige, die von den frei werdenden Arbeitskräften profitierten. Es zeigt sich hier ein typisches Merkmal der Industrialisierung: Beschäftigte wanderten aus schrumpfenden in wachsende Branchen ab. Dieser Strukturwandel prägte die wirtschaftliche Entwicklung Döbelns über Jahrzehnte.

Historische Werbeanzeige: Zigarrenfabrik Otto Schmidt Nachf. (Inhaber Emil Illgen) in Döbeln, gegründet 1860 (heute: Straße des Friedens direkt an der Muldebrücke)

Besonders erfolgreich etablierte sich die Zigarrenindustrie. Bereits 1845 hatte Emil Drechsel aus Bayern die erste Zigarrenfabrik Döbelns gegründet. Da Zigarren zunächst vollständig von Hand gefertigt wurden, benötigten die Betriebe viele geschickte Arbeitskräfte. Ehemalige Tuchmacher brachten dafür gute Voraussetzungen mit. Parallel zum Rückgang der Textilbranche entwickelte sich Döbeln deshalb zu einem Zentrum der Tabakverarbeitung. Bald beschäftigten 32 Betriebe rund 1.200 Menschen. Aus kleinen Manufakturen in Hinterhöfen wurden größere Fabriken, in denen Arbeitsteilung, Aufsicht und einheitliche Qualitätskontrollen die Produktion bestimmten.

Wirklich industriell produzierten schließlich die Krenter Zigarrenwerke GmbH, die Salomon Krenter ab dem 1. Oktober 1930 in der Franz-Richter-Straße (heute Industriestraße) betrieb. Hier begann nach heutigem Forschungsstand die deutschlandweit erste vollmaschinelle Produktion von Zigarren. Der Tabak wurde maschinell entrippt, geschnitten, gereinigt, getrocknet und entstaubt. Wickelmaschinen stellten täglich rund 13.000 „Wickel“ oder „Puppen“ her, die anschließend in Überrollmaschinen mit dem Deckblatt versehen wurden. Eine einzige Maschine produzierte damit 13.000 Zigarren am Tag, während ein gelernter Handarbeiter höchstens 500 Stück täglich rollen konnte.

KI-generiertes Historienbild nach einer Lithographie der Großbauchlitzer Mühle von Moritz Gaitzsch und der Drahtnagelfabrik der Gebrüder Wapler aus dem Jahr 1856**

Wasserkraft als Antrieb der frühen Metallindustrie

Parallel zur Zigarrenfabrikation gewann die Metallindustrie als zweites großes wirtschaftliches Standbein Döbelns an Bedeutung. Die Anfänge waren bescheiden und im Handwerk verwurzelt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts starteten die Gebrüder Wapler mit ihrer Drahtnagelfabrik in der Großbauchlitzer Mühle. Sie nutzten die Wasserkraft, um erste Maschinen anzutreiben. Dies verdeutlicht, dass in den ersten Jahren die Wasserkraft der Mulde von zentraler Bedeutung war. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, wie entscheidend moderne Technologien für den Übergang zur Massenproduktion waren: Stellte der Nagelschmied früher noch jeden Nagel einzeln her, fertigte die Maschine nun in kürzester Zeit tausende Nägel direkt von der Drahtrolle. Die Mühlen der Stadt wandelten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu kleinen Innovationszentren, in denen die Wasserkraft als universeller Antrieb genutzt wurde. Auf dem Oberwerder hatte sich gleich neben der Obermühle der Schmied Carl Grieben niedergelassen, der die Hämmer seiner Werkstatt ebenfalls mit Wasserkraft betrieb. Aus dieser kleinen Schmiede wuchs später mit der Landmaschinenfabrik Franz Richter das zweitgrößte Unternehmen der Stadt heran. Auch die Wasserräder der Niedermühle trieben schon früh Maschinen an: Gürtlermeister Julius Müller produzierte hier Messingwaren.

Noch bevor sich die Dampfmaschine allgemein durchsetzte, bildete die Wasserkraft die wichtigste Energiequelle der frühen Industrialisierung. Die Mulde wurde damit zu einem entscheidenden Standortvorteil Döbelns.

Diese Werbegrafik zum 50-jährigen Bestehen der Tümmler-Werke (1878–1928) illustriert eindrucksvoll den rasanten Aufstieg des Unternehmens.

Die großen Unternehmer der Döbelner Metallindustrie

Die wirtschaftliche Stärke Döbelns beruhte nicht auf einem einzelnen Großunternehmen. Vielmehr entstand ein Netzwerk spezialisierter Betriebe, besonders der Metallindustrie, die unterschiedliche Märkte bedienten und sich gegenseitig ergänzten.

Die größte Fabrik wurde von Robert Tümmler 1878 gegründet und hatte ihren Standort zwischen der Schillerstraße (früher Zimmerstraße) und der Mulde. Tümmler war ein Selfmademan und wurde zum Königlich Sächsischen Kommerzienrat ernannt. Anfangs selbst einziger Mitarbeiter seiner Firma beschäftigte er 1885 bereits 100 und 1914 schon 1.000 Arbeiter. Diese fertigten anfangs Relief-Stanzengravuren, Stahlstempel, Formmodelle, Stempelwalzen und Silbergravuren, später auch Garderobenhaken, Möbelbeschläge, Firmenschilder, Wertmarken, Stanzautomaten, Schnitt- und Prägepressen. Tümmler war ein Macher und auch ein Mäzen. Die Auguste-Robert-Tümmler-Stiftung verfügte über 80.000 Mark. Seine Arbeiter und Beamten bekamen Weihnachtsgeld und durften kostenlos in der Fabrik die Badeeinrichtungen benutzen. Sonnabends war, entgegen der üblichen Praxis, ab mittags 12 Uhr Wochenende. Tümmler war jemand, der begriffen hatte, dass Eigentum verpflichtete, und er handelte danach. Zu Recht wurde er zum Döbelner Ehrenbürger ernannt. Sein prächtiges Grab findet man noch heute auf dem Niederfriedhof – mit Blick in Richtung seiner Fabrik.

Tümmlers Fabrik an der Zimmerstraße (heute Schillerstraße) war ein kleiner Stadtteil für sich. Heute befindet sich an dieser Stelle eine Kaufland-Markt.

Neben Robert Tümmler gehörte auch Franz Richter zu den Industriepionieren Döbelns. Seine Fabrik produzierte landwirtschaftliche Maschinen und Geräte. Die Anfänge der Firma waren bescheiden. Aus einer kleinen Schlosser- und Schmiedewerkstatt in der Großen Kirchgasse baute Carl Grieben seit 1861 Brücken-, Vieh- und Stangenwaagen. Das Geschäft lief prächtig. Grieben suchte größere Räume und einen finanzkräftigen Partner. Den fand er in dem Kaufmann Richard Wagner aus Altenburg. Die neue Firma Grieben & Wagner kaufte ein Feldgrundstück an der Roßweiner Straße, auf dem sie 1866 zwei Fabrikgebäude errichtete. Als Wagner schwer erkrankte, übernahm der Kaufmann Franz Richter seine Firmenanteile. Die Fabrik wurde vergrößert, eine Dampfmaschine angeschafft und eine Eisengießerei gebaut. 1872 waren bereits 200 Arbeiter bei Grieben & Richter beschäftigt. Nach Grundstücksspekulationen Griebens musste Franz Richter ab 1874 die Firma allein weiterführen. Er eröffnete eine Vertriebsfiliale in Breslau und produzierte ein breites Spektrum landwirtschaftlicher Maschinen – von Pflügen und Sämaschinen über Dreschmaschinen bis hin zu Kartoffelrodern und Sortieranlagen. Das Geschäft entwickelte sich gut. 1904 übergab der Königlich Sächsische Kommerzienrat Franz Richter die Firmenleitung an seine beiden Söhne. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten 600 Beamte und Arbeiter in der Fabrik, die ihre landwirtschaftlichen Maschinen nicht nur in Deutschland verkaufte, sondern auch nach Frankreich, Italien, Rumänien und Russland exportierte.

Historische Lithografie des Werksgeländes von Franz Richter in Döbeln (Eisengiesserei u. Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen) aus dem Jahr 1884

Spezialisierung und Vielfalt der Metallindustrie

Neben diesen beiden Großbetrieben gab es weitere Unternehmen der Metallindustrie, die sich in Döbeln erfolgreich entwickelten. Ein echter Exportschlager waren zum Beispiel die Feuerspritzen der Firma Julius Müller. Ihre Anfänge hatte diese in der Niedermühle genommen. Auch der Umzug in die Bahnhofstraße 71 befriedigte das Expansionsbedürfnis nur kurz. 1901 kaufte man die Kyllsche Maschinenfabrik samt dazugehöriger Eisengießerei in der heutigen Schlachthofstraße und produzierte dort Feuerspritzen und Fäkalienabfuhrwagen. Die bald auch mit Motoren betriebenen Spritzen wurden bis nach China sowie nach Nord- und Südamerika verkauft.

Historische Werbeanzeige der Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller

Aus einer Kupferkesselschmiederei von Zilling & Voigt entstand in den 1890er-Jahren eine Fabrik für Zentralheizungen und gesundheitstechnische Einbauten wie Klosettanlagen, Badeeinrichtungen und Lüftungsanlagen, teilweise nach eigenen Patenten. Modernen Wohnkomfort aus Döbeln gab es schon bald im ganzen Königreich Sachsen. Die Firma Robert Katzschmann produzierte Gewächshäuser, Wintergärten, Pavillons und Fenster. Tischler, Glaser und Schmiede arbeiteten hier Hand in Hand. Wenige Jahre später reichten die vier zusammenhängenden Grundstücke am Niedermarkt und in der Brauhausgasse nicht mehr aus. Nach dem Umzug in die Waldheimer Straße wuchs die Firma weiter und wurde zu einem der größten Betriebe seiner Art. Ebenfalls nennenswert war die Fabrikation von Gasmessern. Emil Gleisberg gründete in der Salzgasse die „Sächsische Gasmesser- und Metallwarenfabrik“, die er 1902 in die vormals Glausnitzersche Tuchfabrik am Schützenplatz (heute Steigerhausplatz) verlegte.

In zahlreichen Firmen stellte man Blechwaren her. 1869 gründete Johannes Grossfuss seine Fabrik in der Sörmitzer Straße. Seit den 1880er-Jahren befand sich die Firma auf dem Burgstadel an der Kleinbauchlitzer Straße und produzierte dort Vogelkäfige, Ofenschirme, Kohlekästen und verschiedene Haushalts- und Küchengeräte.

Briefkopf der Firma aus dem Jahr 1903
Historisches Werbeblatt der Silberwaren-Fabrik Gebrüder Köberlin (Döbeln i. Sa., gegründet 1828) für „Saxonia-Alpacca-Bestecke“.

Bekannt für ihre lackierten Blechwaren war auch die Firma Max Knobloch. Zwischen der Bahnhof- und der Waldheimer Straße stellte man hier Briefkästen und Wirtschaftsfederwaagen her. Um die Genauigkeit der produzierten Waagen sicherzustellen, gab es extra ein Eichamt, welches der Stadt viele Jahre üppige Einnahmen bescherte. Die Metallwarenfabrik von H. W. Schmidt, zu beiden Seiten der Burgstraße und dicht beim Schlachthof gelegen, stellte Halbprodukte, besonders Blechgeschirr für Küche und Haushalt, her. Das Unternehmen Heinrich Wilhelm Schmidts startete 1864 als Klempnereigeschäft in der Johannisstraße. Die neue Fabrik exportierte ihre Produkte schon bald in Länder aller Kontinente und beschäftigte viele Arbeiterinnen und Arbeiter. Dem Erfolg dieses Unternehmens verdankte die Stadt auch verschiedene wohltätige und gemeinnützige Stiftungen des Gründers.
Seit 1828 war in Döbeln zudem die Silberwarenfabrikation ansässig. Eingeführt von Layritz, ging die Fabrik 1875 an die Gebrüder Köberlin über. Sie produzierten erst am Niedermarkt, später in einer Fabrik an der äußeren Bahnhofstraße silberne Löffel und Tafelbestecke, bald auch silberne Kunstgegenstände. Um 1900 begann man in der Silberwarenfabrik mit der Massenherstellung von Alpacca-Besteck.

Die Entwicklung zeigt exemplarisch, wie sich Döbeln innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem breit aufgestellten Industriestandort entwickelte. Neben einigen Großbetrieben entstand ein dichtes Netz hochspezialisierter Unternehmen, das die wirtschaftliche Stabilität der Stadt maßgeblich trug. Diese Vielfalt machte Döbeln vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber wirtschaftlichen Krisen und förderte Innovationen durch den Austausch verschiedener Branchen.

Die Eisenbahn als Motor des industriellen Aufschwungs

Zum entscheidenden Faktor für den industriellen Aufschwung Döbelns wurde die Eisenbahn. Mit den Strecken Chemnitz–Riesa (1852) und Leipzig–Meißen (1868) entwickelte sich die Stadt zu einem Bahnknotenpunkt. Die Eisenbahn veränderte die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Sie verkürzte Transportzeiten, senkte Kosten und erweiterte Absatzmärkte erheblich. Erst durch diese infrastrukturelle Revolution konnten viele Döbelner Betriebe ihre Produkte deutschlandweit und teilweise weltweit vermarkten. Infrastruktur erwies sich damit als ebenso bedeutend für die Industrialisierung wie technische Erfindungen.

1847 hielt, aus Riesa kommend, am Bahnhof Großbauchlitz der erste Zug in Döbeln. Der repräsentative Döbelner Hauptbahnhof (siehe Abbildung) wurde erst 1870 eröffnet.

Der 1857 realisierte Bau einer Gasbeleuchtungsanstalt zwischen Salzgasse und Mulde gab der Industrie spürbaren Auftrieb, da herkömmliche Petroleumlampen für die Ausleuchtung großer Fabrikhallen unzureichend waren. Im Jahr 1897 ging die Gasanstalt in städtischen Besitz über, gefolgt von der Inbetriebnahme eines Elektrizitätswerks im Jahr 1905. Ergänzt wurde diese Entwicklung durch das bereits 1888 an der Sörmitzer Straße errichtete erste Wasserwerk. Diese umfassende Modernisierung der Infrastruktur ging Hand in Hand mit einem rasanten Bevölkerungswachstum. Die Einwohnerzahl Deutschlands verdoppelte sich im 19. Jahrhundert; in Döbeln lebten 1815 noch 3.872 Menschen, im Jahr 1900 waren es bereits 17.749. Die Eisenbahn, der Aufbau kommunaler Versorgungsbetriebe und ein großes Angebot an Arbeitskräften bildeten die Grundlage für einen Wirtschaftsboom, der in Döbeln in den 1870er-Jahren begann und in den 1890er-Jahren ein besonders hohes Tempo aufnahm.

Zur besseren Orientierung finden Sie hier eine aktuelle Karte Döbelns mit dem Standort der verschiedenen Firmen, die im Text vorgestellt werden (Quelle: Openstreetmap, CC BY-SA).
Legende

1 - Fa. Liebert & Gürtler
2 - Zuckerfabrik Döbeln
3 - Döbelner Chemische Fabrik Oswald Greiner
4 - Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß
5 - Schokoladenfabrik Clemen & Sohn
6 - Silberwarenfabrik Gebr. Köberlin
7 - Metallwarenfabrik H.W. Schmidt
8 - Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller
9 - Feldschlösschenbrauerei Döbeln
10 - Fabrik feiner Lackier- und Metallwaren Max Knobloch
11 - Fa. Robert Katzschmann
12 - Ledermanufaktur Daniel Beck
13 - Vereinsbrauerei Döbeln
14 - Zigarrenfabrik Louis Sturm
15 - Metallwarenfabrik Robert Tümmler
16 - Zigarrenfabrik Otto Schmidt Nachf.
17 - Landmaschinenfabrik Franz Richter
18 - Dampfseifenfabrik Hermann Otto Schmidt
19 - Leder-Werke Guido Beck
20 - Hans Seidel Fabrik nichtrollender gummierter Papiere
21 - Fabrik feiner Holzwaren und Luxusmöbel Franz Dyhrsen

Die Genussmittelindustrie als neuer Wirtschaftszweig

Das starke Bevölkerungswachstum förderte auch die Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Neben Zigarren gewann Schokolade als Konsumgut an Bedeutung. Die Firma Clemen & Sohn ging auf die älteste Kolonialwarenhandlung der Stadt zurück und wurde über Generationen innerhalb der Familie weitergeführt. Manufaktur und Geschäftshaus lagen in der Königstraße 1 am Obermarkt; der Namenszug ist bis heute am Giebel zu erkennen. Als Firmenzeichen diente lange das Bild Johann Gottfried Clemens (1728–1785), der in Surinam als Kakaofarmer erfolgreich gewesen war. Als die Kapazitäten im Stammhaus nicht mehr ausreichten, errichtete das Unternehmen 1911 eine Fabrik in der Reichensteinstraße. In den Jahren 1922/23 entstand nach Entwürfen des Architekten Werner Retzlaff auf dem Betriebsgelände neben der alten Fabrik ein monumentaler Neubau. Dort arbeiteten bald rund 100 Menschen. In der kunstvollen Architektur der Fassade spiegelte sich der Anspruch wider, Fabrikbau mit repräsentativer Schönheit zu verbinden – ein Anspruch, der im detailreichen Giebel seinen gestalterischen Höhepunkt fand.

Zeichung der alten (li.) und der neuen Schokoladenfabrik (re.)*

Gleich nebenan in Kleinbauchlitz begann 1882 eine andere Erfolgsgeschichte der Döbelner Nahrungsmittelindustrie. Hier wurde die Zuckerfabrik Döbeln A.-G. gegründet, und es entstand in der Folge die drittgrößte Zuckerfabrik Deutschlands. Das Unternehmen arbeitete mit 690.000 Mark Aktienkapital. Viele Großbauern der Umgebung hielten Anteile und bauten Zuckerrüben an, die hier verarbeitet wurden. Die Fabrik hatte einen direkten Gleisanschluss zum Döbelner Hauptbahnhof und via Kleinbahn zum Bahnhof Großbauchlitz. Die Logistik verbesserte sich nochmals, als 1911 eine Kleinbahn zwischen Lommatzsch und Döbeln, die man „Zuckerrübenbahn“ nannte, fertiggestellt wurde. In Hochzeiten arbeiteten in der Döbelner Zuckerfabrik 300 Arbeiter. In 24 Stunden konnte man 18.000 Zentner Rüben verarbeiten und täglich rund 2.500 Zentner Zucker herstellen. Diese beeindruckende Produktivität erreichte man durch eine enge Verbindung zwischen wissenschaftlicher und kaufmännisch-technischer Praxis.

Zeichnung der Zuckerfabrik, um 1890

Die Garnison als Wirtschaftsfaktor

Die Ansiedlung einer Garnison in Döbeln 1887 entwickelte sich für eine Kleinstadt zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Konjunkturprogramm. In einer Epoche, in der das Militär gesellschaftlich tief verwurzelt war und staatliche Aufrüstung oberste Priorität besaß, veränderte der Einzug einer Garnison das lokale Wirtschaftsleben oft von Grund auf. Der Aufschwung begann dabei schon lange vor dem Eintreffen der ersten Soldaten mit einem gewaltigen Bauboom. Die Errichtung eines großen Kasernenkomplexes mit Mannschaftshäusern, einer Reithalle, einem Lazarett und Stallungen erforderte erhebliche logistische Anstrengungen, von denen das ansässige Handwerk stark profitierte. Maurer, Zimmerer, Dachdecker und Schlosser erlebten eine Phase der Hochkonjunktur, während Ziegeleien und Sägewerke der Umgebung unter Volllast arbeiteten. Hand in Hand mit dem Kasernenbau ging der Ausbau der städtischen Infrastruktur; Straßen wurden gepflastert, Wasserleitungen verlegt und die Energieversorgung modernisiert, was der gesamten Stadt langfristig zugutekam.

Ein beispielloses Konjunkturprogramm für die Kleinstadt: Der Bau und die Unterhaltung der Döbelner Kasernenkomplexe ab 1887 lösten in Döbeln einen Bauboom aus und belebten das lokale Handwerk und Dienstleistungsgewerbe über Jahrzehnte.

Mit dem feierlichen Einzug des Regiments änderte sich auch die Demografie der Kleinstadt schlagartig, da anfangs hunderte, später tausende kaufkräftige junge Männer den lokalen Markt belebten. Für die Versorgung der Truppe vergab die Militärverwaltung krisensichere Großaufträge an örtliche Bäcker, Fleischer und Mühlen, während die Landwirte der Region feste Abnehmer für Hafer und Heu zur Fütterung der Dienstpferde fanden. Auch das Dienstleistungsgewerbe blühte auf: Schneider, Schuster und Barbiere verzeichneten dauerhafte Auftragszuwächse. Insbesondere an den Wochenenden profitierte die Gastronomie spürbar vom Ausgang der Soldaten. Brauereien, Gaststätten und Tabakwarenhändler freuten sich über deutliche Umsatzsteigerungen. Gleichzeitig brachten das gut besoldete Offizierskorps ein gehobenes, anspruchsvolles Publikum in die Provinz, das den lokalen Einzel- und Luxuswarenhandel ankurbelte. Da der Staat als verlässlicher Auftraggeber hinter der Garnison stand, erwies sich die Kaserne als vergleichsweise verlässliche wirtschaftliche Grundlage, die Döbeln wirksam vor den Schwankungen der Industriemärkte schützte und den Weg der Stadt in die Moderne maßgeblich beschleunigte.

Brauwesen und Gastronomie im Industriezeitalter

Von der Garnison profitierte auch das Brauereigewerbe. Die Vereinsbrauerei A.-G., die Feldschlösschenbrauerei und die Döbelner Brauunion e. G. teilten den Markt unter sich auf. Die Vereinsbrauerei ging aus der alten Braukommune hervor. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts durfte in Döbeln und innerhalb einer Wegemeile nur deren Bier ausgeschenkt werden. Zwischen Bäckerstraße und Brauhausgasse entstand zu Beginn des Jahrhunderts eine größere Brauerei. 1816 kamen ein Sud- und Malzhaus, 1819 ein langes Kellergebäude hinzu; später wurde ein Felsenkeller in den Schlossberg gebaut.

Historische Werbeanzeige der Vereinsbrauerei Döbeln i. S. Aktien-Gesellschaft, die ihre "hochfeinen Biere" anpreist.

Aus der alten Braukommune bildete sich 1860 die Braugenossenschaft, die 1880 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Die gute alte Zeit endete für die eingesessenen Bierbrauer, als 1873 das Brauurban abgelöst wurde. Fortan stand das Brauen grundsätzlich auch neuen Anbietern offen. Diese Möglichkeiten wurden rasch genutzt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnen in Döbeln zahlreiche Kneipen, Gaststätten und Restaurants, deren Kundschaft maßgeblich auch aus den Soldaten und Offizieren des in Döbeln ansässigen Regiments bestand.

Eduard Rühles Geschäft am Theaterplatz mit der "Corsetfabrikation" im Hinterhaus. (KI-generiertes Foto nach einer Zeichnung v. 1910)**

Spezialisierung auf neue Industriezweige

Neben den großen Leitbranchen entstanden zahlreiche hoch spezialisierte Unternehmen, die das industrielle Profil Döbelns weiter verbreiterten.

Auf eine interessante Schnittstelle zwischen metallverarbeitender und Textilindustrie setzte Eduard Rühle. Er eröffnete 1894 im Hinterhof seines Hauses am damaligen Theaterplatz (heute Bahnhofstraße 1) mit zwölf Näherinnen eine Korsettfabrikation. Die Hinterhofproduktion konnte den Bedarf schon bald nicht mehr decken. 1919 startete man in der heutigen Eichbergstraße als „Döbelner-Reform-Corset-Fabrik Rühle & Jehmlich“ mit der Großproduktion. Reco-Mieder waren begehrt. 1926, Willy Jehmlich war inzwischen Alleininhaber, beschäftigte die Firma 246 Angestellte. Eine weitere innovative Idee hatten die Gebrüder Seidel. Sie waren bis 1911 in der Chromopapierfabrik Leipzig beschäftigt, zogen im selben Jahr nach Döbeln und gründeten hier in der Sörmitzer Straße die Firma „Hans Seidel – Fabrik nichtrollender gummierter Papiere“.

Die Vielfalt der holzverarbeitenden Industrie

Eine breite Palette an Firmen bot auch die holzverarbeitende Industrie der Muldestadt: die Luxusmöbelfabrik Franz Dyhrsen (1866), die Parkettfabrik Julius Größler (gegr. 1898), die Jalousie- und Fensterbaufabrik Gebr. Petzold (gegr. 1882) oder die Holzwarenfabrik Max Habenicht (gegr. 1919), die Stickrahmen und Hutschachteln aus Sperrholz herstellte.

Historischer Rechnungskopf der Fabrik feiner Holzwaren und Luxus-Möbel Franz Dyhrsen (Döbeln i. S., gegründet 1866) vom 12. März 1901 mit einer Ansicht des Werksgeländes und mehreren Preismedaillen.

Auch die Pianofortefabrik, die F. W. Werner 1845 gründete und die den Musikinstrumentenbau nach Döbeln brachte, setzte auf den Werkstoff Holz. In der Döbelner Wagenfabrik Emil Zander (gegr. 1882) bauten anfangs Stellmacher, Schmiede, Schlosser, Sattler und Lackierer Pferdekutschen, Schlitten und Leichenwagen, später Karosserien für Automobile. In ganz Deutschland bekannt war die Döbelner Fassfabrik Haupt & Co. 1850 als Schauersche Fassfabrik in der Sörmitzer Straße gegründet, stellte man hier neben Fässern für Brauereien und Brennereien auch Stapeltürme für Papier- und Zuckerfabriken sowie für die chemische Industrie her. Die Fassfabrik ist ein gutes Beispiel dafür, dass es in Döbeln ganze Wertschöpfungsketten gab. Die Fassfabrik stellte die Bierfässer her, in der Emaillepech-Fabrik Schwerdtfeger & Böttger (gegr. 1889) entwickelte man ein ganz besonders gutes Brauerpech, das die Innenseiten der Fässer imprägnierte und verhinderte, dass das Eichenholz den Geschmack des Bieres negativ beeinflusst. Diese Döbelner Fässer wurden dann mit in Döbeln gebrautem Bier gefüllt und das wurde an Döbelner Gasthäuser verkauft. So entstand ein perfekt aufeinander abgestimmtes, lokales Wirtschaftssystem, das von der Produktion bis zum Genuss komplett in Döbelner Hand lag.

Die Holzindustrie zeigt exemplarisch, wie eng die verschiedenen Wirtschaftszweige Döbelns miteinander verflochten waren. Aus lokalen Rohstoffen entstanden Vorprodukte und Enderzeugnisse, die wiederum anderen Betrieben als Grundlage dienten. So entwickelte sich ein regionales Wirtschaftsgefüge mit kurzen Wegen und hoher gegenseitiger Abhängigkeit.

Die Entwicklung der chemischen Industrie

Neben der Emaillepech-Fabrik prägten weitere Firmen der chemischen Industrie die Stadt. Besondere Bekanntheit über die Grenzen Döbelns hinaus erlangte die 1876 gegründete Dampf-Seifenfabrik von Hermann Otto Schmidt. Ihr Benzin-Seifenpulver und die „Echte Döbelner Terpentin-Schmierseife“ erfreuten sich im gesamten Königreich Sachsen großer Beliebtheit. Die Fabrik hatte ihre Ursprünge am Niedermarkt und der Breiten Straße. Bald schon brauchte man einen neuen Standort, weil der Seifensiederei-Handbetrieb einer modernen Fertigung weichen musste. Die Fabrik, die man 1903 an der Roßweiner und der Rößchengrundstraße baute, war eine der modernsten in Deutschland. Vieles war hier mechanisiert und erinnerte schon an einen Betrieb der chemischen Industrie. Die Seife wurde in flüssigem Zustand hergestellt, dann abgekühlt und in Paletten und Riegeln geformt, geschnitten, getrocknet, gepresst und verpackt. Die neue Fabrik konnte 100 Zentner Stückseife aus flüssigem Zustand in zwei Tagen versandfertig herstellen. Die alte Seifensiederei hätte hierfür vier Wochen benötigt.

Klein waren auch die Anfänge der Chemischen Fabrik Oswald Greiner. 1874 als Dachdeckerfirma mit dazugehörigem Großhandel gegründet, befasste sich die Firma seit 1888 wegen des enorm steigenden Bedarfs in einer auf dem Burgstadel neu erbauten Fabrik mit der Herstellung von Dachpappe sowie der Teerdestillation. Jährlich wurden acht Millionen Kilogramm Rohteer verarbeitet, die durch 13 eigene Kesselwagen aus 40 Gasanstalten bezogen wurden. Greiner destillierte daraus Benzol, stellte Salmiakgeist, Naphthalin und Karbolsäure her. Es wurden etwa eine Million Quadratmeter Dachpappe im Jahr mit Teer getränkt, außerdem Isoliermasse und Faserkitt hergestellt. Einen Kaltanstrich mit dem Namen Greinerol gab es in großen Fässern. Die Firma Oswald Greiners gehörte bei der Herstellung von Papp- und Holzzementdächern und bei der Ausführung von Asphaltierungen und Isolierungen von Brücken, Gewölben und Kellern zu den Marktführern in Deutschland. Die Fabrik im Döbelner Westen hatte schon bald gewaltige Ausmaße. Die Arbeitsbedingungen in der Produktion waren der Gesundheit nicht zuträglich. Aber Greiner kümmerte sich auch um seine Mitarbeiter. So ging zum Beispiel die Greinersiedlung an der Leipziger Straße auf den Firmengründer zurück. Damit seine Arbeiter schnell zur Fabrik gelangen konnten, baute er sogar eine Fußgängerbrücke über die Mulde. Erst 2010 wurde der Greinersteg wegen Baufälligkeit abgerissen.

Der kunstvoll gestaltete Rechnungskopf der „Döbelner Dachpappen-, Holzzement- u. Asphalt-Fabrik Oswald Greiner“ aus dem Jahr 1894 unterstreicht mit verschiedenen Patentnummern und modernen Kontaktmöglichkeiten wie Telefon und Telegramm die Innovationskraft des Unternehmens.

Mit der chemischen Industrie erreichte die Industrialisierung eine neue Entwicklungsstufe. Wissenschaftliche Erkenntnisse, technische Verfahren und industrielle Großproduktion rückten nun enger zusammen als zuvor.

Um die Jahrhundertwende hatte sich Döbeln von einer handwerklich geprägten Kleinstadt zu einem vielseitigen Industriestandort entwickelt. Metallverarbeitung, Nahrungs- und Genussmittelindustrie, Holzverarbeitung sowie die chemische Industrie bildeten gemeinsam das wirtschaftliche Fundament der Stadt. Moderne Infrastruktur, leistungsfähige Verkehrsverbindungen und unternehmerischer Innovationsgeist hatten einen beispiellosen Aufschwung ermöglicht. Die wirtschaftliche Entwicklung schien auf einem nachhaltigen Erfolgskurs zu sein. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 endete diese Phase jedoch abrupt. Fortan bestimmten Krieg, politische Umbrüche und tiefgreifende wirtschaftliche Krisen die weitere Entwicklung der Döbelner Industrie.

II. Krieg, Diktatur und Planwirtschaft (1914–1990)

Wirtschaftliche Vielfalt und moderner Maschinenbau

Die bemerkenswerte Vielfalt der wirtschaftlichen Unternehmungen in Döbeln hatte zur Folge, dass Krisen in einem Bereich der Wirtschaft nicht alles erschütterten. Schnell fanden die arbeitslos Gewordenen Stellen in anderen Bereichen. 1914 gab es in Döbeln 345 Betriebe mit über 4.000 Arbeitern. Die meisten arbeiteten in Kleinbetrieben mit unter 10 Beschäftigten. Auch das machte den Döbelner Arbeitsmarkt krisenfest.

Die wirtschaftliche Vielfalt verlieh der Stadt zwar eine hohe Anpassungsfähigkeit gegenüber konjunkturellen Schwankungen. Gegen die tiefgreifenden politischen und militärischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts bot jedoch auch sie keinen Schutz. Auch für die Döbelner Wirtschaft waren der Erste Weltkrieg, die Umstellung von Friedens- auf Kriegs- und anschließend von Kriegs- auf Friedenswirtschaft, die Hyperinflation und das sächsische Krisenjahr 1923 gravierende Einschnitte. Am 6. August 1923 kam es auch in Döbeln aufgrund steigender Lohnforderungen infolge der Inflation zu massiven Arbeitsniederlegungen. Die „revolutionäre Ortsverwaltung“ der Metallarbeiter rief zum Streik auf. Insgesamt beteiligten sich 2.553 Arbeiter aus 24 Betrieben – der bis dahin größte Streik in Döbeln.

Zehn-Milliarden-Mark-Schein der Stadt Döbeln vom 23. Oktober 1923: Dieser Geldschein aus der Zeit der Hyperinflation in Deutschland ist ein Zeugnis der wirtschaftlichen Not, die die Stadt Döbeln dazu zwang, eigene Währungseinheiten herauszugeben.
Historische Werbeanzeige der Metallwarenfabrik Rob. Tümmler: Vorgestellt werden Produktgruppen wie Möbel-, Bau- und Auto-Beschläge sowie Metall-Stative, versehen mit den damaligen Slogans „Edelste Formen“, „Qualitäts-Arbeit“ und „Weltbekannt“ nebst dem prägnanten Firmenlogo (RT).

Soziale Unruhen, Material- und Arbeitskräftemangel, Absatzprobleme und Exportschwierigkeiten minderten die Produktivität. Doch die Wirtschaft erholte sich wieder. Ausgewählte Bereiche erlebten sogar einen Aufschwung.

In den 1920er-Jahren erweiterte die Landmaschinenfabrik Franz Richter ihre Produktpalette erheblich: Sie fertigte Gespann- und Traktoranhängepflüge, Eggen und Walzen, Breitsä- und Drillmaschinen, Hackmaschinen und Häufelpflüge, Gabel- und Trommelwender sowie Heu- und Getreiderechen. Auch Kartoffelroder, Rübenheber, Dreschmaschinen aller Art, Sortier-, Wasch- und Schneidegeräte sowie Jaucheverteiler gehörten zum Sortiment. Damit deckte der Betrieb fast den gesamten Bedarf der modernen Landwirtschaft ab und stieg zu einer der bedeutendsten Landmaschinenfabriken Deutschlands auf.

Den Grundstein für den späteren Aufstieg der Metallwarenfabrik Robert Tümmler zum Automobilzulieferer legte bereits der Gründer Robert Tümmler, der 1898 innerhalb seiner Fabrik eine eigene Maschinenbau-Abteilung ins Leben rief. Diese wurde 1917 als Maschinenfabrik Gebr. Tümmler selbstständig und sicherte der Metallwarenfabrik die entscheidende technologische Unabhängigkeit. Dank dieses hauseigenen Maschinenbaus konnte das Unternehmen extrem flexibel auf technische Neuerungen reagieren und maßgeschneiderte Produktionsanlagen entwickeln. Auf diesem starken Fundament gelang es Erhardt Tümmler in den 1920er-Anfängen, mutig auf den aufstrebenden Fahrzeugbau zu setzen: Die Fabrik fertigte nun hochpräzise Beschlagteile für Autokarosserien und avancierte rasch zu einem der führenden Zulieferbetriebe für Opel, Ford, Daimler-Benz, Horch und später die Auto-Union. Mit diesem Schritt gelang Tümmler eine weitsichtige Diversifizierung, die das Produktportfolio gezielt verbreiterte und dem Betrieb auch in wirtschaftlich unruhigen Zeiten Stabilität verlieh.

Historische Werbeanzeige der Werkzeugmaschinenfabrik Liebert & Gürtler

1919 kam in Döbeln eine weitere Maschinenbaufirma dazu, die die Industriegeschichte der Stadt nachhaltig prägte. Die zwei Chemnitzer Ingenieure Johannes Liebert und Artur Gürtler gründeten in Ebersbach eine Fabrik, die Drehbänke herstellte. 1929 hatte die Werkzeugmaschinenfabrik Liebert & Gürtler schon 80 Mitarbeiter, 1934 zog man in die Döbelner Alexanderstraße. In den 1940er-Jahren war die Mitarbeiterzahl auf 350 gestiegen, die legendäre VDF-Einheitsdrehbank war ein Verkaufshit.

So bewies die Döbelner Industrie, dass sie nicht nur einfache Metallwaren herstellen konnte. Mit der Fertigung komplexer Präzisionsmaschinen setzte sie einen Meilenstein für echten technologischen Pioniergeist.

Die Döbelner Industrie im Zweiten Weltkrieg

Die Normalisierung der ökonomischen Rahmenbedingungen nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation bescherten Sachsen eine kurze, intensive Modernisierungsphase (1924–1929): die „Goldenen Zwanziger“. Sachsen gilt als „Wetterwinkel der Konjunktur“. Die sächsische Wirtschaft war extrem stark auf den Export und Konsumgüter (z. B. Textilien, Automobilbau) ausgerichtet. In Aufschwungphasen wiesen sächsische Konsumgüter- und Exportindustrien deutschlandweit hohe Wachstumsraten auf. In Krisen traf es die Region jedoch umso härter.

Gleichzeitig nutzten nationale und völkische Kräfte diese Jahre der Umbrüche, um sich zunehmend zu organisieren und mobilzumachen – ein Erstarken der radikalen Rechten, das den Aufstieg der NSDAP und Adolf Hitlers bereits früh Schatten vorauswerfen ließ.

Demonstration des Roten Frontkämpferbundes in der Döbelner Staupitzstraße Mitte der 1920er-Jahre*
Im zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl am 26. April 1925 unterstützte die im Frühjahr 1925 neugegründete NSDAP im Rahmen des rechten Bündnisses ‚Reichsblock‘ die Kandidatur Paul von Hindenburgs. Auf dem Foto sieht man an der Einmündung der heutigen Straße ‚Am Steigerhaus‘ in die Burgstraße paradeartige Aufstellungen paramilitärischer rechter Verbände, darunter Deutschnationale und Nationalsozialisten. Hindenburg gilt der Geschichtswissenschaft später als maßgeblicher ‚Steigbügelhalter‘ Hitlers.

Der New Yorker Börsencrash im Oktober 1929 stoppte den Aufschwung abrupt. Mit der Weltwirtschaftskrise wurden die ökonomischen Rahmenbedingungen wieder schwierig. Der plötzliche Einbruch von Exportmärkten und Krediten führte zu Fabrikschließungen und einer dramatisch hohen Arbeitslosigkeit. Die sozialen Folgen waren katastrophal. Teile der Bevölkerung lebten in bitterer Armut.

Die Wirtschaftskrise verfestigte sich schon bald zur Staatskrise. Die Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 brachte Verbesserungen am Arbeitsmarkt, bedeutete jedoch auch das Ende der freien Marktwirtschaft. Trotz privaten Eigentums wurde die Wirtschaft stark staatlich gelenkt, wobei Wirtschaftsführer oft kooperierten. Der wirtschaftliche Aufschwung beruhte jedoch nicht auf einer dauerhaft tragfähigen Entwicklung, sondern auf einer schuldenfinanzierten Staatskonjunktur, die von Beginn an auf Aufrüstung und Kriegsvorbereitung ausgerichtet war.

Begünstigt wurde diese Entwicklung zudem durch die einsetzende weltwirtschaftliche Erholung nach dem Tiefpunkt der Krise. Durch gigantische Staatsaufträge an die Industrie und die Wiedereinführung der Wehrpflicht sank die Arbeitslosigkeit zwar drastisch. Dieser Effekt wurde allerdings durch die Zerschlagung der Gewerkschaften, das Einfrieren der Löhne sowie den bewussten Ausschluss von Frauen und jüdischen Bürgern aus der Arbeitslosenstatistik künstlich verstärkt. Der wirtschaftliche Aufschwung beruhte auf einer massiven Staatsverschuldung und einer konsequenten Ausrichtung der Wirtschaft auf die Rüstungsproduktion. Damit war das nationalsozialistische Wirtschaftsmodell untrennbar mit der Vorbereitung eines Eroberungs- und Vernichtungskrieges verbunden.

Verschiedene Versionen des MG 42 im Panzermuseum Munster. Rechts hinten Fliegerdreibein, unten lafettiert als sMG

Auch die Döbelner Unternehmen blieben von dieser Entwicklung nicht unberührt. Die zunehmende staatliche Lenkung der Wirtschaft und die Ausrichtung auf die Rüstungsproduktion veränderten innerhalb weniger Jahre die Produktionsprogramme zahlreicher Betriebe grundlegend. Spätestens mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stand auch die Döbelner Wirtschaft vor großen Herausforderungen. Viele Betriebe wurden auf Kriegsproduktion umgestellt. Ein Beispiel hierfür ist die Geschichte der Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Grossfuss. Die Produktion umfasste anfangs hauptsächlich lackierte Blechwaren wie Beistelltische, Schränke, Ofenschirme und Kohlenkästen. 1937 erhielt die Firma vom Heereswaffenamt als eines von drei Unternehmen den Auftrag zur Weiterentwicklung des MG 34. Bei Grossfuss arbeitete damals Dr. Werner Gruner. Er hatte am Döbelner Staatsrealgymnasium sein Abitur abgelegt, danach ein Ingenieurstudium in Dresden absolviert und war bei Grossfuss als Serienfertigungsspezialist eingestiegen. Hier entwickelte er ein Maschinengewehr, das von der deutschen Wehrmacht ab 1942 im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Gruner gelang als erstem Ingenieur die Massenfertigung eines Gewehres im Blechprägeverfahren. Das MG 42 wurde im Wesentlichen aus Stanz- und Umformteilen hergestellt. So konnte die Waffe schnell, preiswert und in großen Mengen produziert werden. Die Geschichte der Firma Grossfuss stand beispielhaft für die Transformation der Döbelner Wirtschaft in Zeiten des Zweiten Weltkrieges.

Die Rüstungsproduktion in Deutschland wurde durch die Ausbeutung besetzter Gebiete und den flächendeckenden Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen aufrechterhalten. Ab 1943 wurde unter Albert Speer ein „totaler Kriegseinsatz“ der Wirtschaft forciert, um die Rüstungsproduktion trotz alliierter Bombenangriffe zu maximieren.

Im Militärmuseum Helsinki (Sotamuseo) ausgestellte Panzerfaust 30. Diese wurden 1944 aus Deutschland an die finnische Armee geliefert.

Auch in den Tümmler-Werken, der größten Döbelner Firma, hatte der Krieg sofort weitreichende Folgen. Die massive Wiederaufrüstung Deutschlands nach 1933 eröffnete wirtschaftliche Perspektiven für eine Stabilisierung der Firma nach der Weltwirtschaftskrise, die auch bei Tümmler zu Massenentlassungen geführt hatte. Seit 1936 nahm man erste Rüstungsaufträge an. Noch lief diese Produktion ergänzend zum Hauptgeschäft. Doch nach Beginn des Krieges wurde die Friedensproduktion sukzessive zurückgefahren. Tümmler baute fortan Tellerminen, Panzerfäuste, Munitionskästen, Geschosskörbe sowie Teile für Bombenabwurfgeräte und Torpedos. Der letzte Inhaber Erhard Tümmler gehörte der NSDAP an und wurde im November 1942 zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Im April 1945 hatte die Firma fast 2.000 Beschäftigte. Darunter waren 550 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.

Die Geschichte der Döbelner Industrie zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg niemals losgelöst von seinem politischen Umfeld betrachtet werden kann. Technische Innovationen und steigende Produktionszahlen standen während der NS-Diktatur vielfach im Dienst einer verbrecherischen Kriegswirtschaft. Unternehmerisches Handeln war in dieser Zeit eng mit den politischen Zielsetzungen des Regimes verflochten.

Das Döbelner Rathaus am 1. Mai 1946: Russische Losungen (1) und Symbole der Sowjetunion verdeutlichen den politischen Neuanfang unter sowjetischer Besatzung. Der „Rote Platz“ wurde in dieser Zeit zum sichtbaren Ausdruck der neuen Machtverhältnisse.*

Besatzungszeit, Enteignung und Volkseigentum

Am 6. Mai 1945 besetzten sowjetische Truppen Deutschland. Der Krieg war verloren. Schon im Befehl Nr. 1, § 2 des sowjetischen Ortskommandanten Döbelns wurde am 15.05.1945 festgelegt: „Alle Betriebe haben ihre Arbeit fortzusetzen.“ Man hatte ein Interesse einerseits an einer schnellen Normalisierung der Situation, andererseits ließ man von Anfang an keinen Zweifel daran, dass man die sowjetische Besatzungszone nach eigenen Prinzipien umzugestalten gedachte. Auch der Wiederaufbau der zerstörten sowjetischen Wirtschaft stand im Fokus. In zahlreichen Döbelner Betrieben kam es zu Demontagen, um Reparationsleistungen zu erfüllen. Dies betraf zum Beispiel die Betriebe Grossfuss, Tümmler, Richter, Liebert & Gürtler, H. W. Schmidt und Neider. Eine deutsche Mitsprache war nicht vorgesehen. Der Volksentscheid in Sachsen über die entschädigungslose Enteignung der gewerblichen Betriebe von aktiven Nationalsozialisten und Kriegsverbrechern vom 30. Juni 1946 wies die Richtung der weiteren Entwicklung. 79,6 Prozent der Wähler in Döbeln stimmten für eine Enteignung. In der Folge wurden die betroffenen Betriebe in drei Kategorien unterteilt: Liste A erfasste die Unternehmen als belastet eingestufter Eigentümer, die der Enteignung unterlagen. Betriebe auf Liste B hingegen stammten von nicht oder nur gering belasteten Besitzern und sollten an diese zurückgegeben werden. Liste C schließlich umfasste jene Unternehmen, die unter der direkten Kontrolle der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) verblieben und vorrangig der Erbringung von Reparationsleistungen dienten. Durchgesetzt wurde die Enteignung vorerst nur teilweise. Wahrscheinlich war man überfordert und wollte vor allem auch die Produktion wieder ankurbeln. So gingen die Firmen Knobloch, Greiner und Dyhrsen vorerst wieder an ihre Besitzer zurück. Infolge der Enteignungen und Verstaatlichungen von Privatunternehmen musste eine geeignete Rechtsform für Industrie- und Dienstleistungsbetriebe gefunden werden. Die neuen Betriebe wurden volkseigene Betriebe (VEB) und erhielten neue Namen.

Prospektdeckblatt der Vielzweck-Haushaltsmaschine „Libelle“ (Doblina-Erzeugnis): Das Prospekt zeigt das Grundgerät (220 Volt / 440 Watt Allstromgerät) nebst den vielseitigen Aufsätzen wie Mixer, Entsafter, Fleischwolf und Reibe.

Die Umgestaltung zur sozialistischen Planwirtschaft

Die Döbelner Wirtschaft stabilisierte sich nach dem Krieg vergleichsweise rasch. Da viele Männer im Krieg gefallen waren, könnte man denken, dass es in der Stadt einen großen Arbeitskräftemangel gegeben hätte. Dem war nicht so. Durch die zahlreichen Heimatvertriebenen aus Schlesien oder Ostpreußen wuchs die Döbelner Bevölkerung. Waren es 1945 noch 24.777 Bürger, zählte man 1946 schon 28.800 und 1950 31.037 Menschen.

Zentralisierung und Planwirtschaft als neue Prinzipien der sozialistischen Wirtschaft sollten in der ganzen DDR umgesetzt werden. Dem Ersten Fünfjahresplan (1951 – 1955) des neuen Staates folgend, förderte man nach sowjetischem Vorbild besonders die Schwerindustrie. Das hatte allerdings zur Folge, dass die Versorgung mit Konsumgütern schwächelte. Die anhaltenden Versorgungsengpässe waren ein Grund für den Arbeiteraufstand 1953, der die junge Republik erschütterte. Der Aufstand wurde zwar mit sowjetischen Panzern niedergeschlagen, aber man hatte verstanden, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern des täglichen Bedarfs für den sozialen Frieden existenziell ist. Die Döbelner Wirtschaft, erkannte man schnell, könnte hier eine exponierte Rolle spielen. Ein Firmenzusammenschluss sollte dafür die Basis bilden. 1956 gründete man den VEB DBM (Döbelner Beschläge und Metallwerk). Der VEB Metall- und Kunststoffbeschläge in der Schillerstraße (vormals Robert Tümmler, nach dem Krieg kurz VEB TEWA) fusionierte mit dem VEB Metallwarenfabrik (MEWA) Döbeln in der Burgstraße (vormals H. W. Schmidt) und dem VEB Metallwarenfabrik (MEBA) Döbeln in der Grimmaischen Straße (vormals Grossfuss). Anfangs setzte man auf die traditionellen Produkte, die die Firmen schon immer hergestellt hatten. Da die Waffenproduktion im ehemaligen Grossfuss-Werk nach dem Krieg eingestellt wurde, stellte man hier Kinderfahrzeuge her und ab den 1950er-Jahren die Küchengeräte „Imme“, „Libelle“ und „Mixette“, die schon bald in der DDR weite Verbreitung fanden. Damit konnte die DDR-Industrie den elektrischen Küchengeräten von Siemens, Bosch und Miele etwas entgegensetzen. Die Produkte sollten zeigen, dass die DDR-Industrie technisch mithalten konnte.

AK-47 Typ II: Das AK bei AK-47 steht für das russische Awtomat Kalaschnikowa, auf Deutsch „automatisches Gewehr Kalaschnikow“.

Die Verschärfung des Kalten Krieges in den 1960er-Jahren und der Mauerbau 1961 hatten auch Einfluss auf die Döbelner Industrie. Zwar wurde der Arbeitskräfteabfluss in den Westen gestoppt, was die Wirtschaft stabilisierte, aber die Abschottung und Isolation wirkten sich negativ aus. Abgrenzung vom Westen und Verteidigungsbereitschaft waren die ideologischen Prämissen, die auch die Wirtschaftspolitik der DDR bestimmten. So erinnerten sich die Wirtschaftslenker an die Tradition des Waffenbaus in Döbeln und beauftragten den VEB DBM mit einer sog. „Speziellen Produktion“, in deren Rahmen Teile für das Maschinengewehr Kalaschnikow (AK 47) gefertigt wurden.

Historische Zigarrenschachtel der Marke "JAGDKAMMER": Collage mit Detailansichten; unten: Deckelansicht mit Geweih und Preismarken (30 Pf.), oben links: Stirnseite, oben rechts: Hersteller-Etikett des VEB Leisniger Zigarrenfabriken, Zweigbetrieb Döbeln.

Zwischen Mangelwirtschaft und Improvisation

Trotz aller Bemühungen war die DDR-Wirtschaft auch immer wieder auf Improvisation angewiesen. Das Abgeschnittensein vom Weltmarkt führte zu permanenten Mangelsituationen, und die machten erfinderisch. Exemplarisch lässt sich dies an der Zigarrenindustrie verdeutlichen. Deren Blütezeit in Döbeln war längst vorüber, aber Zigarrenraucher gab es natürlich auch in der DDR. Im VEB Zigarrenfabrik Döbeln wurden die Sorten Don Pedro, Record, Trumpf, Extra, Resonanz und Jagdkammer hergestellt. Sogar drei Sorten Schnupftabak, darunter „Menthol-Snuff“ für die Delikatläden der DDR, hatte man im Angebot. Die Wiederbelebung der Döbelner Zigarrenindustrie nach dem Krieg basierte vor allem darauf, dass die Lager leer und Tabakimporte unmöglich waren. An Abnehmern mangelte es hingegen nicht. Zigaretten und Zigarren waren für viele das inoffizielle Nachkriegszahlungsmittel. Schon der Befehl Nr. 3 der sowjetischen Militäradministration forderte zum Tabakanbau auf. Das war die Geburtsstunde des VEB Rohtabak Döbeln. In einer Scheune der Landmaschinenfabrik begann man mit Anbauberatung, Aufkauf und Fermentierung. Schon bald bauten 15.000 Lieferanten in und um Döbeln Tabak an. Mitunter wurden kleinste Flächen in Kleingärten, an Bahndämmen und Feldrainen genutzt. Bereits 1949 produzierte man 581 Tonnen Tabak. Es gelang danach, den Anbau zu konzentrieren, die Zahl der Anbauer zu senken und langfristige Lieferverträge abzuschließen. 1979 produzierte der Döbelner Betrieb mit 850 Anbauern 15.051 Tonnen fermentierten Rohtabak und führte 1,9 Millionen Mark Gewinn an den Staatshaushalt ab. Zu 70 Prozent ging der Rohtabak in den Export; selbst große Tabakerzeuger wie die USA kauften in Döbeln ein.

Kombinate und Zentralisierung der Industrie

Der VEB DBM erwies sich als leistungsfähiger Produktionsbetrieb Döbelns. Im Juli 1968 erhielt der Betrieb eine zentrale Stellung: Es entstand das VEB-Kombinat Schlösser und Beschläge Döbeln mit dem heimischen DBM als Stammbetrieb, das 1970 an unterschiedlichen Standorten nahezu 5.000 Mitarbeiter beschäftigte. Am 1. Januar 1979 wurde der VEB DBM ein Betrieb des VEB IFA-Kombinats Personenkraftwagen Karl-Marx-Stadt. Das Unternehmen stellte fortan Fahrzeugschlösser, Fahrzeugbeschläge und Zünd-Anlass-Lenkschlösser für die gesamte Pkw-Palette der DDR her. Später produzierte man auch die Doblina-Sicherheitsgurte (Statiksicherheitsgurte und Automatiksicherheitsgurte), die in den Pkw Trabant und Wartburg verbaut wurden. Döbeln wurde zu einem wichtigen Zulieferer der DDR-Autoindustrie.

Messeschild des VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk: Das Schild zeigt die Zugehörigkeit zum IFA-Kombinat Personenkraftwagen Karl-Marx-Stadt sowie das offizielle Emblem des Industrieverbandes Fahrzeugbau der DDR (IFA).

Auch andere Betriebe setzten auf Kooperation und Zusammenschluss. Durch die Zusammenlegung der Betriebe VEB Florena Waldheim und des VEB Decenta Döbeln (vormals H. O. Schmidt) entstand 1981 mit dem VEB Florena Waldheim-Döbeln der größte Kosmetikhersteller der DDR. Gleich neben der Döbelner Niederlassung von Florena wurde 1979 der VEB Landmaschinenbau „Rotes Banner“ Döbeln, der Baugruppen für den Rübenrodelader herstellte, dem Kombinat Fortschritt Landmaschinen zugeordnet.

Die Bildung großer Kombinate verfolgte das Ziel, Produktion, Entwicklung und Absatz zentral zu steuern. Dadurch sollten Doppelstrukturen vermieden und Rationalisierungseffekte erzielt werden. Gleichzeitig gingen jedoch unternehmerische Eigenständigkeit und Wettbewerbsdruck weitgehend verloren.

Durch die Zusammenlegungen sollte die Produktion effektiver werden. Den Wirtschaftslenkern in Ost-Berlin war auch klar, dass eine Erhöhung der Industrieproduktion nur durch technische Innovationen gelang. Aus diesem Grund wurde der VEB Zentrale Entwicklung, Konstruktion, Technische Eisenwaren Mustermaschinenbau Döbeln in der Schillerstraße gegründet, der seit 1968 als VEB Rationalisierung EBM seinen Sitz an der Zschepplitzer Straße hatte.

Zur besseren Orientierung finden Sie hier eine aktuelle Karte Döbelns mit dem Standort der verschiedenen Firmen, die im Text vorgestellt werden (Quelle: Openstreetmap, CC BY-SA).
Legende

1 - VEB Werkzeugmaschinenfabrik / VEB Rasoma Döbeln - ehemals Werkzeugmaschinenfabrik Liebert & Gürtler
2 - Zuckerfabrik Döbeln
3 - VEB Elektrowärme Döbeln
4 - VEB Süßwarenfabrik Falken (1947-1953), VEB (K) Süßwarenfabrik Frumi (1953-1962), VEB Elektromotorenwerk Hartha, Werk IV (1962-1990) - ehemals Schokoladenfabrik Clemen & Sohn
5 - VEB MEBA = Metallbau (1946-1956), VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk (DBM), Fertigungsbereich 2 (1956-1990) - ehemals Metall- und Lackwarenfabrik Johannes Großfuß
6 - VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk (DBM), Fertigungsbereich 5 (1979-1990), Döbelner Süßwarenmanufaktur GmbH (1998-2004)
7 - VEB Silberwaren- und Besteckfabrik, kurz Sibefa (1954-1965), Hauptgebäude wird DBM-Betriebsschule
8 - VEB MEWA =Metallwaren (1946-1956), VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk (DBM), Fertigungsbereich 3 (1956-1990) - ehemals Metallwarenfabrik H.W. Schmidt
9 - VEB Eisengießerei und Metallwerke, VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk (DBM), Fertigungsbereich 4 (1972-1990) - ehemals Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller
10 - VEB Gerätebau Döbeln (1972-78) / VEB Elektrowärme Döbeln, Fertigungsbereich III (1978-1990) - ehemals Fabrik feiner Lackier- und Metallwaren Max Knobloch
11 - VEB Leisniger Zigarrenfabriken, Werk I Döbeln, Döbelner Werkzeugbau - ehemals Fa. Robert Katzschmann
12 - VEB Döbelner Brauerei
13 - VEB TEWA =Technische Eisenwaren, Fabrik für Möbel- und Autobeschläge, später VEB Metall- und Kunststoffbeschläge (MKB), VEB Döbelner Beschläge- und Metallwerk (DBM), Fertigungsbereich 1 (1956-1990) - ehemals Metallwarenfabrik Robert Tümmler
14 - Weiss Co. KG pharm. Präparate (1945-72), VEB Pharma Döbeln (1972-82) und VEB Pikant Fleischkombinat Döbeln (1958-1990)
15 - VEB Landmaschinenbau "Rotes Banner" (1948-1990)
16 - VEB Leisniger Zigarrenfabriken, Werk Döbeln (1953-1979), VEB Zigarrenfabrik Döbeln (1979-81), VEB Süßwarenfabrik Döbeln (1981-1990)
17 - VEB Döbelner Turn- und Sportschuhfabrik (1958-65), VEB Vereinigte Hausschuhwerke Hartha, Werk III (1965-1990)
18 - VEB Rohtabak (1946-1990)
19 - VEB Decenta Döbeln (1948-81), VEB Florena Waldheim-Döbeln (1981-90) - ehemals Dampfseifenfabrik Hermann Otto Schmidt
20 - VEB Papierveredelung Döbeln (1972-80) / VEB Typodruck (1980-1990) - ehemals Fabrik nichtrollender gummierter Papiere Hans Seidel
21 - VEB Säge- und Holzverarbeitungswerk Döbeln, danach VEB Jugendmöbel - ehemals Fabrik feiner Holzwaren und Luxusmöbel Franz Dyhrsen

Die Verstaatlichung der letzten Privatbetriebe

In der DDR war die Politik sehr eng mit der Wirtschaft verwoben. Politische Kurswechsel wirkten sich unmittelbar auf die Wirtschaftsordnung aus. Nachdem Erich Honecker im Mai 1971 Walter Ulbricht als Parteichef abgelöst hatte, wurde die Existenz privater Betriebe in der DDR grundsätzlich infrage gestellt. Auf dem VIII. Parteitag gab man die Politik des Neuen Ökonomischen Systems (NÖS) auf, die durch stärkere Dezentralisierung, materielle Anreize und Förderung von technischen Innovationen versucht hatte, die starre Planung der DDR-Wirtschaft aufzuweichen.

Unter Honecker wurde die Verstaatlichung der verbliebenen privaten und halbstaatlichen Betriebe konsequent vorangetrieben. Der DDR-Ministerrat beschloss schon am 9. Februar 1972 Maßnahmen über die schrittweise Durchführung des Beschlusses hinsichtlich der Betriebe mit staatlicher Beteiligung, der privaten Industrie- und Baubetriebe sowie der Produktionsgenossenschaften des Handwerks. In Döbeln betraf die Verstaatlichung die Firma Max Knobloch (fortan VEB Gerätebau Döbeln), die Firma Richard Köberlin (fortan VEB Besteckfabrik Döbeln), die Firma Gennrich Metallveredlung (fortan VEB Metallveredlung Döbeln) und die Firma Hans Seidel Fabrik gummierter Papiere (fortan VEB Papierveredlung Döbeln). Diese kleinen Firmen leisteten bis dahin einen gewichtigen Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen und für den Export. Sie waren hinreichend flexibel gewesen und hatten schnell auf Marktbedürfnisse reagieren können. Nunmehr wurden auch sie Teil des verkrusteten planwirtschaftlichen Systems.

Ende der 1960er und Anfang der 1970er-Jahre kam es in Döbelns Wirtschaft zu weiteren Veränderungen. Der VEB Süßwarenfabrik „Frumi“ in der Reichensteinstraße wurde 1962 aufgelöst. Das imposante Fabrikgebäude firmierte fortan als Werk IV des VEB Elektromotorenwerk Hartha. Die Chemische Fabrik Oswald Greiner wurde geschlossen.

Das Areal der ehemaligen Döbelner Niederlassung des Konsum Backwarenkombinats Leipzig in Döbeln-Masten. Nach der Wende führte das Unternehmen Erntebrot die lange Backtradition an diesem Standort fort.

Die DDR-Führung maß einer besseren Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln hohe Priorität bei. Man wusste, dass die innenpolitische Stabilität davon abhing. Die Firma Lindner Fleischverarbeitung, 1945 in Dresden ausgebombt, siedelte sich schon 1946 in der Muldenstraße 1 an. Aus ihr entstand 1959 der VEB Pikant Fleischkombinat. Hier wurden die bekannten „Döbelner Weißen“ hergestellt, eine Salami, die in der gesamten DDR einen guten Ruf genoss. Der VEB Pikant unterhielt 460 Verkaufsstellen, die die Umgebung Döbelns mit Fleisch und Wurst versorgten.

1958 hatte man in der Nähe des Güterbahnhofs Döbeln-Ost eine neue Molkerei gebaut. Über 60.000 Liter Milch konnten hier täglich verarbeitet werden. Hergestellt wurden Butter, Buttermilch, Kakaotrunk, Speisequark, Frischkäse und Schlagsahne. 1978 erfolgte die Gründung des Konsum Backwarenkombinats Leipzig mit einer Niederlassung auch in Döbeln. 1980 wurde der Neubau in Masten, in dem auch die Kombinatsleitung untergebracht war, in Betrieb genommen.

Bis zum Ende der 1980er-Jahre hatte die Döbelner Industrie mehrere tiefgreifende politische und wirtschaftliche Umbrüche erlebt. Aus privat geführten Unternehmen waren volkseigene Betriebe und große Kombinate geworden. Trotz beachtlicher Produktionsleistungen und einzelner technischer Innovationen blieb die wirtschaftliche Entwicklung zunehmend an die Grenzen des planwirtschaftlichen Systems gebunden. Mit der Friedlichen Revolution von 1989 endete diese Epoche. Die Herausforderungen der nun einsetzenden Transformation sollten die Döbelner Wirtschaft grundlegend verändern.

III. Strukturwandel und neue Perspektiven (seit 1990)

Werbe- und Informationstafeln aus der Nachwendezeit © Stadtmuseum Döbeln, Fotograf: Harry Heidl

Der Systemwechsel und die Deindustrialisierung

Mit der Friedlichen Revolution von 1989 und der deutschen Einheit endeten in Döbeln nicht nur vier Jahrzehnte sozialistischer Planwirtschaft. Für nahezu alle Industriebetriebe änderten sich innerhalb kürzester Zeit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend. Erstmals mussten sie sich im Wettbewerb der internationalen Marktwirtschaft behaupten.

Für die Döbelner Wirtschaft begann eine Phase tiefgreifender Umbrüche. Nach Jahrzehnten der Abschottung und Mangelwirtschaft waren nur wenige Betriebe unter den Bedingungen des Weltmarktes unmittelbar wettbewerbsfähig. Das Produktivitätsniveau der ostdeutschen Wirtschaft lag Schätzungen zufolge bei etwa einem Drittel des westdeutschen. Betriebsschließungen, Arbeitsplatzverluste und Massenarbeitslosigkeit überschatteten daher vielerorts die Freude über die deutsche Einheit. Für Döbeln kann in dieser Phase von einer weitreichenden Deindustrialisierung gesprochen werden.

Nach dem Zusammenbruch der DDR stand die Döbelner Wirtschaft vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Der darauffolgende ökonomische Transformationsprozess vollzog sich auf zwei verschiedenen Wegen. Einerseits fand eine Restrukturierung „von oben“ statt, bei der die ehemaligen Staatsbetriebe entweder an private Investoren veräußert, an ihre einstigen enteigneten Eigentümer zurückgegeben oder bei mangelnder Zukunftsperspektive stillgelegt wurden. Die am 1. März 1990 gegründete Treuhandanstalt sollte die volkseigenen Kombinate, Betriebe und Einrichtungen in Kapitalgesellschaften umwandeln. Wieder bekamen viele Betriebe einen neuen Namen. Aus dem VEB DBM wurde die DBM GmbH, aus dem VEB Elektrowärme die Elektrowärme Döbeln GmbH, aus dem VEB Landmaschinen- und Dämpferbau „Rotes Banner“ die Matec GmbH.

1989 hatte Döbeln 56 Volkseigene Betriebe (VEB), zwei Gärtnerische Produktionsgenossenschaften (GPG), zwei Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaften (LPG) und 11 Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH). In der Stadt lebten 27.112 Menschen, rund 20.000 fanden hier Arbeit, Industriearbeitsplätze dominierten.

Trotz zahlreicher Eingemeindungen lebten in Döbeln 2010 nur noch 20.242 Einwohner. Der starke Bevölkerungsrückgang verdeutlicht, dass der wirtschaftliche Strukturbruch weit über die Industrie hinauswirkte. Er veränderte dauerhaft die demografische Entwicklung der Stadt.

Die meisten Industriearbeitsplätze gingen verloren. Viele Traditionsfirmen, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, in Döbeln einen rasanten Aufschwung erlebt hatten und unter veränderten Namen auch die DDR überlebten, wurden von der Treuhand abgewickelt.

Mitarbeiterzahlen ausgewählter Betriebe Döbelns im Vergleich 1989 und 1997

Döbeln war jahrelang in Schockstarre. Der wirtschaftliche Absturz hatte ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr beherrschbar schien. Der großflächige Wegfall von Industriearbeitsplätzen ging einher mit staatlichen Entscheidungen, die die Stadtentwicklung zusätzlich zurückwarfen. So holte die Bundeswehr 1991 am Garnisonsstandort Döbeln für immer die Fahne ein. 104 Jahre Militärstandort Döbeln gehörten der Vergangenheit an. Wieder fielen zahlreiche Arbeitsplätze und Zukunftsperspektiven weg. Die Strategie des neugegründeten Freistaates Sachsen, vorerst besonders die „Leuchttürme“ Dresden, Leipzig und Chemnitz zu fördern, stellte die Kleinstadt Döbeln vor immense strukturelle Nachteile. Viele junge Familien zogen weg, viele der Älteren waren langzeitarbeitslos oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Der Restrukturierung „von oben“ stand andererseits eine Transformation „von unten“ gegenüber, die durch die Initiierung komplett neuer Firmen geprägt war. In der ersten Phase nach dem politischen Umbruch kam es zu einer regelrechten Welle an Neugründungen, die sich schwerpunktmäßig auf den Dienstleistungssektor konzentrierten.

Bild mit Symbolcharakter: v.l.n.r. Abrissarbeiten in der Reichensteinstraße (Clemens Schokoladenfabrik, später VEB ELMO Hartha, Werk IV)
Entwicklung der Arbeitslosenquote im Landkreis Döbeln von 1991 bis 2004 (Beispielmonat April)

Neubeginn durch Reprivatisierung und Gewerbeansiedlung

Der wirtschaftliche Neuaufbau Döbelns war langwierig und ist bis heute nicht abgeschlossen. Viele innerstädtische Produktionsstandorte waren für neue moderne Industriebetriebe nicht geeignet. Zuerst mussten Gewerbe- und Industriegebiete neu erschlossen werden. Das geschah vielfach „auf der grünen Wiese“, vor den Toren der Stadt. Bestes Beispiel ist das Gewerbe- und Industriegebiet Döbeln-Ost 1a mit einer Fläche von 47 Hektar und Ost 1b mit 41 Hektar. Firmen aus dem Stadtgebiet verlagerten ihre Produktion hierher (zum Beispiel die Döbelner Fleischwaren GmbH, vormals VEB Fleischkombinat Pikant), andere siedelten sich neu an (Firma Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG, Firma Gebr. Schmidt AG, Berger Beton GmbH). Durch die Eingemeindung Mochaus 2016 kam das Gewerbegebiet „Am Fuchsloch“ in städtischen Besitz. Kleinere Gewerbegebiete wurden in Ebersbach, Masten und an der B 169 in Döbeln-Süd ausgewiesen.

Gewerbegebiet Döbeln-Ost 1a (li.) mit 47 Hektar für Gewerbe, Handwerk und produzierende Bereiche und Industriegebiet Döbeln-Ost 1b (re.) mit 41 Hektar Fläche für produzierendes Gewerbe und Großhandel.

Gewerbegebiet Döbeln Ost im März 1992

Foto aus guten Tagen - Autoliv in Döbeln

Doch der Weg zurück zu wirtschaftlicher Stärke erwies sich für Döbeln als voller Hindernisse. Ein Beispiel hierfür ist die nur kurze Geschichte der Firma Autoliv Sicherheitstechnik GmbH Döbeln. Große Hoffnungen verbanden sich damit, dass 1991 der schwedische Konzern Autoliv einen Teil des VEB DBM übernahm. In der Tradition des Vorgängerunternehmens sollten auf dem Burgstadel Sicherheitsgurte für den Golf III hergestellt werden. Schon zu DDR-Zeiten hatte Autoliv Beziehungen zum VEB DBM unterhalten. Nach der Wende gab es wirksame Förderprogramme, die Löhne im Osten waren niedrig und das VW-Werk in Mosel war nicht weit entfernt. Die Erwartungen waren entsprechend hoch. Bereits kurze Zeit später war Autoliv das größte Unternehmen Döbelns, beschäftigte im Jahr 2002 495 Mitarbeiter und stellte täglich 20.000 Gurte, 51.000 Höhenversteller, 30.000 Schlösser und pyrotechnische Gurtstraffer her. 2013 kam jedoch die Hiobsbotschaft: Der schwedische Konzern hatte beschlossen, den Döbelner Betrieb bis 2014 zu schließen und mit der Produktion nach Rumänien umzuziehen.

Ein Grundproblem des Ostens zu dieser Zeit war generell, dass man den Geist privaten Unternehmertums systematisch über Jahrzehnte unterdrückt hatte. In der Folge belief sich 1989 der Anteil der unternehmerisch selbstständigen Personen an der Erwerbsbevölkerung in der DDR auf 1,8 Prozent, während er in den alten Bundesländern bei knapp 11 Prozent lag. Die Politik der DDR hatte den einst blühenden sächsischen Mittelstand weitgehend zerstört. Nur vergleichsweise wenige Döbelner verfügten nach der Wende über die Voraussetzungen und den Mut, eine eigene Firma aufzubauen. Auch vor diesem Hintergrund ist die Lebensleistung von Thomas Partzsch (PARTZSCH Unternehmensgruppe), Reinhard und Erika Kolbe (Max Knobloch Nachf. GmbH) oder Roland und Bettina Hawlitschek (Metallveredlung Döbeln GmbH) hoch einzuschätzen.

Die Klaus Bauer GmbH ging aus der ehemaligen PGH Elektro- und Kühlanlagen Döbeln hervor. Ihr Firmensitz befindet sich im Gewerbegebiet Döbeln Ost.

Wie komplex und risikobehaftet der Transformationsprozess von der sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft im konkreten Einzelfall war, veranschaulicht die Geschichte der Elektroanlagen Klaus Bauer GmbH Döbeln. 1990 hatte die 1960 gegründete PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Elektro- und Kühlanlagen 106 Mitglieder. Nach der politischen Wende 1989/90 wurde sie zur GmbH mit 106 Gesellschaftern, die jeweils Minianteile an dem neuen Elektroinstallationsbetrieb hielten. Die hohe Anzahl an Gesellschaftern erwies sich jedoch schnell als Problem. Als die ersten Teilhaber ausstiegen und es ans Auszahlen ging, war die Liquidität der Firma in Gefahr. In dieser Situation gründete der ehemalige Gesellschafter Klaus Bauer 1993 die Klaus Bauer GmbH Döbeln. Er übernahm alle 88 Mitarbeiter und 20 Auszubildende. Zudem kaufte er alle Grund- und Arbeitsmittel sowie ein Grundstück im Gewerbegebiet Döbeln-Ost 1a. Die Millioneninvestition lohnte sich: Trotz der marktüblichen Konsolidierung stand die Firma 1999 mit 67 Mitarbeitern auf einem grundsoliden Fundament.

Der Briefkastenbauer RENZ war die erste größere Firma, die in Döbeln Ost eine Niederlassung baute und die lange Tradition Döbelns als Standort der metallverarbeitenden Industrie fortsetzte.

Neue Unternehmen in der Marktwirtschaft

In den neuen Gewerbegebieten am Stadtrand siedelten sich damals auch völlig neue Firmen an. Die erste war die Erwin Renz Metallwarenfabrik GmbH & Co. KG Döbeln. 1992 hatte die aus Baden-Württemberg stammende Firma Renz in Döbeln-Ost drei Fertigungshallen mit Verwaltungsgebäuden errichtet, um dort Briefkastenanlagen und Mitteilungskästen zu bauen. Renz stieg zum Marktführer in Deutschland und Europa auf. 1993 startete in Döbeln die Produktion. Im Jahr 2003 arbeiteten bereits 103 Beschäftigte bei Renz. Zwei Jahrzehnte später wandelte das Unternehmen den Döbelner Produktionsstandort jedoch in einen Logistikstandort um – eine Entscheidung, die einen empfindlichen Verlust an Arbeitsplätzen nach sich zog.

Im Gewerbegebiet Döbeln Ost besitzt die PARTZSCH Unternehmensgruppe mehrere Produktionshallen.

Eine der erfolgreichsten Firmen in Döbeln nach 1990 wurde die PARTZSCH Unternehmensgruppe. 1954 hatte Werner Partzsch, entgegen dem damaligen Trend der DDR-Verstaatlichungspolitik, in der Leipziger Straße eine kleine Werkstatt zur Reparatur von elektrischen Maschinen und Apparaten gegründet. 1989, als Werner Partzsch den Betrieb an seinen Sohn Thomas übergab, waren dort lediglich sechs Beschäftigte angestellt. Die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten weckten jedoch den Ehrgeiz des Unternehmers. 1993 entschloss sich Thomas Partzsch, in Döbeln-Ost eine neue Fertigungsstätte zu errichten, die 1994 mit zunächst 35 Mitarbeitern startete. Seitdem folgten immer wieder Erweiterungen und millionenschwere Investitionen. Die Firma produzierte schließlich eigene Elektromotoren, Drähte und Spulen, reparierte Niederspannungs- und Hochspannungsmaschinen sowie Generatoren von Windkraftanlagen. Im Jahr 2017 arbeiteten bereits rund 500 Frauen und Männer in Europas größtem herstellerunabhängigen Reparaturwerk.

Trotz einiger Erfolgsgeschichten konnte im Zuge der wirtschaftlichen Transformation in den neuen Bundesländern das enorme Defizit an Arbeitsplätzen, das durch die Stilllegung und Restrukturierung der ehemaligen Staatsbetriebe entstand, in den ersten 30 Jahren nach dem Mauerfall nicht kompensiert werden. Zwar glichen sich die Erwerbslosenquoten zwischen Ost- und Westdeutschland bis zum Jahr 2019 im Schnitt weitgehend an, hinter diesem Trend verbergen sich jedoch starke lokale Disparitäten. Ein wesentlicher Treiber für diese statistische Annäherung der Arbeitslosenzahlen war zudem eine demografische Entwicklung: Aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage in den neuen Bundesländern nach 1989 verließen vor allem qualifizierte Nachwuchskräfte in großer Zahl die Region. Dieser massive Aderlass an gut ausgebildeten Fachkräften macht sich heute schmerzhaft bemerkbar und bremst die wirtschaftliche Dynamik im Osten zunehmend aus.

Der Freistaat Sachsen hat einen bemerkenswerten ökonomischen Aufschwung hinter sich. In puncto Innovationskraft nimmt Sachsen mittlerweile die Führungsposition unter den ostdeutschen Ländern ein und gewinnt auch im nationalen wie globalen Maßstab zunehmend an Gewicht. Dennoch sind die Nachwirkungen der sozialistischen Ära und des darauffolgenden Systemwechsels auch heute noch unübersehbar. Weil die alten Großbetriebe damals massenhaft Stellen strichen und die neu entstandenen Firmen naturgemäß als Kleinbetriebe starteten, ist die sächsische Wirtschaftslandschaft heute stark vom Mittelstand geprägt. Dass von den über 1.000 deutschen „Hidden Champions“ – jenen oft traditionsreichen, familiengeführten Weltmarktführern – kaum welche in Sachsen ansässig sind, wurzelt direkt in der systematischen Zerschlagung des privaten Unternehmertums in der DDR. Wo Großindustrie existierte, handelt es sich meist um neu angesiedelte Zweigwerke westdeutscher oder internationaler Konzerne, beispielsweise im Automobilbau, die gezielt dort errichtet wurden, wo man auf historisch gewachsenes Fachwissen zurückgreifen konnte. Obwohl die sächsische Wirtschaft bei der Produktivität und den Exportquoten im Vergleich zum Westen nach wie vor hinterherhinkt, gibt es bereits etliche hochproduktive Betriebe, die fest im weltweiten Handel integriert sind.

Döbeln zwischen Industriegeschichte und Dienstleistungsgesellschaft

Wohin führt diese Entwicklung? Die frühere Industriestadt Döbeln besteht in ihrer alten Form nicht mehr. Einige metallverarbeitende Betriebe setzen die industrielle Tradition der Stadt fort, beschäftigen jedoch deutlich weniger Menschen als die einstigen Großunternehmen. Zugleich gewann der Dienstleistungssektor an Bedeutung.

Klinikum Döbeln 2024

Was in Döbeln passierte – nämlich der spürbare Rückgang der klassischen Industriearbeitsplätze –, entspricht durchaus einem allgemeinen Trend. Waren in Deutschland 1960 noch über 30 Prozent der Menschen in der Industrie beschäftigt, sank dieser Anteil bis 2016 auf nur noch 16 Prozent. Zunehmend prägt die Vielfalt der modernen Dienstleistungsgesellschaft auch die Döbelner Verhältnisse. Im Klinikum der Muldenstadt werden von rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jährlich über 7.000 Patienten stationär und doppelt so viele ambulant behandelt – ein weiter Weg seit der Gründung im Jahr 1881, als man im Stadtkrankenhaus über 40 Betten verfügte. Döbeln entwickelt sich so zu einem regionalen Zentrum der Gesundheitsvorsorge. Auch wenn die Muldenstadt bei der Kreisreform von 2008 im Großkreis Mittelsachsen aufging, blieb sie doch ein wichtiges Verwaltungszentrum. Neben der Stadtverwaltung Döbeln befindet sich hier weiterhin eine Außenstelle des Landratsamtes mit zahlreichen Mitarbeitern. Trotz zeitweiliger Umzugspläne nach Freiberg blieben bisher auch das Finanzamt, das Amtsgericht und das Grundbuchamt in Döbeln erhalten. Mit dem Landesrechnungshof, der 2023 in ein ehemaliges Kasernengebäude an der Bahnhofstraße einzog, etablierte man erstmals eine oberste Landesbehörde in Döbeln. Rund 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten hier.

Ein Lichtblick für Döbeln - die Ansiedlung des Landesrechnungshofs auf dem ehemaligen Kasernengelände.
Karls Erlebnis-Dorf vor den Toren Döbelns verbindet Direktvermarktung, Gastronomie und Freizeitangebote.

Einen völlig neuen, im Vorfeld kaum absehbaren Impuls erhielt der lokale Dienstleistungs- und Tourismussektor im Jahr 2024: Mit der Eröffnung von Karls-Erlebnis-Dorf vor den Toren der Stadt wurde ein touristischer Publikumsmagnet etabliert, der bereits im ersten Jahr 1,5 Millionen Besucher in die Region lockte. Derzeit kümmern sich 160 festangestellte Mitarbeiter um die Gäste, die aus ganz Sachsen nach Döbeln kommen.

Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass Döbeln noch stärker als bisher von seiner zentralen Lage im Städtedreieck zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz profitieren kann. Die unmittelbare Anbindung an die Bundesautobahn A 14 und die Bundesstraße B 169 ermöglicht nicht nur schnelle Logistikwege zu den umliegenden Ballungsräumen, sondern erleichtert zugleich den Zugang zu den internationalen Warenströmen. Für ansässige und ansiedlungswillige Unternehmen bedeutet dies einen wichtigen Standortvorteil, da Lieferketten effizient gestaltet und die Märkte der drei Großstädte vergleichsweise schnell erreicht werden können.

Darüber hinaus bietet die Lage Döbelns die Chance, sich als attraktive, kostengünstigere Alternative zu den oft überhitzten Ballungszentren zu positionieren. Während in den Metropolen Gewerbeflächen und Wohnraum knapp werden, punktet die Muldestadt mit verfügbaren Flächenpotenzialen und einer hohen Lebensqualität. Das dichte Netz aus renommierten Forschungs- und Hochschuleinrichtungen in den drei umliegenden Großstädten stellt zudem ein bedeutendes Potenzial an Wissen, Innovationen und Fachkräften dar, von dem die traditionsgeprägte, aber zukunftsorientierte Döbelner Industrie – von der Metallverarbeitung bis zur modernen Logistik – in besonderem Maße profitieren kann.

Döbeln besitzt damit weiterhin das Potenzial, seine Rolle als moderner Wirtschaftsstandort im Herzen Sachsens zu stärken. Der vorliegende wirtschaftsgeschichtliche Überblick verdeutlicht, dass die Stadt selbst nach tiefen Einschnitten immer wieder die Kraft besaß, sich neu zu erfinden – ein Resümee, das Mut macht und einen optimistischen Blick auf die künftige Entwicklung erlaubt.


Michael Höhme
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
02.08.2026

Fußnote:
Foto Rathaus 01.05.1946 - Übersetzung der Losungen
links: „Du, Bürger des Landes der Sowjets, vergiss nicht: Indem du den Wirtschaftsplan in der Industrie erfüllst und deine Steuern entrichtest, trägst du zum Aufbau unseres Landes bei!“
rechts: „Es lebe die mächtige Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken! Ruhm dem heldenhaften Volk, dem Erbauer und Gestalter!“

Quellen:

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Bensch, Dietmar: Döbeln. Bilder aus der DDR. Erfurt 2002
Enzmann Karlheinz: Döbelner Industriebetriebe – ein Überblick. In: Stadt Döbeln (Hg.). Döbelner Mosaik 2001. Beucha 2001. S. 34-48.
Enzmann Karlheinz: Döbelner Industriebetriebe – ein Überblick. In: Stadt Döbeln (Hg.). Döbelner Mosaik 2004. Beucha 2004. S. 62-83.
Enzmann Karlheinz: Industriegeschichte im Landkreis Döbeln - Elektrowärme Döbeln In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 9, Sept. 2000, S. 8-9
Heß, Ulrich: Die Firma Tümmler in Döbeln. In: Heß, Ulrich u.a. (Hg.): Unternehmen im regionalen und lokalen Raum 1750-2000. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Sachsens. Leipzig 2004. S. 169-176.
Hingst, C.W.: Chronik von Döbeln und Umgegend. Döbeln 1872
Lödel, Hans (Hg.): 100 Jahre Döbelner Anzeiger 1838–1938. Döbeln 1938
Max Knobloch Nachf. GmbH (Hg.): Chronik einer Briefkastenfirma - Knobloch. 2019
Neubauer, Wolfgang: Aus den Anfängen der Döbelner industriellen Entwicklung. In: Heimtfestjahrbuch Stadt Döbeln 1996, S. 38-46
Neubauer, Wolfgang: Bahnhofstraße und Burgstraße. Das Industriegelände zwischen Friedrich- und Reichensteinstraße. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 10 Okt. 2001, S. 11-13
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Roloff, Monika / Knobloch, Hans-Jochen: Döbeln. Leipzig 1981.
Rösler, Sieglinde: Seifenfabrik Hermann Otto Schmidt – seit 125 Jahren in Döbeln. In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 9 Sept. 2001, S. 10-11 (Teil 1) und In: STIEFEL Das Stadt-MAGAZIN für Döbeln. Heft 10 Okt. 2001, S. 10 (Teil 2)
Schmidt, Karolin: Einleitung 20850 Robert Tümmler, Metallwarenfabrik Döbeln, 2003, www.archiv.sachsen.de
Schweizer, Ulrich: Döbeln und sein geschichtliches Umfeld. Berlin 2015
Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1911
Stadt Döbeln (Hg.): Döbelner Umschau. Döbeln 1959
Stadt Döbeln und AG Heimatfreunde (Hg.): Döbelner Panorama 1989, Heft 1
Stadt Döbeln (Hg.): Heimatfestjahrbuch 1996. Kissing 1995
Stadt Döbeln und AG Heimatfreunde (Hg.): Döbelner Chronik – 1871-1999. Beucha 1999
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928

Bildnachweis:
Bildnachweis:
* Foto KI-gestützt restauriert
** Darstellung KI-generiert

Maschinenfabrik Richard Hartmann, Public domain, via Wikimedia Commons
MG 42: baku13, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Panzerfaust 30: Balcer, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Abriss DBM, Werk I: Matthias Müller, 2008
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.

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