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>> Döbeln und sein(e)Schiffsbrücke
"Fährfrau, hol über!"

Sörmitz
Geschichte einer Muldenquerung
Am südöstlichen Rande Döbelns, wo die Freiberger Mulde die Stadt erreicht, dort erstreckt sich auf dem erhöhten rechten Flussufer der Ortsteil Sörmitz. Die Geschichte dieses Ortes beginnt Anfang des 13. Jahrhunderts. Drei Jahrhunderte später erhält das einst selbstständige Bauern- und Handwerkerdorf seinen heutigen Namen Sörmitz, den die Bewohner gern auf „Särmtz“ abkürzen!
Der Ortsname Sörmitz bedeutete im früheren Sprachgebrauch soviel wie „Mühlenbach“, womit die Verbindung zu der altehrwürdigen Sörmitzer Mühle hergeleitet wäre. Diese Mühle gehörte bis 1450 zur Burg Döbeln. Die Burg, das Hospital St. Georg und das Benediktinerinnenkloster erhielten früher aus dieser Mühle das Mehl. Soviel zur historischen Einordnung von Sörmitz, das am l. April 1922 nach Döbeln eingemeindet wurde. Berichtet sei nun davon, wie die Sörmitzer und Döbelner trockenen Fußes früher und heute über die Mulde kamen und kommen!
Im Mittelalter mussten die Sörmitzer einen Kilometer flussabwärts bis zur Oberbrücke gehen, um durch das Obertor in die Stadt zu gelangen. Wem dieser Weg zu weit war, dem half nur ein Wasserfahrzeug oder im Winter eine tragfähige Eisdecke. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Döbeln zahlreiche Betriebe ihre Schlote in den Himmel reckten und der beginnende Eisenbahnverkehr eine Haltestelle in Döbeln-Ost entstehen ließ, konnten sich die Bürger keine langen Umwege mehr leisten. Eine Abkürzung über die Mulde musste gefunden werden!
Den Anfang machte ein recht abenteuerlicher Fährbetrieb, der von einer Frau Baumann betrieben wurde. Diese tüchtige Fährfrau beförderte für einen Dreier Entgelt Ausflügler, die nach dem Ort Hermsdorf oder zur idyllischen Margarethenmühle wollten. Am 28. März 1902 publizierte der „Döbelner Anzeiger und Tageblatt“ die Fährordnung. In dieser war u. a. zu lesen, dass die Betriebszeit der Fähre in jedem Jahr vom 15. April bis 15. Oktober in der Zeit von früh 5.00 Uhr bis abends 8.00 Uhr reichte. Geregelt war außerdem, dass Militär und Gendarmerie im Dienst kein Fährgeld zahlen mussten.
Die Nutzer der Fähre waren gewiss mutige Bürger, denn das Transportmittel bestand aus einer Holzplattform, die auf Tonnen schwamm. Ein über den Fluss gespanntes Drahtseil sicherte das Gefährt vor dem Abtreiben zum Sörmitzer Mühlenwehr. Die Überfahrten verliefen nicht immer glimpflich. So berichtet der „Döbelner Anzeiger“ im März 1876 von einem Vorfall, bei dem zwölf Personen bei der Fahrt ans rechte Muldenufer mit der Fähre umkippten. Alle konnten sich glücklicher Weise ans Ufer retten.
Frau Baumanns Aktivität übertrug sich auf ihre Söhne, die dem Muldenwasser treu blieben. Der eine, Louis Rößler, wurde Schwimmmeister und war ab 1882 der erste Betreiber der Muldenbadeanstalt zwischen Sörmitzer Wehr und der Eisenbahnbrücke Döbeln-Roßwein. Der andere Sohn, Alfred Rößler, baute im Mai 1898 die Döbelner Schiffsbrücke zwischen der verlängerten Zimmerstraße - heute Schillerstraße - und der Sörmitzer Straße.

Schiffsbrücke Postkarte von 1914
Die Schiffsbrücke war ein hölzerner Steg mit beidseitigem Geländer, der auf fünf Kähnen ruhte. Die an beiden Muldenufern befestigten Steg-Enden waren derart beweglich verankert, dass die wechselnden Wasserstände der Mulde einen Ausgleich erfuhren. Die Brücke hatte 2,5 Tonnen Tragkraft und war für Fußgänger und Handwagen zugelassen. Brückenbenutzer mussten drei Pfennig Brückengeld zahlen! So war eine günstige Verbindung zwischen Döbeln und Sörmitz entstanden, zumal auch Besucher des Döbelner Krankenhauses, welches 1881 unweit der Brücke erbaut worden war, diese nutzen konnten.
Wer am Fluss baut, muss sich ihn zum Freund machen oder mit den Launen der Natur leben. Das wissen die Döbelner nur zu gut aus jüngster Vergangenheit. Auch Fährenbesitzer Rößler war oftmals bei Hochwasser und Eisgang der Mulde gezwungen, seine Brücke einzuziehen und zu bergen. Dies gelang nicht immer. Schäden entstanden beim Hochwasser im Mai 1899 und wieder im Jahre 1907. Schließlich zerstörte der starke Eisgang Ende Februar 1922 sein Lebenswerk völlig.
Die Stadtverwaltung Döbelns reagierte schnell. Schon im Juni gleichen Jahres stand der Bevölkerung eine neue Schiffsbrücke zur gebührenfreien Nutzung zur Verfügung. Diese Brücke querte gegenüber der vorherigen den Fluss ein Stückchen weiter flussaufwärts, nämlich von der Thielestraße zur Sörmitzer Straße. Ein befestigter Weg vom Ende der Thielestraße führte über die Muldenwiese zur Brücke, deren Ende am rechten Muldenufer genau gegenüber der Einfahrt zum Krankenhaus verlief. Der Brückensteg ruhte auf stählernen Kähnen, wie sie auch beim Militär als Pontons bekannt sind.
Die Geschichte der Döbelner Schiffsbrücke endet im Jahre 1943. Im April errichteten Soldaten eines Pionierbataillons der Deutschen Wehrmacht in nur drei Wochen eine Holzbrücke für Fußgänger und Handwagen. Diese Muldenquerung befand sich jedoch 200 Meter weiter flussaufwärts, dort wo der Sörmitzer Mühlgraben sich wieder mit der Mulde vereinigt und wo die Brücke heute noch ihren Standort hat. An dieser Stelle liegt das Niveau der Sörmitzer Straße bei Normalwasser vier bis fünf Meter über dem Wasserspiegel! Vom Ende der Thielestraße führte ein noch heute genutzter aufgeschütteter Fußweg zur Brücke, der damals am Rande des Betriebsgeländes der bekannten Döbelner Spedition „Carl Gerlach“ entlang ging.

Pionierbrücke 1943
Die nun von den Bürgern „Pionierbrücke“ genannte Muldenquerung wurde außer von den Widerlagern an beiden Flussufern vor allem von zwei Pfeilern getragen, die aus Holzpfählen bestanden. Ein Pfeiler lag in der Flussmitte und ein ebensolcher am linken Flussufer, direkt am Wasser. Dies sei erwähnt, weil es die Achillesferse der Brücke war!
Nach einem extrem kalten Winter setzte am 7. März 1947 ein starker Eisgang mit Hochwasser der Freiberger Mulde ein. Die mit großer Wucht gegen die Brückenpfeiler rammenden Eisschollen leiteten das Ende der Pionierbrücke ein. Die Schollen schlugen einen Pfeilerstamm nach dem anderen aus dem Flussgrund heraus. Zuerst war der mittlere Pfeiler in Einzelteile zerlegt. Kurze Zeit später ereilte das gleiche Schicksal den linken Uferpfeiler. Während das die Muldenwiese überspannende Brückenteil verankert blieb, wurde das linksseitige Brückenende im Flussbereich von der Strömung mitgerissen, bis auch das Sörmitzer Brückenende vom Ufer abriss.
Die Pionierbrücke war nun zu einer „Schiffs“-brücke geworden und schwamm mit dem Treibeis flussabwärts. Am Schlossberg angekommen, wurde die Brücke in den südlichen Muldenarm getrieben und zerstörte einen Teil des dortigen Wehres. Der geringe Zwischenraum an der Brücke der Straße des Friedens, damals noch eine Stahlbrücke, zerlegte die „Pionierbrücke“ zu Treibholz!

Fachwerkträgerbrücke
Im September 1947 reaktivierte der Döbelner Stadtbauhof noch einmal die vorsorglich eingelagerte ehemalige Schiffsbrücke im Verlauf der Thielestraße zum Krankenhaus. Zwischenzeitlich wurde eine stählerne Fachwerkträgerbrücke mit hölzernem Brückenbelag gebaut und auf Beton- und Steinpfeiler an beiden Flussufern montiert. Nur die so genannte Vorlandbrücke auf dem linksseitigen Muldenufer verblieb als repariertes Reststück der Pionierbrücke bestehen. Am 8. Oktober 1948 war die Verkehrsübergabe.
In den Folgejahren wurden an der Brücke nur bautypische Unterhaltungsarbeiten ausgeführt, so u.a. eine Verstärkung der Verankerungen im Jahre 1956. Als im zweiten Halbjahr 1996 die Rekonstruktionsarbeiten an der Oberbrücke beginnen sollten, entstand zusätzlich eine behelfsmäßige Strassenbrücke am alten Schiffsbrückenstandort bei der Thielestraße. Diese Brücke konnte von Juli 1996 bis Dezember 1997 genutzt werden.

Angeschwemmter Unrat blockiert die Brücke beim Hochwasser 2002
Fünf Jahre später hatte die Sörmitzer Brücke ihre höchste Belastung zu überstehen. Döbeln erlebte das Jahrhunderthochwasser vom August 2002. Die Wassermassen stiegen über das Niveau des Brückenbelages an. Sie richteten Schäden und Ausspülungen an der Pfeilergründung an und zerstörten die Vorlandbrücke auf dem linken Ufer. Der Übergang zwischen Döbeln und Sörmitz war wieder einmal unterbrochen!

Hochwasser 2002
Und ein zweites Mal half ein Brückenschlag durch Pioniere. Soldaten der Geraer Pionierbrigade 701 der Bundeswehr fertigten aus 11 Tonnen deutscher Eiche einen Brückensteg von 24 Metern Länge als Vorlandbrücke zwischen Uferweg und Stahlbrücke. Dies alles zum „Nulltarif“, denn das Baumaterial hatte der bekannte Optiker Günther Fielmann, der in Döbeln in der „Breite Straße“ eine Filiale betreibt, für die Döbelner gespendet! Am 11. Oktober 2002 war die feierliche Freigabe der Brücke. Eigentlich könnte man nun wieder von der Pionierbrücke nach Sörmitz sprechen, aber der Volksmund bleibt beharrlich bei seiner „Schiffsbrücke“!

Fielmann-Brücke
Lange Zeit wird diese Brücke in „Gemischtbauweise“ keinen Bestand haben. Ende 2004 will die Stadt nach einer Ausschreibung den Auftrag für eine neue Sörmitzer Brücke vergeben. Dann soll ein kompletter stählerner Übergang für Fußgänger und Handwagen entstehen. Und da der Freiberger Mulde nicht ganz zu trauen ist, wird das 70 Meter lange Bauwerk höher als bisher über dem Wasser errichtet werden. Dann endet wieder eine Brückengeschichte, um einer anderen ihren Anfang zu geben. Denn zeitgleich naht der Abriss der schon lange inaktiven Sörmitzer Mühle. Und mit dem Mühlenabriss verschwindet auch die Quelle des weitbekannten Marder-Senfes.
Doch dies ist schon wieder eine ganz andere Döbelner Geschichte...
Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 27
Dezember 2004

Tafel an der neuen Brücke

Schiffsbrücke 2007



