Impressum  |  

Sie sind hier: 

>> Döbeln und sein(e) 

Ritterstraße

Ein Bummel durch die Zeiten auf der längsten Straße der Muldeninsel

Einen halben Kilometer bevor die Felsen des Staupitzberges den Nordlauf der Freiberger Mulde abrupt in eine Westrichtung lenken, wird der Fluss durch einen steinernen Vorposten zerteilt. Die nur 15 Meter hohe Felsnase des Döbelner Schlossberges spaltet die Mulde in einen schmalen südlichen und einen breiteren nördlichen Flussarm. Beide Wasserarme vereinen sich erst nach einem knappen Kilometer westlich des Schlossberges und bilden so die Döbelner Muldeninsel, die man als Keimzelle der Stadt benennen darf.

Auf einem Stadtplan betrachtet, ähnelt der geteilte Flusslauf der Kontur eines Riesenauges, dessen Oberlid nach Osten und das Unterlid nach Westen verschoben wurde. Das Ausmaß dieser „Insel“ beträgt in Ost-Westrichtung 900 Meter und in Nord-Südrichtung maximal 350 Meter und umschließt eine Fläche von 17 Hektar.

Die Ritterstraße begrenzt im Norden die Döbelner Innenstadt.


Von der Burg auf dem Schlossberg, deren erste urkundliche Erwähnung mit dem 31. Juli 981 datiert ist, entwickelte sich das mittelalterliche Döbeln stufenweise. Seine Ausbreitung folgt dem scheinbaren Lauf der Sonne von Ost nach West. Es begann am Burgberg mit der Oberstadt, welcher die Mittelstadt folgte und ab dem 14. Jahrhundert kam noch die Niederstadt hinzu. Für die ursprüngliche Besiedlung wurden zwei Drittel der Muldeninsel genutzt. Diese bebaute Fläche von 620 x 230 Meter umschloss letztlich ein doppelter Mauerring mit Wehreinbauten. Zugänge zum Stadtinneren bildeten im Osten das Obertor, im Norden das Staupitztor und im Süden das Niedertor. An diesen bewachten Stadtzugängen konnte die Mulde über befahrbare Brücken an Ober- und Niedertor und einen Fußsteg am Staupitztor trockenen Fußes überquert werden. Zusätzlich gab es an Ober- und Niedertor jeweils eine Wagenfurt. Unsere längste und wohl auch älteste Straße auf der Muldeninsel hatte anfangs eine Länge von 270 Metern und zog sich von der Oberbrücke bis zur Staupitzmühle am gleichnamigen Steg hin.

Wenn wir vom Schlossbergwehr dreihundert Meter dem Flusslauf in nördliche Richtung folgen, erreichen wir den Beginn unserer Straßengeschichte an der Oberbrücke. Der Ortschronist Hingst berichtet, dass es die Brücke in Holzkonstruktionen schon seit 1328 gab. Da sich an der Stelle schon zu frühester Zeit die Handelswege von Leipzig und Dresden trafen, konnten Frachtfuhrwerke in die Stadt reich beladen hinein rollen. Sie erreichten die Ritterstraße, welche sich am Obertor auf einer Länge von 120 Metern (sich) platzartig erweiterte und zunächst nach weiteren 150 Metern an der ersten Döbelner Mühle am Staupitztor endete.

Verkehrsanbindung um die Jahrhundertwende durch die Döbelner Pferdebahn. Foto: www.döbeln.de


Im 16. Jahrhundert (1540) nannte man die Straße Herrengasse. Ursprünglich gab es nur die Bezeichnung „Gasse“ in der Stadt. Die Bezeichnung „Straße“ ist erst ab 1833 nachweisbar. Und so wurde aus der Herrengasse die Ritterstraße. Kurze Zeit später, um 1750, gab es auch den Namen „Am Obertor“. Die Ritterstraße hieß in der Zeit von 1945 bis 1992 Clara-Zetkin-Straße. Kurz nach der Wende bekam sie ihren angestammten Namen wieder.

In der Herrengasse wohnten und lebten die Gefolgsmänner des Schlosshauptmanns und die Burgherren. Von der Burg war es nur ein kurzer Weg durch die kleine Kirchgasse in die Quartiere nahe dem Obertor. Schon in der Frühzeit der Stadtgeschichte gab es am westlichen Ende des Straßenmarktes der Herrengasse eine größere Herberge. Dort waren die Gefolgsmannen der Burgherren untergebracht, die sonst auf Vorwerken außerhalb der Stadt ihre Wohnsitze hatten und bei drohender Gefahr zu ihrem Herren gerufen wurden.

Aus der Herberge entstand der Obere Gasthof. Ihm folgte später auf dem Niedermarkt der Niedere Gasthof. Im Oberen Gasthof spannten die Fuhrleute aus und erhielten Kost und Logis. An Gästen mangelte es nicht, zumal es ab 1537 eine steinerne Oberbrücke gab, die auch schweren Fuhrwerken die Überfahrt ermöglichte. Aus dem Oberen Gasthof entstand nach langer Zeit ein Hotel mit umfangreicher Gastronomie, welches wir noch im 20. Jahrhundert mit der Bezeichnung „Goldene Sonne“ kennen. Gleichzeitig existierte am Ort des Niederen Gasthofes das Hotel „Stadt Altenburg“.

Die kleine Kirchgasse war früher nur für Ross und Reiter sowie kleine Karren passierbar. Heute hat sich ihre Breite fast vervierfacht, nachdem in den Jahren 1964 bis 1985 das „große Aufräumen“ im Stadtbild begann und viele Gebäude samt Wohnungen, Läden und Gaststätten für immer verschwanden.

Neben der Kirchgasse, die zur Burg und zur Kirche St. Nicolai führte, zweigten von der Herrengasse in südliche Richtung noch die Sattelgasse und die Zweckengasse ab. Sie führten zum späteren Obermarkt, dessen gegenwärtige Marktstraße parallel zur Ritterstraße verläuft. Die Sattelstraße als derzeitige Geschäftsstraße erinnert mit ihrem Namen daran, dass hier einstmals die „lederverarbeitenden“ Dienstleister der Rittersleute ihrem Handwerk nachgingen. Die kleinere Zweckengasse gibt es nur noch dem Namen nach. Hier parken heute die „Blechkarossen“ auf großzügigen Parkdecks, deren Fahrgäste im Rathaus oder der Innenstadt verweilen.

Blick von der Oberbrücke in die Ritterstraße (www.döbeln.de)


Im westlichen Ende der alten Ritterstraße führt die Stadthausstraße entlang der Westseite des Rathauses zum Obermarkt. Hier endete einmal die obere Stadt mit dem westlichen Teil der ursprünglichen Stadtmauer, die über Kreuzgasse, Fronstraße und Zwingerstraße bis zum südlichen Muldenarm verlief und dann in Richtung Burg weiterführte.

Als die Niederstadt erweitert werden musste, verlegte man den Westteil der Stadtmauer bis hin zur heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße. Bei Bauarbeiten zur neuen Sparkasse und zum TIB (Theater im Bürgerhaus) konnten Fundamentreste dieser alten Stadtmauer freigelegt werden. Solche Relikte der Vergangenheit findet man heutzutage nur bei tiefgründigen Bauarbeiten auf der Muldeninsel. Um 1830 begann der Rückbau des steinernen Schutzringes. Neun Jahre später folgten die drei Stadttore. Kleine oberirdische Abbruchreste sind noch nördlich bei der Kirche St. Nicolai nahe den Färberhäusern zu sehen.

In der alten Ritterstraße gab es bis in die jüngere Vergangenheit 41 Wohnhäuser. Beginnend im Jahre 1888 erhielten die Döbelner Steinhäuser straßenweise Hausnummern. Die Nummerierung der Häuser der Ritterstraße begann mit dem Wohnhaus der Staupitzmühle, das die Nummer 1 erhielt. Die aufsteigende Nummerierung zog sich linksseitig bis zur Oberbrücke hin und verlief bis zur Nummer 41 rechtsseitig zurück zur Mühle.

Ende der Ritterstraße - links die Brauhausgasse - rechts der Durchgang zum Salzgraben - mittig das Torschreiberhaus, um 1975 (www.döbeln.de)


Damit standen sich aus Sicht der Hausnummern Anfang und Ende der Ritterstraße praktisch gegenüber. Diese Paarung, bezogen auf den Anfang und das Ende, gab es an unserem geschichtsträchtigen Ort gleichwohl in einer anderen Beziehung ebenso. Etwa um 1420 wurde die Staupitzmühle als erste Mühle in Döbeln erwähnt. Und es kamen noch weitere im Laufe der Zeit hinzu. Nach vielen Jahrhunderten des Mühlenbetriebes ergab es sich, dass die Staupitzmühle als letzte Mühle der Stadt im Jahre 1976 ihre Arbeit einstellte. Und unser unvergessener Vereinsbruder Werner Braun nannte sich gern „der letzte Müller von Döbeln“. Soviel zum Werdegang Döbelner Mühlen.

Bevor wir bei unserem „Gassenbummel“ auf einige bemerkenswerte „Hausnummern“ eingehen, sei berichtet, wie die Ritterstraße in die „Wachstumsjahre“ kam und sich so zur längsten Straße auf der Muldeninsel entwickelte.

Bis zum Jahre 1976 endete die Ritterstraße im Westen in einer kleinen platzartigen Erweiterung mit einer Wegegabelung. Ab hier, im Uhrzeigersinn betrachtet, begannen Stadthausstraße, Brauhausgasse, Weg am Salzgraben und Weg zum Staupitzsteg. In der Mitte dieses Wegeabzweig-Quartetts stand das Torschreiberhäuschen. Ab dem Jahre 1383 mussten an dieser Stelle Torpfennige und Wegegeld für die Stadtkämmerei entrichtet werden. Das Torschreiberhäuschen mit seinen Anbauten fand bis nach dem 2. Weltkrieg als Mühlenbäckerei Nutzung. Im Hungerwinter 1945/46 standen regelmäßig lange Menschenschlangen nach Brot an. Die Brauhausgasse führte westwärts bis in die nord-westliche Ecke des Niedermarktes. Sie hieß früher Entengasse und an ihrer nördlichen Rückfront zog sich die Stadtmauer hin. Durch eine kleine Pforte in dieser Mauer gelangte man zu den Gebäuden des Kuttelhofes (Schlachthof), der am Salzgraben endete. Letzterer folgte dem Wasserlauf des Mühlgrabens und der Mulde bis zur heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße (früher Weg zum Salzgraben und später Moltkestraße). Zwischen dem Mühlenwohnhaus und dem Haus Ritterstraße 2 schlängelte sich ein schmaler Weg zum Staupitzsteg hin.

Blick in die Ritterstraße, um 1988, damals Clara-Zetkin-Straße (www.döbeln.de)


Als in den 1970er Jahren der Straßenverkehr immer mehr zunahm und er in diesem Bereich der Muldeninsel zu kollabieren drohte, kam für das untere Ende der Ritterstraße der Ruf: „Go West!“ Es entstand eine Straßenverlängerung um 250 Meter bis hin zur Breitscheid-Straße. Am 5. Januar 1976 begann der Abbruch der Häuser von Brauhausgasse und Salzgraben. Es verschwanden für immer die markante Esse des Brauhauses, der Kuttelhof und vor allem das anheimelnde Torschreiberhäuschen. Im Mai 1976 begann der Straßenbau und pünktlich zum 7. Oktober 1976 (!) war die feierliche Übergabe des Objektes für den öffentlichen Verkehr. Es rollte sich nun besser als vorher auf dem „Dittrich-Ring“, so benannt nach dem damaligen Bürgermeister, der dieses Prestige-Objekt vollendet hatte.

Abgerissen war schnell, jedoch fehlte eine Bebauung entlang des neuen Straßenabschnittes. Auf der rechten Straßenseite nach der Mühle zu (,) half eine Begrünung die Tristesse zum nördlichen Muldenarm hin abzumildern. Linksseitig dauerte es mehrere Jahrzehnte. Erst mit der Wende begann im angrenzenden Stadtrevier ein regelrechter Bauboom. So entstanden auf dieser linken Seite ein großes Parkhaus mit diversen Läden im Erdgeschoss und einer Passage zur Bäckerstraße. Fertigstellung war im Frühjahr 1993. Fast gleichzeitig konnte am Ende der Straßenverlängerung der Grundstein für den Gebäudekomplex der neuen Kreissparkasse gelegt werden. Die erste Einweihung durch die Döbelner Sparkasse im entstehenden „Bankenviertel“ auf der Muldeninsel fand im August 1994 statt.

Blick aus Richtung Osten vom Salzgraben an der Mulde auf das Scheibengasometer. Heute verläuft hier die verlängerte Ritterstraße, links steht das neue Sparkassengebäude.


Der Drang der Ritterstraße sich in Richtung Westen zu entwickeln, blieb weiter ungebremst.

Als nach 115 Jahren im Jahre 1972 im Gaswerk Döbeln der oft zitierte „Hahn zugedreht“ wurde, kam es auf dem Werksgelände in der Folgezeit zum Rückbau der Betriebsanlagen. Die Gasometer verschwanden in den letzten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Am 19. August 1999 wurde mit dem Fall der Gaswerksesse die „Rauchfahne“ endgültig eingezogen. Zwischen Rosa-Luxemburg-Straße und Rudolf-Breitscheid-Straße entstand damit eine innerstädtische Industriebranche, wie es sie in vielen anderen Orten im Lande auch schon gab.

Im Kalkül der Stadtväter hatte schon längst der noch fehlende Abschnitt von ca. 135 Meter zur Einbindung in die Rosa-Luxemburg-Straße Gestalt angenommen. Nur ein Hindernis stand dem Vorhaben noch im Wege, das sogenannte SPD-Haus am Muldensteg. Seit März 1999 gehört auch dieses Bauwerk zur Geschichte Döbelns. Man konnte sich gütlich einigen. Zügig legten die Straßenbauer los und bereits am 29. August 2000 rollte der Verkehr auf der Ritterstraße westwärts von der Oberbrücke bis zur Einmündung am Stammhaus der Döbelner Stadtwerke. Unsere Ritterstraße reicht nun bis an die Brücke am
Stadtbad heran. Der Autofahrer hat damit die Wahl, links zur Bahnhofstraße oder nach rechts zum Leipziger Berg abzubiegen. An diesem Punkt, der 660 Meter vom Anfang entfernt ist, hat die Straße ihr westliches Ende erreicht. Bis zum Zusammenfluss beider Muldenarme ist es nur noch ein „Katzensprung“ über das Gelände unserer Stadtwerke hinweg. Doch unseren Strom- und Erdgasanbieter wollen wir behalten. Also begraben wir an dieser Stelle weitere Verlängerungspläne der Ritterstraße über die Mulde bis zum Steigerhausplatz. Schließlich sollen in Döbeln nicht „die Lichter ausgehen“.

Wir machen uns auf den Rückweg und schauen noch einmal, was bis heute an der „neuen“ Ritterstraße alles so entstanden ist. Zu Beginn lädt ein begrünter Fußweg am Muldenufer zum Bummeln ein. Eine kleine Anlage mit Bänken nahe der Stadtbadbrücke lockt zum Verweilen. Ein großzügig ausgelegter Parkplatzkomplex erstreckt sich bis in den Bereich der ehemaligen Salzgasse. Zum Stadtfest findet hier der Rummel statt. Hat man dabei die Möglichkeit mit dem Riesenrad zu fahren, bietet sich ein faszinierender Blick auf die Innenstadt und ins Muldental.

Würde man die Straße in Höhe unserer neuen Sparkasse queren, dann gelangt man seit Oktober 2002 über einen neu montierten Steg, der als schwungvolle Stabbogenbrücke gestaltet wurde, auf die andere Muldenseite.

Wir bleiben in Flussrichtung gesehen „linksmuldig“ und kommen so im Bereich der ersten Verlängerungsstrecke an. Im Juni 2009 begann an der Staupitzmühle das große Flutschutzmauer-Projekt. Dies war mit einem erheblichen technischen Aufwand verbunden. Der Mühlgraben, von der Staupitzmühle an, musste verrohrt werden und im Muldenbett galt es eine Baustraße halbseitig bis hin zum neuen Muldensteg aufzuschütten. Zahlreiche Betonbohrpfähle brachte man entlang des linken Uferbereich
ein. Als Fundamente tragen sie die aufgebaute Schutzmauer und stabilisieren so den anschließenden Straßenbaukörper. Anfang 2012 endete am Steg der erste Bauabschnitt des Flutschutzprogramms für Döbeln.


Im August 2011 haben sich viele fleißige Bauleute das Erich-Heckel-Haus vorgenommen, dessen Vorderfront zum Niedermarkt zeigt (Haus-Nr. 15). Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude erhielt eine sachgerechte Sanierung. Seine ehemalige Rückfront, die bis zur Ritterstraße hin reichte, erhielt eine völlig umgestaltete Außenfassade mit modernem Architekturzuschnitt. Alles geschah unter der Federführung der Kreissparkasse, die das Geburtshaus des Malers erworben hatte. Das ansprechende Bauensemble nennt sich nun „Sparkassenhaus Erich Heckel“ (der expressionistische Maler lebte von 1883 bis 1970). Ein kleiner zur Ritterstraße zeigender Platz
urde mit einer schönen parkähnlichen Struktur gestaltet und trägt gleichfalls den Namen des Malers. Die Kreissparkasse Döbeln steht nun im Adressbuch unter „Erich-Heckel-Platz Nr. 1“. Damit ist die alte Zuordnung an die Ritterstraße 51 nichts mehr als Geschichte, was den Sparkassenkunden egal sein dürfte, wenn nur die Geldanlagen Bestand haben.

Wenden wir uns nun einigen besonderen Häusern der „Original-Ritterstraße“ zu.

Über das Haus Ritterstraße 1, das Wohnhaus der Staupitzmühle, haben wir schon viel berichtet. Es steht seit vielen Jahren und wird gewiss dort noch lange stehen bleiben. Schlecht sah es dagegen für die Nummer 2 aus, ein mehrgeschossiges Wohnhaus, in dessen muldenseitigem Eckbereich früher die Torwache des Staupitztores stationiert war. Nach der „Wende“ verfiel das Haus immer mehr und wurde so zur Gefahr für die Passanten. Der Abriss im März 2010 brachte das Ende für die Nummer 2. Seitdem gibt es eine Freifläche zwischen Mühlenhaus und Ritterstraße 3. Inzwischen entstand eine wunderschön begrünte Freifläche mit Rasen, Bänken, Pflanzen und vier jungen Lindenbäumen. Wer denkt da nicht an das alte Lied vom Lindenbaum am Tore. Leider gibt es das Tor und auch den letzten Müller von Döb
ln nicht mehr. Die heute hier Verweilenden haben am „Werner-Braun-Eck“ (Namensgebung des Verfassers) einen schönen Ausblick zu dem modernen Wohnkomplex unterhalb des Terrassengutes an der Staupitzstraße. Der neue Staupitzsteg, „Döbelns Blaues Wunder“, konnte am 9. März 2004 eingeweiht werden.

Das Blaue Wunder von Döbeln - der Staupitzsteg


Im weiteren Verlauf der linksseitigen Häuserzeile in Richtung Oberbrücke liegt ein weitgehend unbebautes Areal zwischen den Häuserrückfronten und dem Muldenufer des Nordarmes. Früher nutzte man die Teichwiesen als Weideland. Manche Generation von Mühleneseln durfte hier neue Kräfte für das Säcketragen sammeln. Heute kann man hier beim Bummeln die Reste der alten Stadtmauer bestaunen. Für die Städteplaner liegt in diesem Bereich viel Potenzial für einen „Erweckungskuss“ aus dem Dornröschenschlaf, um unsere Idee vom verlängerten Muldewanderweg in Gang zu bringen. Vielleicht auch noch mehr.

Interessant war einmal Haus Nummer 7. Dort eröffnete 1893 „Meyers kleines Warenhaus“ in zwei Stockwerken seine Pforten. In einem Gebäudeteil des Hofbereiches flimmerten 1916 im Kino „Colosseum“ Stummfilme mit Erklärer und Pianist zur ansprechenden Umrahmung. Umgetauft in „Union-Theater“ blieb ab 1945 die Leinwand dunkel. An selbiger Stelle entwickelte sich ein stadtbekannter Anlaufpunkt für Sammler beim Altwarenhändler Karl Mantel, der als Protagonist der heutigen Altwarenentsorgung jeglicher Art anzusehen ist.

Das Haus Nr. 10 ist das Eckhaus, wo sich die Ritterstraße deutlich zur Oberbrücke hin verbreitert. Die Häuserfront Nr. 10 bis Nr. 12 bildet den westlichen Abschluss des Ritterstraßen-Platzes.

Viele Häuser der Ritterstraße waren in den 70er und 80er Jahren dem Verfall preisgegeben, 02.08.1975 (www.döbeln.de)


Mit Nr. 13 geht es weiter in Richtung Oberbrücke. In diesem Haus von Karl Kaden konnte man vor langer Zeit bei einem guten Glas Wein sitzen und die benötigte Nachlieferung für den eigenen Bedarf ordern. Den Damen bot sich im Haus über Eck die Chance, bei Herrn Spranger ein neues modisches Korsett zu erwerben.

Das bekannteste Haus an dieser Stelle der Straße ist Haus Nr. 14, dessen Existenz in grauer Vorzeit als Burgherberge begann und am 30. Juni 1963 - vorerst gottlob nur funktionell - endete. Der Gebäudekomplex mit zwei Hinterhöfen, die über große Wagendurchfahrten verfügten, endet in einem parkähnlichen Bereich am Muldenufer. Alle Räumlichkeiten boten viel Platz für Kost und Logis für Ross und Reitersmann. Ab 1722, zurzeit Friedrich August I, wurde hier eine Posthalterei eingerichtet. Infolge machten hier die gelben Postkutschen ihren „Boxenstopp“. Seit dem Jahr 1899 kamen die Hotelgäste vom Döbelner Hauptbahnhof über einen kurzen Anschluss-Gleisbogen von der Sattelstraße per Pferdebahn vor das Hotel „Goldene Sonne“ gefahren. Für Unterhaltung und Kultur gab es einen großen Festsaal im hinteren Gebäudebereich. Er war im 1. Stockwerk untergebracht. Darunter eröffnete im Jahre 1929 das Lichtspiel-Theater „Metropol“.

Hotel Goldne Sonne in der Ritterstraße (www.döbeln.de)


Gestatten sie mir einen kleinen emotionalen Ausflug in meine „Pennälerzeit (1949-1953). Damals lernte ich beide „Etablissements“ ausgiebig kennen: Auch ich weinte in der „Flohkiste“ bei rührseligen Filmen, schwang das Tanzbein bei Faschingsbällen von Suse Baumann und tauschte zaghaft Zärtlichkeiten im Mondschein am Muldenufer aus. Wer möchte dies missen? Vorbei und Schluss war 1993 auch das Motto für die „Goldene Sonne“. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte bis ein rühriger Bauunternehmer aus Döbeln, Herr Sven Weißflog, das geschichtsträchtige Bauwerk wieder aufleben lässt. Hier entstand ein großer Komplex konzipiert als Mehrgenerationenhaus mit allem Drum und Dran. Während die Hinterfront stufenförmig modern gestaltet wurde, behielt die Straßenfront ihr altes Aussehen. Eine gleichgeartete „Wiedergeburt“ soll auch das Nebenhaus Nr. 13 erleben, welches der Baumeistersohn Martin Weißflog erworben hat. Er betreibt schon längere Zeit gegenüber der „Sonne“ einen Bioladen.

Im rechten Nachbarhaus der „Goldenen Sonne“ beehrte uns Preußenkönig Friedrich II. vom 1. zum 2. September anno 1757 mit einer Übernachtung. Wahrscheinlich war das eine Art „Rekognoszierung“ des alten „Friedrich“ in der Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756 – 1763). Am 12. Mai 1762 kam es dann noch zum Gefecht bei Döbeln, bei dem sich Österreicher und Sachsen mit den Preußen „rauften“.

In Nummer 16 konnte man in der einstigen Pfandleihe sein „Tafelsilber“ beleihen lassen. Heute passiert gleiches computergestützt auf der anderen Straßenseite in Haus Nr. 33, was nur beweist, dass es für den einen oder anderen schon immer „lausige Zeiten“ gab.

Eine sehr bekannte Adresse für Zweiradfreunde war Max Feiler in der Hausnummer 17. Dort gab es alles, was Fahrräder, Motorräder und Nähmaschinen notwendig hatten. Gleich links nebenan reparierte ein Glasermeister zerbrochene Fensterscheiben und Spiegel. Seit dem Datum 03.11.2012 klingen dort gefüllte Gläser in der neuen Kultkneipe „Düne 13“. Die „erstgeborene“ Schwester dieser Gaststätte gibt es unter gleichem Namen schon eine ganze Zeit auf der ostfriesischen Nordseeinsel Langeoog. Ganz einfach die Mulde entlang und dann über die Elbe per Boot erreichbar. Jedenfalls können sich künftig die Döbelner im Dünensand am Muldenstrand bräunen, was lange Reisen erspart und so der Umwelt nützt.

Ritterstraße 2013 - viele Häuser sind saniert, Geschäfte laden zum Einkauf ein.


Nach dem Wohnhaus Nr. 19 endet die Nordseite der Ritterstraße mit dem Eckhaus Nr. 20, wo man sich heute in der Apotheke „An der Oberbrücke“ zu „Risiken und Nebenwirkungen“ beraten lässt. Schon vor der Apothekenzeit stand eine “hochprozentige“ Nutzung des Hauses als „Wein- und Destillierhandlung“ an. Aus der Hausfassade schauten ehemals zwei steinerne Menschenköpfe auf die Straße. Sie sind als die „Döbelner Kegelbrüder“ bekannt geworden. Sie hatten einstmals um das häusliche Erbe beim Kegelspiel „gekämpft“. Leider verschwanden beim Umbau beide Köpfe. Doch die Döbelner fanden die Geschichte so interessant, dass die Stadtverwaltung 1992 den Chemnitzer Bildhauer Stephan beauftragte, die Kegelbrüder neu zu schaffen. Es entstanden zwei „klobige Gesellen“ aus Sandstein mit gigantischen Ausmaßen - 3,5 Tonnen schwer und 2,2 Meter hoch. Diagnose der Baustatiker: Für die Oberbrücke zu schwer. Deshalb erfolgte die Aufstellung erst im Oktober 1994 eingangs der Ritterstraße. Wie es sich 2002 herausstellte, war es nur für einen der Brüder eine sichere Platzwahl. Trotz großer Masse kippte der eine Kegelbruder während der Flut 2002 zur Seite. Wer glauben sie, war von diesem Malheur betroffen?
Keinesfalls der Sieger des Wettkegelns, nein der Dumme war zum wiederholten Male der Verlierer. Was lehrt und das, auch Geschichte kann sich wiederholen.

Links um die Ecke stehen Nr. 20 und Nr. 21 entlang der Mulde. Früher gab es noch die Häuser 22 und 23, in denen eine Hufschmiede untergebracht war. Ob dort in grauer Vorzeit die Ritter ihre Streitrösser beschlagen ließen, ist uns nicht überliefert.

Wir wechseln für den Rückweg zur Mühle die Straßenseite. Das Eckhaus Nr. 24 zur Kleinen Kirchgasse ist, wie so viele Häuser der Straße dem großen „Kahlschlag“ für den ungehemmten Verkehrsfluss von einst zum Opfer gefallen. Damit verschwand das mittelalterliche Gassenflair und es blieben einige „offene Abrisswunden“, die eher schlecht als recht kaschiert werden konnten.

In Nr. 24 war zuletzt die große Brückendrogerie untergebracht. Heute gibt es von den vier Häusern zwischen Kirchgasse und Sattelstraße nur noch die zwei mittleren. Eines der beiden Übriggebliebenen hatte zu DDR-Zeit Statuscharakter. Gegen Westgeld konnten die DDR-Bewohner und ihre Gäste im „Intershop“ die Waren aus der „weiten Welt“ erwerben. Heute gehen wir dafür in den Supermarkt auf der grünen Wiese. Das rechte Eckhaus zur Sattelstraße ist die Ritterstraße 27, wo heute die Pizzeria „Bollywood“ tätig ist. Daneben gab es das große Molkereigeschäft von Otto Rumland und einen Friseursalon.

In Höhe der Häuser 30 bis 32 reduziert sich die Ritterstraße deutlich in ihrer Breite. In beiden Häusern ist die Auslage einer bekannten Döbelner Traditionsfirma zu bewundern. Das Handelsgeschäft Spielwaren-Faßbinder aus Sörmitz begann 1919 auf dem Obermarkt 4 und wechselte ab 1925 in die Ritterstraße. Nach Rudolf und Harro steht mit Heiko die jüngste Faßbindergeneration „hinter dem Ladentisch“. Zu Beginn standen der Verkauf und die Reparatur von Fährrädern und Nähmaschinen im Vordergrund. Dann kamen Kinderwagen und Spielsachen aller Art hinzu. Das Spielwarensortiment reicht heute bis zu Garteneisenbahnen für die „großen“ Kinder.

Die Staupitzmühle in der Rittersttraße mit der Hochwassertafel ist ein MUSS bei jedem Stadtrundgang.


In der Häuserzeile, die bis zur Zweckengasse führt, sind damals wie heute kleinere Läden untergebracht. Zu den Neueren gehört eine Pfandleihe. Wer von Kunden schon ahnt, dass er das Pfand nicht wieder einlösen kann, dem sei Nr. 35 empfohlen - ein großer Antiquitätenhandel. Dort kann er seine guten alten Stücke gleich zu klingender Münze machen.

Nach der Parkfläche hinter dem Rathaus und der Einmündung zur Stadthausstraße kommen noch die Hausnummern Ritterstraße 40 und 41. Im Haus an der Ecke gab es bei Gustav Höhle Drogeriewaren und die einstmaligen Kolonialwaren. Das Haus 41 lag gegenüber dem Mühlenhaus und existiert nicht mehr.

Am Ende unseres Nostalgie-Bummels verschnaufen wir noch einmal auf einer Bank am „Mühlen-Eck“ und ziehen Bilanz.

Ein Ergebnis könnte die Einschätzung sein, dass die alte Ritterstraße mit Geschäften, Händlern, Gewerbeeintreibern und Gastwirten weiter lebt und sich gut herausgemacht hat. Dank vieler engagierter Döbelner Bürger, die mit Ideen und Elan das alte Flair neu aufgeputzt haben. Die Ritterstraße braucht sich nicht mehr vor Döbelns „Guten Stuben“ auf dem Ober- und Niedermarkt verstecken. Zwar ist der Hang zur modernen Zeit bei manchen Geschäftsnamen in der Ritterstraße zu verzeichnen, denn mit „Hair Factory“ oder „Gourmandise“ finden wir Bezeichnungen, die bei den Alten kaum zu lesen gewesen wären. Aber solange aus der guten alten Ritterstraße nicht die „Knightstreet“ oder „Rue de Chevalier“ wird, ist alles in Ordnung. Davon wäre auch der letzte Müller von Döbeln überzeugt. Würde er jetzt aus dem Haus Ritterstraße 1 treten, könnte er durch ein lebendiges Umfeld schreiten.

Gerhard Heruth

Druckbare Version Jüdischen Familien Verordnete Ordnung