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Pferdebahn 1998

Der vom Döbelner Zentrum ziemlich weit entfernte Hauptbahnhof machte im vorigen Jahrhundert eine innerstädtische Verkehrsverbindung zur Notwendigkeit.

Einige Döbelner Geschäftsleute und Fabrikanten regten an, eine Aktiengesellschaft "Döbelner Straßenbahn" zu gründen. Dies waren Mühlenbesitzer Braun, Fabrikant Richter, Privatmann Roßberg, Kaufmann Wilsdorf und Kaufmann Ziegenhirt. Das Anfangs-Aktienkapital betrug 6000.- Mark.

Schienen im Bereich des Obermarktes

Man hatte sich geeinigt, eine Pferdebahn einzurichten, eine elektrische Bahn wurde abgelehnt. Nach Festlegung der Streckenführung zwischen Hauptbahnhof und Restaurant "Weißes Kreuz" in der St.-Georgen-Straße begann die Verlegung der Gleise mit 1,0 m Spurweite ab April /Mai 1892. Reste der Gleisanlage sind heute noch im Bereich des Obermarktes zu besichtigen.

Es wurden auf der am 10. Juli 1892 eröffneten eingleisigen (mit Ausweichstellen) und 2450 m langen Strecke insgesamt 11 Haltestellen eingerichtet:

Haltestellen

In der Ritterstraße, Blick zur Oberbrücke Historische Postkarte von 1915 aus www.doebeln-in-alten-ansichten.de

In Richtung Hauptbahnhof und St.-Georgen-Straße verkehrten täglich je 33 Wagen. Schon um 5 Uhr früh verließ der erste Wagen das Depot an der Jacobikirche in Richtung Stadt, abends fuhr der letzte Wagen ab Bahnhof um 22.50 Uhr. Im Depot befanden sich die Pferdeställe für 12 Pferde, Wagenremisen (letzter Fuhrparkbestand: 7 Personen-, 2 Salz- sowie 3 Postwagen) und Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Im leicht steigenden Bereich der Bahnhofstraße zwischen Jacobikirche, vorbei an der Beßlerklinik bis zum Forsthausplatz kam bei vollbesetztem Wagen ein 2. Pferd zum Einsatz.

Pferdebahn vor dem Hotel "Goldene Sonne"

1897 nach dem Bau des neuen Postamtes im Jahre 1895 wurde vom Obermarkt über 150 m ein Abzweiggleis zum Posthof verlegt. Für die Postbeförderung kamen spezielle Postwagen mit Fahrern in Postuniform und mit Posthorn zum Einsatz. Weitere Sonderfahrzeuge: zwei Sommerwagen für Personen und Salzwagen für das Enteisen der Gleise im Winter.

Im Jahre 1898 erhielt das Hotel "Goldene Sonne" in der Ritterstraße ein Abzweiggleis auf Kosten des Hoteliers.

Während des 1. Weltkrieges mußten Pferde abgegeben werden, auch mangelte es an Futter. Schlimm waren die Jahre der Inflation von 1921 bis 1923. Zwar wurde der Fahrpreis von 15 Pfennig auf 6 Mark erhöht, jedoch konnten die Betriebskosten nicht gedeckt werden. Es erfolgte Antrag auf Liquidation und das Personal ging in die Arbeitslosigkeit. Vom 16.09.1922 bis 02.03.1924 ruhte der Betrieb völlig.

Bei Wiederaufnahme betrug der Fahrpreis 20 Pfennig, eine Pferdebahnmünze kam in Umlauf. Am 10. Dezember 1926 fuhr die Pferdebahn letztmalig durch Döbeln, zur Ablösung traten nun die Autobusse an.

Technische Daten

Die als "Bahnwagen mit Hafermotor" bespöttelte Pferdebahn war auch Gegenstand eines Spottverses, an welchen sich ältere Döbelner bestimmt noch erinnern:

In Döbeln ists gemütlich, da gibts ne Pferdebahn,
das eine Pferd , das zieht nicht, das andere läuft lahm,
der Kutscher der ist bucklig, die Räder die sind krumm
und all paar Kilometer, da fällt die Karre um!

Hans-Friedrich Seidel
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 14
15. Mai 1998

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