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Brücken

Wenn ein Festlandsgebiet ringsum von Wasser umgeben ist, wird dies eine Insel genannt. Nach dieser Definition dürfen sich die Einwohner auf 17 ha Stadtfläche Döbelns als Insulaner bezeichnen:

1 Oberbrücke
2 Staupitzsteg
3 Muldensteg zur Staupitzstraße
4 Brücke am Stadtbad
5 Brücke Straße des Friedens
6 Niederbrücke
7 Brücke Bahnhofsstraße
8 Schloßbergschule
9 Nikolaikirche
10 Post
11 Obermarkt
12 Rathaus
13 Niedermarkt
14 Theater


Diese flüssige Grenze bildet jedoch kein Meer, sondern es sind zwei Flußarme der Freiberger Mulde, die den Stadtkern umfassen. Die Freiberger Mulde teilt sich am Schloßbergfelsen in einen nördlichen und einen südlichen Flußlauf, um sich nordöstlich des Steigerhausplatzes wieder zu vereinen. Zu dieser Stadtinsel führen seit eh und je Brücken und Stege, in deren Historie wir heute kramen wollen.

Historisches

Oberbrücke 1919
Oberbrücke 1919 aus: www.doebeln-in-alten-ansichten.de

In früheren Zeiten bog die Freiberger Mulde, nachdem sie aus südöstlicher Richtung das Stadtgebiet erreicht hatte, am Schloßberg in westliche Richtung ab, begrenzte das südliche Stadtgebiet und verlief dann weiter in nordwestlicher Richtung. Den nördlichen Muldenarm gab es anfangs nicht. Östlich der heutigen Oberbrücke floß der aus dem Amselgrund kommende Töpferbach in das östliche Stadtgebiet und verlief von dort weiter in Richtung Staupitzmühle, wo er zu einem Teich angestaut wurde, um ein Wasserreservoir für den Betrieb des Mühlrades zu haben. Danach mündete er in Höhe des heutigen Stadtbades in die Mulde.

Die Stadtfläche Döbelns, die früher von den Stadtmauern geschützt wurde, war wesentlich kleiner als die heutige Muldeninsel. Im südlichen Bereich verlief der Muldenarm 80 Meter von der Stadtmauer entfernt! Als die Gefahr eines Hussitenüberfalls auf die Stadt zunahm, wurde auf Geheiß des Vogtes im Jahre 1420 durch Bürger und Landvolk ein Stadtgraben zwischen südlichem Muldenarm und Stadtmauer vom Schloßberg bis in die Nähe der Einmündung des Töpferbaches in die Mulde ausgehoben. Ein zweiter Graben begann ebenfalls am Schloßberg und zog sich an der Oberbrücke vorbei bis in den Töpferbach. Ein Wehr am Schloßberg hob den Wasserstand, wodurch genügend Wasser nach Norden abgeleitet werden konnte.

Die gefluteten Gräben hielten zwar einen Überfall der Hussiten im Jahr 1429 nicht auf, aber durch die Grabungen war die Muldeninsel entstanden. Der südliche Stadtgraben, teilweise überdeckt geführt, versorgte noch bis 1961 die Niedermühle mit Wasser. Alte Namen für Bereiche nahe der Theaterstraße wie "Am Stadtgraben" oder die "Teichwiesen" zwischen nördlichem Muldenarm und Ritterstraße - dort gibt es auch noch Reste der Stadtmauer - erinnern an jene Zeiten der Stadtgräben.

Nachdem nun die Wasserläufe der Mulde geklärt sind, wollen wir die Bauwerke kennenlernen, über welche man trockenen Fußes auf die Muldeninsel gelangt:

Im Mittelalter besaß Döbeln zwei Brücken und einen Fußgängersteg über die Mulde. Von Osten führte der Weg über die Oberbrücke und durch das Obertor in die Stadt. Der Töpferbach konnte durch eine Furt in Höhe des Wappenhenschstift durchfahren werden. Nach Süden gelangte man durch das Niedertor und über die Niederbrücke. Östlich von dieser befand sich die Niederfurt. Diese nutzten die Fuhrwerke vom Niederwerder zum Hirtenberg. Der Fußgängersteg an der Staupitzmühle ermöglichte eine Überquerung nach Norden.

Oberbrücke

Die Oberbrücke war zuerst eine Holzbrücke über das Sumpfgelände des Töpferbaches. Im Jahre 1537 wurde eine Steinbrücke mit drei schmalen Durchlaßbögen errichtet. Diese Bauweise wirkte bei dem verheerenden Hochwasser 1897 als Sperre für das Treibgut, wodurch das angestaute Wasser große Teile der Stadt überfluten konnte. 1913 wurde die Brücke abgerissen. Nach fünf Monaten Bauzeit war die neue zweibögige Brücke mit einem Mittelpfeiler fertig. Diese Brücke gefiel durch ihre schmucken Natursteinverblendungen. Sie erhielt damals sechs Kandelaber als Brückenbeleuchtung. Der ständig wachsende Verkehr erforderte vor wenigen Jahren eine grundhafte Sanierung. 1995 begannen Erneuerungen der Ufermauern unterhalb der Brücke auf der Seite der Apotheke an der Oberbrücke. 1996 wurde die Brücke bis auf die unbewehrten Natursteinbögen abgetragen. Eine neue Betonschale entstand wieder darüber. Alle unter Denkmalschutz stehenden Bauelemente bekamen wieder ihren Platz im Bauwerk. Gleichzeitig entstand ein Verkehrskreisel im Bereich des Wappenhenschstiftes. Im September 1997 konnte der Verkehr wieder über die neu entstandene Oberbrücke rollen.

Staupitzsteg

Der Staupitzsteg bestand als hölzerner Steg mit Überdachung bereits im Mittelalter. Erst 1965 wurde dieser mehrfach reparierte Steg durch einen eisernen Steg ohne Mittelpfeiler ersetzt. Schon wenige Jahre später sperrte man den Steg wegen Baufälligkeit. 1983 wieder aufgebaut, waren auch in jüngster Zeit wiederum Erhaltungsarbeiten notwendig.

Früher gab es nach diesem Steg noch einen weiteren mit gewölbter Gehfläche, der vom Salzgraben zur Staupitzstraße im Bereich der Beckschen Lederindustrie die Mulde überspannte. Beim Hochwasser 1897 wurde der Steg weggespült und nicht wieder neu errichtet.

Muldensteg zur Staupitzstraße

Der Fußgängersteg von der Rudolf-Breitscheid- zur Staupitzstraße hat eine wechselvolle Geschichte. Er diente bis 1890/91 als Übergang von der Königsstraße zur Haltestelle Döbeln-Ost. An dieser Stelle steht heute die Brücke in der Straße des Friedens. Auf Rollen transportierte man den Steg durch die Stadt zum neuen Aufstellort. Auch ihn hob das schon erwähnte Hochwasser aus. 1904 entstand dort eine hölzerne Fahrbrücke mit steinernen Widerlagern. Bis 1926 wurde der alte Fußgängersteg als Übergang zum Amtsgericht im Verlauf der ehemaligen Bismarck-, heute Rosa-Luxemburg-Straße genutzt. Danach kam er wieder an die alte Stelle zurück, wo ihn Fußgänger von der damaligen Moltke-Straße in den Nordbereich der Stadt nutzten. Mehrere Reparaturen am Steg konnten nicht verhindern, dass er 1974 gesperrt wurde. Nachdem auch dieser Steg eine Erneuerung erfuhr, konnte dieser ab 1985 wieder begangen werden, da er für viele Fußgänger die günstigste Verbindung zum Staupitzbad und dem Wohngebiet Döbeln Nord darstellt.

Brücke am Stadtbad

links im Bild: Stadtwerke Döbeln
links im Bild: Stadtwerke Döbeln

Im Jahre 1926 erbaute man die Brücke am Stadtbad im Verlauf der schon erwähnten Luxemburgstraße. Sie stellt die kürzeste Verbindung nach Döbeln Nord für den Fahrverkehr dar. Wie schon berichtet war die Brücke an die Stelle des vorherigen Fußgängersteges gesetzt worden, der die Maße 26 Meter Länge und 2,7 Meter Breite hatte. 1994/95 wurde, wiederum unter Einhaltung der Auflagen des Denkmalschutzes, auch diese wichtige Brücke grundhaft saniert. Hier mußten zur Festigung des Baugrundes zahlreiche Beton-Bohrpfähle 15 - 20 Meter tief in das Erdreich eingebracht werden.

Brücke in der Straße des Friedens

Der südliche Muldenarm wird zu Beginn seines Verlaufes von der Brücke in der Straße des Friedens am "Döbelner Haus" überquert. 1891 baute man an selbiger Stelle der damaligen Königstraße eine eiserne Brücke als Übergang zum Obermarkt. Auffällig waren die zwei gebogenen Fachwerk-Stahlträger rechts und links der Fahrbahn.Mit dem Überqueren der Brücke auf den Obergurten der Träger vollführte mancher Lausbub eine gefährliche Mutprobe. Im Jahre 1980 erfolgte der völlige Abriss der alten Brücke. An ihrer Stelle entstand eine Stahlbetonbrücke mit dem heutigen Aussehen.

Niederbrücke

Der Weg aus dem Döbelner Talkessel zu den Anhöhen im Süden der Stadt führte über die Niederbrücke. Anfang des 14. Jahrhunderts gab es an dieser Stelle eine Holzbrücke sowie in deren Nähe eine Wagenfurt. Im Jahre 1532 entstand nach der Holzbrücke eine steinerne Brücke mit vier Bögen von je 8 Metern Spannweite sowie eisernen Geländern. 1912 riß man auch diese Brücke ab und schon nach der kurzen Bauzeit von sieben Monaten erhielten die Döbelner die Brücke in der heutigen Ausgestaltung. Nun hat das Bauwerk zwei Bögen von 16 und 20 Metern Länge über den Muldenlauf. Auch das Äußere der Niederbrücke, die im Stile der Oberbrücke dann auch Steingeländer mit Verblendungen erhielt, wurde in der jüngsten Vergangenheit aufgefrischt.

Brücke in der Bahnhofstraße

Kurz vor der Vereinigung der beiden Muldenläufe an Westzipfel der Muldeninsel steht die Brücke in der Bahnhofstraße, eine wichtige Verbindung vom Stadtkern zum Hauptbahnhof. Die Eisenbrücke wurde im Jahre 1871 erbaut und besaß zu beiden Seiten der Fahrbahn parallele Fachwerkträger. 1956 erfolgte eine Erneuerung infolge Baufälligkeit. Für den Fahrverkehr wurde die Brücke schon 1945 gesperrt. Um wenigstens den Fußgängern eine Übergangsmöglichkeit zu geben, gab es für längere Zeit das Kuriosum der Brücken auf der Brücke, entstanden daraus, dass zwei Holzstege auf dem. desolaten Brückenbelag als tragendes Element verlegt wurden.

Soviel zur Entstehung der Stadt Döbeln auf der Muldeninsel und zu den Brücken und Stegen, die als Verbindungsstellen zum "Festland" dienen. Rechnet man zur Zahl der hier beschriebenen Flußquerungen nicht noch die teilweise erhaltenen Mühlgrabenbrücken hinzu, kommt man auf die magische Zahl sieben und Vertretern jüngerer Jahrgänge könnte dabei der bekannte Musiktitel der Gruppe "Karat" in den Sinn kommen, der da lautet: "Über sieben Brücken mußt Du gehen.." - wobei wohl heute mehr darüber gefahren wird.

Werner Braun
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 17
Dezember 1999

LGD-Fotos: Matthias Müller, Frühjahr 2007

Brückenschlag durch drei Jahrhunderte

Brücke Straße des Friedens
Brücke Straße des Friedens

Der Bericht handelt nicht von einer übermenschlichen Rekordleistung, vielmehr soll das lange und „bewegte“ Leben eines Döbelner Muldensteges eine wohlverdiente Würdigung erfahren.

Besagter eiserner Steg überbrückte zuerst den südlichen Muldenarm der Stadt im Verlauf eines Wiesenweges zur Haltestelle Döbeln. Diese Haltestelle an der Bahnstrecke Döbeln-Meißen wird seit 1905, als Eisenbahn und Straße noch auf gleichem Niveau waren, als „Bahnhof Döbeln - Ost“ bezeichnet Der Döbelner Altchronist Hingst schrieb zum Thema Steg: „Am 7. Juli 1868 wurde der nach der Haltestelle Döbeln führende neuerbaute Muldensteig für Fußgänger, kleine Handwagen, Karren und Schiebeböcke dem Verkehr überlassen“.

Erstaunlich die Wandelung, welche sich am Wiesensteg bis ins Jahr 1875 vollzog. Als Königsstraße ausgewiesen, säumten prächtige, markante und beeindruckende Gebäude den Straßenzug. So auch das altehrwürdige Gymnasium in der heutigen Straße des Friedens. Da auch der rollende Verkehr zunahm, entstand an der Stelle des Steges eine eiserne Straßenbrücke. Dies geschah 1883. Ein Jahr später im August 1884 wurde der Eisensteg in drei Teile zerlegt. Auf Rollen ging die Reise der drei Teile zum nördlichen Muldenarm unweit der Staupitzmühle. Hier wurden die Teile wieder zu der Gesamtlänge von 25 Metern zusammengefügt und so entstand eine Muldenüberquerung zwischen Salzgraben (heute westliche Ritterstraße) und Staupitzstraße.

Hier spielte unser Steg seine tragende Rolle bis zum Jahrhunderthochwasser im Jahre 1897. Ende Juli jenen Jahres hoben die Wasserfluten den Steg von den Auflagern und ließen ihn am Muldenufer stranden. Kurze Zeit später überspannt er den Fluss erneut, nun auf erhöhten Tragwerken, um gegen neues Unheil gerüstet zu sein!

Auch hier forderte der zunehmende Fahrverkehr eine Straßenbrücke. 1904 baute man eine stabile Holzbrücke von der Moltkestraße (vorher Salzgrabenweg, heute Rudolf-Breitscheid-Straße) zur Staupitzstraße. Der eiserne Fußsteig geht, auf dem Clausnitzerschen Fabrikgelände an der Schießwiese (Steigerhausplatz) abgelagert, in den einstweiligen Ruhestand.

Brücke Rosa-Luxemburg-Straße
Brücke Rosa-Luxemburg-Straße

Im Jahre 1901 begann der Geschäftsbetrieb im Königlichen Amtsgericht am Rande der Klostergärten. Als Verbindungsweg zwischen der inneren Bahnhofstraße und diesem Stadtgebiet entwickelte sich nach und nach die Bismarckstraße (heute Rosa–Luxemburg-Str.). Um den „armen Sündern“ den Weg zum Amtsgericht zu erleichtern, kam unser „mobiler Helfer“ nun wieder zum Einsatz.

Seine „Arbeitszeit“ dauerte bis zum Jahre 1926. Im April wurde eine steinerne Brücke für Fahrzeuge und Fußgänger dem Verkehr übergeben. Gleichzeitig geschah der Rückbau der Holzbrücke von der Moltke- zur Staupitzstraße. An der freigewordenen Stelle konnte von da an unser „eiserner Freund“ wieder dem Döbelner Fußvolk über die Mulde helfen!

Die neue „Dienstzeit“ des Steges währte zunächst fast fünfzig Jahre am Stück. Im Jahre 1974, nunmehr schon über 100 Jahre alt, reichten frische Farbe und ein neuer Holzbelag nicht mehr für ein weiteres Überleben aus. Da in dieser Zeit in Döbeln viele bauliche Maßnahmen anstanden, waren für den Steg leider keine Mittel und Zeit übrig - er wurde gesperrt.

Muldensteg zum Staupitzbad
Muldensteg zum Staupitzbad und zum Berufsschulzentrum

Nun wissen wir ja, dass ihn Beharrlichkeit und Treue auszeichnen. Nach einer Rekonstruktion durch eine Stahlbaufirma war er Ende 1983 „wieder auf dem Damm“! Dieses bis heute zur Freude vieler Döbelner, die nach Döbeln-Nord, zum Berufsschulzentrum oder zur Disco in das Staupitzbad ihren Weg über ihn nehmen.

In diesem Jahr wird der Steg wohl am Ende seines langen Wanderweges angelangt sein. Bis zum „Tag der Sachsen“ im September 2002 soll ein neuer stählerner Übergang beide Muldeufer verbinden. Eine erneute Einlagerung bis zu einer wiederholten „Reaktivierung“ wird es für unseren alten Freund wohl nicht noch einmal geben.

Gönnen wir dem eisernen Wandersmann durch die Jahrhunderte eine Zukunft in einem Stahlwerk. Vielleicht wird sein guter eiserner Kern dann zu einer Schiene geformt, auf der eine weitere Döbelner Hoffnung, die Pferdebahn, eines Tages wieder rollen kann. Wir wünschen es ihm!

Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 22
Mai 2002

"Fährfrau, hol über!" - die Schiffsbrücke

Sörmitz
Sörmitz

Geschichte einer Muldenquerung

Am südöstlichen Rande Döbelns, wo die Freiberger Mulde die Stadt erreicht, dort erstreckt sich auf dem erhöhten rechten Flussufer der Ortsteil Sörmitz. Die Geschichte dieses Ortes beginnt Anfang des 13. Jahrhunderts. Drei Jahrhunderte später erhält das einst selbstständige Bauern- und Handwerkerdorf seinen heutigen Namen Sörmitz, den die Bewohner gern auf „Särmtz“ abkürzen!

Der Ortsname Sörmitz bedeutete im früheren Sprachgebrauch soviel wie „Mühlenbach“, womit die Verbindung zu der altehrwürdigen Sörmitzer Mühle hergeleitet wäre. Diese Mühle gehörte bis 1450 zur Burg Döbeln. Die Burg, das Hospital St. Georg und das Benediktinerinnenkloster erhielten früher aus dieser Mühle das Mehl. Soviel zur historischen Einordnung von Sörmitz, das am l. April 1922 nach Döbeln eingemeindet wurde. Berichtet sei nun davon, wie die Sörmitzer und Döbelner trockenen Fußes früher und heute über die Mulde kamen und kommen!

Im Mittelalter mussten die Sörmitzer einen Kilometer flussabwärts bis zur Oberbrücke gehen, um durch das Obertor in die Stadt zu gelangen. Wem dieser Weg zu weit war, dem half nur ein Wasserfahrzeug oder im Winter eine tragfähige Eisdecke. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Döbeln zahlreiche Betriebe ihre Schlote in den Himmel reckten und der beginnende Eisenbahnverkehr eine Haltestelle in Döbeln-Ost entstehen ließ, konnten sich die Bürger keine langen Umwege mehr leisten. Eine Abkürzung über die Mulde musste gefunden werden!

Den Anfang machte ein recht abenteuerlicher Fährbetrieb, der von einer Frau Baumann betrieben wurde. Diese tüchtige Fährfrau beförderte für einen Dreier Entgelt Ausflügler, die nach dem Ort Hermsdorf oder zur idyllischen Margarethenmühle wollten. Am 28. März 1902 publizierte der „Döbelner Anzeiger und Tageblatt“ die Fährordnung. In dieser war u. a. zu lesen, dass die Betriebszeit der Fähre in jedem Jahr vom 15. April bis 15. Oktober in der Zeit von früh 5.00 Uhr bis abends 8.00 Uhr reichte. Geregelt war außerdem, dass Militär und Gendarmerie im Dienst kein Fährgeld zahlen mussten.

Die Nutzer der Fähre waren gewiss mutige Bürger, denn das Transportmittel bestand aus einer Holzplattform, die auf Tonnen schwamm. Ein über den Fluss gespanntes Drahtseil sicherte das Gefährt vor dem Abtreiben zum Sörmitzer Mühlenwehr. Die Überfahrten verliefen nicht immer glimpflich. So berichtet der „Döbelner Anzeiger“ im März 1876 von einem Vorfall, bei dem zwölf Personen bei der Fahrt ans rechte Muldenufer mit der Fähre umkippten. Alle konnten sich glücklicher Weise ans Ufer retten.

Frau Baumanns Aktivität übertrug sich auf ihre Söhne, die dem Muldenwasser treu blieben. Der eine, Louis Rößler, wurde Schwimmmeister und war ab 1882 der erste Betreiber der Muldenbadeanstalt zwischen Sörmitzer Wehr und der Eisenbahnbrücke Döbeln-Roßwein. Der andere Sohn, Alfred Rößler, baute im Mai 1898 die Döbelner Schiffsbrücke zwischen der verlängerten Zimmerstraße - heute Schillerstraße - und der Sörmitzer Straße.

Schiffsbrücke
Schiffsbrücke Postkarte von 1914

Die Schiffsbrücke war ein hölzerner Steg mit beidseitigem Geländer, der auf fünf Kähnen ruhte. Die an beiden Muldenufern befestigten Steg-Enden waren derart beweglich verankert, dass die wechselnden Wasserstände der Mulde einen Ausgleich erfuhren. Die Brücke hatte 2,5 Tonnen Tragkraft und war für Fußgänger und Handwagen zugelassen. Brückenbenutzer mussten drei Pfennig Brückengeld zahlen! So war eine günstige Verbindung zwischen Döbeln und Sörmitz entstanden, zumal auch Besucher des Döbelner Krankenhauses, welches 1881 unweit der Brücke erbaut worden war, diese nutzen konnten.

Wer am Fluss baut, muss sich ihn zum Freund machen oder mit den Launen der Natur leben. Das wissen die Döbelner nur zu gut aus jüngster Vergangenheit. Auch Fährenbesitzer Rößler war oftmals bei Hochwasser und Eisgang der Mulde gezwungen, seine Brücke einzuziehen und zu bergen. Dies gelang nicht immer. Schäden entstanden beim Hochwasser im Mai 1899 und wieder im Jahre 1907. Schließlich zerstörte der starke Eisgang Ende Februar 1922 sein Lebenswerk völlig.

Die Stadtverwaltung Döbelns reagierte schnell. Schon im Juni gleichen Jahres stand der Bevölkerung eine neue Schiffsbrücke zur gebührenfreien Nutzung zur Verfügung. Diese Brücke querte gegenüber der vorherigen den Fluss ein Stückchen weiter flussaufwärts, nämlich von der Thielestraße zur Sörmitzer Straße. Ein befestigter Weg vom Ende der Thielestraße führte über die Muldenwiese zur Brücke, deren Ende am rechten Muldenufer genau gegenüber der Einfahrt zum Krankenhaus verlief. Der Brückensteg ruhte auf stählernen Kähnen, wie sie auch beim Militär als Pontons bekannt sind.

Die Geschichte der Döbelner Schiffsbrücke endet im Jahre 1943. Im April errichteten Soldaten eines Pionierbataillons der Deutschen Wehrmacht in nur drei Wochen eine Holzbrücke für Fußgänger und Handwagen. Diese Muldenquerung befand sich jedoch 200 Meter weiter flussaufwärts, dort wo der Sörmitzer Mühlgraben sich wieder mit der Mulde vereinigt und wo die Brücke heute noch ihren Standort hat. An dieser Stelle liegt das Niveau der Sörmitzer Straße bei Normalwasser vier bis fünf Meter über dem Wasserspiegel! Vom Ende der Thielestraße führte ein noch heute genutzter aufgeschütteter Fußweg zur Brücke, der damals am Rande des Betriebsgeländes der bekannten Döbelner Spedition „Carl Gerlach“ entlang ging.

Pionierbrücke
Pionierbrücke 1943

Die nun von den Bürgern „Pionierbrücke“ genannte Muldenquerung wurde außer von den Widerlagern an beiden Flussufern vor allem von zwei Pfeilern getragen, die aus Holzpfählen bestanden. Ein Pfeiler lag in der Flussmitte und ein ebensolcher am linken Flussufer, direkt am Wasser. Dies sei erwähnt, weil es die Achillesferse der Brücke war!

Nach einem extrem kalten Winter setzte am 7. März 1947 ein starker Eisgang mit Hochwasser der Freiberger Mulde ein. Die mit großer Wucht gegen die Brückenpfeiler rammenden Eisschollen leiteten das Ende der Pionierbrücke ein. Die Schollen schlugen einen Pfeilerstamm nach dem anderen aus dem Flussgrund heraus. Zuerst war der mittlere Pfeiler in Einzelteile zerlegt. Kurze Zeit später ereilte das gleiche Schicksal den linken Uferpfeiler. Während das die Muldenwiese überspannende Brückenteil verankert blieb, wurde das linksseitige Brückenende im Flussbereich von der Strömung mitgerissen, bis auch das Sörmitzer Brückenende vom Ufer abriss.

Die Pionierbrücke war nun zu einer „Schiffs“-brücke geworden und schwamm mit dem Treibeis flussabwärts. Am Schlossberg angekommen, wurde die Brücke in den südlichen Muldenarm getrieben und zerstörte einen Teil des dortigen Wehres. Der geringe Zwischenraum an der Brücke der Straße des Friedens, damals noch eine Stahlbrücke, zerlegte die „Pionierbrücke“ zu Treibholz!

Fachwerkträgerbrücke
Fachwerkträgerbrücke

Im September 1947 reaktivierte der Döbelner Stadtbauhof noch einmal die vorsorglich eingelagerte ehemalige Schiffsbrücke im Verlauf der Thielestraße zum Krankenhaus. Zwischenzeitlich wurde eine stählerne Fachwerkträgerbrücke mit hölzernem Brückenbelag gebaut und auf Beton- und Steinpfeiler an beiden Flussufern montiert. Nur die so genannte Vorlandbrücke auf dem linksseitigen Muldenufer verblieb als repariertes Reststück der Pionierbrücke bestehen. Am 8. Oktober 1948 war die Verkehrsübergabe.

In den Folgejahren wurden an der Brücke nur bautypische Unterhaltungsarbeiten ausgeführt, so u.a. eine Verstärkung der Verankerungen im Jahre 1956. Als im zweiten Halbjahr 1996 die Rekonstruktionsarbeiten an der Oberbrücke beginnen sollten, entstand zusätzlich eine behelfsmäßige Strassenbrücke am alten Schiffsbrückenstandort bei der Thielestraße. Diese Brücke konnte von Juli 1996 bis Dezember 1997 genutzt werden.

Angeschwemmter Unrat
Angeschwemmter Unrat blockiert die Brücke beim Hochwasser 2002

Fünf Jahre später hatte die Sörmitzer Brücke ihre höchste Belastung zu überstehen. Döbeln erlebte das Jahrhunderthochwasser vom August 2002. Die Wassermassen stiegen über das Niveau des Brückenbelages an. Sie richteten Schäden und Ausspülungen an der Pfeilergründung an und zerstörten die Vorlandbrücke auf dem linken Ufer. Der Übergang zwischen Döbeln und Sörmitz war wieder einmal unterbrochen!

Hochwasser 2002
Hochwasser 2002

Und ein zweites Mal half ein Brückenschlag durch Pioniere. Soldaten der Geraer Pionierbrigade 701 der Bundeswehr fertigten aus 11 Tonnen deutscher Eiche einen Brückensteg von 24 Metern Länge als Vorlandbrücke zwischen Uferweg und Stahlbrücke. Dies alles zum „Nulltarif“, denn das Baumaterial hatte der bekannte Optiker Günther Fielmann, der in Döbeln in der „Breite Straße“ eine Filiale betreibt, für die Döbelner gespendet! Am 11. Oktober 2002 war die feierliche Freigabe der Brücke. Eigentlich könnte man nun wieder von der Pionierbrücke nach Sörmitz sprechen, aber der Volksmund bleibt beharrlich bei seiner „Schiffsbrücke“!

Fielmann-Brücke
Fielmann-Brücke

Lange Zeit wird diese Brücke in „Gemischtbauweise“ keinen Bestand haben. Ende 2004 will die Stadt nach einer Ausschreibung den Auftrag für eine neue Sörmitzer Brücke vergeben. Dann soll ein kompletter stählerner Übergang für Fußgänger und Handwagen entstehen. Und da der Freiberger Mulde nicht ganz zu trauen ist, wird das 70 Meter lange Bauwerk höher als bisher über dem Wasser errichtet werden. Dann endet wieder eine Brückengeschichte, um einer anderen ihren Anfang zu geben. Denn zeitgleich naht der Abriss der schon lange inaktiven Sörmitzer Mühle. Und mit dem Mühlenabriss verschwindet auch die Quelle des weitbekannten Marder-Senfes.

Doch dies ist schon wieder eine ganz andere Döbelner Geschichte...

Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 27
Dezember 2004

Tafel an der neuen Brücke
Tafel an der neuen Brücke


Schiffsbrücke 2007
Schiffsbrücke 2007