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Zuckerfabrik Döbeln AG

Vorgeschichte
Zucker war in früheren Zeiten für die breite Bevölkerung ein kaum erschwingliches Luxusgut. In Europa war lange Zeit ausschließlich der kostbare Rohrzucker aus den englischen Kolonien bekannt. Erst 1747 gelang dem Apotheker Andreas Sigismund Marggraf die Entdeckung des Zuckers in der Rübe. Nach seinem Tod griff Franz Carl Achard diese Forschungen wieder auf, entwickelte das Verfahren weiter und entdeckte den Rübenrohzucker. Im Jahr 1802 gründete Achard in Niederschlesien die erste Rübenzuckerfabrik, weitere folgten im ganzen Land. Seitdem entwickelte sich Zucker zu einem unentbehrlichen Nahrungsmittel, und überall entstanden Zuckerfabriken. Das registrierten mit zunehmendem Interesse auch die Großbauern in der Döbelner Region. Die fruchtbaren Böden zum Beispiel in der Lommatzscher Pflege waren für den Anbau von Zuckerrüben gut geeignet. Mit einer Zuckerfabrik in der Nähe könnte man eine viel höhere Wertschöpfung erreichen als mit den traditionellen landwirtschaftlichen Produkten.

Friedrich Wilhelm Oehmichen (1807-1884)
  • Am 25. Juni 1882 fand im Saal des Hotels "Goldene Sonne" eine Versammlung zur Gründung einer Zuckerfabrik in Döbeln statt. Geleitet wurde sie von Ernst Friedrich Wilhelm Oehmichen, Rittergutsbesitzer aus Choren sowie langjähriger Abgeordneter des Sächsischen Landtags und des Reichstags. In dieser Versammlung wurde ein Komitee gewählt. Am 21. September 1882 nahmen 44 Landwirte an einer konstituierenden Sitzung unter notarieller Leitung im Saal des Bahnhofs Döbeln teil. Geplant waren 105 Aktien im Wert von jeweils 6.000 Mark, und die Fabrik sollte täglich 4.000 bis 5.000 Zentner Rüben verarbeiten.
  • Am 11. Oktober 1882 erwarb man das ausgewählte Baugrundstück vom Pächter des Gärtitzer Rittergutes, Pornitz, für 45.000 Mark. Am 14. Dezember 1882 wurde die neue Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von 630.000 Mark in das Handelsregister eingetragen. Bereits 1883 nahm in Döbeln-Kleinbauchlitz die damals größte sächsische Zuckerfabrik den Betrieb auf. Sie verarbeitete täglich rund 3.000 Zentner Runkel- und Zuckerrüben. In der ersten Kampagne wurden 23.623 Tonnen Rüben verarbeitet, der Zuckerrübenanbau hatte sich inzwischen stark verbreitet.
  • Im Sommer 1884 stellte man drei weitere Zweiflammrohrkessel auf, und am 1. September 1884 wurde eine Betriebskrankenkasse gegründet. Am 10. Oktober 1885 besuchten hohe Beamte der Landesregierung gemeinsam mit Bürgermeister Thiele und Amtshauptmann von Wittgenstein die Zuckerfabrik. Die Kommission äußerte sich in höchst anerkennender Weise über das Gesehene.
  • Ab 1887 wurden die Rüben nicht mehr nach Gewicht, sondern nach ihrem Zuckergehalt bezahlt. Umfangreiche Modernisierungen folgten 1890, darunter Änderungen an der Verdampfstation, Erweiterungen der Filterpressenstation, der Aufbau eines Rübenlaboratoriums, neue Maischen und Zentrifugen sowie die Einführung elektrischer Beleuchtung. 1891 erwirtschaftete die Zuckerfabrik einen Reingewinn von 203.156 Mark. Seit 1893 unterlag Rohzucker in Deutschland einer Steuer von 18 Mark pro Doppelzentner, weshalb fünf Beamte in der Zuckerstelle der Fabrik tätig waren. Die tägliche Verarbeitungsmenge betrug inzwischen 475 Tonnen Rüben.
Zeichnung der Zuckerfabrik, um 1890
Foto der Zuckerfabrik in nordöstliche Richtung. Im Hintergrund sieht man die sechs künstlich angelegten Teiche zum Klären der Rübenschlämmwässer und den Greinersteg, der zur benachbarten Chemiefabrik Oswald Greiners führte.
  • Die Arbeit in der Fabrik war nicht ungefährlich. Am 8. Februar 1895 kam bei einer Gasexplosion ein Arbeiter ums Leben und am 2. Oktober 1900 verunglückte der Aufseher Carl Fischer aus Kleinbauchlitz in einem Kalkofen. Doch diese tragischen Ereignisse hielten die Entwicklung der Fabrik nicht auf. 1897 trat die Fabrik dem Deutschen Zuckersyndikat bei. Nachdem man 1895 schon die Gleisanlagen erweitert hatte, führte man 13 Jahre später eine neue elektrische Rangieranlage ein, wodurch der Einsatz von Zugtieren überflüssig wurde. Am 27. November 1911 wurde die Schmalspurbahn Döbeln-Lommatzsch eröffnet, deren Bau zuvor heftige Debatten im Landtag ausgelöst hatte und die auch als "Zuckerrübenbahn" bezeichnet wurde.
  • Durch die neue Bahnanbindung widmeten sich immer mehr Bauern der Region dem Zuckerrübenanbau und die Verarbeitungskapazität der Zuckerfabrik wuchs. Die Kampagne des Jahres 1920 endete am 15. Dezember, wobei 470.070 Zentner Rüben verarbeitet wurden. Immer wieder versuchte man die Abläufe in der Fabrik effizienten zu machen. 1924 installierte man eine ELFA-Anlage zur Waggonentladung mittels Druckstrahl, wodurch die Handentladung entfiel. Immer noch war die Zuckerfabrik ein gefährlicher Arbeitsplatz. Nach einem Unglücksfall am 10. November 1924 starb der 57-jährige Rübenprobenentnehmer Friedrich Oskar Schlegel.
Rechnung der Zuckerfabrik vom 14. Februar 1916
Wie entsteht aus Zuckerrüben Rohzucker?

Der Döbelner Lehrer Max Köppel verfasste 1925 für das "Nordsächsische Wanderbuch" von Friedrich Prüfer den Beitrag "Döbeln als Industrie- und Handelsstadt". Hier erzählt er von einem Besuch der Döbelner Zuckerfabrik, in dem er detailliert die baulichen Gegebenheiten und die Arbeitsabläufe beschreibt, die nötig sind, um aus Zuckerrüben Rohzucker herzustellen.

Unser erstes Ziel ist die Besichtigung der größten sächsischen Zuckerfabrik, die aber nur für beruflich oder volkswirtschaftlich Interessierte von Nutzen ist. Ihre Leitung liegt in der Hand des Herrn Direktor Gilbricht, dem der Verfasser sehr wertvolle Aufschlüsse verdankt. Anmeldung spätestens einen Tag vorher unter Angabe der Besucherzahl und der Aufsichtspersonen ist dringend erwünscht. Vom Bahnhof stadtwärts wandernd, biegen wir links in die Lindenallee und dann rechts in die Kleinbauchlitzer Straße ein. Im Hintergrunde der links abzweigende Zuckerfabrikstraße breiten sich, überragt von zwei hohen, qualmenden Schornsteinen, die umfangreichen Fabrikanlagen aus. Am Pförtnerhaus vorüber, vor dem sich die Waage für die Vorwerke befindet, die ihre Lasten geradeaus unterhalb der Gleisanlage abladen, wenden wir uns links, benutzen den Durchgang unter dem Bahndamm und sehen zu unserer Linken hinter Strauchwerk sechs Teiche zum Klären der Rübenschlämmwässer, vor uns die Fabrikgebäude und halbrechts Berge von Scheideschlamm liegen, der auf Kippwagen herausgebracht wird. Für die Fabrikation, also zum Auslaugen der Schnitzel und zum Verdampfen, werden von zwei Pumpwerken unterhalb des Greinerschen Steges (mit Elektromotorbetrieb von 440 Volt Gleichstrom) in der Minute 6 Kubikmeter Muldenwasser zur Fabrik gehoben. Das nach der Verdampfung des Rübensaftes übrigbleibende Kondenswasser dient zusammen mit dem dritten Teil des geklärten Wassers aus den Teichen erneut zum Schwemmen. Alles in der Fabrikation nicht mehr gebrauchte Wasser wird über die Mulde auf eine Art Rieselfelder geleitet und bleibt sich dort zur Selbstreinigung überlassen.
Die Zuckerfabrik Döbeln, 1883 als AG gegründet, erhält von ihrem Rohmaterial 8 von 100 mit Gespann, 40 von 100 mit Schmalspur- (Rübenbahn!) und 52 von 100 mit Normalspurbahn. Denn der Anlieferungsbezirk greift heute weit über Döbelns nächste Umgebung hinaus. Bahnanschluss nach Döbeln (Norm.) und nach Großbauchlitz (Schmal) ermöglich die bequeme Überführung von jährlich rund 9000 Wagen zum Werk.
Um die Rüben auf ihrem Weg zu begleiten, begeben wir uns zuerst zur Rübenspülanlage. Wir durchschreiten zu diesem Zwecke den kleinen Fabrikhof, lassen rechts den Eingang zu den Geschäftsräumen, links den Anbau für die "Elfa"-Flügelpumpe liegen und gelangen in den Pumpenraum (links Kohlensäure-, Luft-, Saft-, Warmwasser- und Kesselspeisepumpe, geradeaus im Hintergrund die Diffusionsbatterie, rechts die elektrische Hauptbetriebskraft (100 PS) und die Lichtmaschine (60 PS). Durch die Wäsche steigen wir zu den Gleisen hinauf. Jede Rübensendung wird zuerst auf Schmutzprozente untersucht, indem das Gewicht von 50 Pfund nach einer Probewäsche durch vereidete Beamte festgestellt wird. Dann erst werden die Waggons mit Hilfe der automatischen "Elfa"-Rübenentladung ihrer Lasten entledigt. (Das diesem Zwecke dienende Häuschen fällt beim Betreten des Fabrikgeländes sofort auf!) Ein elektrisch betriebener, beweglicher Kran spritzt die Wagen aus, und das Wasser führt die Rüben in zwei schmalen, sanft geschwungenen Kanälen (links Schmal, rechts Norm.) nach den Schwemmen. Diese neuartige Einrichtung entleert einen 15 Tonnen Wagen in 6 Minuten und spart 30 Ablader. Nur etwas ein Zentner bleibt auf jedem Wagen und wird von den Rangierern heruntergegabelt. Von den Schwemmen aus gelangen die Rüben in 10 m lange und 2 m breite Wäschen, die mit Rührarmen ausgerüstet sind. Hierauf werden die Bahnrüben mit einer Rübenschnecke, die Vorwerksrüben aber mit einer Mammutpumpe zuerst zur Wäsche und dann zu den Schneidemaschinen gehoben, deren jede 12 Messerkästen (mit je vier Messern von zickzackförmigem Querschnitt) enthält, welche die Rüben in fingerlange, prismatische "Schnitzel" zerkleinern. Da jeder Stein, ja selbst jede holzige Rübe die Messer beschädigt, ist der Verbrauch an diesem sehr groß. In der Regel wird täglich viermal gewechselt, doch hat sich auch schon 36-maliger Ersatz nötig gemacht. Die übrigbleibenden "Schwänze" (höchstens zwei von 100 des Rübengewichts) werden als Viehfutter verkauft.
Die Schnitzel werden durch einen Gurt in die einzelnen Gefäße der Diffuseurbatterie (aufrechte Zylinder von je 70 Zentner Fassungsvermögen) verteilt, wo sie mit 75° heißem Wasser ausgelaugt werden. Nachdem sie mit Hilfe von sechs Schnitzelpressen ausgepresst worden sind, ergeben sie noch etwa die Hälfte des Rübengewichtes, fallen nach unten und werden teils sofort verladen, teils zur Trocknung wieder hoch gebracht. Sie werden an die Landwirte, entsprechend deren Rübenlieferung, zu Futterzwecken abgegeben. Nur 25 von 100 werden in dem neuen dreistöckigen Trockengebäude, dass sich zwischen den Gleisanlagen erhebt, getrocknet (bis auf 10 von 100 Feuchtigkeitsgehalt). Ein Motor (8 PS) dient zum Antrieb des Wanderrostes, dem die Kohlen durch Schnecken zugeführt werden. Zugleich bewegt er eine riesige Trommel, in der die Trocknung der gleichfalls durch Schnecken herangebrachten Nassschnitzel stattfindet. Durch einen Exthaustor werden die getrockneten Schnitzel nach dem obersten Stockwerk gehoben, dort gesackt und aufgestapelt.
Der erhaltene "Rohsaft", eine schmutzige braune, unreine Flüssigkeit von unangenehm süßem Geschmack und schlechtem Geruch, beträgt 110 von 100 des Reinheitsgrades. Zur Reinigung und Ausfällung der Nichtzuckerstoffe, insbesondere des Eiweißes, werden ihm zweieinhalb von 100 des Reinheitsgrades Ätzkalk zugesetzt, wobei der Kalk die freien Säuren neutralisiert, die Eiweißstoffe aber abscheidet oder zersetzt. Der Ätzkalk wird in der Fabrik selbst aus zwei Kalköfen von einer täglichen Gesamtleistungsfähigkeit von 500 Zentnern gebranntem aus dem doppelten an kohlensaurem Kalk gewonnen. Als Nebenerzeugnis entsteht dabei Kohlensäure. Diese wird durch Rohre (außen sichtbar) hochgeschickt und gleichzeitig zur Reinigung durch Wasser geführt, das sie stark erhitzt. Die Kohlensäurepumpe drückt das erwähnte Gas in den kalkmilchhaltigen Saft der vier Saturationsgefäße. Dadurch fällt die Kohlensäure die überschüssigen Kalkverbindungen aus. Der nun hellgelbe Zuckersaft wird in den sieben Schlammpressen, deren jede 36 Kammern hat, unter 3 bis 4 Atmosphären Druck über Trell- und Jutetücher (je 72) filtriert. Während der heiße, weingelbe "Dünnsaft" abläuft, bleibt als Rückstand der "Scheideschlamm" (12 von 100 des Reinheitsgrades), der auf ein bis zwei von 100 abgesüßt ist und zum Düngen (Aufschließung anderer Düngemittel) dient. Er fällt nach unten auf Kippwagen, in denen er auf eine Bühne gefahren und dort in die Tiefe gestürzt wird (s.o.) Die Filtriertücher werden dermaßen in Anspruch genommen, dass sie nur etwa 14 Tage gebrauchsfähig sind.
Ehe der Dünnsaft in die Verdampfungsapparate kommt, macht er eine nochmalige Einleitung von Kohlensäure, eine zweite Filtration, eine Entfärbung mit schwefliger Säure und eine dritte Filtration durch.
Den nunmehr goldgelben "Mittelsaft" nehmen sechs Verdampfungskörper auf, deren erster noch unter Druck arbeitet, während die übrigen in steigendem Maße luftleer sind. Auf diese Weise wird der 13 hundertteilige Saft zum 50prozentigen dunkelbraunen Dicksaft eingekocht.
In drei Vakuumapparaten, der eine für das erste, die beiden anderen für das Nachprodukt bestimmt, wird der Dicksaft unter Luftleere (Name!) auf "Korn" (Ausscheidung der Zuckerkristalle) verkocht. Die Verringerung des Siedepunktes durch die Luftleere verhindert die Karamellbildung.
Nach 18stündiger Abkühlung erfolgt in vier Schleudern von je 8 Zentnern "Füllmasse" (90 von 100 Trockenbestandteile) mit 1000 Touren in der Minute die Trennung der Kristalle von der dicken, dunklen Flüssigkeit. Die Zuckerkristalle (75 von 100) ergeben den Rohzucker erstes Produkt, gelbliche, lose Körner von süßem etwas salzigem Geschmack. Die Flüssigkeit, eine schwarze, sirupartige Masse mit 80 von 100 Trockenbestandteilen, wird als "Ablauf" bezeichnet.
Die Kristalle gelangen auf den Zuckerboden und werden von vier Schauflern, die der Hitze wegen fast ganz nackt arbeiten, nach dem darunter liegenden Füllraum befördert und aufgestapelt. In 24 Stunden werden so mindestens 2000 Zentner versandfertig gemacht.
Der Ablauf aber wird in Kästen geleitet, hochgepumpt, auf 92 von 100 Trockenbestandteile eingedickt, im Vakuum für Nachprodukte auf Korn verkocht und ebenfalls geschleudert. Er liefert das Nachprodukt und die "Melasse" (Name!). Diese wird dem Futter beigemischt, an Hefe und Spiritusfabriken geliefert oder an Melasseentzuckerungsanstalten abgegeben. In diesen wird sie mittels Strontian auf Zucker verarbeitet. Die sich dabei als Nachprodukt ergebende "Schlempe" vergast das Natriumcyanid (in der Goldwäscherei gebraucht). In der früher acht bis zehn Wochen, künftig kürzere Zeit währenden Kampagne werden etwa eine Million Zentner Rüben verarbeitet, die in der Fabrik durchschnittlich noch einen Zuckergehalt von 17,5 Hundertteilen (1923: 16,8, 1924: 16,5) aufweisen. Zur Verarbeitung werden 120.000 und zur Trocknung außerdem 20.000 Zentner Steinkohlen verbraucht, die von den Gleisen unmittelbar heruntergeworfen werden, so dass sie bequem den 12 automatisch beschickten Kesseln des Heizhauses zugeführt werden können. Das Ergebnis sind 125 000 Zentner Rohzucker, der zur Umwandlung in Gebrauchszucker nach der Raffinerie Rositz (Thüringen) kommt, die neben Holland bei Köthen und Halle für die Zuckervertriebsgesellschaft Halle arbeitet. Während die eine Hälfte des Zuckers schon in der Kampagne versandt wird, kommt der Rest erst im Laufe des Sommers zur Verschickung.
Von dem in der Betriebszeit erforderlichen Stab von 30 Beamten und von den 300 Arbeitern bleiben nach Schluss der Kampagne nur 25 bzw. 60 zurück, um beim Aufarbeiten und bei der sorgfältigen Vorbereitung -jede Stockung zieht den gesamten Betrieb in Mitleidenschaft- auf die nächste ununterbrochene Verarbeitungszeit behilflich zu sein.

Prüfer, Friedrich: Nordsächsisches Wanderbuch. Mittleres Nordsachsen. Dresden-Wachwitz. 1925, S. 65-68

(1) AK Döbeln Zuckerfabrik (um 1930)
(2) Am Standort der einst drittgrößten Zuckerfabrik Deutschlands entsteht derzeit ein neues Wohnquartier. Im "Walduferviertel" sollen in den nächsten Jahren vier Mehrfamilienhäuser mit 28 Wohnungen und 61 Eigenheime gebaut werden.

  • Da die Zuckerfabrik Döbeln als Musterbetrieb in der Brache galt, bekam die das Unternehmen immer wieder prominenten Besuch, der sich die Arbeitsabläufe ansah. Früh kam der König, am 11. November 1933 besichtigten der Bezirksleiter der Deutschen Arbeitsfront Ernst Stiehler sowie Reichsstatthalter und Gauleiter Martin Mutschmann die Zuckerfabrik. Permanent versuchte man die Fabrik auf den neuesten Stand zu halten. 1934 baute die Maschinenfabrik August Kopp aus Göritz eine neue Dampfmaschine, die zum Herzstück des Betriebs wurde. In den Jahren 1937 und 1938 errichtete man ein Trocknungsgebäude und installierte eine moderne Büttner-Trockentrommelanlage. 1939 gründete man eine Betriebsfeuerwehr und beschaffte eine Müller-Dreitakt-Motorspritze aus der Döbelner Feuerlöschgerätefabrik Julius Müller.
Anteilsaktie der Zuckerfabrik Döbeln aus dem Jahr 1944
  • Der Zweite Weltkrieg hatte auch Auswirkungen auf die Zuckerfabrik. Viele Arbeiter wurden der Fabrik entzogen, weil sie zum Militär mussten. Um den Betrieb aufrechterhalten zu können, setzte man zwischen 1939 und 1945 insgesamt 75 Personen zur Zwangsarbeit ein, darunter 51 amerikanische Kriegsgefangene des Stalag IV G Oschatz. Ein Besuch von Mitarbeitern des Roten Kreuzes im März 1945 dokumentierte mangelhafte medizinische Versorgung, eingeschränkte Waschmöglichkeiten und eine schlechte Behandlung der Gefangenen. Nach dem sogenannten Nero-Befehl Hitlers vom 19. März 1945 sollten Industrieanlagen zerstört werden, doch in Döbeln verhinderten unter anderem Fritz Pflug von den Falken Kakao- und Schokoladenwerken die Sprengung der Zuckerfabrik.

VEB Zuckerfabrik Döbeln

  • Am 14. Mai 1945 nahm die Zuckerfabrik als Volkseigener Betrieb die Arbeit wieder auf. Bereits vom 20. bis 23. April 1945 hatte man aus Lagerbeständen Zucker in Fünf-Kilogramm-Mengen sowie Kaffee, Zigarren und Waschmittel ausgegeben. Am 14. Oktober 1945 begann mit dem Anzünden des Kalkofens die erste Nachkriegskampagne. Am 2. November 1945 erklärten 450 Mitarbeiter die Fabrik per einstimmigem Beschluss zum Gemeindebetrieb, womit die Aktiengesellschaft aufgelöst wurde.
  • Zucker blieb ein gefragtes Lebensmittel und trotz aller Schwierigkeiten versuchte man auch in der Nachkriegszeit, die Bedingungen für einen effektiven Betrieb der Zuckerfabrik zu schaffen.1948 meldete die Fabrik eine Kapazitätssteigerung auf 185 Prozent im Vergleich zu 1939. Nach 1950 richtete man entlang der Max-Planck-Straße eine Rübenlagerfläche ein, 1952/53 erwarb man einen Kohlekran und legte einen Kohlelagerplatz an. Für die Beschäftigten entstand 1960/61 ein Zwölf-Familienhaus.

Arbeitsalltag in der Zuckerfabrik, 1950/1960er Jahre

  • Bei den betrieblichen Strukturen setzte man auf größere Einheiten.1965 wurden die Betriebe Brottewitz, Döbeln, Oschatz und Löbau zum VEB Zuckerkombinat "Ernst Thälmann" Oschatz zusammengelegt. Trotzdem wurde auch in Döbeln weiter investiert. 1966 erweiterte man den Rübenlagerplatz, 1971 baute man eine Rübenprobeanlage ein und 1980 setzte man rund sechs Millionen Mark für einen neuen Kalkofen und eine Heizgemeinschaft ein. Die Anlieferung mit der Schmalspurbahn hatte man 1967 aufgegeben. Mit dem LKW war man flexibler und sparte sich so die aufwendige Erhaltung der Bahnstrecke. Die Effektivität des Betriebs stieg stetig: Während 1945 noch 681 Mitarbeiter für eine Kampagne benötigt wurden, reichten 1980 nur noch 235.
  • Am 28. November 1991 wurde die Döbelner Zuckerfabrik durch ihren neuen Eigentümer, die Südzucker AG Mannheim, geschlossen. Die Belegschaft durfte bis zum 30. März 1992 die Anlagen demontieren; die historischen Dampfmaschinen wurden in das Zuckermuseum Oldisleben gebracht. Mit der letzten Schicht am 30. März 1992 endeten 110 Jahre Zuckerproduktion in Döbeln. Am 27. Mai 1992 wurde das Heizwerk abgeschaltet. 1993 riss man die Fabrikgebäude ab, am 14. Juli 1993 sprengte man die drei Schornsteine, von denen einer 125 Meter hoch war.
  • Als letztes Relikt blieb ein ehemaliges Unterkunftsgebäude erhalten, das früher abschätzig "Polenkaserne" genannt wurde, da hier polnische Saisonarbeiter während der Rübenkampagnen untergebracht waren. Heute ist dieses Gebäude ein Wohnhaus und erinnert als einziges verbliebenes Zeugnis an die traditionsreiche Döbelner Zuckerfabrik.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 96f.
Prüfer, Friedrich: Nordsächsisches Wanderbuch. Mittleres Nordsachsen. Dresden-Wachwitz. 1925, S. 65-68
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 121ff.
Düntzsch, Helmut: Sachsens größte Zuckerfabrik und ihre letzte Hauptbetriebsmaschine - ein wertvolles technisches Denkmal. In: Sächsische Heimatblätter 4/5 2002 Dresden 2002, S. 277-284
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Gieseler; Albert: Zuckerfabrik Döbeln. URL: http://www.albert-gieseler.de/dampf_de/firmen0/firmadet1584.shtml (20.03.2023)

Bildnachweis:
Foto der Zuckerfabrik in nordöstliche Richtung – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1941
Fotos Arbeitsalltag Zuckerfabrik – Sammlung Ettrich URL: www.döbeln.de (05.06.2022)
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.