Bausteine für den Fortschritt: Die Geschichte der Ziegeleien im Raum Döbeln
Handwerk und Technik: Der Weg vom Lehm zum Ziegel
Ziegel sind künstlich hergestellte Bausteine aus Lehm oder Ton. Das benötigte Rohmaterial wurde in Lehm- oder Tongruben meist mit Schaufelkettenbaggern gewonnen und anschließend in Loren über Feldbahngleise in die Vorfertigungshalle der Ziegelei transportiert. Dort knetete man den Lehm unter Zugabe von Wasser sowie verschiedener Zuschlagstoffe wie Sand, Schwefelkies oder Salzen gründlich durch.
Früher füllten die Arbeiter die Masse von Hand in Formen und glätteten die Oberfläche mit einem Brett. Mit diesem sogenannten Handstrichverfahren konnten etwa 360 Ziegel pro Stunde hergestellt werden. Später kam eine Strangpresse zum Einsatz, durch die der zähe Ton gepresst wurde. Am Mundstück dieser Maschine befand sich eine Schneidevorrichtung aus Drähten, welche den austretenden Strang in gleichmäßige Stücke teilte. Auf diese Weise entstanden Ziegel mit den standardisierten Maßen von 25 × 12 × 6,5 Zentimetern. Die Strangpresse erreichte dabei eine Leistung von rund 3000 Steinen pro Stunde.
Die noch ungebrannten Ziegel, die als Grünlinge oder Formlinge bezeichnet werden, wurden anschließend auf Gestellen in Ziegelscheunen getrocknet. Dieser Vorgang musste gleichmäßig und durfte nicht zu schnell erfolgen. Während der Trocknung verlor ein Formling bis zu einem Viertel seines Gewichts, zudem verringerte sich seine Größe geringfügig. Danach wurden die Rohlinge in Ziegelöfen bei Temperaturen von über 1000 Grad gebrannt. War der verwendete Lehm zu fett oder zu mager, konnten beim Brennen Risse entstehen. Auch Fremdbestandteile wie Kalkstein oder Mergel mussten vorher entfernt werden, da sie die Ziegel im Ofen sprengen konnten.
Die Dauer des Brennvorgangs sowie die beigemischten Stoffe bestimmten die spätere Verwendbarkeit der Ziegel. Klinkersteine, auch Hartbrandsteine genannt, mussten besonders hohen Belastungen standhalten und wurden daher länger gebrannt. Sie fanden und finden Verwendung etwa im Wasserbau, an Schornsteinköpfen oder überall dort, wo chemische Einflüsse eine Rolle spielen. Leichtere Hochlochziegel eignen sich dagegen für den Bau von Trennwänden oder als Deckensteine.
Ziegel aus Schamottemasse werden bei Weißglut gebrannt und vor allem in Feuerungsanlagen oder bei Kesselummauerungen eingesetzt. Auch heute noch stellen Ziegeleien keilförmige Steine her, die beim Bau runder Schächte, von Schornsteinen oder bei Gewölbekonstruktionen, etwa in Kirchen und Klöstern, benötigt werden.
Boom und Konsolidierung: Die Ziegeleien im Döbeln
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Stadt Döbeln einen starken Bevölkerungszuzug. Gleichzeitig wurden zahlreiche Unternehmen gegründet, sodass viele Wohnhäuser und Fabrikanlagen entstanden und die Bauwirtschaft einen deutlichen Aufschwung erlebte. Um 1900 existierten in Döbeln neun Ziegeleien; zusätzlich gab es zwei weitere Betriebe in Greußnig und Großbauchlitz.
Mit der Zeit war der Bedarf jedoch gedeckt, sodass nicht mehr alle Ziegeleien benötigt wurden. Bis 1914 wurden daher mehrere Betriebe stillgelegt: die Ziegelei Nolte an der Bahnhofstraße, die Ziegelei Welt an der Dresdner Straße, die Ziegelei Zimmermann an der Waldheimer Straße, die Ziegelei Großer am Stockhausener Weg sowie die Ziegelei Kiesel in Großbauchlitz.
Zu dieser Zeit arbeiteten jedoch weiterhin mehrere Ziegeleien. Dazu gehörten C. Reiters Dampfziegelei im Rößchengrund, die Ziegelei des Baumeisters Dietrich ebenfalls im Rößchengrund, die Ziegelei des Baumeisters Eulitz an der Ziegelstraße, die Ziegelei des Baumeisters Gersten an der Gärtitzer Straße sowie Th. Riedels Steinfabrik an der Mastener Straße, die seit 1893 bestand. Diese Betriebe arbeiteten bereits mit Dampfkraft und stellten hauptsächlich Mauersteine her.
Zusammenschluss für den Markt: Die Döbelner Zieglervereinigung 1928
Im Jahr 1928 schlossen sich die Ziegeleien aus Döbeln und der Umgebung zur Döbelner Zieglervereinigung zusammen. Zu dieser Vereinigung gehörten mehrere Betriebe mit ihrer jeweiligen Jahresproduktion an Ziegeln: Die Gebrüder Am Ende aus Greußnig produzierten 450 000 Ziegel, Wilhelm Birkigt aus Ziegra stellte 700 000 Ziegel her, Paul Dietrich aus Döbeln 1 350 000 Ziegel, Otto Eulitz aus Döbeln 1 500 000 Ziegel, die Dampfziegelei Niederstriegis von Dr. Hans Lindenhahn 600 000 Ziegel, M. Kluge aus Däbritz 500 000 Ziegel und Th. Riedel aus Döbeln 2 000 000 Ziegel.
Döbelns Ziegel-Gigant: Aufstieg und Fall der Fabrik Theodor Riedel
Ein besonders bedeutender Betrieb war die Ziegelei und Chamottefabrik von Theodor Riedel. Im Jahr 1893 errichtete Theodor Riedel aus Zwickau zwischen der Mastener Straße und der Bahnhofstraße eine Ziegelei und Chamottefabrik mit einem 50 Meter hohen Schornstein. Sie entwickelte sich zur größten Ziegelei Döbelns. Da sich die Lehmgrube auf der anderen Seite der Mastener Straße befand, wurde diese Straße untertunnelt. Die mit Lehm gefüllten Loren zog man anschließend auf einer schrägen Rampe zur Fabrik hinauf.
Theodor Riedel starb 1921 im Alter von 74 Jahren. Bereits seit 1897 war er Stadtverordneter gewesen, und von 1900 bis 1920 hatte er als Stadtrat gewirkt. Während des Zweiten Weltkrieges mussten viele Arbeiter Militärdienst leisten, wodurch es schwierig wurde, den Betrieb aufrechtzuerhalten. In dieser Zeit mussten 28 Personen in der 1893 gegründeten und größten Döbelner Ziegelei Zwangsarbeit leisten.
Heute erinnert nur noch wenig an diesen Betrieb. Dort, wo sich früher die Lehmgrube befunden hatte, stehen heute eine Tankstelle, ein Autohaus und ein Supermarkt. An der Stelle der ehemaligen Steinfabrik befindet sich heute ein Schrottverwerter.
Areal der ehemaligen Ziegelei Riedel im Jahr 2024
Qualität aus Greußnig: Hartgebrannte Ziegel für Dächer, Türme und Gärten
Auch die Dachziegelfabrik der Gebrüder Am Ende in Greußnig spielte eine wichtige Rolle. Die Ziegelei arbeitete bereits 1914 mit elektrischem Antrieb. Neben Mauerziegeln stellte sie auch hochwertige, hart gebrannte, rote und gelbe Dach- und Turmziegel sowie Dachfirsten und Einfassungen für Gartenbeete her. Bei einer chemischen Untersuchung der Dachziegel im Labor von Prof. Seger & Kramer in Berlin wurden diese einem aufwendigen Test unterzogen. Dabei tauchte man sie 25-mal jeweils vier Stunden lang in Wasser, setzte sie anschließend einer Temperatur von 12 Grad Frost aus und danach einer Zimmerwärme von 18 Grad. Trotz dieser Belastung zeigten die Dachziegel keinerlei sichtbare Schäden.
Das Fundament der Gründerzeit: Wie kleine Brennereien den Bauboom befeuerten
Wo immer es in Döbeln ein ergiebiges Lehmvorkommen gab, entstanden kleine Ziegeleien – oft nur Familienbetriebe oder saisonale Nebenerwerbe der Landwirtschaft. In einer Zeit, in der die Städte während der Gründerjahre buchstäblich aus dem Boden schossen, war der Bedarf an Baumaterial unersättlich. Der Backstein war das Fundament des Fortschritts.
Neben den großen Ziegeleien gab es in Döbeln zahlreiche kleiner Betriebe. Zu diesen gehörte die Dampfziegelei C. Reiter sowie die Dampfziegelei von Otto Eulitz.
Obwohl diese Betriebe oft im Schatten der Großen standen, waren sie das Rückgrat der regionalen Baukultur. Jede Ziegelei hatte ihre eigene Rezeptur, ihre eigene Färbung und oft ihren eigenen Ziegelstempel. Heute sind alle Ziegeleien verschwunden, doch wer genau hinsieht, findet in den alten Mauern unserer Städte noch immer die Handschrift dieser kleinen Ziegelpioniere – verewigt in gebrannter Erde.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910, S. 74
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 98
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 144f.
Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeigen 1914 - Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914
Werbeanzeige 1925 – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
Grafische Darstellung Ziegelherstellung KI-generiert
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