Metallwarenfabrik Robert Tümmler
Die Metallwarenfabrik Robert Tümmler geht auf Robert Tümmler zurück, der 1856 in Leipzig geboren wurde und den Beruf des Graveurs beim Hofgraveur und Steinschneider C. F. Haseroth in Altenburg erlernte. 1876 gelangte er eher zufällig als Handwerksgeselle nach Döbeln und arbeitete als erster Gehilfe in der Gravurwerkstatt der Firma F. A. Lange. Zwei Jahre später machte er sich selbstständig und gründete 1878 in der Bahnhofstraße 63 eine eigene Werkstatt. In seiner „Gravir-Anstalt“ zur „Anfertigung aller Gravir-, Modellier- und Cisellirarbeiten“ stellte er vornehmlich Stahlstempel und Stanzen für die Metallwarenfabrikation her. Für die bald zehn Beschäftigten wurde die Werkstatt schnell zu klein und Tümmler verlagerte seine Arbeitsstätte zunächst in das Schindlersche Haus Nr. 16 am Niedermarkt und anschließend in das Katzmannsche Haus an der Brauhausgasse.
Tümmler profitierte von der Gründerzeit, in der es auch in Döbeln zu einer erhöhten Bautätigkeit kam. Zahlreiche Menschen zogen in die Kleinstadt an der Mulde, Wohnungen mussten eingerichtet werden. Für diese brauchte man Möbel, für die Möbel Beschläge. Die bahnbrechende Geschäftsidee Robert Tümmlers bestand darin, Möbelbeschläge aus Metall herzustellen – ein Material, das sich rasch in Deutschland und ganz Europa durchsetzte, nachdem bisher hauptsächlich Holz, Elfenbein und Horn verwendet worden war.
Seltenes Stück: Eine Auftragsbestätigung der Werkstatt Robert Tümmlers aus dem Jahr 1885.
1887 beschloss der Rat der Stadt Döbeln, Tümmler ein Areal in der Zimmerstraße – heute Schillerstraße – für den Bau einer Fabrik zu überlassen, allerdings unter der Auflage, eine offene Schleuse in eine Rohrschleuse umzuwandeln. Bereits 1888 entstanden dort die ersten Fabrikgebäude, in denen nunmehr serienmäßig Möbel- und Baubeschläge hergestellt wurden. Für die Beschläge wurde meist Reinmessing, zum Teil mit aufwendiger Oberflächenbearbeitung, verarbeitet. Später kamen vermessingte und lackierte Ausführungen dazu, teilweise mit Horn oder Teilen aus Kunstharz. Die Produkte der Firma fanden reißend Absatz. 1891 wurden auf dem neuen Betriebsareal größere Erweiterungen vorgenommen. Zwei hohe Fabrikschornsteine prägten von nun an das Stadtbild. Pressen ersetzten zunehmend Handarbeit und eine Dampfmaschinenanlage wurde als neue Kraftanlage in Betrieb genommen. Auch die Produktpalette konnte erweitert werden. Neben den Beschlägen fertigte man nunmehr auch Garderobenhaken, Firmenschilder, Fahrradmarken, Kontroll- und Wertmarken, Plomierzangen, Stahlstempel zum Einschlagen, Signierschablonen, Brennstempel und Brennpressen. Die Mechanisierung ermöglichte eine höhere Qualität als die Handarbeit. Im Rahmen der großen Gewerbe- und Industrieausstellung, die 1893 in Döbeln stattfand, erhielt die Firma die Sächsische Staatsmedaille.
(1) Die Metallwarenfabrik Robert Tümmlers war ein kleiner Stadtteil für sich. Sie erstreckte sich zwischen Mulde und Schillerstraße vom Körnerplatz bis zur heutigen Straße des Friedens.
(2) (3) (4) Gebäudebestand der ehemaligen Tümmler-Werke in der Schillerstraße um 1993, © Stadtmuseum Döbeln, Fotograf: Harry Heidl
(5) Nach der Wende wurde die Fabrik abgerissen (siehe Fotostrecke unten) und die Kaufland Stiftung & Co. KG errichte eine große Filiale mit dazugehörigen Parkplätzen. Durch eine Fußgängerbrücke wurde der Einkaufstempel an die Innenstadt angebunden.
1906 konnte Tümmler durch den Rückkauf eines Areals an der Brücke Königstraße, heute Straße des Friedens, einen Fabrikneubau direkt an der Mulde errichten. Ein Jahr später wurde er zum Königlich Sächsischen Kommerzienrat ernannt. Nach Entwürfen des renommierten Leipziger Architekturbüros Händel & Franke ließ er zwischen 1907 und 1909 einen großen, modernen Fabrikneubau errichten, in dem Lager, Versand und kaufmännische Abteilungen untergebracht waren.
(1) Seltene Aufnahme von der Muldenseite auf die Fabrik Tümmlers. Die Ufermauer hatte man aus Stampfbeton und einen Kolonnadengang aus Eisenbeton errichtet.
(2) Blick vom Turm der Nicolaikirche Richtung Tümmler-Fabrik (vor 1909)
Exkurs: Maschinenfabrik "Gebrüder Tümmler"
Robert Tümmler merkte bald, dass er für spezifische Produkte spezifische Maschinen braucht. Da es passgenaue Pressen und Stanzen nicht zu kaufen gab, fing er an, diese selbst herzustellen. Für den Maschinenbau errichtete man ein eigenes Fabrikgebäude am Standort. Bereits 1898 nahm die Maschinenfabrik „Wilhelm Tümmler“ die Arbeit auf. Sie bildete zusammen mit der Metallwarenfabrik Robert Tümmler einen Firmenverbund. Man baute innovative Pressen, Schnitt-, Stanz- und Prägeeinrichtungen für Hand- und Kraftbetrieb. Eine eigene Maschinenbauabteilung in der Metallwarenfabrik brachte zahlreiche Vorteile mit sich. Zum einen ermöglichte sie eine hohe Flexibilität in der Produktion. Maschinen und Werkzeuge konnten individuell an die spezifischen Anforderungen der Fertigung angepasst werden, wodurch sich Produktionsprozesse optimieren und schneller auf Veränderungen reagieren lassen. Darüber hinaus trug die interne Maschinenbauabteilung zur Effizienzsteigerung bei. Wartungen, Reparaturen und Anpassungen konnten direkt vor Ort durchgeführt werden, ohne dass externe Dienstleister beauftragt werden mussten. Das sparte nicht nur Zeit, sondern reduzierte auch Kosten und minimierte Produktionsausfälle.
Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Innovationsfähigkeit. Eigene Fachkräfte im Maschinenbau konnten kontinuierlich an Verbesserungen und neuen Lösungen arbeiten. Dadurch blieb die Fabrik wettbewerbsfähig und konnte schneller auf technische Entwicklungen oder Kundenwünsche eingehen. Zudem sorgte die enge Zusammenarbeit zwischen Produktion und Maschinenbau für eine bessere Abstimmung aller Abläufe. Probleme wurden frühzeitig erkannt und gemeinsam gelöst, was die Qualität der Produkte erhöht. Die Tümmler-Ingenieure wussten genau, wie Maschinen für die Metallwarenfabrik aussehen mussten.
Großen Wert legte die Firma auf die Ausbildung von Fachkräften. Erfahrene Meister und Ingenieure garantierten eine gleichbleibend hohe Qualität der Produkte. Tümmler bewies auch großes Gespür für Kunst und Design: 1912 ließ er sich 1600 Heliotypien aus dem Pariser Louvre zusenden, um Ideen für neue Möbel- und Schmuckbeschläge zu gewinnen. Die Heliotypie ist eines der frühesten fotomechanischen Druckverfahren des 19. Jahrhunderts. Es ermöglichte die Vervielfältigung von Fotografien mittels einer lichtempfindlichen Schicht auf einer Druckplatte.
Katalog der Fa.Tümmler für Möbelbeschläge und Garderobenhaken von 1912 (Quelle: Archiv Stadt Döbeln)
Robert Tümmler engagierte sich zudem stark in der lokalen Gemeinschaft. Er rief die Bertha-Auguste- und Robert-Tümmler-Stiftung für langjährig Beschäftigte der Tümmlerwerke ins Leben. Gemeinsam mit Carl Schlegel beteiligte er sich an der Inneneinrichtung des neuen Rathauses, und dank seiner Hilfe entstand das König-Georg-Denkmal auf dem Niedermarkt. Tümmler übernahm ein Drittel der Kosten in Höhe von 10 000 Mark. Ein Jahr nach der Weihe des Denkmals wurde Robert Tümmler vom sächsischen König mit dem Ritterkreuz zum Albrechtsorden geehrt. Seine vielfältigen Spenden dürften auch dazu beigetragen haben, dass er von den Brüdern der Johannisloge "Zur Wahrheit und Bruderliebe" angesprochen wurde, ihr Mitglied zu werden. Am 22. Februar 1914 nahm man ihn in die Döbelner Freimaurer-Loge auf.
Grabanlage auf dem Niederfriedhof
Robert Tümmler spendete für seine Kirchgemeinde St. Nicolai. Er stellte 1910 die gewaltige Summe von 30 000 Goldmark bereit, damit der südliche Teil des Niedergottesackers, heute Niederfriedhof genannt, angekauft werden konnte. Nach Tümmlers Willen sollte ein Friedhof mit Park- und Erholungscharakter geschaffen werden. Er ist deshalb extra gemeinsam mit dem Stadtbaudirektor Richter nach Hamburg-Ohlsdorf gereist, um die dort gerade eingerichtete erste Anlage eines Parkfriedhofes in Deutschland zu besichtigen. Richter hat dann nach diesen Eindrücken den Bauplan für den neuen Parkfriedhof in Fortsetzung des Niederfriedhofs erstellt, der die Zustimmung der Stadträte, der Kirchgemeinde St. Nicolai und des Stifters fand. Er trug auch anfangs den Namen Parkfriedhof, bis er später mit dem „alten“ Niederfriedhof auch in der Benennung verschmolz. Das Brunnendenkmal „Jesus. Der gute Hirte“, zentraler Bestandteil des neuen Parkfriedhofs, hatte der bekannte Leipziger Bildhauer und Maler Prof. Johannes Hartmann gestaltet. Gleich dahinter ließ der Patriarch vom selben Künstler sein eigenes Grabmal errichten, in das er seine verstorbene Ehefrau, die bereits am 1. November 1905 gestorben war, umbetten ließ. Robert Tümmler starb 1917 im Alter von 61 Jahren und ließ sich neben seiner Frau beisetzen.
Die Erben nahmen sich die Gemeinwohlorientierung des Döbelner Industriepioniers zum Vorbild und stifteten der Stadt Döbeln 100.000 Mark, von denen die Hälfte den Beamten und Arbeitern der Firma zugutekam.
Eine weitere Stiftung sollte nach dem Tod Robert Tümmlers zugunsten der Kirchgemeine St. Nicolai und ihres Parkfriedhofs eingesetzt werden. Seine vier verbliebenen Kinder (Sohn Camillo, Landwirt in Weinböhla, war im Alter von 21 Jahren 1914 wegen Liebeskummers freiwillig aus dem Leben geschieden.) stellten den stattlichen Betrag von 10.000 Mark zur „Verbesserung des Friedhofsgesangs“ zur Verfügung. Die Spende wurde in fünf Prozent Deutscher Reichsanleihe mit Zinsscheinen ab dem 1. Juli 1917 ausgereicht, damit „dieses Kapital ungeschmälert erhalten bleibt und seine jährlichen Zinserträge lediglich zur Pflege des Gesanges bei Begräbnissen Verwendung finden.“ Die Kinder Robert Tümmlers, Adolf und Erhardt Tümmler, sowie Hildegard Stockmann und Paula Rebentisch, beide geborene Tümmler, beabsichtigten die „Wirkung des Grabgesanges durch Zuführung neuer geeigneter Kräfte zu erhöhen.“
Doch zurück zur Geschichte der Tümmler-Werke. Der Erste Weltkrieg stellte das Unternehmen vor enorme Schwierigkeiten. Hatte die Firma 1914 noch 1030 Mitarbeiter beschäftigt, waren es 1915 nur noch 300. Robert Tümmlers Sohn Erhardt trat 1914 nach seinem Studium und praktischer Arbeit in die elterliche Firma ein. Das Unternehmen wurde nach dem Tod Robert Tümmlers in zwei Unternehmen geteilt: „Robert Tümmler, Metallwarenfabrik“ unter der Leitung Erhardt Tümmlers sowie „Gebr. Tümmler Maschinenfabrik“. Inhaber dieser waren Erhardt Tümmler und sein Adoptivbruder Adolf Tümmler. Das Hauptgeschäft blieb die Herstellung von Möbelbeschlägen, mit der 65 % der Belegschaft beschäftigt waren. Daneben produzierte die Firma fotografische Stative und weitere Metallmassenartikel. 41 % der Erzeugnisse gingen in den Export – in fast alle europäischen Länder sowie nach Süd- und Mittelamerika, die USA und Afrika. Aufgrund mangelnder Lagerkapazitäten übernahm der neue Inhaber das frühere Helbigsche Stadtgut gegenüber der Fabrik an der Ecke Muldenstraße/Schillerstraße.
Die innenpolitische Krise Deutschlands nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte auch Auswirkungen auf die Firma Tümmler. Vom 11. bis 15. März 1919 streikten 136 Arbeiter der Firma. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren schwierig: Durch Tarifbindung lagen die Löhne nun 20 % höher als in den benachbarten preußischen Standorten Brandenburgs, und Döbeln war eine Hochburg der Sozialdemokratie mit hohem gewerkschaftlichem Organisationsgrad. Ab 1922 produzierte das Unternehmen auch Beschlagteile für Autokarosserien und entwickelte sich bald zu einem der führenden Hersteller in Deutschland, der Opel, Ford, Daimler-Benz, Horch und später die Auto-Union belieferte.
Am 6. August 1923 kam es aufgrund steigender Lohnforderungen infolge der Inflation zu massiven Arbeitsniederlegungen. Die „revolutionäre Ortsverwaltung“ der Metallarbeiter rief zum Streik auf, der in der Nagelfabrik Meyer in Großbauchlitz begann und sich rasch auf die Tümmler-Werke ausbreitete. Insgesamt beteiligten sich 2553 Arbeiter aus 24 Betrieben – der bis dahin größte Streik in Döbeln. Legendär ist die Aussage Erhardt Tümmlers, der -auf einem Tisch stehend- nach dem Zerbrechen einer Fensterscheibe ausgerufen haben soll: „Meine Herren, unter dem Druck der Straße sind die Forderungen bewilligt!“ Ausgehandelt wurden ein Stundenlohn von 49.000 Mark sowie eine einmalige Wirtschaftsbeihilfe von 400.000 Mark.
1926 starb Ingenieur Adolf Tümmler, Inhaber einer Lampenfabrik, Teilhaber der Maschinenfabrik Gebr. Tümmler und technischer Leiter der Firma Robert Tümmler.
In den 1920er und 1930er-Jahren verlagerte sich der Produktionsschwerpunkt zunehmend auf Teile für die sich entwickelnde Automobilindustrie. Mit dem Bau des Opel- und Volkswagenwerkes kam es zu einem enormen Aufschwung der Tümmler-Werke. Fast alle Beschläge, die man für Autos brauchte, nahm die Firma in die Produktion auf. Dafür war die Einrichtung entsprechender Vernicklungs- und vor allem Verchromungsanlagen erforderlich. Zunehmend begann das Unternehmen auch, Kunststoff zu verarbeiten. So wurden die Opel-Werke in Rüsselsheim, die mit ihrem legendären „Laubfrosch“ (Modell 4/12 PS) ab 1924 das erste Fließband-Auto in Deutschland fertigten, Vertragspartner. Sie bestellten alle Sicherheitsschlösser und Karosserieleisten in Döbeln.
1928 hatte die Firma bereits wieder 1400 Beschäftigte, die Nutzfläche der Firma belief sich auf 22 000 Quadratmeter. Der Erfolg als Zulieferer der Autoindustrie beruhte auf innovativen Entwicklungen wie dem ersten verschließbaren Türgriff im Jahr 1930 sowie der Erfindung der Lenkstocksicherung kurz darauf. In der Muldenstraße errichtete man 1939 ein neues Produktionsgebäude, insbesondere für Druck- und Spritzguss. Eingesetzt wurde ein Maschinenpark von ca. 200 Elektromotoren und 1000 Arbeitsmaschinen, die dem neuesten Stand der Technik entsprachen.
Einblick in die Produktion (Fotos KI-gestützt restauriert und koloriert)
Auch das traditionelle Standbein „Möbelbeschläge“ blieb erhalten und wurde um neue moderne Muster erweitert. Erhardt Tümmler erwies sich hier als echter Vertriebsprofi, unterhielt viele ständige Vertretungen in deutschen und ausländischen Städten, verschickte permanent Kataloge mit Musterkollektionen und zahlreiche Handelsvertreter akquirierten Aufträge in Möbelfabriken und bei Eisenwarenhändlern im In- und Ausland. Erhardt Tümmler bemühte sich um eine effiziente, gewinnorientierte Betriebsführung. Unterstützt von vier Direktoren und Prokuristen, Ingenieuren, Meistern und motivierten Mitarbeitern erlangte die Firma weltweit einen guten Ruf und wurde für ihr gutes Preis-/Leistungsverhältnis gelobt. Auch das war der Grund dafür, dass die Firma Tümmler zeitweise deutschlandweit der größte Produzent von Autobeschlägen war.
Tümmlers Erfolg beruhte auch auf einer ausgefeilten Marketingsstrategie. Die Vertreter der Firma waren europaweit unterwegs.
Die Unternehmerfamilie genoss in Döbeln ein hohes Ansehen. 1931 wurde die Straße vom Bürgerheim zur Leipziger Straße zu Ehren des Firmengründers in „Robert-Tümmler-Straße“ umbenannt. 1938 hatten die Tümmler-Werke bereits 1837 Mitarbeiter. Ein Jahr darauf feierte Erhardt Tümmler sein 25-jähriges Jubiläum als Firmeninhaber und Betriebsleiter. Zu diesem Anlass schenkte ihm die Belegschaft eine von Otto Rost geschaffene Bronzegruppe mit spielenden Kindern und Tieren, die als Wasserspender im Zierteich des Betriebsgartens diente. Seine Erfahrungen stellte Tümmler als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Stadt und dem Land zur Verfügung. Er war seit 1926 Mitglied des Döbelner Stadtrates und Berater für alle Fragen der Industrie bei der Industrie- und Handelskammer in Chemnitz. Als 1937 in Berlin die Wirtschaftsgruppe Metallwaren und verwandte Industriezweige gegründet wurde, bestimmte man ihn zum stellvertretenden Leiter sowie Wirtschaftsberater bei der Reichsgruppe Industrie.
Erhardt Tümmler als einen überzeugten Nationalsozialisten zu bezeichnen, ist sicher nicht vermessen. Nicht nur, dass er einer der ersten Wehrwirtschaftsführer Sachsens war. Er bemühte sich auch, die nationalsozialistische Ideologie an seine Mitarbeiter heranzutragen. Schon zeitig engagierte er sich für die nationalsozialistische Massenorganisation Kraft durch Freude (KdF). Diese war als Teil der Deutschen Arbeitsfront 1933 gegründet worden. Ihr Ziel war es, die Freizeit der Bevölkerung zu kontrollieren und zu gestalten, um Loyalität zum NS-Regime zu fördern. Tümmler organisierte für alle seine Mitarbeiter jährlich über KdF einen ganztägigen Ausflug. Für einfache Arbeiter und Angestellte, die sich noch nie einen Urlaub hatten leisten können, waren diese Ausflüge ins Elbsandsteingebirge oder nach Potsdam Höhepunkte des Jahres. Tümmler wurde so in den Augen vieler zum beliebten Chef, die Motivation seiner Mitarbeiter stieg und mit ihr die Treue und Ergebenheit zum nationalsozialistischen Regime, das mit den KdF-Aktivitäten seine vermeintliche Verbundenheit mit den einfachen Arbeitern zum Ausdruck bringen wollte.
Mehrfach unternehmen die Belegschaften der Tümmler-Firmen im Rahmen der Aktion "Kraft durch Freude" (KdF) Betriebsausflüge in die Sächsische Schweiz. So gelingt es, die Zugehörigkeit zum Betrieb und zum NS-System zu stärken. Die Fotos 1-4 (KI-gestützt restauriert) stammen von einem Ausflug im Juli 1936, die Erinnerungskarte (Foto 5), extra angefertigt, um Daheimgebliebene zu grüßen, aus dem Jahr 1938.*
Sieht man sich den Ablauf z. B. der Betriebsfahrt im Jahr 1937 an, fällt die straffe, fast militärische Organisation auf. Am 19. Juni, einem Sonnabend, traf sich die Belegschaft um 05.00 Uhr auf dem Döbelner Hauptbahnhof. Für 08.47 Uhr war die Ankunft im Potsdamer Wildpark geplant. Hier wurden die Döbelner durch einen KdF-Führer empfangen. Gruppen zu je 50 Personen marschierten zum Park Sanssouci, um hier verschiedene Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen in zwei Potsdamer Lokalen stand eine dreistündige Havelrundfahrt auf dem Programm. Den Abschluss des Tages bildete ein Kameradschaftsabend im Potsdamer „Konzerthaus“, bei dem die Kapelle der Tümmler-Werke Unterhaltungsmusik spielte und der Auftritt verschiedener Berliner Künstler angekündigt war. 22.42 Uhr rollte der Sonderzug mit den Tümmler-Mitarbeitern wieder Richtung Döbeln.
Beseelt von den vielen Erlebnissen kam man nach Mitternacht wieder in der Heimat an und wurde von all jenen, die nicht dabei waren, beneidet. Für viele waren die KdF-Aktivitäten Erhardt Tümmlers der sichtbare Beweis, dass im NS-Staat auch der einfache Arbeiter wertgeschätzt wird. „Das Ziel der Organisation ist die Schaffung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und die Vervollkommnung und Veredelung des deutschen Menschen“ [DAF Informationsdienst vom 26. Januar 1934, zit. n. Bruno Frommann: Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen. Arbeiterreisen und „Kraft durch Freude“-Fahrten. Historisches Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart 1992, S. 108.] verkündete man vollmundig und die Botschaft verfing. Selbst an Kleinigkeiten hatte man gedacht. Für die Teilnehmer druckte man Postkarten, die diese vom fernen Potsdam nach Hause schicken konnten, damit die Daheimgebliebenen staunen konnten.
So wird das Terrorregime in den Augen vieler zur „Wohlfühldiktatur“ (Götz Aly: Hitlers Volksstaat: Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-000420-5, Seitenzahl fehlt.). Hitler wird vom Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront, Robert Ley, mit folgenden Worten zitiert: „Ich will, daß dem Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird und daß alles geschieht, um ihm diesen Urlaub sowie seine übrige Freizeit zu einer wahren Erholung werden zu lassen. Ich wünsche das, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.“ [Robert Ley: Durchbruch der sozialen Ehre, S. 208, zit. n. Bruno Frommann: Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen. Arbeiterreisen und „Kraft durch Freude“-Fahrten. Historisches Institut der Universität Stuttgart, Stuttgart 1992, S. 108.]
Dieser Idee führte sich Erhardt Tümmler, der immer wieder erzählte, dass er stolz darauf sei, im selben Jahr wie der Führer geboren zu sein, ganz verpflichtet.
Ab 1940 stieg das Unternehmen zunehmend in die Rüstungsproduktion ein, die den weggebrochenen Export vollständig ersetzte. Erhardt Tümmler wurde im November 1942 einer der ersten Wehrwirtschaftsführer Sachsens.
1943/44 wurde, auch auf Drängen maßgebender Wehrmachtsstellen, die Produktion von Möbel- und Autobeschlägen weiter zurückgefahren, und das Unternehmen entwickelte sich zu einem großen Hersteller von Panzerfäusten, die vom HASAG-Konzern entwickelt worden waren. Zudem produzierte man Tellerminen, Munitionskästen, Geschosskörbe sowie Teile für Bombenabwurfgeräte und Torpedos.
Der Umsatz der Firma lag 1944 bei 13 372 127 RM. Für die immer weiter vorangetriebene Umstellung auf Rüstungsproduktion wurde der Betrieb aus- und umgebaut. Man vergrößerte das Betriebsgelände und schaffte zahlreiche Maschinen an. Die Firma bewarb sich um zahlreiche Zulieferaufträge für bedeutende große Rüstungsunternehmen. In den Jahren von 1939 bis 1945 beschäftigte das Unternehmen 550 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Bei der Nichteinhaltung ihres Arbeitssolls wurden die Zwangsarbeitskräfte mit Freizeit- und Nahrungsentzug bestraft. Im April 1945 hatte die Firma fast 2000 Beschäftigte.
Da während des Krieges die Arbeitszeiten verlängert wurden und man vielfach auch am Wochenende arbeitete, machte sich eine Werksküche erforderlich. Erhard Tümmlers Frau Margarethe übernahm deren Leitung. Die Hoffnung, dass der Erhalt von Produktionslinien für Möbel- und Autobeschläge auch während des Krieges dazu führen könnte, dass nach Beendigung desselben die normale Produktion schnell wieder anläuft, erfüllte sich nicht.
Mitte April 1945 gab General Schöner, Chef der Heeresgruppe Mitte, den Befehl, alle Produktionsanlagen der Fa. Tümmler zur Herstellung von Panzerfäusten in den Sudetengau nach Teplitz zu verlagern. Die Döbelner Metallwarenfabrik war in den letzten Kriegswochen die einzige Firma reichsweit, die noch große Mengen von Panzerfäusten mit Zündern herstellen und liefern konnte. Am 30. April 1945 wurden alle Werkzeuge, Maschinen und Hilfsmittel samt dem noch vorhandenen Material auf 25 Waggons und mehrere Lastzüge verladen. Trotz der schon chaotischen Zustände schaffte es Tümmler, Maschinen und Personal per Zug nach Teplitz zu transportieren. Kaum waren die Maschinen dort aufgestellt, wurde für Teplitz allerdings die sog. „Lähmungsaktion“ angeordnet, weil die Russen Richtung Erzgebirge vorstießen. Erhardt Tümmler schlug sich mit seiner Frau und seinem Fahrer Falke samt Familie zu Fuß nach Döbeln durch. Die Gruppe war zwei Tage unterwegs.
Ab Mitte Mai 1945 wurde das Unternehmen als bedeutender Rüstungsproduzent auf Befehl des Obersten Befehlshabers der SMAD enteignet. Erhardt Tümmler inhaftierte man in Bautzen. Versehentlich erlässt man ihn. Nach einigen Monaten wurde er erneut verhaftet und in das sowjetische Speziallager Nr. 1 nahe Mühlberg/Elbe gebracht, wo er am 30. November 1947 starb. Einen Nachfolger aus der Familie gab es nicht. Erhardt Tümmlers Ehe war kinderlos. Sein Stiefbruder Adolf starb schon 1926 und dessen Sohn Hans Bernd galt nach dem Zweiten Weltkrieg als vermisst und wurde schließlich für tot erklärt.
Wollen Sie wissen, wie es mit dem Döbelner Tümmler-Werk weiterging?
Informieren Sie sich hier über die Geschichte der Nachfolgebetriebe VEB TEWA / VEB MKB.
Nachtrag
Über Jahrzehnte war es politisch nicht opportun, nach dem Gründer der großen Fabrik an der Schillerstraße zu fragen. In der DDR galt: Fabrikbesitzer waren Ausbeuter, und im Krieg wurden sie zu Nazi- und Kriegsverbrechern erklärt – so einfach war die Welt im Arbeiter- und Bauernstaat. Die Tümmler-Werke wurden 1956 zum Werk 1 des VEB DBM, Investitionen blieben aus, und die Schließung nach der Wende durch die Treuhand war eine logische Folge. Erst als die Fabrikgebäude 2007/08 abgerissen wurden, stellte man die Frage nach dem einstigen Gründer des größten Döbelner Unternehmens wieder stärker. Obwohl 2008 ein großes Einkaufszentrum den Platz der Fabrik einnahm, sollte an die Tümmler-Werke erinnert werden.
Der Dresdner Bildhauer Vinzenz Wanitschke (1932–2012), der auch den Döbelner Stiefelbrunnen schuf, gestaltete 2008 einen kleinen Gedenkort am Tümmler-Steg – einer Fußgängerbrücke zwischen dem Kaufland und der Innenstadt. In ziegelroten Backsteinblöcken wurden menschliche Steinplastiken aus halbrunden Vertiefungen integriert, die einst die Fassade der Fabrik schmückten. Auf kleinen Sockeln werden zudem Fragmente der früheren Fabrik präsentiert: ein eisernes Treppenelement, ein Zaunfeld und zwei Kellergitter. Sie verdeutlichen, dass Robert Tümmler, einer der bedeutendsten Industriepioniere Döbelns, nicht nur unternehmerisches Geschick, sondern auch einen ausgeprägten ästhetischen Anspruch beim Bau seiner Fabrik besaß.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 85
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928, S. 46ff.
"Volkszeitung", 14. Juni 1946
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Bauch, Charlotte: Entstehen und Ende der Tümmler-Werke. Sachsen-Kurier 31.07.1993
Görtz, Armin: Jahrhundert der Familie - Familie Tümmler (10 Artikel) In: Sachsen-Kurier 1994/95
Stadtmuseum Döbeln (Hg.): URL: https://nat.museum-digital.de/people/201312 (02.04.2023)
Tümmler, Andreas: Belegschaft ehrt den Chef. In: DAZ 06.06.2007
Tümmler, Andreas: Verantwortung für die Gesellschaft. In: DAZ 16.09.2009
Heß, Ulrich: Die Firma Tümmler in Döbeln. In: Heß, Ulrich u.a. (Hg.): Unternehmen im regionalen und lokalen Raum 1750-2000. Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Sachsens. Leipzig 2004. S. 169-176
Schmidt, Karolin: Einleitung 20850 Robert Tümmler, Metallwarenfabrik Döbeln, 2003, URL: https://archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jsp?oid=09.10&bestandid=20850&syg_id=&_ptabs=%7B%22%23tab-einleitung%22%3A1%7D#einleitung (10.05.2023)
Gelbrich, Gabriele/ Tümmler, Andreas: Ein Familienschicksal und die Geschichte eines Hauses. Döbelner Anzeiger, 29.04.2006
Spitzner, Sophie: Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft im Muldental – Aufbau und Entwicklung bis zum Kriegsende. Roßwein 2014 (unveröffentlicht)
Bildnachweis:
Porträt Robert Tümmler – Stadtarchiv Döbeln
Werbeanzeigen 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Werbeanzeigen 1925 – Rat der Bezirksstadt Döbeln (Hg.): Döbeln. Berlin 1925
Fotos vom Belegschaftsausflug 1936, Kameradentreffen 1941 – Stadtarchiv Döbeln
Fotos zum Volksentscheid 1946 - Kreiskommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der SED-Kreisleitung Döbeln (Hg.): Im Zeichen unserer Epoche - Zur Geschichte des Kreises Döbeln 1945-1949. Leipzig 1975, S. 60f.
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
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Döbeln und seine Industriegeschichte
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Döbeln und seine Industriepioniere







