VEB Rohtabak
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Tabak Mangelware, und Zigaretten galten als „zweite Währung“. Not machte erfinderisch. Wenn man keine „harte Währung“ besitzt, um Tabak auf dem Weltmarkt kaufen zu können, muss man ihn eben selbst in Döbeln und Umgebung anbauen.
Am 17. Januar 1946 beschloss die Landesverwaltung Sachsen die Gründung der „Tabakanbau- und Tabakverwertungs-Gesellschaft m.b.H.“ mit Sitz in Döbeln. Dies markierte die Geburtsstunde des VEB Rohtabak. Noch im selben Jahr wurde der Plan umgesetzt. Das Unternehmen leistete Pionierarbeit bei der Untersuchung von Klima und Boden für den geplanten Tabakanbau. Ein kleiner Ratgeber wurde publiziert, der Tipps für den Anbau gab.
Um Rohtabak zu erzeugen, sind mehrere sorgfältig aufeinander abgestimmte Arbeitsschritte notwendig. Zunächst erfolgt die Aussaat der Tabaksamen in speziellen Anzuchtbeeten oder Gewächshäusern, da die Pflanzen sehr empfindlich sind. Nach einigen Wochen werden die Jungpflanzen auf vorbereitete Felder umgesetzt, wo sie ausreichend Platz und Nährstoffe erhalten.
Während der Wachstumsphase ist eine intensive Pflege erforderlich. Dazu gehören regelmäßiges Bewässern, Düngen sowie das Entfernen von Unkraut und Schädlingen. Häufig werden auch die Blütenstände entfernt („Köpfen“), damit die Pflanze ihre Energie in die Blattentwicklung steckt.
Sobald die Blätter reif sind, beginnt die Ernte. Diese erfolgt je nach Sorte und Anbauweise entweder schrittweise von Hand oder durch das Abschneiden der gesamten Pflanze. Anschließend werden die Blätter zum Trocknen aufgehängt oder ausgelegt. Dieser Trocknungsprozess, auch „Curing“ genannt, ist entscheidend für die Qualität des Rohtabaks und kann mehrere Wochen dauern.
Nach dem Trocknen folgt die Fermentation, bei der sich Aroma, Farbe und Haltbarkeit weiterentwickeln. Abschließend wird der Tabak sortiert, verpackt und für die Weiterverarbeitung vorbereitet.
1948 beschäftigte die Tabakanbau- und Tabakverwertungs-GmbH Westsachsen in Produktionsgebäuden der ehemaligen Landmaschinenfabrik Franz Richter 180 Personen. Die Firma lieferte Pflanzen, Dünger und Zubehör, beriet Tabaklieferanten und stellte fermentierten Tabak her. Fermentierter Tabak ist getrockneter Tabak, der durch einen kontrollierten, wochen- bis monatelangen biochemischen Prozess veredelt wird. Enzyme und Mikroorganismen bauen Bitterstoffe, Ammoniak und Nikotin ab, während sich feine Aromen, eine dunklere Farbe und ein weicherer Geschmack entwickelen. Besonders für Zigarren ist dies ein essenzieller Qualitätsschritt.
Auch bei der Rohtabak-Einkaufs- und Fermentierungs-Gesellschaft m.b.H. ging alles seinen bürokratischen Gang. Es gab Formulare für den Ankauf der Tabakpflanzen und eine Kleinstpflanzertabak-Abrechnung. Für den Tabak konnte man Zigaretten als Umtauschware oder Naturalleistung erhalten. Eingetütet wurde alles in vorgedruckte Umschläge der Tabakanbau- und Tabakverwertungsgesellschaft m.b.H., die ihren Sitz in der Waldheimer Straße 1 hatte.
In und um Döbeln gab es bald zahlreiche Tabaklieferanten. Mitunter wurden kleinste Flächen in Kleingärten, an Bahndämmen und Feldrainen genutzt. 1947 wurden 212 Tonnen Tabak erfasst. 1949 produzierte man bereits 581 Tonnen. Danach gelang es, den Anbau zu konzentrieren, die Zahl der Anbauer zu verringern und langfristige Lieferverträge abzuschließen. Die vielen hier arbeitenden Frauen leisteten engagierte Arbeit und führten den Betrieb auf die Erfolgsspur. 1965 gewann der VEB Rohtabak Döbeln einen Wettbewerb innerhalb der Tabak-Industriegruppe der DDR.
li.: Vorstellung der ersten elektrischen Tabakfädelmaschine der Tabakgenossenschaft / re.: Erstmals sollen die Döbelner durch schwedische Soldaten im Dreißigjährigen Krieg auf den Tabak aufmerksam geworden sein (Heimatfest 1954)*
Mittlerweile zum Tabakkontor Dresden gehörend, feierte der VEB Rohtabak Döbeln 1976 sein 30-jähriges Bestehen. Betriebsleiter Horst Richter, selbst von Anfang an dabei, macht in seiner Festrede am 16. September 1976 auf beachtliche Erfolge aufmerksam. Der Durchschnittslohn eines Produktionsarbeiters habe sich von 162 Mark im Jahr 1946 auf 610 Mark im Jahr 1976 verbessert. Wurde im Gründungsjahr des Betriebes je Arbeiter durchschnittlich eine Tonne Tabak bearbeitet, so wären es nun dank moderner Verfahren, Maschinen und gewachsener Kenntnisse und Fertigkeiten 11,5 Tonnen. Von 212 Tonnen im Jahr 1947 wäre die Gesamtproduktion innerhalb von 30 Jahren auf 2.000 Tonnen angestiegen. Möglich wäre dies auch geworden, weil man die 49 Trocknungseinrichtungen aus der Anfangszeit mittlerweile auf 151 erhöht habe.
Die Anbaugebiete reichten im 30. Gründungsjahr von Niesky bis Bad Salzungen und von Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) bis Eilenburg, Torgau und Cottbus. In jeder Region gab es sogenannte Tabakanbauberater mit Spezialkenntnissen. In der Döbelner Region gab es ob der Nähe zum Betrieb größere Tabakfelder. Für diese entwickelten findige Konstrukteure Maschinen Marke Eigenbau, die die Ernte erleichtern sollten.
Die große Zahl an Anbauern, die das VEB Tabakkontor belieferten, war sowohl Segen als auch eine enorme Herausforderung für die Buchhaltung. In der gesamten DDR gab es 13.000 Anbauer, die individuell Mengen abgaben und individuell bezahlt wurden. Am 22. November 1977 nahm der stellvertretende Generaldirektor der VVB Tabakindustrie, Gisbert Böhme, per Knopfdruck in Döbeln eine elektronische Datenfernübertragungsanlage für den gesamten Tabakankauf in der DDR in Betrieb.
1979 produzierte der Döbelner Betrieb mit 850 Anbauern fermentierten Rohtabak und führte 1,9 Mio. Mark Gewinn an den Staatshaushalt ab. 70 % des Rohtabaks gingen in den Export, sogar die USA kauften in Döbeln ein. Jahr für Jahr steigerte man die Produktion. Dann kam die Wende.
Aufnahmen vom Arbeitsalltag auf einem Anbaufeld bei Döbeln um 1980 (Fotos: Sammlung Sven Ettrich)
Einblicke in die Produktion des VEB Rohtabak (1980er Jahre)
Schnell wurde klar, dass der Tabakanbau in der DDR kein landwirtschaftlicher Geniestreich, sondern ein verzweifelter Versuch war, Devisen zu sparen, die man sonst für Importtabak aus tropischen oder subtropischen Gebieten hätte ausgeben müssen. Die Tabakpflanze benötigte Wärme und Sonne, nur so kann das Aroma in den Blättern reifen. In Deutschland angebauter Tabak erreicht nicht die geschmackliche Intensität und Vielfalt wie Tabak aus Kuba, Brasilien oder der Dominikanischen Republik.
Am 14. Juli 1990 schloss der VEB Rohtabak Döbeln, und die Produktionsanlagen wurden demontiert. Der Betrieb sollte nun ein Großhandelsunternehmen für Nahrungs- und Genussmittel (HAGETA GmbH) werden. Fast alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, einige von ihnen seit der Gründung 1946 dabei, wurden arbeitslos.
Mit der Umrüstung des VEB Zigarrenfabrik Döbeln zur Süßwarenfabrik hatte man die Zigarrenproduktion in Döbeln nach 136 Jahren beendet. Mit der Schließung des VEB Rohtabak verabschiedet sich Döbeln endgültig vom Tabak. 145 Jahre hatten Zigarren- und Tabakherstellung den Döbelnern Arbeit und Wohlstand gebracht. Alles hatte 1845 auf dem Oberwerder begonnen, als Emil Drechsel aus Bayern die erste kleine Zigarrenfabrik eröffnete. Eine lange, die Stadt prägende Geschichte fand 1990 in der Industriestraße ihr Ende, als der VEB Rohtabak seine Pforten schloss.
© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Quellen:
Materialsammlung Karlheinz Enzmann (nicht veröffentlicht)
Bildnachweis:
Fotos Belegschaft Tabakanbau GmbH und Rohtabak – Stadtarchiv Döbeln
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellung Rohtabakherstellung KI-generiert
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Döbeln und seine Traditionsbetriebe
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Döbeln und seine Industriegeschichte
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Döbeln und seine Industriepioniere






