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Döbelner Molkereien

Um 1900 wurden in vielen Städten Molkereien gegründet, weil sich durch die Industrialisierung die Lebensverhältnisse stark veränderten. Immer mehr Menschen zogen vom Land in die Städte, um dort in Fabriken zu arbeiten. Dadurch wuchs die städtische Bevölkerung schnell, und die Nachfrage nach Lebensmitteln – besonders nach frischer Milch – stieg deutlich an.

Gleichzeitig war die Versorgung mit Milch problematisch. Rohmilch verdarb schnell und war häufig mit Krankheitserregern belastet. Erst durch wissenschaftliche Erkenntnisse, unter anderem von Louis Pasteur, setzte sich die Pasteurisierung durch. In zentralen Molkereien konnte die Milch nun erhitzt, gereinigt und kontrolliert abgefüllt werden. Das verbesserte die Hygiene und machte die Milch für die Bevölkerung sicherer.

Auch der technische Fortschritt spielte eine wichtige Rolle. Neue Maschinen, Kühlanlagen und bessere Transportmöglichkeiten ermöglichten es, größere Mengen Milch zu verarbeiten und länger haltbar zu machen. Zudem führten Städte strengere Lebensmittelkontrollen ein, sodass eine zentrale Verarbeitung in Molkereien sinnvoll war.

Insgesamt entstanden um 1900 viele städtische Molkereien, weil das starke Bevölkerungswachstum, neue wissenschaftliche Erkenntnisse, technische Entwicklungen und hygienische Anforderungen eine moderne, organisierte Milchversorgung notwendig machten.

Das Gebäude der ersten Döbelner Molkerei in der Uferstraße 2 (roter Pfeil) existiert heute nicht mehr.*
Werbeanzeige für die Molkerei Dietrich (1914)

Die Gründung der ersten Döbelner Molkerei erfolgte schon 1887 in der Uferstraße Nr. 2. So wie sie seit 1883 ihre Rüben in die Zuckerfabrik brachten, so befördern die Landwirte der Umgegend nun auch ihre Milchvorräte zur Verarbeitung nach Döbeln. Die Molkerei wurde von einer Genossenschaft von 18 Landwirten begründet und befand sich seit 1. April 1911 im Besitze von Franz Dietrich. Fast ein halbes Jahrhundert lang hat er die Molkerei als Familienunternehmen geführt und ihr mit einem großen Kundenstamm weit über die Stadtgrenzen hinaus Bekanntheit verschafft.

Eine Anzahl Landwirte lieferte jeden Morgen eine bestimmte Menge Milch in großen Transportkrügen an die Molkerei ab. Hier erfolgte in den Morgenstunden von 6 bis 10 Uhr die Verarbeitung der Milch mittels Dampfbetrieb zu Butter und Sahne. Im Betriebsgebäude hatte sich anfangs auch ein Verkaufsraum befunden. Später war direkt an der Uferstraße ein modernes Ladengeschäft errichtet worden, sodass die Kundschaft den Wirtschaftshof mit seiner Verladerampe nicht mehr betreten musste.

Die Molkerei Dietrich unterhielt zwei Ladengeschäfte. Eine Verkaufsstelle befand sich in der Uferstraße (li.), eine in der Ritterstraße (re.).*

Noch in den 1930er Jahren war es üblich gewesen, dass Kinder mit einem Milchkrug zur Molkerei geschickt wurden. Aus großen Kannen hat man dann die gewünschte Sorte und Menge mithilfe eines Schöpfmaßes oder einer Kelle abgefüllt: Vollmilch, Magermilch, Buttermilch oder Molke. Darüber hinaus waren verschiedene Quarksorten, Joghurt, Butter, Käse und Eier im Angebot. Besonders begehrt bei Schulkindern waren kleine Flaschen mit Kakaomilch – damals unter dem Namen Kaba bekannt – sowie Fruchtmilch mit Himbeer- oder Zitronengeschmack. Diese Getränke waren auch direkt an die Schulen geliefert und dort in den Pausen verkauft worden.

Neben dem Geschäft in der Uferstraße betrieb die Firma Dietrich eine weitere Verkaufsstelle in der Ritterstraße. Dem Branchenverzeichnis des letzten Döbelner Adressbuches zufolge hatte es im Jahr 1939 etwa ein Dutzend Molkereigeschäfte in der Stadt gegeben. Die meisten davon – darunter die bekannten Läden von Koitsch, Lipsius und Rumland – verkauften ihre Produkte in der Innenstadt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele dieser privaten Geschäfte aufgegeben oder wurden von der Staatlichen Handelsorganisation der DDR beziehungsweise von der Konsumgenossenschaft übernommen.

Die neue DDR-Großmolkerei befand sich in der Oststraße und wird heute als Bildungszentrum genutzt.

Die Molkerei Dietrich produzierte auch in der DDR-Zeit weiter, nun als genossenschaftlicher Betrieb. Mit dem steigenden Bedarf stieß die vorhandene Kapazität jedoch zunehmend an ihre Grenzen. Deshalb hatte die Stadtverwaltung gegen Ende der 1950er Jahre den Bau einer neuen Molkerei veranlasst.

Dieses neue Werk war in der Oststraße nahe dem Güterbahnhof Döbeln-Ost errichtet worden und hatte im Oktober 1960 die Produktion aufgenommen. Erstmals verfügte Döbeln damit über einen technisch modernen Großbetrieb, in dem täglich bis zu 60.000 Liter Milch, u. a. zu Sauerrahmbutter, Trinkvollmilch, Buttermilch und Quark verarbeitet werden konnten. Nach der politischen Wende hatte die zuvor volkseigene Molkerei unter veränderten Eigentumsverhältnissen weitergearbeitet, ehe sie schließlich gegen Ende der 1990er Jahre geschlossen wurde.

Ein Teil der Gebäude wurde später abgerissen, die verbliebenen Räumlichkeiten nutzte erst das Ausbildungszentrum Interschool e. V., heute das Bildungszentrum Döbeln des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft gGmbH.

© Michael Höhme, "Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.

Quellen:
Pressausschuss für das Heimatfest (Hg.): Aus der Heimat. Festschrift zum Heimatfest. Döbeln 20.-22. Juni 1914, S. 86
Stockmann, Gottfried: Die Stadt Döbeln als Standort der Industrie. Borna Leipzig 1928

Bildnachweis:
Werbeanzeige 1910 - Schwender, Carl Clemens: Döbeln in Sachsen in Wort und Bild. Döbeln 1910
Alle Abbildungen/Fotos ohne Vermerk stammen aus der „Sammlung Döbeln“ von Michael Höhme.
* KI-gestützt restauriert
Grafische Darstellung Milchverarbeitung KI-generiert